Kanzerogene Belästigung am Arbeitsplatz

27. Juli 2016
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Wenn der Beruf zur Gesundheitsgefahr wird: Chemikalien, aber auch Sonnenlicht oder ionisierende Strahlung führen zu höheren Krebsrisiken. Trotz hoher Sicherheitsauflagen sind diverse Berufsgruppen, auch Ärzte, gefährdet.

Eine Reise in die Vergangenheit der Medizin: Am 20. April 1895 sprach Dr. Ludwig Rehn (1849 bis 1930) über gehäuft auftretende Harnblasentumore bei Anilin-Arbeitern. Jahre später wies Dr. Wilhelm Carl Hueper (1894 bis 1978) den Zusammenhang im Tierexperiment nach. Die erste Berufskrankheit stand wissenschaftlich fest.

Blase in Not

Fast 125 Jahre später hat das Thema trotz diverser Arbeitsschutzrichtlinien Relevanz. Jahr für Jahr erkranken bundesweit 16.000 Menschen an einem invasiven Harnblasenkarzinom. Rauchen ist der vorherrschende Risikofaktor, gefolgt von beruflicher Exposition.

James Catto von der Universität Sheffield hat jetzt 25 Studien mit 702.941 britischen Arbeitern ausgewertet. Chemische Prozesse gehen immer noch mit einem statistisch signifikanten höheren Risiko einher (RR 1,87). Speziell für die Gummi-Industrie (RR 1,82) oder die Farbstoffherstellung (RR 1,80) gelten ebenfalls höhere Risiken. Die höchste krankheitsspezifische Mortalität hatten Elektriker (RR 1.49) und Arbeiter, die chemische Verfahren durchführen (RR 1.35).

Großer Zoff um ein kleines Molekül

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Kennzeichnung einer Flasche mit wässriger Formaldehyd-Lösung. Quelle: Wikipedia / CC BY SA

Doch welche Chemikalien sind schuldig im Sinne der Anklage? Nicht immer ist die Sachlage so klar wie bei aromatischen Aminen und Blasenkrebs. Lange Zeit stritten sich Experten über die Einstufung von Formaldehyd. Das Molekül kommt in etlichen Branchen vor, die mit Holz, Kunststoffen oder Bekleidung arbeiten. Es hat als wässrige Lösung (Formalin) nach wie vor Bedeutung, um Präparate haltbar zu machen. Auch in manchen Flächendesinfektionsmitteln ist die Chemikalie zu finden.

Im Tierexperiment fanden Wissenschaftler – wenn auch bei höheren Konzentrationen – eine kanzerogene Wirkung. Lassen sich die Befunde auf Menschen übertragen? Darüber stritten Experten mit Leidenschaft. Schließlich reagierte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC). Sie änderte ihre Einstufung vom „Verdacht auf krebserregende Wirkung“ auf „krebserregend für den Menschen“. Die Verordnung 2008/1272/EG über die Einstufung, Kennzeichnung und Verpackung von Stoffen und Gemischen schreibt vor, Formaldehyd als „wahrscheinlich karzinogen beim Menschen“ zu kennzeichnen.

Wissenschaftliche Daten belegen diese Einschätzung auf Basis einer Studie mit 25.000 Arbeitern. Wer regelmäßig mehr als 4,0 ppm Formaldehyd ausgesetzt war, erkrankte zu 37 Prozent häufiger an Lymphomen oder Leukämien. Als Vergleich diente eine Gruppe mit weniger als 2,0 ppm der Chemikalie. Für Morbus Hodgkin fanden Epidemiologen sogar ein vierfach erhöhtes Risiko.

Im Schatten der Sonne

Neben chemischen Stoffen ist kurzwellige elektromagnetische Strahlung im Fokus von Ärzten. „Freiluftarbeiter haben ein rund doppelt so hohes Risiko, Hautkrebs zu entwickeln, wie der Durchschnittsdeutsche“, sagt Prof. Dr. Swen Malte John, Leiter der Abteilung Dermatologie, Umweltmedizin und Gesundheitstheorie an der Universität Osnabrück. Besonders gefährdet sind Landwirte, Bauarbeiter, Sport- und Skilehrer, aber auch Briefträger. Schätzungsweise zwei bis drei Millionen Menschen arbeiten in diesen Bereichen.

Seit 2015 haben sie bei Plattenepithelkarzinomen oder multiplen aktinischen Keratosen einen besseren Stand. Die Erkrankungen wurden unter „BK 5103“ in die Liste aller Berufserkrankungen mit aufgenommen. Beim „Hautarztverfahren“ rechnen Dermatologen bestimmte Leistungen wie die photodynamische Therapie von Hautläsionen sowie die Behandlung von aktinischen Keratosen zu Lasten der gesetzlichen Unfallversicherung ab.

Um den Schutz Beschäftigter zu verbessern, braucht es valide Daten. Experten raten zu UV-Dosimetern wie GENESIS-UV (GENeration and Extraction System for Individual expoSure). Die Auswertung erfolgt in regelmäßigen Abständen online über zentrale Server:

UV-Dosimeter

Prinzip der UV-Dosimetrie mit GENESIS-UV. Arbeiter tragen ein elektronisches Dosimeter zur Messung der UV-Exposition. Nach Ende einer Messperiode werden ihre Daten via Tablet-PC über einen Webserver an das Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) zur Auswertung übertragen. Quelle: DGUV

Strahlende Aussichten

Beim Umgang mit ionisierender Strahlung sind Dosimeter längst zur Pflicht geworden. Für beruflich exponierte Personen schreibt die Strahlenschutzverordnung, Paragraph 55, als Grenzwert der effektiven Dosis 20 Millisievert pro Jahr vor. Die Behörde kann 50 Millisievert zulassen, wobei für fünf aufeinander folgende Jahre 100 Millisievert nicht überschritten werden dürfen. Für empfindliche Gewebe gelten spezielle Organdosis-Grenzwerte, wie etwa für die Augenlinsen (150 mSv), die Haut (500 mSv), die Keimdrüsen und das Knochenmark (50 mSv), die Schilddrüsen (300 mSv) und weitere Organe (150 mSv).

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Bleischürzen lassen Kopf, Hals, Arme und Hände unbedeckt. Quelle: Flickr / Ted Eytan CC BY SA

Mediziner tragen zwar Bleischützen, um sich vor Strahlung zu schützen. Arme, Hals oder Kopf werden jedoch nicht bedeckt und könnten Schaden nehmen, vermutet Maria Grazia Andreassi aus Pisa. Zusammen mit Kollegen hat sie Ärzte und Assistenten aus Herzkatheterlabors befragt. Health Professionals litten 2,6-mal häufiger an Hautläsionen, verglichen mit einer Kontrollgruppe ohne Exposition. Ihr Katarakt-Risiko war um den Faktor 6,3 erhöht. Ob Krebserkrankungen, hier gibt die Forscherin den Faktor 3,0 an, tatsächlich häufiger auftreten, bleibt offen. Hier war der Unterschied statistisch nicht signifikant.

Trotz methodischer Schwächen – Andreassi hatte keine Messwerte, und die Rücklaufquote ihrer Fragebögen war gering – lässt sich ihr Verdacht nicht von der Hand weisen. Dafür sprechen auch Resultate der methodisch hochwertigen „International Nuclear Workers Study“ (INWORKS).

Eine bessere Ausrüstung durch Strahlenschutz-Brillen, -handschuhe, Kopfbedeckungen sowie Sternumschutz für den Hals ist kurzfristig die beste Strategie. Mittelfristig bleiben auch technische Alternativen. So zeigten Studien beispielsweise, dass Rechtsherzkatheteruntersuchungen auch per Magnetresonanztomographie möglich sind – also ganz ohne Strahlenbelastung.

61 Wertungen (4.03 ø)

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8 Kommentare:

Gast
Gast

Schön, daß mal wieder an das Thema erinnert wird, s.a.
“WIR LASSEN SIE STERBEN” Spiegel 10/94

#8 |
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Dr. Martin Kauer
Dr. Martin Kauer

#2:
Isch binn Auch midder gesammdsidduazion uhnzuvriden!

#7 |
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Dipl.oec-troph.J.Ritschel
Dipl.oec-troph.J.Ritschel

Die mögliche kanzerogene Belastung ist sicherlich sehr vielseitig. Am Arbeitsplatz ist u.a klassisch noch die Asbestose und Chromvergiftungen zu nennen. Bei Straßenbauarbeitern /Asphaltarbeiten die Belastung mit PAVK.(zusätzlich zur UV Problematik) Hier habe ich selber arbeitsmedizinische Messungen mit durchführen dürfen. Auch seinerzeit die Bleiexposition von Mitarbeitern in der Batterie Herstellung. Diesbezüglich wird zum Glück viel an Schutzmaßnahmen für risikobehaftete Arbeitnehmer gemacht. Zu #2: Schreibfehler passieren jedem einmal, aber zu solchen Kommentaren von sog.Naturwissenschaftler (?) scheint es mir,dieser hat den Artikel nicht wirklich verstanden. Bei den Briefträgern geht es nicht um Ernährung oder Chemikalienexposition, sondern um deren Belastung durch sog. UV Strahlung als Bestandteil des Lichtes…hier: Sonnenstrahlung (-im Artikel mit der elektromagnetischen kurzwelligen Strahlung bezeichnet) Die Bitterstoffe in Lebensmittel sind übrigens sehr häufig Schutzstoffe von Pflanzen, um nicht (!)gefressen zu werden. Das können Alkaloide, Glykoside uvm. sein. Diese sind durchaus sehr giftig . Also Bitte viel Vorsicht mit solchen verharmlosenden Aussagen!(#2!)

