Arzneimittelpreise: Zank um Zaster

8. Juli 2016
Teilen

Patienten müssen für ihre Arzneimitteltherapie direkt oder indirekt tief in die Tasche greifen. Seit Juli gibt es deutlich weniger Pharmaka mit Zuzahlungsbefreiung. Auch bei Originalpräparaten hat Deutschland im europäischen Vergleich exorbitant hohe Preise.

Zum 1. Juli erlebte so mancher Patient böse Überraschungen in seiner Apotheke. Der GKV-Spitzenverband hat einmal mehr Festbeträge angepasst. Betroffen sind unter anderem zwei Festbetragsgruppen zur Asthma- und COPD-Therapie.

Firmen unter Druck

Wie der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) herausfand, sind mittlerweile nur noch 330 Präparate zuzahlungsbefreit – vor dem Stichtag waren es rund 560. Patienten müssen bei 1.300 Präparaten selbst in die Tasche greifen, verglichen mit rund 700 Medikamenten vor dem 1. Juli.

Unter den Änderungen leiden nicht nur Versicherte, sondern auch Hersteller. Arzneimittel, deren Preis mindestens 30 oder mehr Prozent unter dem jeweils gültigen Festbetrag liegen, werden von der Zuzahlung befreit, falls Einsparungen zu erwarten sind. „Mit den regelmäßigen Festbetragsabsenkungen zieht der GKV-Spitzenverband seit Jahren die Daumenschrauben für die Industrie immer stärker an“, kritisiert Dr. Hermann Kortland, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des BPI. „Es muss anerkannt werden, dass Preisabsenkungen endlich sind.“

Europameister bei Originalpräparaten

Dass Krankenkassen alle Möglichkeiten ausschöpfen, erstaunt nicht weiter, wenn Originalpräparate ebenfalls in Überlegungen mit einbezogen werden. Das Wissenschaftliche Instituts der AOK (WIdO) hat zusammen mit der Technischen Universität Berlin einen europaweiten Vergleich veröffentlicht. Versorgungsforscher packten einen virtuellen Warenkorb mit den umsatzstärksten patentgeschützten Arzneimitteln aus Deutschland. Anschließend verglichen sie die Preise mit Dänemark, Frankreich, Großbritannien, mit den Niederlanden und mit Österreich. Unterschiedliche Preisstrategien der Hersteller berücksichtigten Forscher über Korrekturen anhand des Bruttoinlandsprodukts. Ihr Ergebnis: Diese adjustierten Herstellerabgabepreise waren 16 Prozent (Großbritannien) bis 27 Prozent (Dänemark) niedriger als bei uns. Für den deutschen Markt ergäben sich laut WIdO mögliche Entlastungen von 2,2 Milliarden Euro.

Apotheken am Pranger

Kein Wunder, dass zwei Drittel aller Deutschen Arzneimittelhersteller für fast die Hälfte aller Gesundheitskosten verantwortlich machen. Das ergaben repräsentative Befragungen des Meinungsforschungsinstituts INSA im Auftrag des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI). „Tatsächlich wendet die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) für die ambulante Arzneimittelversorgung einschließlich der Vergütung von Großhandel, Apotheken und Mehrwertsteuer rund 17 Prozent ihrer Ausgaben auf“, schreibt der BPI. „Betrachtet man den Anteil der Industrie nach Abzug gesetzlicher Rabatte, so liegt der Ausgabenanteil nur bei rund zehn Prozent – und dabei sind vertrauliche Rabatte noch nicht berücksichtigt.“

2 Wertungen (4.5 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

6 Kommentare:

Dr. Hans Joachim Schneider
Dr. Hans Joachim Schneider

Apotheken am Pranger?
da kennt der Schreiber wohl den AM-Markt nicht wirklich:
in Frankreich zahlt die Krankenkasse nur 2,1% MWSt, in Deutschland 19%.
Das sind schon mal 17%, für die die Apotheken nichts können. Ich habe ja nichts gegen Schlagzeilen, wenn sie inhaltlich richtig sind! Aber bekommt die Apotheke den “schwarzen Peter” bei Schnell-Lesern! War das Absicht oder Unwissenheit?
Ich bitte auch bei Überschriften um eine sachlich richtige Information.
Dr. H. J. Schneider

#6 |
  0
Manfred Lothar Dietwald
Manfred Lothar Dietwald

Wenn der Industrieanteil an den Ausgaben der GKV 10% beträgt, dann steht die Industrie schlechter da, als die Landwirte beim Milcherlös, obwohl die Rohstoffe der Industrie größtenteils importiert werden müssen, und nicht um die Ecke zu beschaffen sind. Womit zahlt man dann die enorm höheren Stundenlöhne.

#5 |
  1
Dr. med. Maria Mandok
Dr. med. Maria Mandok

Die Preise werden in D geregelt durch d Staat u d Krankenkassa u d Industrie d Arztneittel Industrie.D Staat kassiert auch gerne 19 %MwSt. auf Kosten der Kranken. Aus der EU bringe ich gerne mit d meine Medikente GÜNSTIGTS mit.

#4 |
  1
Manfred Lothar Dietwald
Manfred Lothar Dietwald

Wieviel 10er Positionen bestellt oder lagert man heute noch gegenüber vorherigen Jahrzehnten. Wieviele Spezialitäten zählte man früher? Dabei hatte man vor 50 Jahren einen Aufschlag von 100-120 Prozent auf Chemikalien und ca. 20-67% auf Spezialitäten. Das Verfalldatum wurde Pi mal Daumen ermittelt. Beratung nach Gutdünken. Ich trauere diesen Zeiten nicht nach, aber die Entlohnung hinkt weit hinterher.

#3 |
  0
Margarete Heidl
Margarete Heidl

Seit 34 Jahren bin ich Apotheker, seit 34 Jahren unterstellt man mir und meinem Berufsstand, Preistreiber im Gesundheitswesen zu sein.
Das die GKV wirtschaftliche Versorgung einfordert, steht außer Frage. Aber bei der Berechnung des WIdO (s.o.) vermisse ich die Berücksichtigung der Wertschöpfung des Staates, der von jedem Arzneimittel 19% MWSt. kassiert. Die Mehrwersteuer, die wir Apotheken an den Staat abführen ist mittlerweile deutlich höher als die Wertschöpfung der Apotheken für die flächendeckende Arzneimittelversorgung.
Von 1.000 € (GKV-Leistungsausgaben) entfallen 170 € (=17%) auf den Pharmabereich. Von den 170 € werden 19% = 32,30 € MWSt. an den Staat abgeführt. Der Pharmaindustrieanteil beträgt 10% der GKV-Gesamtleistung = 100 €.
Wertschöpfung für Apotheken und Großhandel zusammen! 170€ – 100€ – 32,30€ = 37,70 €.
In den meisten EU-Ländern ist die MWSt. für Arzneimittel deutlich reduziert, zum größten Teil deutlich unter 10% bishin zu MWSt.-frei.
Machen wir uns nichts vor, Gesundheit kostet Geld. Die demografische Entwicklung tut ein Übriges. Man kann diese Kostensteigerungen aber nicht kompensieren, indem man die Menschen, die dafür sorgen, dass die Versorgung klappt bei der Entlohnung von der normalen Entwicklung der Löhne und Gehälter abkoppelt.

#2 |
  0
Reinhold Eysel
Reinhold Eysel

Letzter Absatz:
“… Hälfte aller Gesundheitskosten verantwortlich” KANN ja wohl nicht sein!!!
Schusseligkeit oder Polemik???

#1 |
  1


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: