Palliativmedizin: Mein Tod gehört mir

23. Januar 2013
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Krebs im Endstadium: Oft werden Patienten um die Chance gebracht, in ihren letzten Wochen noch wichtige Angelegenheiten zu regeln. Nur ist die Kommunikation in Ausnahmesituationen nicht gerade einfach.

Am Ende des Lebens eines Patienten mit Tumorerkrankungen greifen viele Kollegen zu aggressiven Therapien. Was medizinisch lege artis ist, entspricht nicht immer dem ureigenen Wunsch todkranker Menschen. Bessere Entscheidungshilfen sind gefragt.

Erfolgreicher Dialog – klare Meinung

US-amerikanische Onkologen untersuchten im Rahmen einer prospektiven Kohortenstudie Krankheitsverläufe von 1.231 Patienten mit Lungen– oder Darmkrebs im Endstadium. Rund die Hälfte aller Teilnehmer bekam noch kurz vor dem Tod Chemotherapien, intensivmedizinische Betreuung oder Akutversorgung im Krankenhaus. Patienten, die mit ihrem Arzt die letzten Wochen ihres Lebens besprachen, erhielten weitaus seltener aggressive Behandlungen als die Vergleichsgruppe. Sie wurden jedoch häufiger in Hospizen betreut. Palliative Chemotherapien kurz vor dem Tod seien nicht generell abzulehnen, betonen die Autoren. Die Behandlung müsse allerdings mit Patienten besprochen und mit deren Vorstellung abgeglichen werden. Viele Krebskranke wünschen sich mehr Zeit, und genau hier finden Zytostatika ihren sinnvollen Einsatz. “Aber die meisten, die um ihren Tod wissen, wollen eigentlich keine derartige Versorgung”, gibt Jennifer W. Mack vom Dana-Farber Cancer Institute, Boston, zu bedenken. Um ihre Patienten besser in Entscheidungen mit einzubinden, sollten Ärzte frühzeitig Gespräche anbieten und nicht warten, bis sich deren Gesundheitszustand rapide verschlechtert hat.

Palliativmedizin oder Heilung?

Was medizinisch einleuchtet, ist aus Sicht von Laien nicht immer klar: Viele Patienten wiegen sich in falscher Sicherheit, ihre Behandlung könne den Krebs besiegen. Konzepte wie die Palliativmedizin sind ihnen fremd. Zu diesem Ergebnis kamen jetzt Onkologen um Jane C. Weeks vom Dana-Farber Cancer Institute. Dazu nahmen Kollegen 1.193 Patienten in ihre Studie auf. Bei allen Teilnehmern war vier Monate zuvor metastasierender Lungen- oder Darmkrebs diagnostiziert worden. Neben medizinischen Daten ergänzten Interviews das Gesamtbild. Weeks Fazit: Rund 69 Prozent aller Patienten mit Lungenkrebs und 81 Prozent aller Patienten mit Darmkrebs waren überzeugt, dass Onkologen mit palliativmedizinischen Ansätzen eine Heilung bewirken könnten.

Erstaunlicherweise fanden die Autoren falsche Vorstellungen häufig bei Krebspatienten, die von einer besonders guten Kommunikation mit ihrem Arzt berichteten. “Falls Patienten nicht wissen, ob ihre Therapie eine realistische Perspektive auf Heilung verspricht, können sie keine fundierten Entscheidungen hinsichtlich ihrer weiteren Behandlung treffen. Diese Missverständnisse hindern Menschen daran, ihr Lebensende wunschgemäß zu planen”, gibt Weeks zu bedenken.

“Kommunikationsproblem nicht verschweigen”

Doch was ist zu unternehmen? In einem Editorial begeben sich Dan L. Longo, stellvertretender Chefredakteur beim “New England Journal of Medicine”, und Thomas J. Smith, John Hopkins School of Medicine, auf die Suche nach Lösungen. Viele Menschen sind optimistisch, und Todkranke bilden hier keine Ausnahme. “Falls Patienten unrealistische Erwartungen hinsichtlich einer Heilung haben, beispielsweise in der Palliativversorgung, haben wir ein ernsthaftes Kommunikationsproblem, das wir nicht verschweigen dürfen”, geben Longo und Smith zu bedenken. Das Thema zieht weitere Fragen nach sich: Haben Betroffene nicht erfahren oder nicht verstanden, dass ihre palliative Therapie keine Heilung verspricht? Oder wollten sie die Hiobsbotschaft einfach nicht glauben?

