Pneumokokken-Impfung: Kneifen oder piksen?

8. Juli 2016
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Nur insgesamt 10,2 % der Senioren zwischen 60 und 64 sind gegen Pneumokokken geimpft. Dabei lassen sich viele erst auf Grund einer „impfrelevanten“ Erkrankung wie einer Lungenerkrankung immunisieren. Eine intensive Aufklärung ist aus Sicht der Forscher daher notwenig.

„Das Präventionspotenzial der Pneumokokken-Impfung bei Senioren wird zu wenig genutzt, aber regional unterschiedlich.“ So lautet das Fazit einer Studie von Wissenschaftlern des Versorgungsatlases.

Bei ihrer Untersuchung werteten die Forscher die Behandlungsdaten von mehr als 500.000 gesetzlich Versicherten aus, die 2010 sechzig Jahre alt geworden waren. Das Team überprüfte, ob diese Menschen zwischen 2010 und 2014 die empfohlene Impfung gegen Pneumokokken erhalten haben.

Höhere Impfrate durch „impfrelevante“ Erkrankungen

Die Auswertung zeigt, dass am Ende des Beobachtungszeitraums im Jahr 2014 insgesamt nur 10,2% der Senioren in der untersuchten Gruppe gegen Pneumokokken geimpft war, Frauen mit 10,9 % etwas häufiger als Männer mit 9,3 %.

Wie bei anderen Impfungen sind die Raten auch bei der Pneumokokken-Impfung in den neuen Bundesländern, mit 20 bis 25 % generell höher als die in den alten, mit knapp 5 bis 15 %. Am geringsten sind die Impfquoten im Süden und Südwesten der Republik: Baden-Württemberg mit 4,6 %, Rheinland-Pfalz mit 4,7 % und Bayern mit 5,7 %. Durchgängig höher lagen die Impfraten bei jenen Versicherten, bei denen im Laufe des Beobachtungszeitraums eine „impfrelevante“ Erkrankung diagnostiziert wurde, beispielsweise eine Lungenerkrankung.

 

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Kummulierte 5-Jahres-Impfraten bei Personen ab 60 Jahren in Prozent (Bild 1) Kummulierte 5-Jahres-Impfraten bei Personen mit einer impfrelevanten Erkrankung ab 60 Jahren in Prozent (Bild 2) © Versorgungsatlas

 

Die Forscher fanden auch Unterschiede bei der Impfhäufigkeit zwischen Männer und Frauen. Auf Bundesebene hatten Frauen eine um knapp 20 % höhere Chance, im Untersuchungszeitraum geimpft zu werden als Männer.

Alter als „schwächerer“ Risikofaktor

Tritt eine chronische Erkrankung auf, verdoppelt sich die Chance der betroffen Patienten, eine Impfung zu erhalten. Liegt eine impfrelevante Erkrankung in dieser Altersgruppe vor, wirkt sich diese „doppelte Impfindikation“ positiv auf die Impfquote aus. Gründe für die geringen Impfquoten lassen sich aus der Datenanalyse nicht ableiten. Allerdings liefert die Analyse der Rahmenbedingungen einige Anhaltspunkte.

Die eher niedrige Impfquote bei Menschen ohne impfrelevante Erkrankungen in dieser Altersgruppe, deutet darauf hin, dass das Alter für sich genommen eher als schwächerer „Risikofaktor“ eingeschätzt wird. Auch die komplexe Diskussion, welcher Impfstoff eingesetzt werden soll, könnte vielen Ärzte die Entscheidung erschweren. Nicht zuletzt geben in Einzelfällen auch die Leitlinien wissenschaftlicher Fachgesellschaften Empfehlungen zur Impfung, die teilweise von jenen der Ständigen Impfkommission (STIKO) abweichen.

„Hier könnte eine noch engere Abstimmung der STIKO mit den medizinischen Fachgesellschaften hilfreich sein“, erklärt Dr. Jörg Bätzing-Feigenbaum, Leiter des Versorgungsatlas.

Forderung nach intensiverer Aufklärung

„Um die Impfraten zu verbessern, müssen die Zielgruppen intensiver über die Bedeutung dieser Schutzimpfung aufgeklärt werden“ , sagt Bätzing-Feigenbaum. „Dies dürfte am ehesten über die Ärzte gelingen, die den Gesundheitszustand ihrer Patienten sowie Notwendigkeit und Risiken einer Impfung am besten einschätzen können.“

Ebenso empfehlen die Wissenschaftler aufgrund der nahezu identischen Indikationen bei älteren Erwachsenen, die eine Influenza-Impfung erhalten, auch gleichzeitig den Status der Pneumokokken-Impfung abzufragen und falls indiziert die Impfung zu empfehlen.

Originalpublikation:

Pneumokokkenimpfung im Altersbereich 60 bis 64 Jahre – Analyse zur Umsetzung der STIKO-Empfehlungen
U. Bräter et al.; Versorgungsatlasdoi: 10.20364/VA-16.04; 2016

15 Wertungen (3.73 ø)

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4 Kommentare:

Es gibt dazu Empfehlungen z.B. von der Sächsischen Impfkommission (Impfempfehlung E1 in aktueller Version) sowie einen Artikel aus dem Sächsischen Ärzteblatt zur Einführung des Impfstoffs:http://www.slaek.de/media/dokumente/04presse/aerzteblatt/archiv/2012/01/0112_024b.pdf?lastpage=zur%20Ergebnisliste

#4 |
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Weitere medizinische Berufe

Ist der 13-valente Konjugat-Impstoff Prevenar 13 auch noch nach dem 23-fachen Polysaccharid-Impfstoff Pneumovax-23 möglich und notwendig? darüber liest man nirgendwo etwas Genaues.

