Arzneimittelversorgung: Erste Brexit-Bilanz

28. Juni 2016
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Am 23. Juni stimmten 51,9 Prozent aller Wahlberechtigten des Vereinigten Königreichs für einen Austritt aus der EU. Nicht nur Finanzmärkte sind in Aufruhr. Die Folgen für unser Gesundheitssystem lassen sich derzeit kaum abschätzen.

Eine folgenschwere Entscheidung: Bereits im Jahr 2013 hatte Premierminister David Cameron versucht, Euroskeptikern den Wind aus ihren Segeln zu nehmen. Er schlug ein Referendum über den Verbleib in der Europäischen Union vor – mit fatalem Ausgang: Jetzt hat sich eine knappe Mehrheit dafür ausgesprochen, der EU den Rücken zu kehren. Während im Inselstaat das große Stühlerücken beginnt, als möglicher Nachfolger Camerons gelten die Brexit-Befürworter Boris Johnson oder Michael Gove, befürchten Health Professionals Folgen für Deutschland.

„Über Jahrzehnte gewachsene wechselseitige Handelsverbindungen“

Arzneimittelhersteller trifft der Brexit besonders hart. „Die pharmazeutische Industrie ist durch die enge Verflechtung Großbritanniens in der Europäischen Union gekennzeichnet“, erklärt Dr. Martin Zentgraf, Vorstand des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI). „Uns verbinden über Jahrzehnte gewachsene wechselseitige Handelsverbindungen, die wir nun innerhalb von kurzer Zeit auf eine neue Grundlage stellen müssen – soweit dies überhaupt möglich sein wird. Auf Unternehmen sieht er „große Anstrengungen“ sowie „bürokratische Hürden“ zukommen. Zentgraf fürchtet um die „Errungenschaften der Arzneimittelversorgung in Europa“.

Ähnlich äußert sich Dr. Hermann Kortland, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Arzneimittelhersteller (BAH): „Wir bedauern das Ergebnis der Abstimmung zutiefst und halten es für politisch wie wirtschaftlich verheerend.“

Großhändler ganz kleinlaut

Neben Herstellern gerät auch der pharmazeutische Großhandel ist in die Schusslinie. Vordergründig äußern Branchengiganten lediglich ihr Bedauern über den Brexit. Tatsächlich können sie wirtschaftliche Folgen nicht beziffern. Für Celesio ist Großbritannien ohnehin ein heißes Pflaster. Das bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) sank im Geschäftsjahr 2015/2016 um 3,1 Prozent auf 426,6 Millionen Euro – unter anderem durch staatlich verordnete Preissenkungen im Inselstaat. Celesio erwirtschaftet etwa ein Drittel des Konzernumsatzes von 21,4 Milliarden Euro in UK.

Mitte 2015 erwarb die Celesio-Tochter Lloyds Pharmacy 281 Apotheken von Sainsbury’s für 125 Millionen Britische Pfund, also 176 Millionen Euro nach dem damaligen Kurs. Als weiteres Standbein ist der Pharmagroßhändler AAH Pharmaceuticals in Großbritannien präsent.

Kein Einzelfall: Phoenix erwirtschaftet auf auf der Insel rund sieben Prozent des Gesamtumsatzes von 23,2 Milliarden Euro. Reimporteure sind ebenfalls besorgt. Brancheninsider befürchten Einbußen durch Hürden bei Parallelimporten.

Lloyds Pharmacy

Filiale von Lloyds Pharmacy in Garforth, Yorkshire. Foto: wikimedia

Packt die EMA ihre Koffer?

Vom Handel zur Verwaltung. Eines der ersten administrativen Brexit-Opfer könnte die europäische Arzneimittel-Agentur EMA in London werden. „Die Behörde wird einen neuen Sitz nehmen müssen; die Verfahren werden in Zukunft woanders organisiert. Dadurch dürfen die pharmazeutischen Unternehmen nicht belastet werden“, so Martin Zentgraf. Im Februar hatte Anders Blanck, Chef des Pharmaverbands LIF, Interesse signalisiert und Schweden als Sitz ins Gespräch gebracht.

Deutschland lässt sich nicht lumpen. Der BAH bringt Bonn als konkreten Vorschlag in das Gespräch. Die Stadt sei „ein bedeutender Standort rund um die Zulassung und Sicherheit von Arzneimitteln“, allein schon aufgrund des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Außerdem haben viele pharmazeutischen Hersteller ihren Sitz entlang der sogenannten Rheinschiene – Büros des BAH und es Bundesgesundheitsministeriums mit inbegriffen.

DrEd: Geschäftsmodell in Schieflage

Apropos Bundesgesundheitsministerium: Zumindest ein heißes Eisen könnte Hermann Gröhe (CDU) durch den Brexit bald vom Tisch haben: Rezepte der Online-Praxis DrEd.

DrEd

DrEd bietet Patienten deuschsprachige Online-Konsultationen inklusive Verordnung an. Screenshot: DocCheck

Union und Sozialdemokraten wollen Verschreibungen ohne persönlichen Kontakt zwischen Arzt und Patient über ihre vierte AMG-Novelle einen Riegel vorschieben, doch mehrere Parlamentarier signalisierten bereits Widerstand. Die Arzneimittelverschreibungsverordnung (AMVV) stellt in Paragraph 2 „Verschreibungen aus den Mitgliedstaaten der Europäischen Union, aus den Vertragsstaaten des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum und aus der Schweiz“ gleich. Falls Großbritannien seinen jetzt eingeschlagenen Kurs fortsetzt, müssten deutsche Apotheken Rezepte aus London bald nicht mehr akzeptieren.

Bleibt noch als Umweg, Medikamente über britische Versender nach Deutschland zu schicken – deren Zulassung steht momentan nicht zur Disposition. Fraglich ist jedoch, ob sich Großbritannien weiter an europäische Regelwerke hält. Zuletzt hatten alle Mitgliedsstaaten Richtlinien zur Arzneimittelsicherheit paraphiert. Deutschland setzt die Vorgaben über securPharm um. Jetzt könnte der Inselstaat davon abrücken.

Hohe Hürden

Ganz so schnell wird sich Großbritannien jedoch nicht von allen Verpflichtungen lösen. Basis eines Austritts ist Artikel 50 des EU-Vertrags. „Auf der Grundlage der Leitlinien des Europäischen Rates handelt die Union mit diesem Staat ein Abkommen über die Einzelheiten des Austritts aus und schließt das Abkommen, wobei der Rahmen für die künftigen Beziehungen dieses Staates zur Union berücksichtigt wird“, heißt es im Dokument. Beobachter erwarten, die EU werde dem abtrünnigen Staat möglichst viele Steine in den Weg legen, um Nachahmer abzuschrecken. Bis zur Lösung aller vertraglichen Bindungen zwischen Brüssel und London wird es rund zwei Jahre dauern.

63 Wertungen (3.56 ø)

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12 Kommentare:

Pharmazeutisch-technischer Assistent (PTA)

Naja bisher ist offiziell ja noch gar nichts passiert. Das brit. Volk hat den Wunsch bekräftigt aus der EU aufzutreten. Die Regierung in London hat vom §50 noch keinen Gebrauch gemacht und ich gehe stark davon aus das bevor die brit. Regierung nicht offiziell den Antrag auf Austritt stellt werden da keine Vor Verhandlungen oder Informelle Gespräche gehalten. Das Signal an alle anderen Mitgliedstaaten sollte klar sein und klar bleiben. Ja ihr dürft die EU jederzeit verlassen dann aber mit allen positiven und vor allem negativen Konsequenzen. Das beginnt bei Reisefreiheit über Steuern und Endet bei so wichtigen Programmen wie dem ERASMUS. Bevor da politisch in der EU was passiert, wird sich GB innerlich erstmal neu sortieren müssen. Das Land ist tief gespalten und Länder wie Schottland und Nordirland oder die Exklave Gibraltar werden berechtigt prüfen dürfen und werden wie sie selbst damit umgehen. Das kann auch heißen das sie das Vereinte Königreich verlassen und als eigenständiger Staat wieder in die EU eintreten. Unterm Strich sind die Folgen im ganzen noch nicht ab zu sehen und es wird sich zeigen wie man darauf reagiert. Es bleibt interessant. Eins ist aber klar der BREXIT betrifft alle Bereiche des Lebens und Arbeitens innerhalb der EU und geht damit uns alle was an.

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@9
Richtig! Die lautesten Bravo-Rufe über den Austritt stammen von Briten, die das Erwerbsleben längst hinter sich haben. Den Jüngeren, die auch in GB die Renten erwirtschaften, wird übel mitgespielt. Noch vor wenigen Wochen meinte Herr Farage, einen sehr knappen Ausgang des Referendums zugunsten des Verbleibs in der EU nicht akzeptieren zu können. Leider meinen das nun auch viele Brexit-Gegner, nur unter umgekehrten Vorzeichen. Auch wenn der Vergleich hinkt: es ist fast wie 1914. Keiner hat es gewollt, aber dann war das Unheil plötzlich da. Das britische Volk trifft keine Schuld. Die jahrelange Agitation der Politiker hat Wirkung gezeigt. Nun ist der Geist eben aus der Flasche. Dass die stark vernetzte Pharmabranche not amused ist, war zu erwarten. Aber sie wird sicher Mittel und Wege finden. Wie immer.

#11 |
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@ #4:
Daß damit Schluß sein müsste, ist eigentlich klar. Ob es das ist, nicht. Man wird die Briten anschwuchteln. Síe sind ja SOOO wichtig.

#10 |
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Dipl.-Med. Eveline Harnisch
Dipl.-Med. Eveline Harnisch

@ Gast: Wer ist denn die Zielgruppe Ihrer Glückwünsche? Das britische Volk (vor allem die Jugend) wird sehr bald erfahren das die Glückwünsche für sie nur Hohn bedeuten, nur die Demagogen die für den Brexit gekämpft haben werden sich nachhaltig über Glückwünsche, vor allem aus Deutschland, freuen. In der Kampagne im Vorfeld des Referendums wurde seitens der Brexit-Befürworter nur mit Lügen gearbeitet und Haß gesät und leider ist dies bei einem großen Teil des Volkes auf fruchtbaren Boden gefallen. Viele politisch Uninteressierte wußten bis kurz vor dem Referendum noch gar nicht mal worum es geht, sondern haben sich leider vor den Karren von Boris Johnson & Co. spannen lassen der hier aus egoistischen, rücksichtslosen Streben an die Macht heraus seine Nation gespalten und Europa geopfert hat. Leider haben unsere Befreier
von 1945, die darauf bis heute noch sehr stolz sind selbst nichts aus der Geschichte gelernt. Britannien first, Ausländer unerwünscht und so weiter… . So fing es 1933 in good old Germany auch an. Der Rest ist bekannt.
Bereits am ersten Tag nach dem Referendum wurden in UK viele Polen genau so angegangen wie die Juden in Deutschland nach dem 30. Januar 1933.
@ Gast: Immer noch der Meinung die Briten beglückwünschen zu müssen?

#9 |
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Unabhängig davon, ob man einen Austrittswunsch jetzt gut findet oder nicht: Es waren nur 37% der Wahlberechtigten, die für den Austritt stimmten, nicht 52% (Wahlbeteiligung nur 72%). Das heißt, ein rundes Drittel der Bevölkerung stimmt über eine Entscheidung von solcher Tragweite ab? Eine einfache Mehrheit scheint mir bei einer Sache von solcher Tragweite doch zu wenig zu sein. Offenbar finden das auch viele Briten.
Mich wundert, dass die hohen Europavertreter es vor diesem Hintergrund so eilig haben, Großbritannien loszuwerden. Man könnte glatt auf die Idee kommen, dass dieses fragwürdige Votum manchem verbliebenen Staat sehr gelegen kommt. Besser wäre sicher einmal ganz in Ruhe zu überlegen, ob nicht das europäische Parlament die Demokratie gefährdet (z.B. Einführung von CETA klammheimlich durch die Hintertür), Gleichmacherei, Nivellierung und Abschaffung von nationalen und regionalen Besonderheiten etc. und was man dagegen tun kann, sonst werden solche Unmutsäußerungen wie diese Abstimmung womöglich Schule machen. Und das wäre in der Tat schade, da die Europäische Union in der Tat auch viel Gutes bewirkt hat.

