Sinn und Unsinn von klinischen Studien

5. Juli 2016
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Forscher stellen pro Jahr rund 5.000 Studienanträge. Vom Großteil aller Arbeiten profitieren Patienten nicht – und unliebsame Resultate verschwinden im Dunkel der Geschichte. Eine hochkarätig besetzte Initiative fordert jetzt mehr Transparenz.

Bei vielen Kollegen ist John P. A. Ioannidis, Jahrgang 1965, nicht sonderlich beliebt. Er weist sie regelmäßig auf Fehler bei klinischen Studien hin. Und seine Expertise lässt sich kaum infrage stellen. Der Amerikaner hat eine Professur für Medicine, Health Research and Policy an der Stanford University School of Medicine und eine Professur für Statistik an der Stanford University School of Humanities and Sciences inne. Gleichzeitig leitet Ioannidis das Stanford Prevention Research Center. Zusammen mit Steven N. Goodman steht er auch an der Spitze des Meta-Research Innovation Centers in Stanford: eine Institution, die wissenschaftliche Praktiken verbessern will.

Forschung mit Fehlern

Sein erster Paukenschlag geht auf das Jahr 2005 zurück. Ioannidis´ Beitrag „Why Most Published Research Findings Are False“ hat bis heute wenig an Aktualität eingebüßt. Kleine Studienpopulationen, fehlende wissenschaftliche Konkurrenz, statistische Schwächen, aber auch wirtschaftliche Interessen führten oft zum Bias, schreibt Ioannidis.

Gleichzeitig kritisiert er, bei brandheißen Themen werde so mancher Artikel durchgewunken, um möglichst rasch zu publizieren. Bestes Beispiel ist die Gender-Medizin. Nach frühen Vorarbeiten gewann das Thema in den 1990er-Jahren gewaltig an Relevanz. Forscher beleuchteten in zahllosen Veröffentlichungen die Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Zusammen mit Kollegen fand John Ioannidis via PubMed 215 Assoziationsstudien mit Bezug zum Geschlecht. Er identifizierte 432 phänotypische Geschlechterunterschiede in 77 Papers, teils mit schlechter Dokumentation. In 188 Fällen gelang es seinem Team, Rohdaten erneut auszuwerten. Lediglich 83 beschriebene Effekte erwiesen sich als statistisch signifikant mit einem P-Wert von maximal 0,05.

Ähnlich schlecht fiel eine Analyse der 49 meistzitierten klinischen Studien aus. Bei 45 Veröffentlichungen behaupteten die Autoren, ihre therapeutische Intervention sei wirksam gewesen. Dieser Aussage wurde in sieben Fällen später widersprochen, und in weiteren sieben Fällen war der Effekt deutlich schwächer als ursprünglich beschrieben. Randomisierte Studien (39 Arbeiten, neun später festgestellte Abweichungen) schnitten besser ab als nichtrandomisierte Studien (sechs Arbeiten, fünf später festgestellte Korrekturen).

Erkenntnisse verzweifelt gesucht

Jetzt holt Ioannidis zum nächsten Schlag aus. Im Beitrag „Why Most Clinical Research Is Not Useful“ befasst er sich mit dem Mehrwert klinischer Studien. Als Wissenschaftler stellt er die Bedeutung von Grundlagenforschung nicht infrage, aber „klinische Forschung ist anders und sollte einen Zweck erfüllen“. Ioannidis fordert zumindest realistische Perspektiven, um Krankheiten zu heilen oder um die Gesundheit zu verbessern. „Viele Studien, selbst aus bedeutenden medizinischen Fachzeitschriften, erfüllen diese Vorgaben nicht“, lautet sein Fazit. „Nützliche Forschung führt zu einem relevanten Erkenntniszuwachs“. Entweder gelingt es, Therapien zu optimieren – oder ein neuer Ansatz erweist sich als schlechter, verglichen mit etablierten Standards.

Als Schwachpunkte sieht der Experte Vorbereitung, Durchführung und Auswertung von Studien. Ähnliche Untersuchungen würden häufig doppelt und dreifach durchgeführt, teils aus Unkenntnis, teils aus fehlender Möglichkeit, an Rohdaten zu gelangen. Damit nicht genug: Oft wählen Forscher falsche Vergleichstherapien, die mit Realitäten wenig zu tun haben.