#3 |
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Silke Koerber-behkalam
Silke Koerber-behkalam

Ich habe mit 66 Jahren alle Impfungen auffrischen lassen,aber mich letztlich gegen Pneumokokkenimpfung entschieden nach langer Lektüre des Für und Wider,da ich las,dass sie nicht gegen alle Stämme wirkt und es zu einer Selektion
virulenter Stämme kommt,die ebenfalls Erkrankungen auslöst mit allen Folgen.
Es war einfach nicht klar herauszufinden,was sinnvoll ist! Meine Entscheidung fiel so aus trotz des Wissens um die möglichen Folgen,nämlich vor Augen meinen ertaubten Freund nach Pneumokokkeninfektion !

#2 |
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DIE FÜNF W’s BEI STIKO UND RKI UNKLAR!
STIKO (Ständige Impfkommission) und RKI (Robert-Koch-Institut) sind nicht ganz unschuldig an der Pneumokokken-Impfmüdigkeit!

Jahrelang hatte man den 23-fachen Polysaccharid-Impfstoff Pneumovax-23 in den Himmel gehoben, der nur schwach immunogen und sogar bei 5-jähriger Wiederholungsimpfung immer unwirksamer wird. Der voll immunogen wirksame, teure 13-valente Konjugat-Impstoff Prevenar 13, der i. d. R. nur einmal im Leben injiziert werden muss, wurde von den KVen (Kassenärztlichen Vereinigungen) jahrelang aus vorgeschobenen Kostengründen torpediert.

Das RKI macht es besonders dilettantisch und beliebig, als könne Konjugat- ohne weiteres mit Polysaccharid- vertauscht werden:
Im RKI-Bulletin vom 8. September 2014 / Nr. 36: http://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2014/Ausgaben/36_14.pdf?__blob=publicationFile
drückt man sich um konkrete Benennungen bzw. aktualisierte Bewertungen von Vor- und Nachteilen unterschiedlicher Impfstoffe.

Man verweist stattdessen umständlich auf ebenso unverbindliche Allgemeinaussagen im RKI-Bulletin vom 25. August 2014 / Nr. 34:
https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2014/Ausgaben/34_14.pdf?__blob=publicationFile
“Ab dem Alter von 5 Jahren kann die Impfung mit dem 13-valenten Pneumokokken-Konjugatimpfstoff oder dem 23-valenten Polysaccharid-Impfstoff erfolgen.
Bei folgenden Indikationen sind eine, ggf. auch mehrere Wiederholungsimpfungen im Abstand von 5 (Erwachsene und Kinder ≥ 10 Jahre) bzw. mindestens 3 Jahren (Kinder unter 10 Jahren) in Erwägung zu ziehen: 1. angeborene oder erworbene Immundefekte einschl. funktioneller oder anatomischer Asplenie (Indikationsgruppe 1, linke Spalte) 2. chronische Nierenkrankheiten/nephrotisches Syndrom”.

Im aktuelleren RKI/STIKO Bulletin vom 24. August 2015 / Nr. 34:
http://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2015/Ausgaben/34_15.pdf?__blob=publicationFile
“Zur Impfung Erwachsener mit Pneumokokken-Konjugat- bzw. Polysaccharid-Impfstoff” wird auf eine noch ältere Veröffentlichung von 7/2012 verwiesen: “s. auch Stellungnahme der STIKO im Epid. Bull. 7/2012, S. 55 – 56.”

Dort heißt es lapidar und unverbindlich:
“Die STIKO hat zur Kenntnis genommen, dass die Zulassung für den 13-valenten Pneumokokken-Konjugatimpfstoff Prevenar 13® erweitert wurde. Zusätzlich zur Altersgruppe 2 Monate bis 5 Jahre ist er jetzt auch für Erwachsene ab 50 Jahren zugelassen. Laut Fachinformation (Stand: Oktober 2011) gilt die Zulassung bei den ≥ 50-Jährigen für die Indikation „Prävention von invasiven Erkrankungen, die durch Streptococcus pneumoniae verursacht werden“.
Standardimpfung ab 60 Jahren – Bisher war nur der 23-valente Pneumokokken-Polysaccharidimpfstoff Pneumovax 23® für Erwachsene zugelassen. Entsprechend wird in den STIKO-Empfehlungen als Standardimpfung gegen Pneumokokken für alle Erwachsenen ab 60 Jahren nur der Polysaccharidimpfstoff genannt.”
http://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2012/Ausgaben/07_12.pdf?__blob=publicationFile

Das bedeutet schlicht und ergreifend: Weder das RKI noch seine STIKO können derzeit klar benennen, WER, WANN, WIE, WOMIT und WARUM gegen Pneumokokken ab dem 60. Lebensjahr geimpft werden soll?

Kein Wunder: „Das Präventionspotenzial der Pneumokokken-Impfung bei Senioren wird zu wenig genutzt, aber regional unterschiedlich“, schreiben U. Bräter et al. im Versorgungsatlas vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung, Berlin.
https://idw-online.de/de/news655388

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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