Essstörungen: Burger als Blickfänger

22. Juni 2016
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Jugendliche, die unter Essanfall-Störungen leiden, nehmen Bilder von Nahrungsmitteln anders wahr. Sie reagieren intensiver auf diese Bilder als auf solche mit neutralen Reizen. Diese erhöhte Aufmerksamkeit kann ausschlaggebend für den Kontrollverlust beim Essen sein.

Die Wissenschaftlergruppe um Prof. Dr. Anja Hilbert vom Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums (IFB) AdipositasErkrankungen an der Medizinischen Fakultät Leipzig legte Jugendlichen mit Essanfall-Störungen, dem sogenannten BED (Binge-Eating Disorder), Bilder mit verschiedenen Motiven vor. Im Vergleich zu gesunden Probanden schenkten die Jugendlichen mit Essanfall-Störungen den Bildern mit Nahrungsmitteln mehr Aufmerksamkeit. Diese erhöhte Aufmerksamkeit kann ausschlaggebend für die Auslösung und Aufrechterhaltung von Essanfällen sein. Die Patienten verlieren die Kontrolle über das Essen.

In einer experimentellen Studie wurden Blickbewegungen und Reaktionszeiten von Jugendlichen mit BED im Alter von 12 bis 20 Jahren untersucht. Die Probanden sahen auf einem Monitor für jeweils drei Sekunden mehrere Bildpaare von Nahrungsreizen und neutralen Bildern (Naturbilder oder Alltagsgegenstände). Die Bilder waren in Form und Farbe ähnlich. „Das Besondere an dieser Untersuchung ist, dass wir die Blickbewegungen der Probanden präzise aufzeichnen können und ein direktes Maß der visuellen Aufmerksamkeit erhalten“, betont Prof. Dr. Hilbert. Die Ergebnisse zeigen, dass Jugendliche mit BED intensiver auf Nahrungsreize reagieren. Sie haben Schwierigkeiten, ihre Aufmerksamkeit von diesen Bildern zu lösen. Die Kontrollgruppe bestand aus sogenannten „statistischen Zwillingen“: Jugendliche mit BED und Jugendliche ohne BED im gleichen Alter, mit gleichem Geschlecht und dem gleichen Gewichts- und sozioökonomischen Status schauten sich dieselben Bilder an. Es stellte sich heraus, dass Jugendliche mit BED deutlich schneller als ihr statistischer Zwilling einen Nahrungsreiz unter Nicht-Nahrungsreizen entdecken können.

Aufmerksamkeitsunterschied mit Folgen

„Anhand unserer Ergebnisse wird deutlich, dass die veränderten Aufmerksamkeitsprozesse im Zustand der Sättigung ein Merkmal gestörten Essverhaltens sein können und aus evolutionärer Sicht dysfunktional sind“, erklärt Ricarda Schmidt, Diplom-Psychologin im wissenschaftlichen Team von Prof. Hilbert. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass wichtige kognitive Funktionen zur Verhaltenskontrolle durch diesen Aufmerksamkeitsunterschied beeinträchtigt werden und enthemmtes Verhalten, wie es in Essanfällen auftritt, fördern.

Derzeit werden am IFB neue Behandlungsansätze erforscht, die die Veränderung dieser neuropsychologischen Defizite in den Vordergrund stellen. So wird unter anderem untersucht, ob ein Neurofeedback-Training bei erwachsenen Probanden mit BED wirksam zur Reduktion von Essanfällen ist. In diesem Training sollen die Probanden lernen, ihre Hirnaktivität gezielt zu verändern und beim Anblick von Nahrungsbildern einen Zustand der bewussten Entspannung und Kontrolle zu erreichen.

Originalpublikation:

Visual attentional bias for food in adolescents with binge-eating disorder
Anja Hilbert et al.; Journal of Psychiatric Research; doi: 10.1016/j.jpsychires.2016.05.016
; 2016

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