In Deutschland streiten sich Hersteller und Behörden regelmäßig über zweckmäßige Vergleichstherapien bei der Nutzenbewertung von Arzneimitteln. Bleiben noch die Endpunkte selbst. Einige Wochen Benefit beim Gesamtüberleben von Krebspatienten bringen nichts, wenn die Zeit mit schweren Nebenwirkungen erkauft wird. „Bei solcher Forschung geht es nur um den kommerziellen Nutzen oder die akademische Karriere“, kritisiert Ioannidis.

Auch die Rekrutierung von Teilnehmern habe oft wenig Bezug zur Realität. Einige Beispiele: Die „British Doctors Study“, die „Physicians’ Health Study“ oder die „Nurses’ Health Study“ schließen medizinisches Personal ein. Teilnehmer unterscheiden sich in zentralen Punkten, allen voran im Gesundheitsverständnis, vom Bevölkerungsdurchschnitt. Resultate seien deshalb nur bedingt übertragbar.

Das Transparenz-Team

Der Autor ist um Verbesserungsvorschläge nicht verlegen. An erster Stelle sollten Verflechtungen zwischen Industrie und Aufsichtsbehörden, aber auch der akademische Publikationsdruck, hinterfragt werden. Gleichzeitig plädiert Ioannidis für mehr Transparenz. Nur ein Bruchteil aller Resultate klinischer Studien werde auch veröffentlicht. Genau hier setzt AllTrials an.

Die Initiative geht auf Ben Goldacre, auf das BMJ, das Centre for Evidence-based Medicine, die Cochrane Collaboration, die James Lind InitiativePLOS und Sense About Science zurück. Sie fordern im Rahmen einer Petition, jede klinische Studie verbindlich zu registrieren. Nach Abschluss sollten sowohl die Resultate als auch die Patientendaten detailliert veröffentlicht werden. Mittlerweile haben 667 Institutionen beziehungsweise Firmen und 88.000 Einzelpersonen ihre Unterstützung zugesagt. Der gesellschaftliche Druck wächst.

45 Wertungen (4.76 ø)
Forschung, Pharmazie

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3 Kommentare:

Was genau ein präfinaler Patient wünscht, ist oft nicht leicht herauszubekommen. Ein “paar” Wochen mehr kann ich mir gut vorstellen, solange ich dafür nicht nahezu die selben Wochen im Krankenhaus zubringen muss. Ambulante Therapien, die einigermaßen verträglich sind, sollten in diesem Stadium greifen. Dann ist gegen neue Medikamente bzw. Therapien ja wohl nichts zu sagen. Die größten Befürworter von “geldsparenden” Therapien sehen das Ganze etwas differenzierter, wenn es sie selbst betrifft.

#3 |
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Apotheker

nun ja,

wer auf klinische studien verzichten will…gerne!

wieso ned gleich an menschen testen??? doppelind-pacebo-kontroliert…alles nur woerter…..ironie aus!!!!!!

wer sowas verlangt, kan auch gleich zu forschen aufhoeren!

nur apotheker, aber es kam doch tatsaechlich jemand zu mir der wollde augentrost, damit sich seine mutter etwas zum augen auswaschen bruehen kann!?!?

augen-AM muesen steril , euhydrisch usw. sein… wie zur hoelle soll ich sowas ohne schlechtes gewissen abgeben, ausser ich back noch nen 0,22µm filter drauf!

ich weiss nicht alle studien werden veroeffentlicht, vor allem jene die nicht das erwuenschte ergebnis bringen – selber ein opfer davon- aber sie sind und bleiben notwendig, weil wir sonnst nur noch blind fliegen wuerden!

gruesse aus ner kleienen apo!

C.B.

#2 |
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Das sollte eigentlich auf allen Gebieten so sein: Wenn ich Fördergelder erhalte, sollte ich zumindest verpflichtet sein, die Beschreibung und die Rohdaten der Versuche in einem allgemein zugänglichen Datenspeicher abzulegen, auch wenn es ein negatives Ergebnis war, welches ich nicht in eine Publikation verwandeln will.

#1 |
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