Gruß von Pille: Der Tricorder ist da

10. Juni 2013
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„Star Trek“-Tricorder für alle: Innovative Softwarelösungen werden die Medizin ähnlich revolutionieren wie einst Antibiotika und Anästhesie. Neue Produkte sind auf dem Sprung zur Marktreife oder schon im Einsatz. Als Grundvoraussetzung gilt eine solide IT-Infrastruktur.

Kopfschmerzen, allgemeines Unwohlsein oder Fieber: „Star Trek“-Crewmitglieder wussten schon immer Rat. Mit ihrem Tricorder bestimmten sie Vitalparameter, physikalische Größen oder suchten die Umgebung nach Lebenszeichen ab. Zumindest eine medizinische Variante des Wunderkastens ist jetzt in der Gegenwart angekommen: Scanadu Scout.

Körpersignale an das Smartphone gesendet

Das kleine, handliche Gerät bestimmt Blutdruck, Körpertemperatur, Puls, Atemfrequenz und die Sättigung des Bluts mit Sauerstoff. Per Bluetooth wandern alle Daten zur Auswertung und Speicherung an ein Smartphone. Walter De Brouwer, CEO von Scanadu: „Wir erleben in allen Bereichen unseres Lebens eine immer stärkere Personalisierung, nur nicht beim Arztbesuch.“ Schließlich gehen Patienten, sobald sie genesen sind, wieder bis zur nächsten Erkrankung auf Tauchstation. Vitalparameter werden in dieser Zeit nicht erfasst. Und Chief Medical Officer Dr. Alan Greene ergänzt: „Mit dem Smartphone können Sie momentan zwar eine Vielzahl an Informationen beschaffen – nur nicht über Ihren eigenen Körper“. Zusammen mit einem interdisziplinären Team haben die beiden jetzt Tricorder-Prototypen entwickelt, kaum größer als eine Streichholzschachtel. Patienten halten ihr Gerät mit zwei Fingern an die Stirn und aktivieren ausgeklügelte Sensoren. „Sie bekommen den kompletten Datensatz einer Notfalleinrichtung in zehn Sekunden auf Ihr Handy“, sagt De Brouwer. Er ist sich sicher: „Das Gerät wird Ärzte keineswegs überflüssig machen.“ Vielmehr sind neue Impulse für die Telemedizin zu erwarten – in Arztpraxen könnten Daten ausgewertet und Patienten engmaschiger überwacht werden als bisher. Auch ließen sich unnötige Konsultationen verringern – und Kollegen hätten mehr Zeit für schwere Fälle, erklären die beiden Entwickler.

Mit Crowdfunding zum Erfolg

Bleiben noch ökonomische Aspekte zu klären. Die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) prüft Medizinprodukte vorab sehr genau. Dafür sind rund 100.000 US-Dollar erforderlich – kein Problem: Bis zum 21. Juni läuft auf der Crowdfunding-Plattform Indiegogo ein entsprechender Call, doch die erforderliche Summe war im Handumdrehen erreicht. Mittlerweile haben User mehr als 500.000 US-Dollars für das Projekt locker gemacht, und einer FDA-Zulassung steht nichts mehr im Wege. Geräte sollen ab 2014 verfügbar sein, Unterstützer erhalten bereits jetzt ein Vorserienmodell ab 199 US-Dollar. Für 269 US-Dollar gibt es weitere, bislang unbekannte Funktionen mit dazu. Kurz zuvor haben die X-Prize-Stiftung und der Technologiekonzern Qualcomm eine Ausschreibung gestartet: Der Gewinner erhält sage und schreibe zehn Millionen US-Dollar, um einen Trikorder zu entwickeln.

Scanaflu und Scanaflo

Darüber hinaus haben Wissenschaftler von Scanadu große Pläne: Scanaflo soll hochwertige Harntests für alle Patienten erschwinglich machen – mit der Genauigkeit medizinischer Labors. Als Parameter denken die Entwickler an Glukose, Proteine, Leukozyten, den pH-Wert sowie an eine mögliche Schwangerschaft. Scanaflo wäre das ideale Frühwarnsystem, falls es Probleme mit der Leber, den Nieren oder dem Urogenitaltrakt gibt – bevor erste Symptome auftreten. Und Scanaflu detektiert im Speichel Erreger wie Influenza A, B sowie Streptokokken. Auch hier setzen Forscher auf Schnittstellen zum Smartphone über maßgeschneiderte Apps.

