Mikrobiom: Alarm im Darm

24. Juni 2016
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Ab unserer Geburt sind mikrobielle Gemeinschaften im Darm zahlreichen Störfaktoren ausgesetzt. Dazu gehören Kaiserschnitte sowie künstliche Säuglingsnahrung, in erster Linie aber Arzneistoffe. Mögliche Folgen für unsere Gesundheit lassen sich schwer abschätzen.

Geheimnisvolles Mikrobiom: Über Jahrzehnte hinweg sind Forschern beim Versuch, die bakterielle Vielfalt im Darm genauer zu untersuchen, gescheitert. Viele Keime ließen sich schlichtweg nicht kultivieren. Seit spezifische Gensonden zur Verfügung stehen, sind detaillierte Einblicke in bakterielle Populationen möglich, wie mehrere Veröffentlichungen zeigen.

Therapie mit Folgen

Martin J. Blaser aus New York und Ramnik J. Xavier aus Boston haben das kindliche Mikrobiom detailliert untersucht. Zu Beginn des Lebens reduzierten Kaiserschnitte oder künstliche Säuglingsnahrung die erwünschte Bakterienvielfalt. Vaginale Geburten, Stillen und Hautkontakte erweisen sich als positiv. Schlucken kleine Patienten während der ersten Lebensjahre wiederholt Antibiotika, verringert sich die bakterielle Vielfalt ebenfalls. Bei Kindern mit allergischem Asthma sind speziell Faecalibacterium, Lachnospira, Veillonella und Rothia (FLVR) zahlenmäßig reduziert. Fehlen kurzkettige Fettsäuren aus bakterieller Produktion, steigt das Risiko allergischer Erkrankungen. Butyrat und andere Moleküle scheinen regulatorischen T-Zellen des Immunsystems zu beeinflussen. Risikokinder könnten von FLVR-Gaben profitieren, um später nicht zu erkranken.

Störfaktoren im Erwachsenenalter

Auch im Erwachsenenalter drohen dem Mikrobiom zahlreiche Gefahren, wie Jeroen Raes aus Leuven berichtet. Wissenschaftler untersuchten 1.106 Stuhlproben des Belgian Flemish Gut Flora Project (FGFP) und weitere 1.135 Proben der Dutch LifeLines-DEEP study (LLDeep). Sie fanden heraus, dass nicht nur Antibiotika unser Mikrobiom beeinflussen. Antidepressiva, Benzodiazepine, Betablocker, Hormone respektive Antikontrazeptiva, Laxanzien, Protonenpumpenhemmer, Statine und Metformin hatten ebenfalls großen Einfluss auf bakterielle Gemeinschaften. Daneben fand Raes ungünstige Auswirkungen verschiedener Krankheiten. Er nennt neben Morbus Crohn und Colitis ulcerosa auch Depressionen oder Herzinfarkte. Ernährungsgewohnheiten hinterließen ebenfalls ihre Spuren. Bleibt als Fazit: Es gibt noch viel zu erforschen.

55 Wertungen (4.05 ø)
Forschung, Pharmazie

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7 Kommentare:

Einer schreibt vom andern ab. Schon kann man es googlen und für richtig verkaufen.
So zeugt Schwachsinn Kinder. Wegen weiter Verbreitung ist Verhütung zwecklos.
Also Antikontrazeptiva am besten „peroral“ auf der Znge zergehen lassen und „peranal“ wieder entsorgen.

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Dipl.oec-troph.J.Ritschel
Dipl.oec-troph.J.Ritschel

Diese neuen Forschungen zum Mikrobiom sind hoch spannend und werden sicher noch viel Neues zu Tage fördern; dass Medikamente auf alle Zellen des Körpers (incl. die des Darmes plus Mikrobiom )eine Wirkung haben ist sicherlich für Fachkreise kein Grund zum Staunen ; wenn ich Risiken für den Nachwuchs minimieren möchte , so sollte man den Müttern vor Allem auch Kleinstmengen von Alkoholkonsum strengstens ausreden; das ist in Deutschland noch eine Kann Empfehlung-da sollte es aber eine 0 Toleranz sein; vom Rauchen ganz abgesehen- das mit dem Mikrobiom stellt sich beim Nachwuchs von ganz alleine in den richtigen Bereich ein.

#6 |
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Herr Schätzler befindet sich nicht im Irrtum: Unter Antikontrazeptiva werden sämtliche Mittel zur Schwangerschaftsverhütung wie Kondome und die Anti-Babypille zusammengefasst.
Allen, die eine gediegene humanistische Bildung genossen haben, stehen dabei natürlich die Haare zu Berge (deshalb wird Herr Schätzler das Wort in “” gesetzt haben). Aber “Volksdemokratie” ist ja auch ein real existierender Terminus.

#5 |
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Dr. D. Wagner
Dr. D. Wagner

Antikontrazeptiva gibt es nicht, höchstens Antikonzeptiva oder Kontrazeptiva.
Es lebe das große Latinum.

#4 |
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“Antikontrazeptiva” sind Medikamente, die bei Kinderwunsch eingesetzt werden. Mikrobiom-Forschungen werden derzeit m. E. überbewertet. Es gibt massenweise Studiendaten, besonders gerne in vitro im Labor: Aber im Leben draußen in vivo fehlen praktisch nutzbare Studienergebnisse und Konsequenzen für den klinischen Alltag. Da ist mir noch viel zu viel Raum für Spekulationen und zu wenig therapeutische Konsequenz.
Medscape Deutschland berichtete unter dem Titel “Umstrittene Bakterienkur: Wie riskant ist es, Säuglinge nach Sectio mit dem mütterlichen Scheidensekret einzureiben” – “in der Hoffnung, das Immunsystem der Neugeborenen auf diese Weise zu stärken und so dem Entstehen von Allergien, Asthma oder Typ-1-Diabetes vorzubeugen”.
Die Zusammensetzung der Darmbakterien solle dadurch bei Kindern, die mit Sectio caesarea geboren wurden, bei Kindern, die vaginal geboren wurden, angeglichen werden. Die Unterschiede sind naheliegend: Während natürlich geborene Kinder als erstes mit den mütterlichen Scheidenbakterien konfrontiert werden, sind es bei Kaiserschnitt-Babys in der Regel die Haut- und Umweltkeime der Umgebung.
Aber soll wirklich, während bei manchen Naturvölkern die Nabelschnur postpartal durchgebissen und das kindliche Ende zusätzlich mit Erde bestäubt wird, weil diese Rituale die Abwehrkräfte des Kindes stärken und zugleich das “Survival of the Fittest”-Prinzip festigen sollten, jetzt alle Sectio-Kinder gezielt mit Vaginalflora kontaminiert werden?
In einer aktuellen Studie taucht sogar die Hypothese auf, ein elektiver Kaiserschnitt, noch bevor die Wehen eingesetzt haben, begünstige das kindliche Risiko, später an einer akuten lymphatischen Leukämie zu erkranken. Obwohl die Ursachen der akuten lymphatischen Leukämie (ALL) noch völlig im Dunkeln liegen, wird jetzt statt der höheren ovariellen Mutationslast bei späten Erstgebärenden die dann häufigere elektive Sectio caesarea verantwortlich gemacht. Vgl.
http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/65887/Studie-Elektiver-Kaiserschnitt-koennte-Leukaemie-Risiko-erhoehen

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Heilpraktiker

Das Mikrobiom des Darmes scheint wohl einen bedeutenden Einfluss auf unsere Gesundheit zu haben. Mehr Forschung in diesem Bereich wäre wünschenswert.
Kürzlich las ich von einigen beeindruckenden Erfolgen bei Morbus Crohn durch Übertragung eines gesunden Mikroboms in den Darm des Erkrankten.

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Antikontrazeptiva hat kein Sinn. Richtig ist Kontrazeptiva.
Dr. Elmar Julius Becker

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