Wissenschaftlicher Disput: Paracetamol-Paranoia?

12. Juli 2016
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Der Einsatz von Paracetamol während der Schwangerschaft steht erneut unter dem Verdacht, das Risiko für ADHS und Autismus sowie für Störungen in der motorischen Entwicklung zu erhöhen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Kohortenstudie aus Spanien.

Schmerzmittel in der Schwangerschaft sind ein umstrittenes Thema. Gerade Paracetamol steht immer wieder unter dem Verdacht, negative Auswirkungen auf die motorische Entwicklung des Kindes zu haben. Auch von einem Zusammenhang zwischen dem Schmerzmittel und später auftretender Hyperaktivität ist häufig die Rede. So wurden in den letzten Jahren immer wieder Studien zu diesem Thema veröffentlicht.  Dänische Forscher kamen in ihrer Untersuchung bereits 2014 zu dem Ergebnis, dass das Risiko der Kinder an ADHS zu erkranken, deutlich erhöht ist, wenn Mütter in der Schwangerschaft Paracetamol nehmen. Und auch eine norwegische Studie hatte negative Folgen für die grobmotorische Entwicklung der Kinder belegt.

Hierzulande gilt Paracetamol weitestgehend als harmlos. Auf der Seite des Berliner Zentrums für Embryonaltoxikologie heißt es: „Bei medikamentös behandlungspflichtigen Schmerzen gehört Paracetamol in jeder Phase der Schwangerschaft zu den Analgetika der Wahl“.

Neues aus Spanien

Die Ergebnisse einer spanischen Kohortenstudie befeuern die Debatte nun erneut. 2.644 Mutter-Kind-Paare waren hier rekrutiert worden, um den Einsatz von Paracetamol während der Schwangerschaft ein weiteres Mal zu untersuchen. 88 % der Studienteilnehmer wurden beurteilt, als das Kind ein Jahr alt war, 79,9 Prozent im Alter von fünf Jahren.

Die Mütter wurden gebeten, ihre Einnahme von Paracetamol in der Schwangerschaft zu bewerten. Sie konnten hierbei zwischen den Antwortmöglichkeiten „nie“, „sporadisch“ und „ständig“ wählen. Die genaue Dosierung konnte nicht erhoben werden, da die Mütter diesbezüglich keine verlässlichen Angaben machen konnten.

Den Antworten zufolge hatten die Mütter von 43 % der einjährigen Kinder und 41 % der fünfjährigen Kinder Paracetamol in den ersten 32 Schwangerschafswochen zu sich genommen. Diejenigen, die im Alter von fünf Jahren bewertet wurden, schnitten in einem Computertest, der Unaufmerksamkeit, Impulsivität und der Verabreitung visueller Reize beurteilen sollte, schlechter ab.

Erhöhtes Risiko für Jungen?

Insgesamt ließen sich vor allem bei den Jungen vermehrt Symptome aus dem Bereich der „Autismus-Spektrum-Störung“ feststellen, wenn die Mütter ihren Paracetamol-Konsum in die Kategorie „ständig“ eingeordnet hatten. Wie auch in den Studien zuvor, überprüfte das spanische Forscherteam die Kinder auschließlich auf Symptome, ärztliche Diagnosen wurden nicht bewertet. Die Anzahl von Symptomen könne ein Kind aber beeinträchtigen, auch wenn sie nicht so massiv auftreten, dass eine klinische Diagnose einer neurologischen Entwicklungsstörung gerechtfertigt wäre, erklärt Claudia Avella-Garcia, Hauptautorin der Studie und Wissenschaftlerin am Centro de Investigación en Epidemiología Ambiental (CREAL).

Für Dr. Jordi Júlvez, den Co-Autor der Studie, könnten die potenziell negativen Auswirkungen von Paracetamol darin begründet liegen, dass sich die schmerzstillende Wirkung über den Cannabinoid-Rezeptor entfaltet. Da diese Rezeptoren normalerweise die Entwicklung und Verschaltung der Neuronen beeinflussen, könnte Paracetamol diese Prozesse verändern, so Júlvez.

Zusammenfassend kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass der prenatale Kontakt mit Paracetamol in Zusammenhang mit einem vermehrten Auftreten autistischer Symptome bei Jungen steht. Für beide Geschlechter seien außerdem negative Effekte im Bezug auf die Aufmerksamkeit der Kinder festgestellt worden.

Originalpublikation:

Acetaminophen use in pregnancy and neurodevelopment: attention function and autism spectrum symptoms
Claudia B. Avella-Garcia et al.; International Journal of Epidemiology, doi: 10.1093/ije/dyw115; 2016

 

29 Wertungen (4.28 ø)

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9 Kommentare:

Christian Becker
Christian Becker

Nun, Herr Braun, das Verordnen von Paracetamol bei Fieber oder Rückenschmerzen macht in sofern Sinn, als Paracetamol zum einen Fieber senkt, zum andern Schmerzen lindert.
Bislang galt Paracetamol als das Analgetikum und Antipyretikum, das in der Schwangerschaft am ehesten gegeben werden kann, weil es anders als die typischen NSAR wirkt (wie, ist immer noch nicht so genau bekannt) und bislang auch keine negativen Effekte auf das Ungeborene bekannt waren – im Gegensatz zu den üblichen NSAR oder gar Opioiden.

Die vorliegenden Studien gewahren nun tatsächlich zur Achtsamkeit, allerdings sollte man sich doch fragen, was ein “ständiger” Gebrauch von Paracetamol, der hier mit den beschriebenen Störungen assoziiert wird, ist (ohnehin bei keinem Medikament ohne ärztlichen Rat angezeizt) und ob die gelegentliche Einnahme von Paracetamol ebenfalls problematisch ist.
Die Aussage, dass sich Anzeichen von ADHS und Autismusspektrumsstörungen finden lassen, ohne dass aber ADHS und Autismus wirklich diagnostiziert werden können, ist ebenfalls etwas rätselhaft und in ihrer klinischen Relevanz nicht klar.

Für die meisten Apotheker, die ich kenne, ist es ohnehin klar, dass in der Schwangerschaft Arzneimittel nur für die kürzest mögliche Zeit gegeben werden und dass die Kundinnen oder ihre Partner auch darauf hingewiesen werden. Gerade bei Schwangeren werden meiner Erfahrung nach oft Tips gegeben, die einen Medikamentengebrauch unnötig machen.

Wenn eine Schwangere aber 40 °C Fieber hat und man es auch mit Wadenwickeln etc. nicht senken kann, dann ist es durchaus im Sinne der Eltern und des Ungeborerenen, hier pharmakologisch nachzuhelfen.

Apotheker haben kein gesteigertes Interesse daran, Paracetamol zu verkaufen – bei Packungspreisen von 2,50 € und weniger ist selbst bei einer hohen Gewinnspanne der monetäre Nutzen gering.

Da gibt es alternative, sanfte und natürliche Präparate, die sich viel mehr lohnen.

#9 |
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Heilpraktiker

Abgesehen davon, das ich nicht verstehe warum man bei Fieber oder Rückenschmerzen Paracetamol verordnen sollte, würde ich im Interesse des Kindes und der Eltern immer auf eine Verordung verzichten.
Um in Anbetracht der vorliegenden Studien von einer Paranoia zu sprechen muss man entweder keine Ahnung haben, was das Wort bedeutet oder aber man muss in irgendeiner Weise vom Verkauf des Mittelsl profitieren

#8 |
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Zu Gast 4: Man kann Schmerzen auch therapieren mit der HOmöopathie, mit Akupunktur oder mit den guten Pflanzenheilmitteln. Es gibt durchaus Alternativen, sofern man gewillt ist sie zu akzeptieren. Sonst bleibt nur die Meinung übrig: Was soll man sonst empfehlen ?.

#7 |
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Medizinischer Fachhändler

Jetzt bin ich verwirrt…
Fremdwörterbuch sagt faSzilitieren…
Ja was denn nun?
So kann ich nicht arbeiten…

#6 |
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#1 und #2 es heisst “fazilitieren”

#5 |
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Gast
Gast

Es betrifft wohl Kinder deren Mütter Paracetamot ständig genommen haben, was immer das heißt. Dosierungen wurden überhaupt nicht angegeben.
Ständig sollte man überhaupt kein Medikament in der Schwangerschaft ohne Not einnehmen,
Gelegentliche Einnahme, z.B. bei Fieber oder akuten Rückenschmerzen ist wohl nicht das Problem. Was soll man sonst empfehlen?
Glaube im Moment handelt es sich tatsächlich um Paranoia.

#4 |
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Gast
Gast

er meinte wahrscheinlich fatalisieren, das muß man verstehen und es wirkt ja auch interessant ;-)

#3 |
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Hebamme

Für alle, die denken, “faszilitieren” hätte was mit Faszien zu tun: es bedeutet einfach “erleichtern, bahnen”.
Ach: warum einfach, wenn´s auch kompliziert geht, lieber Gast… ;-)

#2 |
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Gast
Gast

Wie steht es denn mit der Ursache der Schmerzen? Faszilitieren die vielleicht auch Autismus (wie z.B. Vitamin D-Mangel oder Mangel an verschiedenen B-Vitaminen!)?

#1 |
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