Zwar gehen US-amerikanischen Daten zufolge zwei von drei Kollegen im ersten Gespräch nach Vorliegen aller diagnostischen Daten auf die unheilbare Krankheit ein. Nur ein Drittel nennt aber die Prognose – beim Erstgespräch oder zu einem späteren Zeitpunkt. Das hat Konsequenzen: Rund zwei Monate vor ihrem Lebensende fehlten beispielsweise 50 Prozent aller Patienten mit Lungenkrebs im Endstadium wichtige Informationen über Hospize oder über Möglichkeiten der ambulanten Palliativpflege.

Vorurteile auf der Goldwaage

Jennifer W. Mack begab sich auf die Fährte zahlreicher Vorurteile, die Kollegen von ehrlichen Gesprächen mit Krebspatienten abhalten. Ihre Analyse:

  • Die Wahrheit deprimiert Patienten. Falsch – ehrliche Informationen ermöglichen eine bessere Planung der letzten Monate. Onkologen fanden bei der “Coping with Cancer”-Studie keine Hinweise auf mehr Depression oder Sorgen beziehungsweise Ängste nach ehrlichen Gesprächen.
  • Es ist schwer, eine genaue Prognose abzugeben. Aus wissenschaftlicher Sicht richtig, Untersuchungen zufolge waren Einschätzungen mit teils großen Fehlern behaftet. Das ist aber keine Entschuldigung, Patienten im Ungewissen zu lassen. Grobe Zeiträume können in den meisten Fällen trotzdem angegeben werden.
  • Palliativmedizin oder Pflege in einem Hospiz verringern die Lebenserwartung. Falsch – viele Arbeiten zeigen genau das Gegenteil. Thomas J. Smith hat jetzt sieben randomisierte, kontrollierte Studien ausgewertet. Sein Fazit: Wird die Palliativtherapie mit Standardtherapien kombiniert, profitieren Patienten hinsichtlich ihrer Lebenserwartung sogar von diesem Konzept. Auch war seltener stationäre Intensivpflege erforderlich. Hinweise auf negative Effekte fand er in der Literatur nicht.
  • Gespräche über das baldige Lebensende stellen Ärzte vor große Herausforderungen. Richtig – besonders schlimm ist, Hiobsbotschaften Patienten zu überbringen, zu denen eine langjährige Bindung besteht. Letztlich helfen nur Trainings und Supervisionen, um mit der Situation professional umzugehen.

Ask – tell – ask

Ein Weg aus dem Dilemma: Longo und Smith empfehlen, dass Onkologen stärker personalisierte Informationen vermitteln sollten. Hier gilt als erprobte Technik, zu fragen, selbst zu erzählen und dann erneut nachzufragen (“ask, tell, ask”). Bereits beim ersten Gespräch sei auf Prognosen einzugehen und spätestens beim dritten Termin raten die Autoren, über Hospize oder Möglichkeiten der Palliativversorgung zu informieren. Neben der Prognose gelten eigene Wertvorstellungen rund um Religion oder philosophische Weltanschauung ebenfalls als wichtiges Thema.

Entscheidungshilfen zum Mitnehmen

Oftmals sind Patienten nach der niederschmetternden Diagnose so schockiert, dass sie einfach dichtmachen. Kanadische Onkologen entwickelten deshalb eine Entscheidungshilfe zum Mitnehmen. Sie testeten ihr Tool im Rahmen einer randomisierten Studie an 207 Menschen mit Darmkrebs im Endstadium. Patienten, die eine Patienteninformation, einen Audioguide sowie diverse Fragebögen erhielten, waren im ersten Folgegespräch besser hinsichtlich ihrer Prognose, möglicher Therapien und palliativer Ansätzen informiert und trafen leichter wichtige Entscheidungen. Sie hatten keinesfalls mehr Angst als die Vergleichsgruppe ohne Informationsmaterial. Entsprechende Tools können schwierige Gespräche allenfalls unterstützen, aber nicht ersetzen.

