Synkope: Das neue 9×1 bei Ohnmacht

20. Juli 2016
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Eine Synkope ist oft harmlos – kann aber auch auf eine schwerwiegende Erkrankung hinweisen. Ein neues Screening-Instrument mit 9 Kriterien soll helfen, gefährliche Erkrankungen zu erkennen und Patienten mit harmloser Ohnmacht zügig aus der Notaufnahme zu entlassen.

Irgendwann im Lauf seines Lebens einmal „umzukippen“, ist nichts Ungewöhnliches: Zwischen 35 und 40 Prozent der Menschen erleben mindestens einmal im Leben eine Synkope. Auch Ärzte in der Notaufnahme werden häufig mit Ohnmachtpatienten konfrontiert: Dort machen sie ein bis drei Prozent der Aufnahmen aus.

Von einer Synkope spricht man, wenn es durch eine vorübergehende Durchblutungsstörung des Gehirns zu einem zeitweisen Verlust des Bewusstseins kommt. Der Betroffene erholt sich anschließend von selbst wieder vollständig.

In vielen Fällen ist der kurzzeitige Bewusstseinsverlust harmlos. Doch bei manchen Betroffenen steckt auch eine schwerwiegende, möglicherweise lebensbedrohliche Erkrankung dahinter. So ist eine Synkope bei etwa 10 Prozent der Patienten, die deswegen in die Notaufnahme kommen, ein Symptom für eine schwerwiegende Erkrankung – zum Beispiel eine gefährliche Form der Herzrhythmusstörung. Und bei etwa 7 bis 23 Prozent kommt es in den ersten sieben bis dreißig Tagen nach einer Synkope zu einem schwerwiegenden gesundheitlichen Vorfall.

Ärztliches Vorgehen nach Synkope vereinheitlichen

Nun hat ein kanadisches Forscherteam vom Ottawa Hospital und der University of Ottawa ein Screening-Instrument entwickelt, das dazu beitragen könnte, das Risiko für schwerwiegende gesundheitliche Ereignisse in den ersten 30 Tagen nach Entlassung aus der Notaufnahme vorherzusagen. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun in der Fachzeitschrift „Canadian Medical Association Journal“.

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Venkatesh Thiruganasambandamoorthy © The Ottawa Hospital

„Wie Patienten mit einer Ohnmacht in der Notaufnahme untersucht werden, unterscheidet sich je nach Institution und Land deutlich“, erläutert Studienleiter Venkatesh Thiruganasambandamoorthy. So hat eine Studie seines Forscherteams kürzlich ergeben, dass Ärzte in verschiedenen medizinischen Zentren sehr unterschiedlich mit Patienten umgehen. Auch die Zahl schwerwiegender gesundheitlicher Probleme im darauffolgenden Monat unterschied sich deutlich zwischen den Zentren.

„Wir hoffen, dass das neue Screening-Instrument das ärztliche Vorgehen vereinheitlichen und die Entdeckung schwerwiegender Grunderkrankungen, die hinter einer Ohnmacht stecken können, verbessern kann.“ Ein solches relativ einfaches Untersuchungsverfahren könnte dazu beitragen, Risikopatienten besser zu betreuen und diejenigen, bei denen die Synkope harmlos war, schneller aus der Notaufnahme zu entlassen.

Bei 3,6 Prozent schwerwiegendes Folgeereignis

Die Forscher um Thiruganasambandamoorthy schlossen 4.030 Patienten ab einem Alter von 16 Jahren in ihre Studie ein, die zwischen September 2010 und Februar 2014 wegen einer Synkope in eine von sechs großen Notfallambulanzen in Kanada aufgenommen wurden. Damit handelt es sich um die bisher größte Studie in diesem Bereich. Die Studienteilnehmer waren zu 44,5 Prozent männlich und zu 55,5 Prozent weiblich, ihr durchschnittliches Alter lag bei 53,6 Jahren. 9,5 Prozent der Patienten wurden nach ihrer Aufnahme im Krankenhaus weiter behandelt.

Insgesamt erlebten 3,6 Prozent der Teilnehmer in den ersten 30 Tagen nach Entlassung einen schwerwiegenden gesundheitlichen Vorfall. Darunter verstanden die Forscher Herzinfarkte, schwerwiegende Herzrhythmusstörungen, strukturelle Erkrankungen des Herzens, Lungenembolien, schwere Blutungen und Todesfälle.

