Verblisterung: Das schlaucht den Apotheker

29. Juli 2016
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Deutschlands Pflegeheime stehen erneut unter Beschuss. Ein zentraler Kritikpunkt ist die Medikation. Patientenindividuelle Blister versprechen Abhilfe, doch Apothekern werden Steine in den Weg gelegt. Jetzt machen sich Gerichte für sie stark.

Pflegeheime stehen wieder einmal in der Kritik. Prüfungen des Medizinischen Diensts der Krankenkassen (MDK) mit Schulnoten von eins bis sechs führten zu belanglosen Ergebnissen. Wer viel Geld in die Ausstattung setzt, kann Defizite weitaus relevanterer Bereiche kompensieren.

Deshalb hat das Recherchenetzwerk correctiv zusammen mit der Welt Daten analysiert. Im Mittelpunkt standen zentrale Kriterien, nämlich die Medikation, die Betreuung von Schmerzpatienten, aber auch die Versorgung mit Nahrung und Flüssigkeit, der Umgang mit Wunden und die Betreuung von Inkontinenz-Patienten.

„Unhaltbare Zustände“

„Nimmt man nur diese fünf Bereiche, dann fallen 60 Prozent aller Heime negativ auf“, lautet das Fazit von correctiv. Besonders fatal: Mehr als 50 Prozent aller Einrichtung versorgen ihre Bewohner nicht korrekt mit Medikamenten.

Holdermann

Hans-Werner Holdermann. Foto: BPAV

„Wir haben die teilweise unhaltbaren Zustände mit Blick auf das manuelle Stellen, das händische Teilen von Medikamenten und die unzureichende Kontrolle beim Stellen selbst und hinsichtlich der Arzneimittel-Wechselwirkungen immer wieder kritisiert“, sagt Hans-Werner Holdermann. Er ist Vorsitzender des Bundesverbands Patientenindividueller Arzneimittelverblisterer (BPAV). „Wenn ich jetzt lese, dass über die Hälfte aller Pflegeheime in Deutschland weiterhin teils gravierende Fehler bei der Medikamentengabe aufweisen, war und ist unsere Forderung nach einer flächendeckenden Portionierung der individuellen Medikation der Patienten durch Spezialisten dringender geboten denn je.“

Dazu einige Zahlen. Laut Untersuchungen des BPAV führt manuelles Stellen von Arzneimitteln zu einem Fehler auf 100 Arzneimittel. Wer auf maschineller Verblistern setzt, kommt auf einen Fehler pro Million Tabletten. Laut BPAV profitieren Patienten folglich von mehr Pflegequalität und weniger Hospitalisierungen. Holdermann sieht entsprechende Tätigkeiten klar in der Hand von Apothekern und deren Dienstleistern.

Kampf mit harten Bandagen

Apotheker haben die Zeichen der Zeit lang genug gedeutet. Je nach Auftragsvolumen lassen sie bei externen Firmen verblistern oder erwerben selbst entsprechende Gerätschaften. Bei der Akquise neuer Kunden kämpfen sie mit harten Bandagen. Um möglichst viele Heime oder Pflegedienste zu akquirieren, bieten viele Kollegen an, kostenlos zu verblistern. Recherchen von DocCheck zufolge ist das in größeren Städten häufig der Fall. Gebühren, meist ein Euro pro Patient und Woche, werden immer seltener abgerechnet. In der „Bad Homburger Erklärung zur Heimversorgung“ war noch von 3,50 Euro pro Patient und Woche die Rede.

Aktuell bewertet Professor Dr. Hilko J. Meyer von der Fachhochschule Frankfurt am Main, kostenlose Leistungen als Verstoß gegen das Heilmittelwerbegesetz, Paragraph 7, und gegen apothekerliche Berufspflichten. Sowohl Heimträger als auch der Apotheker könnten wettbewerbsrechtlich belangt werden. Neben juristischen Folgen spielen wirtschaftliche Aspekte ebenfalls eine Rolle.