235 Wertungen (4.57 ø)
Medizin, Onkologie

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20 Kommentare:

Eine sehr infomative und für mich hilfreiche Darstellung und Diskusion der Problematik.

#20 |
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Rettungsassistent

Ein Artikel, der alle angeht: Patienten, Angehörige, Ärzte, Pflegepersonal.
Es gibt ihn nicht, den “Königsweg”, den “Gold-Standard” wenn es darum geht, Patienten mit einem aussichtslosen Krankheitsbild, mit infauster Prognose vertraut zu machen.
Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, dass es gut ist, die Last – falls möglich – auf viele Schultern zu verteilen.
Während die nächsten Angehörigen mit der endgültigen Diagnose überfordert sein können, ist der Betroffene vielleicht froh über ein offenes Wort, dass ihm Raum gibt die persönlichen Angelegenheiten zu regeln und sich ganz bewußt auf das einzustellen, was in der nächsten Zeit auf ihn zukommt. Der Ambulante Paliativdienst hat in meinem nächsten Umfeld eine bemerkenswerte, gute und vor allem menschliche Arbeit geleistet. Das kann aber m. M. nach nur gelingen, wenn man offen darüber spricht bzw. sprechen kann.
Ob Chemotherapien Sinn machen, kommt sicher auf den Einzelfall an; sie ist jedoch nicht immer ein “Zeitgeschenk”, dass sich viele Betroffene so sehr wünschen.

#19 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Hallo, ich bin 36 und am Anfang des Weges. Eine Raumforderung im Stammhirn und Kleinhirn. Punktion steht noch bevor. Ich wünsche mir ehrliche Aufklärung. Nur so kann ich meiner Verantwortung meinen Kindern (3, 5 Jahre) und meinem Mann gerecht werden. Nur so habe ich die Chance, herauszufinden, was ich will. Ich hoffe ich erfahre diese Ehrlichkeit. Ich brauche sie!!!
Gebe Gott (oder sonst wer) den Fachleuten die Kraft, richtig zu handeln. Danke.

#18 |
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Dr. Sandra Single
Dr. Sandra Single

Im eigenen Verwandtenkreis erlebt: der Arzt hat keine Zeit, intesiv aufzuklären (nach Erst-Diagnose), und wenn dann in Fachchinesisch, so dass die Patientin rein gar nichts versteht und sich auch nicht traut, weiter zu fragen. Es wird dann später die Krankenschwester gefragt, die ist lieb und nett und redet nur von Tumor (nein, wir reden nicht von Krebs). Nach der Operation mit patholog. Untersuchung erklärt eine Jung-Aerztin den Befund. Krebs !! Patientin fällt in tiefste Depresson, denn davon hat nie einer gesprochen (und sie wollte es natürlich auch nicht heraushören). Eiestockkrebs, Stadium 3b. Alle Aerzte redeten dann nur noch in düsteren Szenarien, nur die Frauenärztin sah es positiv – immerhin nur 3b. Dieses Stadium hat zumindest eine gewisse Ueberlebenschance. Als dann ein Allgemenarzt aufgesucht wurde (von mir und der Patientin) um Anti-Depressiva zu erhalten, da ich sonst für die belastende Chemotehrapie schwarz gesehen hatte, wurde ich abgespeist, aha, man stellt den Patienten ruhig, damit die Familie durch die Depression nicht belastet wird … eine Psychotherapie wäre doch das Richtige. NEIN. Wenn eine Chemo demnächst anfängt, muss der Patient mitziehen, dazu müssen die Depressionen bekämpft sein (ich rede nicht von Heilen).
Das Ganze ist 5 Jahre her … Patient lebt noch, gilt als geheilt. Wir hatten Glück, ich glaube zur Heilung haben auch viel die Enkelkinder (eines davon noch im Bauch)) und der Sohn (aktiv) beigetragen. Das hat zusammen mit den Anti-Depressiva den Uerber-Lebenswillen gestärkt. Psychotherapie war dann auch nicht mehr nötig (was eh lächerlich ist, wenn man in einer solchen Akut-situation alle 1-2 Wochen eine Sitzung hat). Das ganze System krankt. Ich wünsche mir eine Anlaufstelle mit viel Zeit und Expertise in allen Bereichen. Und das Fach ‘Leben’ in der Schule, wo auch solche Dinge gelehrt werden (was ist Krebs, warum bekommt man es (zB Rauchen bei Lungenkrebs), was hilft, was ist Tumor versus Krebs, warum Depressionen, warum Familie helfen kann, was sind Hospize, wie sichere ich mich finanziell ab … was ist Glück versus Zufriedenheit, wieso macht Schokolde kurzfristig glücklich, Sport aber langfristig …Wir können die 3. Ableitung nach dem Abi vorwärts und rückwärts rechnen, wissen aber so wenig vom Leben. Und die Eltern, die es vielleicht wissen, werden ab einem gewissen Alter der Kinder, ungern gefragt.

#17 |
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Pflegewissenschaftler

“Und dann beklagen sie sich, dass sie nicht aufgeklärt wurden.””… und sie beklagten sich behement über die noch nicht erfolgte Beratung und Aufklärung.”
Diese Sätze sind aus meiner Sicht symptomatisch für den noch weit verbreiteten Blickwinkel der Medizin auf den Menschen: Er hat schlimmste Nachrichten rational zu verarbeiten, medizinischem Rat zu folgen und wenn er dies nicht in gewünschtem Maße und augenblicklich tut, herrscht Unverständnis. Dabei kann dies einzig und allein der Betroffene bewerten und entscheiden. Selbstverständlich ist die Überbringung der Nachricht sehr belastend für die professionell Handelnden, aber im Fokus steht der Patient, nicht der Arzt. Mittlerweile ändert sich langsam diese Sichtweise, Gott sei Dank. Wenn man einen Patienten zehn Mal über einen Sachverhalt aufklären muss, wenn er sich dann anders entscheidet als der Arzt vorschlägt, dann ist dies in seinem Sinne zu akzeptieren und nicht mit Kopfschütteln abzutun.
Nachdem Mediziner tatsächlich nicht fundiert in Kommunikation ausgebildet werden und meist wenig Zeit für den einzelnen Patienten haben, liegt schon heute ein großer Teil deren Aufklärung in pflegerischer Hand: Nachfragen zu Visiten, Operationen, Medikationen und Behandlungen sind an der Tagesordnung. In Zukunft sind interprofessionelles, abgesprochenes Handeln und ganzheitliches Verständnis für den Patrienten gefragt, abseits der reinen Somatik.Dies alles unter Einbeziehung der Patienten und deren Angeöriger.

#16 |
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Psychotherapeutin

Zu dem Thema, ob man solche Gespräche lieber “dafür professionell ausgebildeten Leuten” überlassen sollte, möchte ich mich als Psychotherapeutin gerne äussern.
Im Angesicht des Todes sind wir alle gleich, und letztlich steht jeder Behandler (jeder Mensch!) vor der Herausforderung, sich mit seinen eigenen Ängsten auseinander zu setzen, um solche Gespräche einfühlsam und sinnvoll führen zu können. Die tollste psychotherapeutische Ausbildung hilft nicht viel, wenn ich emotional nicht in der Lage bin, mich dem Thema zu stellen, und mich deshalb auf “das wissenschaftlich korrekte Vorgehen” zurückziehe, statt ein Gespür für die individuelle Situation zu entwickeln.
Es gibt mittlerweile für Ärzte und Pflegepersonal sehr gute Fortbildungsangebote, so dass sie meines Erachtens nicht die Vermeidungsstrategie verfolgen sollten, sich hinter dem Klinikpsychologen zu verschanzen. Fassen Sie Mut und eignen Sie sich das Know-How an, das Sie brauchen, um sich solchen Gesprächen gewachsen zu fühlen, das ist ein wichtiger Teil der medizinischen Qualifikation. Fortbildung ist in diesem Fall immer auch ein Stück weit Selbsterfahrung, ohne das geht es nicht.

Der Effekt, dass Patienten vergessen, was man Ihnen über die Prognose mitgeteilt hat, ist ein wichtiger Schutzmechanismus, den man respektieren sollte. Jeder Mensch hat das Recht, bedrohliche Information erst mal wieder zu “vergessen”, wenn er dann psychisch besser überleben kann, und sollte keine Information gegen seinen Willen aufgedrängt bekommen, die er offensichtlich (noch) nicht haben will. Wenn dann einige Zeit später doch das Bedürfnis nach Information da ist (wie bei diesem eindrucksvoll geschilderten Ehepaar) würde ich erst mal genauer nachfragen, was sie denn genau wissen möchten und was diese Information für sie bedeutet, um dann zielgenau darauf eingehen zu können.
Als Einstiegslektüre könnte ich z.B. empfehlen: Breaking bad news: The S-P-I-K-E-S strategy, Robert A.Buckman, Community Oncology March/April 2005.
Es gibt mittlerweile in der medizinischen Fachliteratur auch sehr gute Lehrbuchartikel zu diesem Thema (z.B. in: Rohde und Dorn(2007), Gynäkologische Psychosomatik und Gynäkopsychiatrie, Stuttgart: Schattauer).

Vor kurzem durfte ich ca. ein Jahr lang einen Patienten begleiten, der trotz seiner metastasierten Tumorerkrankung vordergründig noch gar keine Akzeptanz fürs Sterben entwickelte (und als Mediziner kannte er alle verfügbaren Fakten!). In seinen letzten Lebenswochen machte ich deshalb mit ihm sozusagen “Undercover”-Sterbebegleitung, denn offensichtlich wusste ein Teil von ihm, was kommen wird, was er aber nicht offen machen konnte. Die letzten Sitzungen mit ihm waren für mich sehr berührend und werden mir sicher dauerhaft in Erinnerung bleiben als ganz besondere Erfahrung.Daher möchte ich Ihnen allen Mut machen, auf dieses Thema offen zuzugehen, denn das bietet die Chance auf wirklich tiefe menschliche Begegnungen, die das Herz berühren.
Mit vielen Grüssen aus dem Süden Deutschlands, S.Ecker

#15 |
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Den Kommentar von Dr. Awiszus kann ich nur beipflichten. Ich bin der Meinung, dass die Ärzte heute gut aufklären, aber die Patienten schnell “abschalten”, da es zu schmerzhaft ist. Und dann beklagen sie sich, dass sie nicht aufgeklärt wurden.

#14 |
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Dr. med Karen Awiszus
Dr. med Karen Awiszus

“Man soll dem Patienten die Wahrheit wie einen Mantel hinhalten, in den er hineinschlüpfen kann und nicht wie einen nassen Lappen um die Ohren schlagen”
Ich habe einmal eine Patientin in Anwesenheit Ihres Ehemannes ausführlich über die Erkrankung und die Prognose aufgeklärt und definitiv keine Unklarheiten gelassen. Eine Stunde später führte der Oberarzt mit dem gleichen Ehepaar (in meiner Anwesenheit) das selbe Gespräch, das Paar wusste nichts mehr – als hätte mein Gespräch nicht stattgefunden. Der OA schickte mich etwas später noch einmal in das Zimmer, um zu prüfen, wie die beiden das verkraftet hätten: Ich wurde begrüßt mit der Frage, ob heute nun das Gespräch über Diagnose etc. stattfinden würde. Dieses Spiel wiederholte sich noch mehrmals. Einige Wochen später traf ich die beiden bei der Chemotherapie und sie beklagten sich behement über die noch nicht erfolgte Beratung und Aufklärung.
Ähnliche Fälle, wenn auch nicht so extrem, erlebte ich regelmäßig.

#13 |
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Herr Prof. Rauschenbach glaubt es zu wissen: ´Wenn Ärzte im Bereich von Beratung, Gesprächen und Informationsweitergaben schlecht ausgebildet sind, sollte man es vielleicht Berufsgruppen überlassen, die dies auf akademischen Niveau gelernt haben und hier Erfahrung haben.´
Bevor Sie Defizite bei Ärzten ausmachen, lesen sie den Artikel doch nochmal, Zitat: ´Viele Patienten wiegen sich in falscher Sicherheit, ihre Behandlung könne den Krebs besiegen…. Erstaunlicherweise fanden die Autoren falsche Vorstellungen häufig bei Krebspatienten, die von einer besonders guten Kommunikation mit ihrem Arzt berichteten.´ Aha, vielleicht brauchen vielen Patienten die Vorstellung geheilt werden zu können, mehr als die Vorstellung sich auf den Tod vorzubereiten. In meiner Verwandschaft machte ich die Erfahrung, das Tod und Sterben auch bei Menschen, die ihr Leben gelebt haben und sich nicht vor dem Jenseits fürchten verdrängt wird und die verbleibene Zeit nicht für Abschied und das Ordnen der Dinge danach ungenutzt verstreicht.
Bemerkenswert ist da die Aussage von Herrn Heibges als langjähren Landarzt: ´denn der Patient oder sein beauftragter Angehöriger bestimmt die erwünschte Grenze der möglichen Informationen´.
Abgesehen davon lässt sich das Patientengespräch nicht von der ärztlichen Behandlung trennen, auch wenn es Sprecher ´anderer akademisch ausgebildete Berufsgruppen´ wie Herrn Rauschenbach als Psychologen gibt, die denken, die Gradwanderung der täglichen Mängelverwaltung besser bewältigen zu können.

#12 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Ein sehr guter Beitrag. Behutsam und einfühlsam die Wahrheit zu sagen ist nicht immer leicht. Aber letztendlich der bessere Weg. Viele Patienten möchten noch so manches regeln, und man sollte ihnen Gelegenheit dazu geben.

#11 |
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Ein wichtiger Artikel! Schön wäre es, wenn auch die kanadische Quelle für die Gesprächstools, bzw. die Texte der schriftlichen Information verfügbar gemacht würden.

#10 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Ein wirklich guter Artikel. In den letzten Jahren habe ich auf einer Palliativstation gearbeitet und mache nun eine Weiterbildung zur onkologischen Fachpflege. Einer der Gründe war, dass man viel zu oft Patienten hat, die zu spät über ihre Prognose aufgeklärt wurden oder deren Symtome nicht als Belastung ernst genommen wurden. Diesen Menschen wird die Möglichkeit genommen, sich mit ihrem Tod und den Menschen, die sie zurücklassen müssen, auseinander zu setzen. Außerdem nimmt man ihnen die Chance auf Lebensqualität durch adäquate Symptom-Kontrolle. Viel zu viele Ärzte meinen, sie könnten mit ihren üblichen Mitteln helfen oder drücken sich vor der Aufklärung in der Sprache des Patienten. Ich kann mir nicht erklären, warum sie Hilfe durch die ‘Profis’ nicht in Anspruch nehmen. Stolz, mangelnde Ausbildung in Gesprächsführung, Unvermögen, zuzugeben, dass man nicht mehr helfen kann oder Desinteresse am Patienten und seinen Bedürfnissen? Ich finde für eine mangelhafte Aufklärung, wenn der Patient sie wünscht, gibt es keine Entschuldigung. Und sollte der Patient eine Aufklärung ablehnen, ist es trotzdem die Pflicht des behandelnden Arztes, Angehörige vorzubereiten und Hilfe durch einen Spezialisten hinzuzuziehen. Die Patienten haben meist keine Angst vor dem Tod sondern vor dem Sterben. Diese Angst kann ihm ein Palliativmediziner ganz oft nehmen. Ein offenes Wort und Ohr sind für den Patienten viel ‘gesünder’ und hilfreicher als schwammige Aussagen und falsche Hoffnung. Lieber zugeben, dass man nicht weiter weiß als den Patienten unnötigen Qualen aussetzen.