Screening-Instrument mit neun Punkten

Mithilfe der erhobenen Daten identifizierten Thiruganasambandamoorthy und sein Team neun Faktoren, die sich am besten zur Vorhersage schwerwiegender gesundheitlicher Ereignisse eigneten. Diese fassten die Forscher im so genannten „Canadian Syncope Risk Score“ zusammen. Jeder der neun Faktoren wird darin mit einem Punktwert gewichtet und die Punkte anschließend zu einem Gesamtwert zusammengezählt.

Die neun Faktoren umfassten:

  • in der Notaufnahme gestellte Diagnose einer kardial bedingten Synkope: Punktwert: 2
  • in der Notaufnahme gestellte Diagnose einer vasovagalen Synkope: Punktwert: -2
  • eine Herzerkrankung in der Vorgeschichte: Punktwert: 1
  • eine Neigung zu vasovagalen Symptomen, welche auf eine harmlose Synkope hindeutet. (Als Anzeichen dafür wurde gewertet, wenn die Synkope durch langes Stehen, Aufenthalt an einem warmen oder überfüllten Ort oder intensive Angst, Schmerzen oder andere starke Gefühle ausgelöst wurde): Punktwert: -1
  • auffällige Blutdruckwerte während des Aufenthalts in der Notaufnahme (systolischer Blutdruck unter 90 oder über 180 mm Hg): Punktwert: 2
  • ein erhöhter Troponinwert – einem Protein, das bei Schädigung des Herzens aus den Herzmuskelzellen freigesetzt wird: Punktwert: 2
  • eine abnorme Dauer des QRS-Komplexes im Elektrokardiogramm (EKG) (mehr als 130 Millisekunden): Punktwert: 1
  • eine abnorme Dauer des korrigierten QT-Intervalls im EKG (mehr als 480 Millisekunden): Punktwert: 2
  • eine abnormale QRS-Achse im EKG (Winkel kleiner als -30 Grad oder größer als 100 Grad): Punktwert: 1

Insgesamt kann so ein Gesamtwert von -3 bis 11 erreicht werden. Bei der Auswertung zeigt ein Wert von -2 oder niedriger ein sehr geringes Risiko für ein schwerwiegendes gesundheitliches Ereignis an, ein Wert von -1 bis 3 deutet auf ein geringes bis mittleres Risiko hin, ein Wert von 4 oder mehr auf ein hohes bis sehr hohes Risiko.

Weitere Validierung notwendig

Bereits eine Reihe früherer Studien hat versucht, Screening-Instrumente zu entwickeln, die das gesundheitliche Risiko nach einer Synkope abschätzen können – so zum Beispiel die „ROSE-Regel“ („Risk Stratification of Syncope in the Emergency Department Rule“) oder die „STePS“-Studie („Short- and Long-Term Prognosis of Syncope“). Diese hatten jedoch verschiedene methodische Mängel und eine geringe diagnostische Vorhersagekraft. Daher gibt es bis jetzt kein Screening-Tool, das für einen weitreichenden Einsatz in der klinischen Praxis geeignet wäre.

Ob das neue Screening-Instrument wirklich zuverlässig zwischen Pateinten mit hohem und geringem gesundheitlichen Risiko unterscheiden kann, muss nun noch in weiteren Untersuchungen belegt werden. Im Moment sind Thiruganasambandamoorthy und sein Team dabei, die Vorhersagekraft des „Canadian Syncope Risk Score“ in verschiedenen Notaufnahmen in ganz Kanada zu überprüfen und zu validieren. Falls sich das Instrument als aussagekräftig erweist, könnte es in Zukunft auch online und als App zur Verfügung stehen und Ärzten ihre Entscheidungen beim Umgang mit Synkope-Patienten erleichtern.