Heimsuchung vor dem BGH

Dazu folgendes Beispiel aus der aktuellen Rechtsprechung. Eine Apothekerin hatte ein Heim mehrere Jahre lang mit Pharmaka versorgt. Ihr Vertrag sah unter anderem sechs Monate als Kündigungsfrist vor. Als die Pflegeleitung um ein Angebot inklusive kostenloser Verblisterung bat, argumentierte die Inhaberin, dies sei nicht möglich. Kurz darauf kündigte die Trägerschaft des Heims alle Verpflichtungen auf.

Juristen gingen anschließend der Frage nach, inwieweit Schadenersatzforderungen gerechtfertigt sind. Die Pharmazeutin machte 17.000 Euro als Verlust für sechs Monate geltend – so hoch war die reguläre Kündigungsfrist. Das Landgericht Hannover billigte ihr wenigstens 13.700 Euro zu (Az: 32 O 24/14 und 32 O 24/14), während das Oberlandesgericht Celle zu Ungunsten der Apothekerin entschied (Az.: 4 U 61/15). In seiner Begründung schrieb das OLG, gemäß Muster-Heimversorgungsvertrag wäre nicht einmal eine Kündigung erforderlich gewesen, um Konkurrenten mit der Belieferung zu beauftragen.

Am 14. Juli 2016 sprach der Bundesgerichtshof ein Machtwort (Az.: III ZR 446/15) – und kassierte das Celler Urteil wieder ein. Damit stellten sie sich formal hinter Apotheker und deren wirtschaftliche Belange. Ohne eine gewisse Planungssicherheit wird es eben schwer, den Betrieb zu führen – das ist auch dem BGH klar.

Riskante Räumlichkeiten

In diesem Kontext steht auch eine Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts vom 25. Mai 2016 (Az.: BVerwG 3 C 8.15). Demnach dürfen Inhaber in ausgelagerten Räumen alle erforderlichen Tätigkeiten zur Heimversorgung durchführen, falls keine besonderen Auflagen gelten. Möglich sind die Entgegennahme von Bestellungen, die Endkontrolle von Blisterschläuchen, die Beratung oder die Durchführung eines Medikationsmanagements. Für externe Betriebsräume seien schließlich dieselben Anforderungen an die Gewährleistung eines ordnungsgemäßen Apothekenbetriebs und denselben Überwachungs- und Kontrollpflichten anzuwenden wie bei der Nutzung interner Betriebsräume, heißt es in der Begründung. Zudem müssten externe Räumlichkeiten in angemessener Nähe zu der Apotheke liegen.

Damit haben sich die Rahmenbedingungen zumindest etwas verbessert. Auf gesetzlich festgelegte Pauschalen für Verblisterungen warten Apotheker aber nach wie vor.

32 Wertungen (3.25 ø)

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5 Kommentare:

Gast
Gast

Aber, ich dachte es ist alles gratis!

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Alexander Burgwedel
Alexander Burgwedel

Herr Stopp trifft den Nagel auf den Kopf!
Ergänzungen:
Stellfehler sind NICHT das Kernproblem, auch wenn die Blister-Lobby das gerne einmal mehr in diesem viel zu leicht durchschaubaren “Artikel” vermarkten möchte. Siehe z.B. Bates et al, JAMA 1995, Gurwitz et al, Am J Med 2005, relevant sind vor allem Fehler im Therapie-Monitoring. Entscheidend ist nicht allein das Verabreichen, sondern das Beobachten NACH Verabreichung und kompetente Rückkopplung durch die Pflegekraft an Arzt/Apotheker: Nutzen oder Schaden? Dazu muss aber die Pflegekraft begriffen haben, was sie verabreicht und wofür, um überhaupt kausale Zusammenhänge rückenden zu können. Fragen Sie danach mal eine Pflegekraft, die mit Blisterschläuchen arbeitet. Durch die Maschine produzierten Look-Alikes (siehe einschlägige Studien und Einordnung WHO, oder z.B. Positionspapier Sächsische Landesapotheker- und Landesärztekammer gegen Verblisterung) findet eben noch mehr Entkopplung statt. Ein Problem löst man gerade nicht durch Outsourcen der Kernkompetenz, im Gegenteil. Und ja, die Verantwortung und Haftung bleibt beim Pflegeträger. Stellfehler zudem noch pauschal hinzustellen ist nicht weniger als eine Beleidigung von sehr vielen Pflegekräften, siehe z.B. Ergebnisse LGZ NRW 2002. Die meisten Fehler wurden in dieser Untersuchung durch eine kleine Zahl von Heimen verursacht (10%), während ein Großteil sogar keine (!) Fehler aufzeigte (50%). Wo bleibt die gründlich recherchierte Differenzierung in diesem “Artikel”?
Nicht weniger durchschaubar ist der Aspekt, dass Herr Prof. Meyer zwar mit dem HWG zitiert wird, nicht aber mit dem Antikorruptionsgesetz (§ 299 StGB!, siehe u.a. http://www.apothekenrecht-kompakt.de/verblistern/die-unzulaessigkeit-des-kostenlosen-verblisterns-2/). Verblisterung wird wohl deshalb von der Führungsebene eines Pflegeträgers entschieden, um Personalkosten einzusparen, das Ganze auch zu Lasten der Apotheker, die bitteschön zu Dumpingpreisen oder eben gar kostenlos die Verblisterung anzubieten hatten (einen findet man immer). Das dies seit über einen Monat einen Straftatbestand (“bis zu drei Jahre Haft”!) darstellt nach Auffassung aller führenden Experten in diesem Gebiet, wird hier einfach unterschlagen. Auch, dass Pflegeberufe als Normadressaten dezidiert vom Antikorruptionsgesetz mit erfasst sind. Um das in den Wortlaut des Artikels zu übersetzen: “Sowohl Heimträger als auch der Apotheker könnten STRAFrechtlich belangt werden”!
Es ist jedenfalls durch den Pflegeträger der volle Preis zu bezahlen, nur wer kann oder will sich das leisten? Von den weiteren hier aufgezeigten Nachteilen mal ganz abgesehen.
Ansonsten:
“30 – 60% aller Arzneimittel sind nicht verblisterbar” (DBfK 2011).
Die Haftung nach AMG hat ein mit Verblisterung versorgter Patient nicht mehr, was einer suffizienten Aufklärung über seine haftungsrechtliche Schlechterstellung und einer suffizient formulierten Einverständniserklärung bedarf. Findet in der Praxis kaum statt, warum wohl?
Wie soll ein einziges Folienmaterial für die Schlauchblister den gleichen Schutz der Medikamente vor Licht, Luftfeuchtigkeit oder Oxidation leisten? Wenn man sich den erheblich Aufwand anschaut, den ein pharmazeutischer Hersteller für die Wahl des Primärverpackungs-Materials betreiben muss, kommen schon Fragezeichen auf. Wenn man dann noch Erfahrungen aus der Praxis hinzuzieht, wird einem ganz anders. Beispiel eines Heimleiters: “Am Wochenende kam immer das Blaulicht.” Erst als man gerade die original komplett in Aluminium verpackten Medikamente per Nagelschere ausschnitt und in die Schlauchblister legte, war reproduzierbar Ruhe. Dies ist kein Einzelfall, das Umverpacken durch Neu-Verblisterung und damit Verlassen der schützenden Originalverpackung ist ein Sicherheits-Risiko. Zwar sollen Sicherheitsdaten vorliegen, auf Nachfassen sind solche aber, wenn überhaupt, nicht im Ansatz in der gleichen Qualität zu bekommen wie für die Originalverpackungen als Teil der Zulassung nach AMG. Von Kreuzkontaminationen mal ganz zu schweigen, aber die sollen ja laut Blister-Lobby keine Rolle spielen. Was bedeuten schon Physik und Chemie, wenn es ums Geschäft geht?
Und ja, Friedemann Schmidt hat völlig Recht: Medikationsmanagement ist völlig unabhängig von der Neu-Verblisterung, die ein reines (viel zu teures und unsicheres) Geschäftsmodell durch Umverpacken von bereits sicher verpackten Medikamenten darstellt.
Es bleibt die alles entlarvende Frage: Weiß die Pflegekraft, was sie da verabreicht und wofür? Wie Herr Stopp ganz richtig betont, dürfen Medikamente nicht durch Augenschein, Erfahrung oder Verdacht identifiziert werden. Allein schon damit hat sich Verblisterung erledigt.

LGZ NRW 2002

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Ludwig Müller
Ludwig Müller

@Frau Wiktorin: Selbst schuld, kann ich da nur sagen. Wenn es mehr als genug Apotheker gibt, die (aus welchen Gründen auch immer) diese Dienstleistung für “lau” anbieten, darf man sich nicht wundern, wenn die Gegenseite dies in Anspruch nimmt.

Sehe es wie Herr Stopp: Blistern ist ganz sicher nicht der Weisheit letzter Schluss. Flexibilität und gesunder Menschenverstand sind wichtiger als irgendwelche anonymen Auftragshersteller.

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Gesundheits- und Krankenpfleger

Was mir dazu einfällt? Alles neu macht die Verpackungsmaschine und irren ist menschlich!
Soll doch mal der Herr Holdermann selber für 50 Heimbewohner innerhalb von
4 Stunden die Pillen im Nachtdienst stellen.So wie ich vor 20 Jahren. Meine Fehlerquote wäre niedriger wie seine.
Außerdem ist es mit dem servieren der richtigen Medikamente noch nicht getan.
Das Zeug muss auch noch in den Menschen rein!! Und da scheint mir die „Fehlerhäufigkeit“
höher zu sein. Z.B. Verwechslung, Einnahmeverweigerung (Demenz, brauch ich nicht,Vergiftungsangst), Schluckbeschwerden, Einnahmetäuschung,ausspucken usw.

Auch wenn die Blister Arbeit und Zeit sparen, sollten folgende Nachteile nicht unterschätzt werden:
Frage:
Unsere Apotheke bietet uns die Möglichkeit der Verblisterung an,damit wir nicht mehr die Medikamente stellen müssen. Ist das sinnvoll?

Antwort:
Nein, denn aus meiner Sicht überwiegen deutlich die Nachteile. Die Verantwortung bleibt bei der Pflegefachkraft. Auf Veränderungen der Medikation kann nicht kurzfristig reagiert werden. Medikamente, die verworfen werden müssen – etwa wenn eine Tablette auf den Fußboden fällt – können nicht ersetzt werden. Zudem ist die von Befürwortern immer wieder propagierte Zeitersparnis in der Praxis nicht vorhanden, da jede Pflegefachkraft nach wie vor den Inhalt eines jeden Blisters einzeln mit der Dokumentation abgleichen muss. Darüber hinaus sollte das Medikament bis zur Medikamentengabe in der Schutzverpackung belassen werden, damit eine Identifikation jederzeit möglich ist. Medikamente dürfen niemals durch Augenschein, Erfahrung oder Verdacht identifiziert werden.

Fundstelle: http://www.vincentz.net/altenpflege/AP_04_05_Rufbereitschaft.pdf

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Apothekerin

Wann werden die verantwortlichen Leute endlich schlauer? Wieso ist es so schwer zu verstehen, dass eine so verantwortungsvolle Dienstleistung, wie das Medikamentenstellen nicht für 0 EUR erbracht werden kann? Ärzte behandeln ihre Patienten auch nicht für lau. Die Heime sparen sich seit Jahren Millionen an Personalkosten und die Apotheken sollen diese Dienstleistung zuverlässig und in 1A-Qualität ohne Kosten erbringen. In unserer Branche gibt es dann scheinbar keine Personalkosten, oder wie? Man fühlt sich als ApothekerIn nicht selten als Depp der Nation.

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