Forensische Pathologie: Bye, bye CSI

7. April 2011
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Dank diverser US-Serien sind Rechtsmediziner beim Publikum beliebt wie noch nie. In der wissenschaftlichen Realität haben sie aber mit Geld- und Personalmangel sowie unsauberen Methoden zu kämpfen. Die Folgen: Übersehene Morde und Falschdiagnosen.

Der geübte Krimi-Fan weiß sofort Bescheid: Haben die Ermittler erst einmal ein Haar gefunden, ist der Täter so gut wie überführt. Hightech-Analysen und technischer Fortschritt lassen Verbrechern kaum noch eine Chance – zumindest im Fernsehen. In der Realität stecken die Anwälte der Toten jedoch in einer Krise.

Die National Academy of Science in den USA hat in einem kritischen Report schon vor zwei Jahren einige Baustellen in der Rechtsmedizin aufgedeckt. So heißt es dort: Die simple Wahrheit sei, dass die Interpretation der forensischen Beweislage nicht immer auf Studien beruht. Im Fadenkreuz stehen Haar- und Gewebeproben, Bisswunden-Vergleiche – sogar Fingerabdrücke. „Das ist ein ernstes Problem“, so die Verfasser. DNA-Analysen werden hauptsächlich von Maschinen durchgeführt und spucken so auch beim dritten oder vierten Durchgang das gleiche Ergebnis aus. Für Haarvergleiche unter dem Mikroskop muss dagegen der Experten-Blick von Wissenschaftlern reichen.

Fingerabdrücke – idiotensichere Analysemethode?

Eine 100 Prozent objektive Einschätzung können sie jedoch nicht abgegeben, zudem kommen unterschiedliche Wissenschaftler nicht immer zu dem gleichen Schluss. Sogar Fingerabdrücke, die als idiotensichere Analysemethode gelten, sind nicht immer eindeutig. Das musste auch der Anwalt Brandon Mayfield leidvoll am eigenen Leib erfahren. Der Familienvater, Amerikaner und Muslim wurde nach den Madrider Bombenanschlägen vom März 2004 verhaftet, weil Fingerabdrücke auf einer in der Nähe des Anschlagortes in Spanien gefundenen Plastiktüte irrtümlich für seine gehalten wurden. Erst als die Spanier einen Tatverdächtigen vorstellen, dessen Fingerabdrücke noch viel besser passten, ließ die Regierung ihn frei.

Fehler bei der Auswertung können überall passieren, sogar bei DNA-Analysen. Im Frühjahr 2009 suchte die Polizei in Deutschland nach einer gefährlichen Massenmörderin. Sie hatte ihre Spuren an 40 verschiedenen Tatorten hinterlassen. Orte, an denen brutale Verbrechen stattgefunden hatten. Wie sich herausstellte, war die mysteriöse Böse jedoch an keinem dieser Verbrechen beteiligt. Sie verpackte lediglich Wattestäbchen im Auftrag eines Unternehmens für Medizinbedarf. Die Merkmale ihrer Erbsubstanz stammten nicht von Speichelproben während der Fahndung, sondern sie hafteten schon zuvor auf den Wattestäbchen. Damit war die Geschichte über das berüchtigte “Phantom von Heilbronn” beendet.

Obduktion: Eher eine Seltenheit

Weit häufiger als falsche Anschuldigungen sind übersehene Straftaten. Schon vor Jahren zeigte eine Studie des Instituts für Rechtsmedizin Münster: Etwa 1200 Fälle von Mord und Totschlag bleiben in Deutschland jedes Jahr unentdeckt. Denn viele der Toten bekommt die Rechtsmedizin überhaupt nicht zu sehen. Eine Obduktion wird selten angeordnet. Während man in Skandinavien 20 bis 30 Prozent aller Verstorbenen obduziert, sind es in Deutschland weniger als fünf Prozent. Vor allem Kindstötungen werden oft nicht aufgedeckt, wenn die Leiche nicht geöffnet wird.

