E. coli: Ein Workaholic ohne Arbeit

1. Juli 2016
Teilen

Escherichia coli – das „Arbeitstier“ im Labor – hat möglichlicherweise bald ausgedient. Denn US-Genforscher schlagen vor, das Kolibakterium durch Vibrio natriegens zu ersetzen. Es soll doppelt so schnell wachsen und würde Routine-Experimente nicht unnötig aufhalten.

Genforscher der Harvard-Universität wollen die Welt der Mikrobiologen auf den Kopf stellen: George Church und seine Kollegen schlagen eine Alternative zu Escherichia coli, einem der wichtigsten Modellorganismen in der Mikrobiologie, vor. Ihrer Ansicht nach vergeude man bei wissenschaftlichen Experimenten oft unnötig viel Zeit, während man darauf warte, bis E. coli gewachsen ist und sich vermehrt hat. Sie selbst wollen zukünftig lieber auf Vibrio natriegens setzen. Denn das Bakterium ist dafür bekannt, seine Anzahl unter idealen Bedingungen alle 10 Minuten zu verdoppeln und somit doppelt so schnell wie E. coli zu wachsen.

Time to Say Goodbye?

Vor mehr als 130 Jahren entdeckt, wird E. coli seit langem als das verlässlichste Bakterium für die Forschung in der Mikrobiologie, Genetik und Biotechnologie gehandelt. Es ist deshalb zum Liebling avanciert, weil dessen Kultivierung einfach und die Sicherheitsbestimmung gering sind. Denn die vier Stämme dieser Spezies, die für gewöhnlich als Modellorganismus verwendet werden, wurden über Jahrzehnte dahingehend angepasst, in Laboren gut zu wachsen und den menschlichen Organismus nicht zu infizieren. Doch der eigentliche Grund für ihre Beliebtheit ist ein anderer. US-Genforscher monieren nun, dass es allein an den vielen Informationen über E. coli liege. „Wir benutzen E. coli nur deshalb, weil wir am meisten darüber wissen“, sagt Henry Lee, ebenfalls Genetiker an der Harvard-Universität und Churchs Forschungspartner.

Von Cholera und CRISPR

Binnen weniger Monate gelang dem Forscherteam die Transformation des V. natriegens-Bakteriums, das mit dem Cholera-Erreger Vibrio cholerae verwandt ist, u. a. mittels Genmanipulationstechniken: So konnten sie bestehende Gene in V. natriegens unterbrechen und sie mithilfe von CRISPR inaktivieren. Laut Lee gebe es keine Beweise dafür, dass V. natriegens schädlich für die Menschen sein könnte. Während der Testreihen war es nicht anfällig für sogenannte Bakteriophagen, die andere Vibrio-Bakterien dazu bringen, Choleratoxine zu produzieren. Um andere Labore zu der Arbeit mit V. natriegens zu ermutigen, hat das Forscherteam erstmals das ganze Genom des Bakteriums sequenziert und veröffentlicht sowie ideale Wachstumsbedingungen beschrieben.

Die spannende Frage, die diese Studie aufwirft, ist sicherlich nicht, ob E. coli nun weichen muss oder nicht, sondern ob hiermit schon der Weg dafür geebnet ist, beliebige Mikroben in nur wenigen Monaten statt Jahrzehnten zu zähmen, um sie für die Arbeit im Labor gefügig zu machen, schlussfolgert Adam Arkin, ein Biologe an der University of California, Berkeley, der nicht in die Studie involviert war.

Pioniere ohne Peer-Review?

Das Manuskript der Studie, das noch keine Peer-Review durchlaufen hat, erschien auf BioRxiv – einem Preprint-Server für die Biowissenschaften. Dort wird den Studienautoren die Möglichkeit gegeben, ihre Forschungsergebnisse der wissenschaftlichen Community zugänglich zu machen und von ihr Feedback zu bekommen. Das soll ihnen dabei helfen, ihre Studien später bei namhaften Journals einzureichen. Die meisten Reaktionen in den ersten Tweets, die auf den Artikel referenzieren, muten euphorisch an:

1626_Tweet_Neu_block

Quelle: biorxiv.org, Screenshot: DocCheck

Doch nicht alle teilen diese uneingeschränkte Begeisterung. Welche Bedenken andere Mikrobiologen haben, erfahren Sie hier.

13 Wertungen (4 ø)
Forschung, Medizin

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.



Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: