Chemotherapie: Keine üble Sache

22. Juli 2016
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Viele Krebspatienten leiden unter Zytostatika-induzierter Übelkeit. Jetzt haben Forscher gezeigt, dass Olanzapin den Erfolg antiemetischer Therapien verbessert. Sedierende Effekte waren die wenig überraschende Nebenwirkung.

Übelkeit und Erbrechen belasten Krebspatienten je nach Chemotherapie mehr oder minder stark. Forscher haben sowohl in der Chemorezeptor-Triggerzone, im Nucleus tractus solitarii als auch im Gastrointestinaltrakt etliche Rezeptoren gefunden, die hier eine Rolle spielen. Ärzte setzen heute NK1-Rezeptor-Antagonisten wie Aprepitant oder Fosaprepitant ein. Hinzu kommen 5-HT3-Rezeptor-Antagonisten, beispielsweise Ondansetron, und Dexamethason. Trotzdem haben sie nicht immer Erfolg. Patienten brechen ihre Therapie im schlimmsten Fall ab.

Alter Arzneistoff in neuem Licht

Deshalb hat die Alliance for Clinical Trials in Oncology, ein Forschungsnetzwerk aus Onkologen und Kliniken, untersucht, ob Olanzapin einen Mehrwert zeigt. An der Studie beteiligten sich an 46 US-amerikanische Zentren. Ihre Arzneistoffwahl kam nicht von ungefähr: Das schon lange bekannte atypische Neuroleptikum wirkt vergleichsweise unspezifisch. Es blockiert muskarinische Acetylcholinrezeptoren, Serotoninrezeptoren und Dopamin-Rezeptoren (D1-D5). Außerdem werden Alpha1-Adrenozeptoren und Histamin1-Rezeptoren inhibiert. Einige dieser Schaltstellen stehen mit Zytostatika-induzierter Übelkeit in Verbindung.

Signifikanter Vorteil

Zu den Ergebnissen: In die randomisierte, doppelt verblindete Phase-III-Studie wurden 380 Patienten mit hoch ematogener Chemotherapie eingeschlossen. Sie erhielten Cisplatin oder Doxorubicin/Cyclophosphamid. Onkologen verabreichten NK1-Rezeptor-Antagonisten, 5-HT3-Antagonisten und Dexamethason wie üblich. Zusätzlich erhielten 192 Personen Olanzapin und 188 Placebo an den ersten vier Tagen ihrer Behandlung.

Den primären Endpunkt, sprich keine Nausea innerhalb von 24 Stunden, erreichten unter Verum 74 Prozent gegenüber 45 Prozent in der Placebo-Gruppe. Betrachteten die Forscher einen Zeitraum von 25 bis 120 Stunden nach der Zytostatika-Gabe, lag der Unterschied bei 42 Prozent versus 25 Prozent. Dem gegenüber stand ein wenig überraschender Effekt: Patienten litten unter dem sedierenden Effekt. Bei fünf Prozent sei die Wirkung „schwerwiegend“ gewesen, heißt es im Beitrag.

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Forschung, Pharmazie

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3 Kommentare:

Dr. med. Joseph Andreas Schmitt
Dr. med. Joseph Andreas Schmitt

Warum wird das alte Haloperidol 1 – 2mg7Tag nicht gegeben ist als Antiemetikumn auch zugelassen?

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Christian Becker
Christian Becker

Ein Off-label-use ist keineswegs unzulässig. Er ist “unzugelassen”, weil keine Zulassung für die Indikation vorliegt.
Insbesondere bei schweren Erkrankungen und seltenen Krankheiten sowie bei Patientengruppen, für die keine Zulassung besteht (z.B. Kinder), ist Off-label-use üblich; dabei müssen natürlich bestimmte Voraussetzungen beachtet werden.

Mir ist auch nicht klar, was Ihnen genau unerklärlich bleibt:
Die 380 Patienten wurden auf 2 Arme verteilt.
1. Arm: Hochemetogene Chemotherapie + antiemetogene Therapie (Standard)* + Olanzapin
2. Arm: Hochemetogene Chemotherapie + antiemetogene Therapie (Standard)* + Placebo

* “Onkologen verabreichten NK1-Rezeptor-Antagonisten, 5-HT3-Antagonisten und Dexamethason wie üblich. Zusätzlich erhielten 192 Personen Olanzapin und 188 Placebo an den ersten vier Tagen ihrer Behandlung.”

Die Olanzapingabe wäre dementsprechend sicherlich bei 25% bzw. 42% der Patienten unnötig (bzw. hätte es gereicht, ein Placebo zu geben).
Mit Olanzapin blieben jedoch 74% nach 24h frei von Nausea, also 60% mehr; nach 120h 42% unter Verum gegenüber 25% unter Placebo (ebenfalls ca. 60% mehr).

Das deutet darauf hin, dass die Gabe von Olanzapin das Auftreten von Nausea nach hochemetogener Chemotherapie signifikant senkt.

Dass immer auch einige Leute auf Placebo ansprechen, ist ja nun nicht überraschend.
Auch bei einem Vergleich einer hochemetogenen Therapie ohne Antiemese (und sogar ohne Placebo) und mit Antiemese würde man sicherlich finden, dass nicht alle ohne Antiemese Nausea entwickeln. Daraus kann man natürlich ableiten, dass für diese Leute die Zusatzmedikation überflüssig war, aber nicht, dass die Zusatzmedikation insgesamt überflüssig war.

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Vorsicht! Lt. Beipackzettel sind Anwendungsgebiete von Olanzapin – 20mg Filmtabletten:
“Das Arzneimittel enthält den Wirkstoff Olanzapin. Es gehört zu einer Gruppe von Arzneimitteln, die Antipsychotika genannt werden und wird zur Behandlung der folgenden Krankheitsbilder eingesetzt:
Schizophrenie, einer Krankheit mit Symptomen wie Hören, Sehen oder Fühlen von Dingen, die nicht wirklich da sind, irrigen Überzeugungen, ungewöhnlichem Misstrauen und Rückzug von der Umwelt. Patienten mit dieser Krankheit können sich außerdem depressiv, ängstlich oder angespannt fühlen.
mäßig schwere bis schwere manische Episoden, einem Zustand mit Symptomen wie Aufgeregtheit und Hochstimmung.
Es konnte gezeigt werden, dass das Arzneimittel dem Widerauftreten dieser Symptome bei Patienten mit bipolarer Störung, deren manische Episoden auf eine Olanzapin-Behandlung angesprochen haben, vorbeugt.”
Damit ist das Medikament für das o. a. Studienergebnis in Deutschland nicht zugelassen und “off-label use” (unzulässiger Gebrauch).
Vgl. auch Indikationsgebiete auf: http://flexikon.doccheck.com/de/Olanzapin

Unerklärlich bleibt: Wieso haben in dieser randomisierten, doppelt verblindeten (Placebo-Vergleich!) Phase-III-Studie bei 380 Patienten mit hoch ematogener Chemotherapie zwischen 25 bis 45 Prozent im Placebo-Behandlungsarm keine Übelkeit unter der für alle angeblich gleichen Standardtherapie. Dann wäre doch bei diesen 25-40% die Olanzapin-Zusatztherapie völlig überflüssig gewesen?

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