#6 |
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Gast
Gast

Relative Risikoerhörhungen sind inbesondere für die Arbeitnehmer wenig aussägekräftig.
Besser und eindeutiger wäre z.B. der Vergleich der Häufigkeit zwischen “Normalkollektiv” und belasteten Kollektiv.
Verdoppelung des Auftretens ist bei 1/1 .000.000 auf 2/1.000.000 zwar gegeben für den Arbeitnehmer aber unerheblich.

#5 |
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Christian Becker
Christian Becker

@2
Hier können Sie insbesondere den Sonnenaspekt noch einmal ausführlicher nachlesen: http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=64198
Strenggenommen sind das keine harten Belege, sondern nur eine Korrelation. Aufgrund anderweitiger Erfahrungen mit ionisierender Strahlung kann man aber mit hoher Wahrscheinlichkeit darauf schließen, dass die Korrelation “hohe Sonnenexposition – vermehrte Hauterkrankungen” durchaus auch eine kausale Komponente enthält; Confounder finden sich bestimmt auch, dürften den Effekt aber nicht vollständig erklären (Pestizide und andere Chemikalien bei Landwirten und Bauarbeitern lasse ich mir gefallen. Bei den Briefträgern wird es schon etwas abwegiger und keine Zusammenhang mit erhöhter Chemikalienexposition sehe ich bei Ski- und Sportlehrern).

Dass Sonnenstrahlung durch Vitamin-D-Synthese auch canceroprotektive Eigenschaften haben kann, mag ja so sein (Studien zeigen einen krebshemmenden Effekt von Vitamin D). Das heißt aber 1. nicht, dass Leute mit ausreichend Vitamin D nie Krebs bekommen und 2. auch nicht, dass UV-Strahlung nicht dennoch auch Hautkrebs verursachen kann.

“Ich müsste schon längst an Hautkrebs gestorben sein , so viel ich in der Sonne war. […] nur eine vollwertige Ernährung vor Allem pflanzenreich schützt sie vor Krebs!! Vor Allem basisch und mit Bitterstoffen und Chlorofill.”
Sind Sie sicher, dass Sie Naturwissenschaftler sind? Das mag jetzt nach einer Ad-Hominem-Attacke klingen, aber die Äußerungen in diesem Abschnitt zeugen nicht gerade von naturwissenschaftlichem Verständnis.

Pflanzenreiche Nahrung, von mir aus auch mit viel Chlorophyll (!) und Bitterstoffen, ist bestimmt nicht schlecht. Ob sie vor Krebs schützt? Bestimmt reduziert sie das Krebsrisiko für manche Arten… durch ihre “!!” klingt es mehr so, als meinten Sie, sie würde 100%ig schützen, was nun sicherlich nicht der Fall ist.

#4 |
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Landmannshaut, Seemannshaut – altbekannt. Radiodermatose der frühen Röntgenologen. Längst bekannt

#3 |
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Medizinischer Fachhändler

Sie berichten:
Im Schatten der Sonne.
Besonders gefährdet sind Landwirte, Bauarbeiter, Sport- und Skilehrer, aber auch Briefträger.
Wo sind hier die Belege?
Landwirte haben eine hohe Pestizidbelastung , Bauarbeiter arbeiten mit Chemikalien und Briefträger verteilen Chemikalien . Die Konzentrationen sind hier sehr hoch.
Ich kenne Niemanden aus diesen Gruppen, der an Hautkrebs erkrankt ist!
Eigentlich ist natürliche Sonnenstrahlung ein guter Schutz gegen Krebs.
( Vit. D3 Synthese!)
Ich müsste schon längst an Hautkrebs gestorben sein , so viel ich in der Sonne war.
Aber wie bei diesen wertlosen Studien wird nicht auf die Ernährung eingegangen. Und nur eine vollwertige Ernährung vor Allem pflanzenreich schützt sie vor Krebs!! Vor Allem basisch und mit Bitterstoffen und Chlorofill.
Es wäre sinnvoller die Ernährung der genannten Personenkreise mit zu begutachten.
Erst dann kann man reelle Schlüsse ziehen.

#2 |
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Einen aufrüttelnden Report verdanken wir der Autobiographie von Edward Diethrich vom Arizona Heart Institute SLAD- The serendipitious life of Edward Diethrich (2015), der viele Jahre und richtungsweisend in der Endovaskularmedizin gearbeitet hat. Sehr zu empfehlende Lektüre. Dr.H.Nigbur

#1 |
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