Herzbericht: Weniger Transplantate, viele Klappen?

22. Januar 2013
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Am neuen Herzbericht der Deutschen Herzstiftung schockiert die geringe Zahl an Herztransplantationen. Viel Wind in den Segeln erlebt dafür die Aortenklappe. Ansonsten lassen die Daten Raum für unterschiedliche Interpretationen.

Die nicht enden wollenden Diskussionen um die Transplantationen in Deutschland gehen einher mit einer deutlich nachlassenden Spendenbereitschaft in der Bevölkerung. Die Zahl der Organspenden ist auf dem tiefsten Punkt seit Jahren. Der Deutsche Herzbericht 2011 illustriert am Beispiel des Herzens einmal mehr, was das ganz konkret bedeutet. Die Zahl der pro Jahr in Deutschland durchgeführten Herz- und Herz-Lungentransplantationen entferne sich immer weiter vom Höchststand in den späten 90er Jahren, betonte der Herzchirurg Professor Dr. Friedhelm Beyersdorf von der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG). “Wir waren 1997 bei 562 Herztransplantationen. Im Jahr 2011 waren es nur noch 366″, so der DGTHG-Vizepräsident. Um alle Patienten adäquat zu versorgen, seien doppelt so viele Transplantationen nötig.

Katheter-Boom: Ende der Fahnenstange?

Die Transplantationen nehmen nur einen ganz kleinen Abschnitt in dem über 180 Seiten starken Deutschen Herzbericht ein. Deutlich umfangreichere Kapitel widmen sich den unterschiedlichen Verfahren der interventionellen Kardiologie und der Herzchirurgie. Und hier lassen sich einige Trends erkennen, die teils erwartet, teils etwas unerwartet sind. “Was uns überrascht ist, dass wir zum ersten Mal seit Jahren sowohl bei der Zahl der diagnostischen Angiografien als auch bei der Zahl der Koronarinterventionen keine weitere Zunahme sehen”, sagte Professor Dr. Thomas Meinertz für die Deutsche Herzstiftung. “Das kann man schon als Trendwende bezeichnen.”

Auf Basis von 340 Erhebungsbögen rechnet der Herzbericht vor, dass im Jahr 2011 insgesamt 870.282 Linksherzkatheteruntersuchungen und 328.654 PCI durchgeführt wurden. Das sind 30.000 beziehungsweise 10.000 weniger als im Jahr zuvor, wenn die Daten in ähnlicher Weise ausgewertet werden. Hier zeigt sich dann aber auch schon ein gewisses Problem. Denn die Ergebnisse des Herzberichts widersprechen in diesem Punkt den Auswertungen auf Basis der AQUA-Daten, die für 2011 bei den PCI eine erneute, allerdings geringe Zunahme verzeichnen. Die Kardiologen sind relativ überzeugt, dass ihr Herzbericht näher an der Wahrheit ist. Dafür spricht unter anderem die Tatsache, dass es in den Einrichtungen, die sowohl 2010 als auch 2011 Daten für den Herzbericht eingereicht haben, keinen weiteren Zuwachs gab.

Wird die TAVI zur neuen PCI?

Tatsächlich könnte man argumentieren, dass es eher erstaunlich ist, dass die Zahlen nicht viel stärker gefallen sind. In den USA gab es insbesondere im Gefolge der COURAGE-Studie einen deutlichen Rückgang der PCI, der in Deutschland bisher ausgeblieben ist. Meinertz äußerte sich vorsichtig zu der Frage, ob in Deutschland zu viele Linksherzkatheter durchgeführt würden. Er habe schon den Eindruck, dass übertrieben worden sei, so der Experte. Aber das sei bei anderen neuen und hochwirksamen Verfahren in den ersten Jahren nicht anders.

Ob bei den kathetergestützten Aortenklappenimplantationen (TAVI) die nächste Übertreibungswelle droht, kann der Deutsche Herzbericht 2011 natürlich nicht beantworten. Er liefert nur Zahlen, und die stehen deutlich auf Anstieg. Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis die TAVI die konventionelle Aortenklappenchirurgie zahlenmäßig überholt. Während im Jahr 2011 gemäß Leistungsstatistik der DGTHG insgesamt 11.535 konventionelle Aortenklappeneingriffe erfolgten, waren es bereits 7.231 kathetergestützte Eingriffe. Die Dynamik ist dabei interessant: Bei den konventionellen Eingriffen gibt es allenfalls einen leichten Rückgang seit dem Maximum im Jahr 2008. Die TAVI-Eingriffe dagegen legen steil zu. Zu Beginn der Statistik im Jahr 2008 waren es 528.

Wo genau das Wachstum herkommt, kann der Deutsche Herzbericht sehr gut beantworten. Während der Löwenanteil der konventionellen Operationen bei 70- bis 80jährigen Patienten erfolgt, wird die TAVI zu über 80 Prozent bei über 80jährigen Patienten eingesetzt. Annähernd jede dritte TAVI erfolgt im Jahr 2011 sogar bei über 90jährigen Patienten. Die Zahlen zeigten, dass die TAVI, für die es noch keine Langzeitdaten gebe, verantwortungsvoll eingesetzt werde, betonten die bei der Vorstellung des Herzberichts anwesenden Experten. Bisher zumindest ersetze die TAVI nicht die konventionellen Operationen, mit denen die Herzspezialisten Jahrzehnte Erfahrung haben. Vielmehr werde der Kreis derer, die Klappeneingriffe erhalten, ausgedehnt auf jene, die bisher als zu gebrechlich oder zu krank für den Eingriff galten.

Mehr Interpretationen der Daten liefern

Der Deutsche Herzbericht 2011 ist der vierundzwanzigste derartige Bericht. Zum ersten Mal wird die bisher als “Bruckenberger-Report” bekannte Jahresstatistik in diesem Jahr von der Deutschen Herzstiftung herausgegeben. Beteiligt sind alle kardiologischen, kardiochirurgischen und kinderkardiologischen Fachgesellschaften. “Wir planen, die Datengrundlage in künftigen Berichten zu erweitern, um bessere Interpretationen der Daten liefern zu können”, betonte Professor Dr. Eckart Fleck für die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie. Die bisher nach Fachdisziplinen getrennte Statistik soll künftig nach Indikationen geordnet werden. Außerdem gilt es, verstärkt auch ambulante Daten sowie Daten aus bundesweiten Registern wie etwa dem Deutschen Aortenklappenregister zu berücksichtigen.

Der nächste Deutsche Herzbericht dürfte also deutlich anders aussehen als bisher. “Wir wollen künftig auch mehr Interpretationen der Daten liefern”, so Fleck. Das erscheint sinnvoll. Die im Herzbericht enthaltene Mortalitätsstatistik beispielsweise ist derzeit noch ziemlich anfällig für Fehlinterpretationen. Sie basiert auf Post-Mortem-Statistiken und hilft entsprechend wenig weiter. So steigen die Todesfälle durch Herzklappenerkrankungen und Rhythmusstörungen in Deutschland scheinbar steil an. Dies sei aber am ehesten darauf zurückzuführen, dass neue Verfahren wie eben die TAVI das Bewusstsein für diese Erkrankungen bei Ärzten gesteigert hätten, betonte Fleck.

Morbiditätszahlen in Ostdeutschland

Schwer zu interpretieren sind auch die teilweise erheblichen Unterschiede zwischen den Bundesländern, die der Herzbericht aufdeckt. Besonders die östlichen Bundesländer, speziell Sachsen-Anhalt und Brandenburg, schneiden sowohl bei Versorgungsaspekten als auch bei den Morbiditätszahlen auffallend oft schlecht ab. Andere Flächenländer sind da deutlich besser. Ob das nun reale Unterschiede sind, oder ob die Daten durch irgendwelche bisher nicht bekannten Faktoren verzerrt werden, ist bisher unklar. Nur an Unterschieden in der Altersstruktur liegt es jedenfalls nicht. Zumindest diesen Schluss erlauben die verfügbaren Daten schon jetzt.

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Kardiologie, Medizin

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3 Kommentare:

Ärztin

Inwieweit kann TAVI die Lebensdauer der über 90jährigen Patienten verlängern?

#3 |
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Immer wieder hilfreicher und wichtiger Artikel, der Bruckenberger Bericht.

#2 |
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Auf 3konventionelle AKE zwei TAVI – was für eine rasante Entwicklung!

#1 |
  0


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