„Viele der Patienten, die wegen einer Ohnmacht ins Krankenhaus kommen, müssten gar nicht dort sein“, sagt Thiruganasambandamoorthy. Diese Patienten verbringen oft zwischen vier und sieben Stunden in der Notaufnahme, bevor die Entscheidung getroffen wird, sie zu entlassen. „Wenn es gelingt, Patienten mit geringem gesundheitlichem Risiko mithilfe unseres Screening-Instruments schnell und sicher zu erkennen, könnten sie schneller aus der ärztlichen Obhut entlassen werden“, so der Forscher. „Dadurch könnten die Wartezeiten in der Notaufnahme verringert und die freien Ressourcen anderen Patienten zur Verfügung gestellt werden.“

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4 Kommentare:

Ärztin

Der Score ist ein nettes Tool, nur leider für die praktische Arbeit in der Notaufnahme völlig ungeeignet.

Um diesen Scoore rheben zu können, muss ich schon so viele Dinge fein herausarbeiten, dass wenn davon was zu trifft schon nicht mehr von einer harmlosen Synkope gesprochen werden kann.

“in der Notaufnahme gestellte Diagnose einer Kardinal bedingten Synkope: Punktwert: 2” Wenn ich das festgestellt habe, brauche ich keine Score um zu wissen, dass die Patienten hochgradig gefährdet sind und monitorüberwacht werden müssen und weiter abzuklären sind!!!

(“auffällige Blutdruckwerte während des Aufenthalts in der Notaufnahme (systolischer Blutdruck unter 90 oder über 180 mm Hg): Punktwert: 2
ein erhöhter Troponinwert – einem Protein, das bei Schädigung des Herzens aus den Herzmuskelzellen freigesetzt wird: Punktwert: 2
eine abnorme Dauer des QRS-Komplexes im Elektrokardiogramm (EKG) (mehr als 130 Millisekunden): Punktwert: 1
eine abnorme Dauer des korrigierten QT-Intervalls im EKG (mehr als 480 Millisekunden): Punktwert: 2
eine abnormale QRS-Achse im EKG (Winkel kleiner als -30 Grad oder größer als 100 Grad): Punktwert: 1”) und diese Punkte muss ich ohnehin abklären um die Diagnose einer kradialen Synkope stellen zu können, sind also die Voraussetzung um Punkt 1 mit einbeziehen zu können….

Leider mal wieder eine sehr akademische Arbeit, die die Bedürfnisse in der praktischen Arbeit nicht abbildet.

#4 |
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@#2. Das war dann allenfalls Koinzidenz und zeigt nur erneut, wie dumm und oberflächlich die meisten Fernsehjournalisten arbeiten. Glioblastome wachsen extrem schnell, jahrelange Synkopen können damit nichts zu tun haben. Wenn Hirntumore symptomatisch werden, tun sie das mit epileptischen Anfällen und nicht mit Synkopen. Die beiden Syndrome können bei sorgfältigerer Anamneseerhebung und strukturierter Herangehensweise zumeist gut voneinander abgegrenzt werden, was aber erstaunlich wenigen Kollegen im Alltag zu gelingen scheint, vermutlich weil ihnen die Pathophysiologie nicht geläufig ist. Deshalb finde ich den Versuch sehr lobenswert, verlässliche Screening- Instrumente zu etablieren.

#3 |
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Johann W. Buchler
Johann W. Buchler

In einer Fernsehsendung wurde voriges Jahr bekanntgegeben, dass nach jahrelangen Synkopen bei einer Person schließlich ein Hirntumor festgestellt wurde. Auch in meiner Familie hat es einen solchen Fall gegeben – jahrelang gelegentlich Synkopen, ohne sonstige Auffälligkeiten. Dann plötzlich Glioblastom, Überlebensdauer ein Jahr. In diesem Bereich sollte mehr Forschung betrieben werden! Die kurze Verfolgungsdauer der geschilderten Studie bringt die Tumorgefahr nicht heraus.

#2 |
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Dr. Nathaly Kraus
Dr. Nathaly Kraus

Natürlich ist es gut und sinnvoll die harmlosen Fälle “auszusortieren”, um unnötige längere Aufenthalte zu vermeiden.
Mehr würde mich aber interessieren was man mit den anderen Patienten macht, um einen solchen Vorfall wie oben beschrieben zu vermeiden!
Reicht es hier die ursächliche Erkrankung zu behandeln oder sind weitere Maßnahmen sinnvoll?

#1 |
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