Kirche schützt vor Krankheit (nicht)

24. Juni 2016
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Einer kürzlich veröffentlichten Studie zufolge sterben Frauen, die regelmäßig Gottesdienste besuchen, seltener an kardiovaskulären oder malignen Erkrankungen. Methodisch wirft die Arbeit etliche Fragen auf.

In Deutschland stehen laut Angaben des Statistischen Bundesamts (DESTATIS) Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit 338.056 Todesfällen pro Jahr auf Platz eins, dicht gefolgt von Krebsleiden (223.758 Personen). Wissenschaftler versuchen seit Jahren, nicht nur Risiken aufzudecken, sondern auch protektive Faktoren zu identifizieren. Laut Shanshan Li aus Boston, Massachusetts, spielen Kirchenbesuche hier eine zentrale Rolle.

Li hat zusammen mit Kollegen Daten der Nurses‘ Health Study ausgewertet. Rund 75.000 Frauen wurden zwischen den Jahren 1996 und 2000 zu ihren religiösen Aktivitäten befragt. Sie waren zu diesem Zeitpunkt etwa 60 Jahre alt. 19 Prozent gingen mehr als einmal pro Woche zur Kirche, 41 Prozent einmal pro Woche, 16 Prozent weniger als einmal pro Woche, und 24 Prozent blieben Gotteshäusern komplett fern. Dabei zeigten sich auch soziale Unterschiede. Fromme Frauen hatten etwas mehr engere Freunde und verbrachten häufiger Zeit in Gruppen. Jetzt untersuchte Li, welche Unterschiede es bei der Mortalität gab. Innerhalb von 16 Jahren starben rund 13.500 Teilnehmerinnen der Studie. Kardiovaskuläre Erkrankungen standen an erster Stelle (4.500 Frauen), gefolgt von Krebserkrankungen (2.700 Frauen).

Leben fromme Frauen länger?

Anschließend korrigierte die Forscherin ihre Daten um bekannte Risikofaktoren sozialer und medizinischer Natur. Bei Frauen, die Kirchen lieber von außen sahen, fand sie 1,8 Todesfälle pro 100 Personenjahre. Gelegentliche Gottesdienstbesuche verringerten diesen Wert um 29 Prozent, und häufige Kirchgänge sogar um 45 Prozent. Das entspricht, umgerechnet auf die gesamte Studiendauer, sechs Monaten mehr Lebenszeit. Bei kardiovaskulären Todesfällen reduzierte sich das Risiko um 27 Prozent, und bei krebsbedingten Todesfällen um 21 Prozent. Als Erklärung vermutet Shanshan Li gesündere Lebensweisen, aber auch mehr psychische Widerstandsfähigkeit. Ihre Arbeit ist nicht frei von Bias.

Der Zweck heiligt die Mittel

Dass Li Kirchenbesuchen einen hohen Stellenwert einräumt, ist methodisch äußerst fragwürdig. Wer es regelmäßig in ein Gotteshaus schafft, hat zumindest keine schweren Krankheiten. Details zur Gruppe ohne Kirchenbesuch brachte die Forscherin jedoch nicht in Erfahrung. Ein Aspekt: Welche Rolle spielen säkulare, gesellschaftliche Aktivitäten wie Vereine in diesem Zusammenhang?

38 Wertungen (3.29 ø)
Forschung, Pharmazie

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15 Kommentare:

Gast
Gast

# 10 – nicht anonym – ( :-) ) : Es geht nicht um Begrifflichkeiten..

#15 |
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Frau im Gesundheitswesen
Frau im Gesundheitswesen

Ist es nicht ein alter Hut, dass gelebter Glaube/gelebte Spiritualität dem Menschen Sicherheit und Ruhe gibt? Kirchen stehen auf uralten Kraftorten, und es ist erholsam, sich in einer Kirche aufzuhalten. Soweit ich informiert bin, steht in der Bibel, dass man seine Sorgen und Nöte an Gott abgeben soll, und er wird sich darum kümmern. Kann es nicht sein, dass diese Lebenseinstellung zu einer längeren Lebensdauer führt, weil sie friedlich macht? Beten ist hier u. U. gleichzusetzen mit Meditation, aber vielleicht hinkt dieser Vergleich auch. Wer 1x/Woche zum Gottesdienst geht, lebt auch in der Woche ein “gottgefälliges” Leben und betet öfter. Das bedeutet ein paar Minuten mehr Frieden und Ruhe im Tagesablauf. Sozusagen eine kleine Atempause vom Stress. Und das kann Herz-Kreislauf-Probleme verhindern/verringern.
Herr Sebastian Graf hat auch nicht Unrecht, es kommt nur auf die Glaubensrichtung an. Spiritualität ist grundsätzlich eine schöne Sache, die das Leben interessant und lebenswert macht.

#14 |
  2

natürlich “Prediger”!

#13 |
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Gast: Pierre Kaech, Kunstmaler
Gast: Pierre Kaech, Kunstmaler

@ Dr. Klaus Umbreit #11 – Sehr guter Kommentar. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, als ich damals als Ärzteberater für ein Multinationales Pharmaunternehmen im Aussendienst arbeitete, dass ich im Sommer gerne, bei einer Temperatur von 35 Grad im Schatten, in eine kühle Kirche flüchtete, um meine Gedanken wieder ein wenig zu beruhigen! “Es kommt also auf die Entladung sensorischer Synapsen-Potentiale an, die sonst zu einem “Chaos” im Limbischen System führen”… und meine Synapsen sind bei Gott nicht verkalkt, sah mich der Jesus von seinem Kreuz herunter so vorwurfsvoll und erbärmlich an, dass ich anfing zu glauben, dass ich an seiner misslichen Lage schuld bin… und alle Leute um mich herum schauten mich ebenfalls mit dem gleichen
beschuldigenden Blick an!..
Ich ging sofort raus zu meinem Wagen, öffnete mein Musterkoffer und schluckte eine Dosis an Benzodiazepine. MfG

#12 |
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Liebe Kollegen,
es bringt doch nichts, wenn man sich Bösartigkeiten an den Kopf wirft.
Freud hatte schon festgestellt, dass viele Krankheiten entstehen, wenn das Gleichgewicht von getriebener Aktivität (Stress) und der geistigen Erhlong gestört ist; insbesondere meinte er den Ausfall oder die Behinderung hemmender Neurone (er drückte es in Worten einfacher aus). Das Meditieren ist nicht auf einen bestimmten Glauben beschränkt. Schon die Indianer hatten ihre Rituale zum “Meditieren”. Ein Kirchgang ist nicht immer an einen Prädiger gebunden. Wenn man Kirchen in den Abruzzen (wo die meisten Über-Hundertjährigen leben) oder Andalusien am Tage betritt, dann sitzen viele Menschen darin, die nur für sich meditieren. Es kommt also auf die Entladung sensorischer Synapsen-Potentiale an, die sonst zu einem “Chaos” im Limbischen System führen – und die haben den Einfluss auf die oxydative Unterversorgung vieler Organe (bis hin zur Krebsentstehung). Also lassen Sie uns friedlich miteinander umgehen.

#11 |
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@ Gast #9 anonym – Sie haben nicht evtl. “Teleologie” mit “Theologie” verwechselt? Oder meinen Kommentar erst gar nicht richtig gelesen? MfG

#10 |
  3
Gast
Gast

Was sollen denn unten die Rechenspielchen in der Zeit vor dem Hintergund von Ewigkeit ?
Und, Hr. Dr. Schätzler, ja, es kann sein, daß es in der Tat auf den Glauben ankommt, evtl. jedoch nicht, auf welchen..
Amen

#9 |
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Gast
Gast

Sehr geehrter Herr Sebastian Wolf !
Die Stasi hat mir bestätigt, dass ich ein frommer DDR-Bürger bin. Was Sie schreiben, habe ich in meinen 78 Jahren noch nicht erlebt. Sind Sie nun auch mutig, und schreiben mir offen und ehrlich :
Wo befindet sich diese Gemeinde, in der Angst und Schuld
geschürt wird ?
*****************************************************
Mit freundlichen Grüßen

#8 |
  7

Über 80 Jahre 1x wöchentlich 60 Minuten Gottesdienst + 15 Minuten Wegzeit = 5200 Std. = 217 Tage = 7,2 Monate investierte Zeit, um 6 Monate länger zu Leben…

…Ach, da schon jemand gerechnet – egal

#7 |
  5
Heilpraktiker

Leider wird in der Kirche oder in kirchlichen Einrichtungen heutzutage nur noch wenig Seelsorge gemacht was meiner Meinung nach eine wichtige Aufgabe der Kirche wäre. Stattdessen wird immer noch während “Gottesdiensten” Angst und Schuld geschürt was , und dass ist mit Sicherheit in vielen Studien belegt, zu Stress und Krankheit führt.
Ein Umdenken ist notwendig.

#6 |
  12
Flüchtiger Leser
Flüchtiger Leser

6 Monate mehr Lebenszeit ~ 4.500 Std.
2 Std Kirchgang / Woche = ~ 100 Std/Jahr = ~4.500 Std /45 Jahren

Bei einem Befragungsalter von 60 Jahren schon ein Verlustgeschäft.

#5 |
  7
Gast
Gast

Ramen! Gilt das auch für Nudelmessen?

#4 |
  7

Wer’s glaubt, wird selig”?

Was hier von Shanshan Li et al. mit “Association of Religious Service Attendance With Mortality Among Women” im JAMA Internal Medicine publiziert worden ist, reicht allenfalls für eine zufällige Koinzidenz, nicht zu einer Assoziation. Ebenso könnte man die Geburtenrate in post-industriellen Gesellschaften mit der Anzahl der Klapperstörche korrelieren.

Wer noch gesundheits- oder krankheitsbedingt zur regelmäßigen Teilnahme am Gottesdienst in der Lage ist, ist selbst mit Rollator von der “letzten Ölung” und seelsorgerischem Beistand weit genug entfernt.

Wissenschaftstheoretisch liegt hier eine Verwechslung der gegensätzlichen Begriffe von Zweck und Kausalität vor. Teleologie als Weltanschauung bedeutet die Annahme entweder äußerer (transzendenter) oder innerer (immanenten) Zweckursachen. Wer sich zum Zwecke der Erbauung, der Wiedererlangung des äußeren und inneren Gleichgewichts, der Kontemplation und der bio-psycho-sozialen Stabilität in ein Gotteshaus begibt, handelt zweckorientiert.

Will man aber dagegen Kausalität bestimmen, muss man einen randomisierten Doppel-Blindversuch starten (“RCT-Design”): Eine Gruppe mit “echtem” Gottesdienst muss mit der einer nur vorgetäuschten Zeremonie verglichen werden, um dann doch signifikante Morbiditäts- bzw. Mortalitätsunterschiede belegen und beweisen zu können.

Nur so können Hypothesen geprüft, verworfen, verifiziert oder falsifiziert werden. Sonst müsste es heißen, dass Frauen in der Allgemeinbevölkerung im Gegensatz zu Männern nie kriminell werden, es sei denn, sie sitzen in Frauen-Gefängnissen ein. Aber wie sind sie dann hinein gekommen?

Oder Frauen ohne hochhackige Schuhe wären kleiner als diejenigen mit “high-heels”, hätten dafür aber seltener “Hallux valgus”.

Die JAMA-Autoren S. Li et al. irren, ihre vage Assoziation ist in Wahrheit “Mittel zum Zweck”, und die Gottesdienst-Besuche sind in Wahrheit Surrogat-Parameter. Aber wie schon gesagt, “der Zweck heiligt die Mittel”!

AMEN!!!

#3 |
  7

Merkwürdig was so alles über den “großen Teich” kommt. Keine Rücksicht findet die Religionszugehörigkeit oder Autofahrer oder nicht, Rechtshänder oder Linkshänder, Brille oder keine, Fragen über Fragen, die ungeklärt bleiben. Schließlich wäre noch zu klären, ob das Kreuz rechtsherum oder linksherum geschlagen wird!
Diplom, Dissertation, Habilitation?

#2 |
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Naturwissenschaftlerin

Eine Korrelation ist noch lange keine Kausalität – manche Forschungsgelder werden wirklich verschwendet…

#1 |
  7


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