„Liver Explorer“ im Feldeinsatz

Deutsche Innovationsschieden lassen sich ebenfalls nicht lumpen. Forscher am Fraunhofer-Institut für Bildgestützte Medizin (MEVIS) wollen beispielsweise Leber-OPs sicherer machen. „Das Organ ist von zahllosen Blutgefäßen durchzogen und wird in jeder Minute von 1,5 Litern Blut durchflossen“, erklärt MEVIS-Forscherin Andrea Schenk. Ein falscher Schnitt könnte fatale Folgen haben, deshalb dauern Eingriffe oft mehrere Stunden. Ärzte erzeugten auf Basis computertomographischer Untersuchungen dreidimensionale Darstellungen des erkrankten Organs und mussten bisher Ausdrucke im OP aufhängen. Mit dem iPad gelingt es nicht nur, Eingriffe besser zu planen. Dank der eingebauten Kamera haben Operateure die Möglichkeit, ihre „Realität zu erweitern“ (Augmented Reality): Livebilder des realen Organs lassen sich mit Planungsdaten überlagern, und Chirurgen sehen genau, wo sie mit dem nächsten Blutgefäß zu rechnen haben. Müssen Chirurgen ihre Planung ändern, simuliert der „Liver Explorer“ mögliche Folgen. Ein schöner Erfolg der neuen Software: “Seit 2003 haben wir bei mehr als 60 Hepatektomien mit der präoperativen 3D-Simulationssoftware von MEVIS Erfahrungen sammeln können. Im Vergleich zu Operationen vor der Nutzung der Software konnte der Blutverlust signifikant vermindert werden”“, sagt Itaru Endo von der Yokohama City University, einem Kooperationspartner des MEVIS.

Gehirn-OP: Mit Social Media live dabei

Zurück in die USA: Hier setzen Kollegen viel daran, Eingriffe an größere Zielgruppen zu kommunizieren. Längst sind erste OPs am offenen Herzen und am Gehirn über Twitter gegangen – eine Pionierleistung des Memorial Hermann Texas Medical Centers. Haben Ärzte anfangs noch einzelne Bilder getwittert, folgen jetzt auch Filme. „Obwohl Kliniken in der digitalen Welt immer stärker auf Datensicherheit achten, finden sich immer mehr Patienten, die bereit sind, vertrauliche Momente mit aller Welt zu teilen“, kommentiert die „Los Angeles Time“ nicht ohne Erstaunen. So können Kollegen und Laien aus aller Welt über Kurzfilme mitverfolgen, wie Neurochirurgen im ULCA Health einen Hirnschrittmacher implantieren. Der Parkinson-Patient demonstriert seine motorischen Fähigkeiten, indem er unplugged auf seiner Gitarre spielt. Roxanne Yamaguchi Moster vom ULCA begründete, mit dem spektakulären Live-Tweet wolle ihr Haus Hirnschrittmacher und deren Bedeutung bekannter machen. Hinter dem genialen Schachzug steckt noch ein ganz anderer Aspekt: Die verwendete App Vine ermöglicht Usern, kurze Videos in sozialen Netzwerken zu verbreiten und wurde jetzt auch in medizinischen Fachkreisen bekannt. Der Konkurrent Facebook hatte bereits 737 Millionen US-Dollar für die Fotosharing-App Instagram ausgegeben, jetzt zieht Twitter erfolgreich mit dem Videosharing-Dienst Vine nach.

Wieder im Heute gelandet

Während Pilotprojekte aus den USA zeigen, wohin die Reise gehen könnte, brauchen sich stationäre Einrichtungen schon heute nicht zu verstecken. HIMSS Analytics erfasst nämlich über das sogenannte Electronic Medical Record Adoption Model (EMRAM), wie weit IT-Infrastrukturen den Klinikalltag bereits durchdrungen haben. Dazu wurden neben einer Grundstufe sieben mögliche Ausbaumodule definiert. Seit Beginn des ambitionierten „Meaningful Use“-Programms ging es in den Staaten schlagartig nach oben: Plötzlich stieg die Zahl an Einrichtungen auf der höchsten EMRAM-Stufe um 63 Prozent und auf der zweit- beziehungsweise dritthöchsten Stufe um 80 Prozent. Deutschland ist davon meilenweit entfernt – in der europaweiten Bestenliste „Stage 6 & 7 EMR Adoption Model Awards“ taucht nur das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) auf.

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3 Kommentare:

Nichtmedizinische Berufe

All die neuen und raffinierten Diagnose-und OP-Methoden sollten jedoch
nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Leute halt gesundheitsbewußter
leben sollten. Manchmal hat man den Eindruck, daß es NUR noch Kranke
gibt und die Leute sich ja auf die allwissenden Mediziner 100%ig
verlassen können.

#3 |
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Heilpraktiker

Das hört sich doch ganz gut an. Die Medizin bricht auf von der Steinzeit in die Moderne.

#2 |
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Ines Fettke
Ines Fettke

Grundsätzlich ein guter Ansatz . Vor allem in ländlichen Gegenden wo es nicht genügend Ärzte gibt

#1 |
  0


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