Zufriedenheitsforschung: Die Formel zum Glück

1. Juli 2016
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Beeinflusst das Glück anderer Menschen das eigene Glück? Auf Basis einer Untersuchung haben Forscher eine neue Gleichung entwickelt, die abbildet, dass unser Glück nicht nur davon abhängt, was uns widerfährt, sondern auch, wie es uns im Vergleich zu anderen Menschen ergeht.

Das Team von Wissenschaftlern unter maßgeblicher Beteiligung des Max Planck UCL Centre for Computational Psychiatry and Ageing Research in London hat herausgefunden, dass Ungleichheit im Durchschnitt das aktuelle Wohlbefinden verringert. Laut der Studie, die in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlicht wurde, gilt dieser Befund unabhängig davon, ob es Menschen besser oder schlechter geht als anderen, die sie gerade kennengelernt hatten. 2014 hatte das Team bereits eine Gleichung entwickelt, um Glück vorherzusagen, wobei die Bedeutung von Erwartungen besonders berücksichtigt wurde. In die aktualisierte Gleichung fließt nun auch der Einfluss von fremdem Glück auf die eigene Zufriedenheit ein.

Basis der Ergebnisse waren Testreihen mit Freiwilligen: Die Versuchspersonen spielten Glücksspiele, mit dem Ziel Geld zu gewinnen. Dabei bekamen sie mit, ob andere Personen die gleichen Spiele gewannen oder verloren. Gewannen die Teilnehmer ein Spiel, waren sie im Schnitt glücklicher, wenn auch ihre Partner das gleiche Spiel gewannen. Dieser Unterschied könnte auf Schuldgefühle beruhen. Allerdings waren auch viele Teilnehmer, die ein Spiel verloren hatten, im Vergleich glücklicher, wenn auch ihre Partner verloren hatten – ein Unterschied, der auf Neid zurückgeführt werden kann.

„Unsere Gleichung kann genau vorhersagen, wie glücklich Menschen sein werden – und zwar nicht nur basierend auf dem, was ihnen widerfährt, sondern auch basierend auf dem, was den Menschen um sie herum geschieht“, erklärt einer der führenden Autoren der Studie, Robb Rutledge, Fellow am Max Planck UCL Centre. „Im Durchschnitt sind wir weniger glücklich, wenn andere mehr oder weniger bekommen als wir, aber dies variiert sehr stark von Mensch zu Mensch.“

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Die Berechnung von Glück erfordert eine komplizierte Formel. © Robb Rutledge, UCL

Die Großzügigkeit in Person

Mithilfe der Gleichung konnten die Forscher auch einzuschätzen, wie großzügig eine Testperson in einem separaten Szenario agieren würde, erklärt Rutledge: „Wir haben die Teilnehmer gebeten, einen kleinen Geldbetrag mit einer anderen Person zu teilen. Abhängig davon, wie sehr Ungleichheit zuvor ihr Glück beeinflusst hatte, konnten wir vorhersagen, welche Personen sich als großzügig erweisen würden.“

Im Rahmen der Studie lösten 47 einander unbekannte Freiwillige mehrere Aufgaben in kleinen Gruppen. Eine Aufgabe war, Glücksspiele zu spielen, die sie gewinnen oder verlieren konnten. Zugleich bekamen sie mit, was eine andere Person im gleichen Spiel erhalten hatte. Manchmal war es mehr und manchmal weniger. Dadurch konnten sich die Versuchspersonen mit den Mitspielern vergleichen. Während des Experiments wurden die Teilnehmer in regelmäßigen Abständen gefragt, wie glücklich sie sich fühlten. Bei einer weiteren Aufgabe wurden die Probanden gefragt, wie sie anonym einen kleinen Geldbetrag mit einer anderen Person teilen würden, die sie gerade kennen gelernt hatten.

Im Ergebnis hing die Großzügigkeit der Teilnehmer nicht davon ab, wer der Partner war oder welchen Mitspieler sie laut eigenen Angaben bevorzugten. Das legt nahe, dass die Entscheidungen eher von festen Persönlichkeitsmerkmalen der Spieler geprägt wurden als von ihren Gefühlen gegenüber anderen Teilnehmern. Menschen, deren Glück besonders davon beeinträchtigt war, mehr als andere zu bekommen, gaben im Durchschnitt 30 Prozent ihres Geldes ab. Diejenigen, die stärker darunter litten, weniger als andere zu bekommen, gaben nur 10 Prozent.

Schuldgefühle und Neid beeinflussen Bereitschaft zum Teilen

„Unsere Ergebnisse zeigen: Großzügigkeit gegenüber Fremden hängt damit zusammen, wie Ungleichheiten unser Glück zu unseren Gunsten oder zu unserem Nachteil beeinträchtigen“, sagt Archy de Berker vom UCL Institute of Neurology. Die Menschen, die freiwillig die Hälfte ihres Geldes abgaben, zeigten keinen Neid, wenn sie beim Glücksspiel schlecht abschnitten. Stattdessen zeigten sie Schuldgefühle, wenn sie mehr erhielten als andere. Im Gegensatz dazu zeigten diejenigen, die das ganze Geld für sich behielten, beim Glücksspiel keine Anzeichen von Schuldgefühlen, wenn sie gewannen, sondern Neid, wenn sie verloren.

„Dies ist das erste Mal, dass wir einen direkten Zusammenhang zeigen konnten zwischen der Großzügigkeit von Menschen und damit, wie Ungleichheit ihr Glück beeinträchtigt“, betont de Berker. „Wirtschaftswissenschaftler hatten immer Schwierigkeiten zu erklären, aus welchem Grund manche Menschen großzügiger sind als andere. Unsere Experimente bieten eine Erklärung.“ Die Forscher halten ihren Ansatz für eine nützliche Methode, Empathie zu messen. Das könnte auch neue Einblicke in krankhafte Störungen des Sozialverhaltens ermöglichen, beispielsweise in die Borderline-Persönlichkeitsstörung. „Bestimme Aspekte von gestörtem Sozialverhalten könnten wir damit besser verstehen, etwa die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer.“

Originalpublikation:

The social contingency of momentary subjective well-being
Robb B. Rutledge et al.; Nature Communications, doi: 10.1038/ncomms11825; 2016

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2 Kommentare:

Gesundheits- und Krankenpflegerin

An Jörg Stenzel

Ein Teil der Behandlung von Borderlein-Patienten ist es, ihre empathiefähigkeit zu fördern weil sie sich meist sehr schwer in andere Menschen hineinversetzen können und sich statt dessesn je nach Schwere der Ekrankung, momentanem Stabilitätsstand nur um die eigene Achse drehen.

Bei dissozialen PS erscheint mir die Sache mit der Empathie nicht wirklich beeinflussbar!

#2 |
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Psychotherapeut

Interessante Studie. Aber den Zusammenhang ausgerechnet mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung verstehe ich nicht?! Sollte es nicht eher für die dissoziale Persönlichkeitsstörung oder den (aktuell nicht im ICD vorkommenden) Narzissmus von Bedeutung sein?

#1 |
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