Wird die Leichenschau durch Haus- und Krankenhausärzten durchgeführt wird, birgt sie weitere Probleme, wie kürzlich erneut eine Studie zeigte. Vor einer Feuerbestattung schreibt das Gesetz eine zweite Leichenschau vor. Im Rahmen dieser Begutachtung überprüften Rechtsmediziner um Professor Thomas Bojanowski am Krematorium Essen die Daten der ersten Leichenschauen von 2365 Verstorbenen. Dafür wurden die Eintragungen auf dem Totenschein auf Vollständigkeit und Plausibilität geprüft und mit den Ergebnissen der Leichenschau vor der Feuerbestattung verglichen. Das Ergebnis war eindeutig: In 20,6 Prozent aller Fälle traten Unklarheiten oder Fehler auf. Bei 4,5 Prozent wurde der Tod festgestellt, ohne, dass es sichere Anzeichen dafür gegeben hatte. In 26 Fällen sind die Ärzte fälschlicherweise von einer natürlichen Todesursache ausgegangen. Diese Akten wurden an die Polizei übergeben. Auch der Münsteraner Rechtsmediziner Bernd Brinkmann schaute für eine Studie einmal genauer nach: Auf den Totenscheinen als natürlicher Tod ausgewiesen, entpuppte sich ein Viertel der nachuntersuchten Fälle als Suizide, Unfälle, Falschdiagnosen oder Tötungsdelikte.

Fortbildungen sind eher selten

Für die Fehler bei der Leichenschau gibt es verschiedene Gründe. Das Hauptproblem für niedergelassene Ärzte sei der Interessenskonflikt in der Rolle als fürsorgender Hausarzt einerseits und neutraler Sachverständiger andererseits, schreibt Markus Rothschild in einem Beitrag für das Fachblatt „Rechtsmedizin“. Vor allem in Altenheimen drohen die Verantwortlichen den Ärzten mit Beendigung des Geschäftsverhältnisses, wenn sie die Polizei ins Haus holen. Zudem wird das Thema Leichenschau nur am Rande des Medizinstudiums behandelt und Fortbildungen sind selten.

Diese Situation verschärft sich zusätzlich dadurch, dass den Universitäten die finanziellen Mittel für die Lehrstühle gekürzt werden. Die Folge: Allein zwischen 1993 und 2010 wurden elf von 32 Lehrstühlen für Rechtsmedizin in Deutschland geschlossen oder sind unbesetzt. Häufig gibt es für den wissenschaftlichen Nachwuchs nur Zeitverträge und wer es bis 30 nicht geschafft hat, eine Festanstellung zu ergattern, für den sieht es schlecht aus. Auch bei der Drittmittelvergabe sind kleine Fächer wie die Rechtsmedizin benachteiligt. Es gibt weniger Zeitschriften und auch weniger Leser. Doch die finanzielle Unterstützung hängt auch von der Rate an hochrangigen Publikationen ab. Ohne hochrangige Publikationen bleibt der Geldsegen aus und die Forschung leidet. Ein Teufelskreis entsteht – oft zu Lasten der Arbeitsqualität.

102 Wertungen (4.62 ø)
Medizin

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12 Kommentare:

Prof. Dr.rer.nat. Peter M. Schneider
Prof. Dr.rer.nat. Peter M. Schneider

Wer sich über das “Phantom von Heilbronn” informieren will (das mit der Rechtsmedizin eigentlich nichts zu tun hatte), dem lege ich den folgenden Artikel ans Herz:
http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=65020

#12 |
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Auch wenn die Diskussion etwas von der “Gerichtsmedizin” weggwedriftet ist: Als kleiner Krankenhausarzt wünschte ich mir oft, wir hätten in Deutschland die oligatorische Obduktion. Weil selbst da, wo ein Patient alters- und krankheits-“adäquat” stirbt, ich gerne Klarheit über die genaue Todesursache hätte. Auch wenn nichts “falsch” gelaufen ist, lernen könnte man daraus immer eetwas, und mehr, realtiv harte Daten für die Wissenschaft wären auch nützlich.

#11 |
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Ärztegemeinschaft  Amedis
Ärztegemeinschaft Amedis

DAs Phantom von Heilbronn geht auf analytische Schlampigkeit zurück. Normal müsste ja eine Leerprobe mitgemacht werden. Dann würde sehr schnell auffallen, dass die Leerprobe nicht leer ist. Das ist wirklich gruselig, dass derart schlampig gearbeitet wird.

#10 |
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Alter Wein in neuen Schläuchen.
‘Da gab es doch cen Münsterwitz von der staistischen Beleuchtungsmöglihckeit von Friedhöfen wenn alle nicht erkannten kriminellen Todesfälle an ihren Gräbern ein e Strassenlaterne mit Dauerbeleuchtung bekämen…

#9 |
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Meine Erfahrungen in 20-jähriger Notarzttätigkeit decken sich mit denen des Kollegen Schoolmann. Man kann sich so viel Mühe geben wie man will – wenn die Staatsanwaltschaft nicht will, dann passiert nichts: ein Drogentoter auf den Gleisen unter einer Eisenbahnbrücke mit Schleifspuren am Thorax und auf der Strasse war ein “Suizid”, Eine Senjorin mit großem Speisebolus in der Luftröhre ein “natürlicher Tod” – Kommentar der Polizei: in dem Alter ist Sterben normal…

#8 |
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Tatsache ist doch, dass, ob natürlich oder nicht natürlich gestorben, die meisten Diagnosen auf Totenscheinen das Papier nicht wert sind, auf dem sie stehen. Wenn der Tod nicht gerade erwartet wurde, sondern plötzlich eintritt, dürfte das Stellen der richtigen Diagnose ähnlich wahrscheinlich sein wie drei Richtige im Lotto. In diesem Land hat doch gar keiner ein Interesse an einer zuverlässigen Todesursachenstatistik. Da wird dann auch schon mal der Antrag auf mehr rechtsmedizinische Institute in NRW im Parlament abgelehnt mit der Begründung, dass dann ja mehr Tötungsdelikte gefunden würden und dass NRW dann schlecht dasteht in der Statistik. Es wurden stattdessen zwei Institute geschlossen, wenn ich die Geschichte richtig in Erinnerung habe.
Auf meine Totenscheine kommt nur noch “Ursache: unbekannt”, das kann ich wenigstens sicher sagen, sollen sich die Gesundheitsämter damit herumärgern.

#7 |
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In welchem Bereich unseres Lebens gibt es keine Fehler und Unzulänglichkeiten ?

#6 |
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Dennoch ist die Misere der Rechtsmedizin (geringe Obduktionsrate, kleine Budgets, kein Berufsnachwuchs) auch die Misere der Pathologie. Schlimm ist nicht nur, dass durch die lächerlich geringe Obduktionsrate Tötungsdelikte übersehen werden, sondern auch, dass auf der Basis falscher Diagnosen/Todesursachenstatistik falsche Weichen in der Gesundheitspolitik gestellt werden.

#5 |
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Es regt mich unglaublich auf, dass mal wieder die schlampig arbeitenden (Kranken-) Haus- und Notärzte schuld an der schlechten Aufklärungsrate bzgl. unnatürlicher Tode bzw. Tötungsdelikten sein sollen. Meine Erfahrung als Notarzt ist eine ganz andere. Vonseiten der Polizei wird mir fast immer, wenn ich eine “ungeklärte Todesursache” bescheinige, das Gefühl gegeben, zu kleinlich zu sein und unnötige Arbeit zu veranlassen. Und selbst dann, wenn ich eine Obduktion dringend anrate, wird diese fast nie vom Staatsanwalt angeordnet. Die Mittel dafür sind wohl gar nicht vorhanden. Verbreiten Sie bitte also nicht andauernd das Horrormärchen vom Messer-im-Rücken-übersehenden Basismediziner sondern nennen Sie das wirkliche Problem beim Namen.

#4 |
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Nichtmedizinische Berufe

Liebe Leser,

Sie haben vollkommen recht, uns ist das “Forensische” vor der “Pathologie” in der Headline irgendwie abhanden gekommen.

Vielen Dank für Ihren Hinweis.

Mit besten Grüßen

Ihr DocCheck News-Team

#3 |
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Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen! Traurig, traurig, dass auch Medizinjournalisten diesen kleinen aber feinen Unterschied nicht zu kennen scheinen! Dabei wird doch selbst im Fernsehen erklärt, dass Prof.Dr.Börne, Dr.Kolmar und Frau Dr.Sommer Rechtsmediziner sind…

#2 |
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Dr. med. Toni Birtel
Dr. med. Toni Birtel

Forensic und Pathologie; beide arbeiten mit Toten….
Hier geht es ja wohl eher um die Rechtsmedizin und die forensische Pathologie…

#1 |
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