Strahlenunfall: Die Pillen danach

28. März 2011
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Es klingt makaber, doch Arzneimittelhersteller mit Jodtabletten im Repertoire haben von Fukushima profitiert. Mehr als 250.000 Dosen setzte man allein in Japan ab. Dabei wissen Mediziner, dass Kaliumjodid nur in Punkto Schilddrüsenkrebs eine gewisse präventive Wirkung bei nuklearer Kontamination aufweist. Gegen harte radioaktive Strahlen aber ist kein Kraut gewachsen. Oder doch?

Eine aktuelle Publikation im britischen Fachblatt „Nature Medicine“ lässt hoffen; das traditionsreiche Blatt errichtete dazu sogar einen eigenen Blog. Denn erstmals berichten Pharmazeuten und Ärzte über Medikamente, die im Falle von Nuklearkatastrophen Rettungskräfte im Reaktorkern vor dem Strahlentod bewahren sollen.

Der amerikanische US-Kongress verabschiedete bereits im Jahr 2004 den sogenannten BioShield Act, der heute zu den wichtigsten Katastrophenschutzprogrammen der USA zählt. Mehr als eine halbe Milliarde US-Dollar flossen dabei in die Entwicklung von Pillen, die zur Behandlung des „acute radiation syndrome“ (ARS) eingesetzt werden sollten. Der Forschungsdrang der Amerikaner kam freilich nicht von ungefähr. Spätestens nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 war klar, dass Rettungskräfte im Fall eines Super-GAU in westlichen Industrienationen nicht mit den Mitteln des ehemaligen Sowjetreichs zum Einsatz gezwungen werden könnten. Gleichzeitig attestierten 134 dokumentierte Fälle von ARS, wie lebensbedrohlich der Einsatz in havarierten Atommeilern sein kann.

Im japanischen AKW Fukushima I bestätigten sich diese Befürchtungen. Schon heute gelten mindestens drei bis fünf Feuerwehrleute als verstrahlt, die Angaben des Betreibers Tepco lassen sich freilich ebenso verifizieren, wie die offiziellen Statements der japanischen Regierung. Neben den verstrahlten Patienten haben bislang Ärzte das Nachsehen: Zur Behandlung von ARS stehen ihnen nur symptomlindernde Maßnahmen zur Verfügung.

Der Toll als Retter

Demnächst könnten sie voraussichtlich, weitaus effektiver, auf den Wirkstoff CBLB502 zugreifen. Die aus Salmonellen gewonnene Substanz verfügt nämlich über eine einzigartige Eigenschaft: Sie bindet an den sogenannten Toll-like Rezeptor 5 (TLR) und bringt einen ganz besonderen Reparaturmechanismus der verstrahlten Zellen in Gang. Denn durch die Aktivierung der TLR-Moleküle, die normalerweise in Krankheitserregern vorkommen, kann das angeborene Abwehrsystem der verstrahlten Zelle zwischen „selbst“ und „nicht selbst“ unterscheiden. Stark vereinfacht funktioniert die Pille in spe so: Veränderungen durch radioaktive Strahlung erkennt der Organismus dank CBLB502 sofort und beginnt mit der Reparatur der Zellen.

Der Name der TLR stammt von einem Protein bei Drosophila melanogaster, “über deren Entdeckung die Forschungsgruppe um die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard so begeistert war, dass sie es Toll nannten”. TLRs sind Eiweiße, die Toll ähneln – also heißen sie Toll-like. Immerhin 48 Stunden lang wirkt das Mittel im Tierversuch, so lange könnten wohl, zumindest theoretisch, Rettungskräfte dem Strahlenrisiko widerstehen.

Ob solcher Aussichten bekam das Medikament im Juli 2010 den begehrten „fast-track-status“, wonach eine Marktzulassung im Zeitraffer erfolgen kann. Die amerikanische Regierung investierte weitere 15 Mio. US-Dollar, um bisher 150 Probanden an einer klinischen Studie teilnehmen zu lassen.