#8 |
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Johannes Reinders
Johannes Reinders

Durch die Volksabstimmung haben wir ein Meinungsbild, nicht mehr. Erst wenn
die Regierung den Austrittsantrag stellt, beginnt ein Scheidungsverfahren, das
etwa 2 Jahre dauern wird. Beachten wir, dass die Briten sich nicht länger von
Brüssel gängeln lassen wollen wie wir. Es ist noch nicht raus, wer zuletzt lacht.
Den wirtschaftlichen Nachteilen stehen politische Freiheiten als Vorteile gegen-über. – Jetzt jedenfalls ist durch die Abwertung des Pfundes so manches
Schnäppchen für uns zu machen, und sei es nur ein kostengünstiger Urlaub.

#7 |
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Burkart Frenz
Burkart Frenz

Vorerst ist das Scheidungsverfahren Namens Brexit angedroht und noch nicht vollzogen. Desweiteren dürften die juristischen und ökonomisch notwendigen Entflechtungen Jahre benötigen. Und trotzdem gehören die Briten zu Europa.
Ich möchte aber auf den, aus meiner Sicht wichtigsten Punkt verweisen : im über Jahrhunderte kriegsgeplagten Europa herrscht auch Dank EWG/EG/EU seit über 70 Frieden. Zumindest in Westeuropa.

#6 |
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Gast
Gast

Der Kommentar ist nicht kommentierest er ist richtig!!!

#5 |
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Gast
Gast

Es geht nicht darum, die Briten abzustrafen. Es wurde nur ganz klar gemacht, dass ein Austritt auch alle negativen Folgen beinhaltet, die das Verlassen der EU nach sich zieht (z.B. Gelder, Grenzregelungen, etc.). Die Briten haben bisher ja immer nur zu gerne versucht, sich vor möglichst vielen Pflichten zu drücken, aber trotzdem zu kassieren was geht. Damit ist dann jetzt halt Schluss.
Und dass sich die Haltung zu Schottland geändert hat ist ja wohl kein Wunder – eines der größten Argumente gegen die Abspaltung war schließlich damals, dass man damit (zumindest vorerst) auch aus der EU ausgetreten wäre.

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Elke Engelhardt
Elke Engelhardt

Nun, zunächst haben nur 72% der britischen Bevölkerung abgestimmt, immerhin gibt es da Volksabstimmungen, wie sich das für eine Demokratie ghört.

Des weiteren haben Sie recht, statt das Ergebnis als demokratisch zu akzeptieren werden Überlegungen von ganz oben in der EU geäußert, wie man die Briten bzw Großbritannien abstrafen kann. Hat man noch vor kurzem gebangt, dass Schottland aus dem GB Verbund austritt werden jetzt Stimmen laut die schottischen Separatisten zu unterstützen, um Großbritannien endlich zu besiegen.
Das beste wäre die Abstimmung der Briten zu akzeptieren und schnell darüber nachzudenken, wie man dennoch mit der zweitstärksten Wirtschaftsmacht in Europa weiterhin zusammenarbeiten kann – stattdessen werden gerade in den deutschen Medien die Zungen gewetzt und fremdenfeindliche Tiraden gegen GB und das Volk dort verbreitet.
Deutsche Banken und Firmen überlegen fieberhaft, wie sie Kapital aus dem Brexid schlagen können, so sieht es aus!

#3 |
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Keiner wollte das, nicht mal die Briten. Sie wollten doch bloß “spielen”.
Jetzt haben sie den Salat!

#2 |
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Gast
Gast

Endlich ein Weckruf an die korrupte EU mit ihrer Mißwirtschaft !
Gratulation an die Briten.
DEXIT jetzt statt noch mehr deutsches Geld in dieses Faß ohne Boden !

#1 |
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