#9 |
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Pflegewissenschaftler

Ein wichtiger Beitrag. Die Mängel in der Kommunikation machen deutlich, dass wir neben einem palliativmedizinischem auch einen Palliative Care-Ansatz verfolgen sollen. Wenn Ärzte im Bereich von Beratung, Gesprächen und Informationsweitergaben schlecht ausgebildet sind, sollte man es vielleicht Berufsgruppen überlassen, die dies auf akademischen Niveau gelernt haben und hier Erfahrung haben.

#8 |
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Anke Friedrichs
Anke Friedrichs

Ein sehr wichtiger Artikel! Und ich denke, die Kommunikation sollte auch auf anderer Ebene noch extrem verstärkt werden: Viele Ärzte wissen selbst zu wenig über palliative Betreuungsmöglichkeiten und haben damit Vorbehalte. Entsprechend können sie ihre Patienten dann auch nicht neutral und ausreichend beraten und auf diese Möglichkeiten hinweisen. Da gilt es noch sehr viele Brücken zu schlagen.

#7 |
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Rolf Heibges
Rolf Heibges

35 Jahre hausärztliche Landarztpraxis haben mich gelehrt, nur Fragen zu beantworten, die auch gestellt wurden. Bei der Besprechung von Untersuchungsergebnissen sind dann Schlüsselwörter “sehr ernsthafte Erkrankung, fortgeschrittenes Stadium, Begrenztheit der Therapiemöglichkeiten, Angebot, mit Angehörigen zu sprechen, Versicherung, sich hausärztlich um Schmerzen oder z.B. Ängste zu kümmern…..” die Aufforderung nachzufragen. Kommt zunächst keine Nachfrage, bleibt nur abzuwarten, bis der Leidensdruck eine Erörterung ähnlicher Fragen erfordert, denn der Patient oder sein beauftragter Angehöriger bestimmt die erwünschte Grenze der möglichen Informationen

#6 |
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Guter und auch hilfreiicher Artikel. Es reicht nicht, die Technik richhtig zu handhaben und dort alles richtig zu machen. Man muss auch die “richtigen” Sachen tun und hier bleibt gute Kommunikation, persönlich abgestimmt, die wichtigste ärztliche Leistug, zumindest inn einer “mitmenschlichen Medizin”.

#5 |
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Antje Kirchhoff
Antje Kirchhoff

Danke für diesen wichtigen Artikel. Jeder Mensch hat ein Recht auf Aufklärung und Selbstbestimmung. Ich persönlich habe die Erfahrung in sämtlichen Lebensbereichen gemacht, das Aufklärung hilfreich und wichtig ist und auch wenn sie erstmal “schockierent” ist dennoch der bessere Weg ist.

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Dr. Heinz Manfred Augsburger
Dr. Heinz Manfred Augsburger

Sicherlich richtig, die Patienten aufzuklären, jedoch erlischt bei vielen der Lebnswille, genau dieser Wille diese Kraft hat schon viele Patienten eine viel längere Lebensspanne gebracht als angenommen. Patienten mit Planungen für die Zukunft welche sich Ziele setzen erreichen oft diese Ziele, was allen Diagnosen wiederspricht. Ich denke mal, es ist wichtig abzuwiegen bei welchem Patient man nicht gleich mit der Türe ins Haus fallen soll. Wichtig ist natürlich keine falsche Prognosen zu machen. Dem Patienten der ernst der Krankheit zu offenbaren jedoch nicht gleich wichtiger Lebenswille zu nichte machen.

#3 |
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Bei der jahrelangen Betreuung intensivmedizinischer Patienten und ihrer Angeörigen habe ich die Erfahrung gemacht das die Wahrheit gekoppelt mit Unterstützung, u. a. durch mehrzeitige Gespräche i. d. R. der beste Weg sind.

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Ergotherapeutin

Vielen Dank für Ihren Artikel!
Hoffentlich lesen ihn viele Ärzte.
Als sekundär Betroffene kann ich nur
befürworten das Betroffene besser Informiert werden.

#1 |
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