Das Rennen um die beste Pille ist im vollen Gang. Ein weiteres Präparat, Ex-RAD, wird derzeit an 50 Menschen getestet. Hier gerät das für den Eiweißstoff p53 kodierende Gen in den Mittelpunkt des molekularen Schutzschild-Mechanismus. Hinzu kommen Kandidaten wie AEOL-10150 oder CLT-008, die Ansätze reichen mitunter bis zur Stammzelltherapie. Beachtlich ist nicht nur die sich abzeichnende Armada von Anti-Strahlungsmitteln, sondern auch die Fürsorge der FDA für die entsprechenden Projekte. Schnellere Zulassungen, staatliche Gelder und Tierversuche im Rekordtempo sollen endlich den lang ersehnten Erfolg bringen.

Dass die US-Regierung die Entwicklung der Pille forciert, hat einen handfesten politischen Hintergrund. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 gelten Terrorakte auf amerikanische Reaktoren als mögliches Szenario. Eile scheint daher angebracht: In den USA sind derzeit 104 Kernkraftwerke in Betrieb.

174 Wertungen (4.4 ø)
Allgemeinmedizin, Medizin

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7 Kommentare:

Kurz u. prägnant geschriebener Artikel, dabei sehr informativ!

#7 |
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Dr. med. Gerhard Middelberg
Dr. med. Gerhard Middelberg

Es mag sein, daß man mit diesen Medikamenten die Strahlentoleranz in gewissem Umfang erhöhen kann, indem es mittelfristige, evtl. dann auch letale Schäden im Bereich einer Ganzkörperdosis bis etwa 5-7Sv eindämmt, evtl. die Letaldosis von etwa 7 auf vielleicht 10Sv oder vielleicht sogar noch etwas weiter anhebt. Jedoch bleibt der Effekt sowohl im unteren Dosis-Bereich, wo es um langfristige Tumor-Enstehung geht und wo es keine anerkannten Schwellenwerte gibt, sicher fraglich. In hohen Dosisbereichen dagegen, ab 15-20Sv, wo die Schäden innerhalb von Tagen oder Stunden (100Sv) zum Tode führen, sind solche Medikamente wahrscheinlich nicht wirksam, da es sich hier nicht mehr nur um DNA-Schäden handelt, sondern schwere strukturelle Schäden der gesamten Zelle bestehen, was zum massiven Untergang von Körperzellen und damt zum Tod des Gesamtorganismus führt. Ich halte daher die Hoffnung, mit solchen Medikamenten das Überleben in einer solchen Strahlenhölle wie einem durchgegangenen Reaktor wesentlich zu verbessern, für völlig überzogen, auch wenn sie bei niedrigeren Strahlendosen durchaus hilfreich sein mögen.
Ad 10) Ich glaube nicht, daß die Zufuhr von nicht radiktivem Strontium hilft, die Aufnahme des radioaktiven istops zu unterbinden, da meines Wissens Strontium als Element der gleichen Gruppe im Periodensystem im Knochen einfach nur mit Kalzium konkurriert und statt diesem eingebaut wird und somit keine Sättigung zu erreichen ist wie für Jod bei der Schilddrüse, wo die Aufnahmekapazität begrenzt ist. Auch scheint mir fraglich, wie gut ein deutlich erhöhter Strontiumeinau dem Knochen bekommt.

#6 |
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Medizinphysiker

Hat sicher auch einen militärischen Hintergrund wie so vieles in der Forschung!

#5 |
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Medizinjournalist

Einiges zur Strahlenbekämpfung gelang auch in Deutschland nach Tschernobyl 1986: Radioaktiv verseuchtes Milchpulver wurde dekontaminiert. Strahlung war keine mehr nachzuweisen. Doch an das Vieh verfüttern wollte man das dekontaminierte Milchpulver denn doch nicht. Es waren übrigens ganze Güterwagen voll Milchpulver und wirtschaftlich wäre es nutzvoll gewesen. Doch andererseits sagen die Wissenschaftler nicht alles über ihre Forschungen.

#4 |
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Annika Wessendorf
Annika Wessendorf

kann aber auch nur eine Notlösung darstellen – zum einen nur für kurzfristige Abwehr beim Menschen, zum anderen frage ich mich, wie die Natur/Ökosystem vor einem GAU gerettet werden kann!

#3 |
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Mitarbeiterin von DocCheck

Liebe Leser,
vielen Dank für den Hinweis. Wir haben den Fehler im Artikel bereits behoben.

Ihr DocCheck News-Team

#2 |
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schließmich den Kommentar von Oliver an!

#1 |
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