10 goldene Regeln für Aufschneider

13. April 2011
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Der Präpkurs: der bekannteste, gefürchtetste und vielleicht auch interessanteste Kurs der Vorklinik. Was brauche ich für den Präpkurs? Wie soll ich mich darauf vorbereiten? Wie soll ich mich verhalten? Wir stellen Euch 10 goldene Regeln für den Kurs vor.

1. Passende Kleidung und Werkzeug mitbringen

Bevor man den legendären Präpkurs antritt, muss man sich die richtige Ausrüstung anschaffen. Einen weißen Kittel kann man sich neu oder gebraucht kaufen oder auch an der Wäscherei der Klinik ausleihen. Praktisch ist es, eine Einmal-Plastikschürze über dem Kittel zu tragen: diese kann man öfters wechseln, um nicht jeden zweiten Tag einen neuen Kittel zu brauchen. Zu dem vollständigen Präp-Outfit gehören natürlich noch Handschuhe. Man sollte immer ein Paar Handschuhe als Reserve in der Kitteltasche haben, falls man sich mal mit der spitzen Pinzette in den Handschuh piekt oder sich mal die Nase kratzen muss.

Außerdem ist es wichtig, geschlossene Schuhe zu tragen. Auch wenn es im Sommer vielleicht schade ist, sollte man wenigstens für den Präpsaal Turnschuhe oder ähnliches mitnehmen. Spätestens falls einem ein Stück abpräpariertes Fett auf den nackten Fuß fällt, würde man die Wahl von offenen Schuhen im Präpsaal bereuen.
Bei langen Haaren sollte man unbedingt auch an ein Haargummi denken.

Nun zu den Arbeitsinstrumenten: sie sind alle vereint im Präpkasten erhältlich. Diesen kann man im medizinischen Fach- und Buchhandel, in der Fachschaft oder auch gebraucht von Studenten aus höheren Semestern kaufen. Meist befinden sich im Präpkasten eine spitze und eine stumpfe Pinzette, zwei Skalpelle, eine Schere und eine Knopfsonde. Man sollte sich vorher informieren, was an der jeweiligen Uni im Präpkurs alles gebraucht wird. Wichtig ist auch ein Schleifstein, wobei man sich einen Stein mit den Kommilitonen an seinem Präptisch teilen kann. Unverzichtbar ist auch ein guter Anatomie-Atlas, man muss ja wissen was man wo erwartet und wonach man eigentlich sucht.

2. Cool bleiben

Es ist sehr unterschiedlich, wie die Studenten mit der Vorstellung des anstehenden Präpkurs umgehen. An einigen Unis beginnt der Präpkurs erst im zweiten oder dritten Semester, an anderen Unis geht es schon im ersten Semester los.
Die einen Studenten sind sehr gespannt und können den ersten Tag am Präptisch vor Neugier gar nicht erwarten, während andere lieber länger verschont blieben und Angst vor dem ersten Präppen haben. Viele fürchten sich davor, beim Anblick des toten Körpers ohnmächtig zu werden oder von plötzlicher Übelkeit befallen zu werden. Auch wenn es sehr vielen Kommilitonen ähnlich geht, möchte man sich nicht blamieren oder dumm da stehen. Die Vorstellung, dann auch noch die Leiche anzufassen und zu präparieren, kann für einige Studenten im Vorhinein unheimlich und beängstigend sein.

Vor dem ersten Präptermin aufgeregt zu sein und ein wenig Angst zu haben, ist ganz normal und sollte einem nicht peinlich sein. Meiner Meinung nach ist das nur menschlich. Letztendlich kann das Unbehagen auch die treffen, die sich vorher als besonders cool hervorgetan haben. Und wenn einem auch nach dem zweiten und dritten Mal noch vor dem Kurs etwas mulmig ist, sollte man nicht daran zweifeln, ob man für den Beruf des Arztes geschaffen sei. Meiner Erfahrung nach ist die Aufregung vorher viel schlimmer als das Präparieren selbst. Sobald man präpariert, ist man sehr auf seine Aufgabe konzentriert. Man vergisst manchmal auch, dass man wirklich gerade an einem verstorbenen Menschen seziert. Es ist vor allem eine Gewöhnungssache. Jeden Morgen steht man wieder am Tisch, für die Testate muss man oft nachmittags oder abends noch mal zum Lernen hin und die Aufregung ist nach einigen Malen schon weg.

Falls man vor Antreten des Kurses unsicher ist, Angst hat oder sehr aufgeregt ist, kann es helfen, vor dem Kurs schon einmal in den Präpsaal zu gehen. So kann man sich an den Raum und die Atmosphäre gewöhnen. Wenn man die Möglichkeit hat, sich mit einem Hiwi schon vor dem Kurs einmal eines der Präparate anzuschauen, kann es auch helfen. Dann muss man noch nichts tun, kann vielleicht schon mal den Körper berühren oder sich auch erstmal aus einer sicheren Entfernung an den Anblick gewöhnen.

3. Über Erfahrungen sprechen

Die Erfahrung des Präpkurses ist sehr intensiv, man denkt viel darüber nach, redet viel darüber, in der Uni und auch in der Freizeit. Die direkte Konfrontation mit dem Tod und das Arbeiten mit einem menschlichen Körper als Lernobjekt können psychisch belastend werden. Es ist wichtig, über die Empfindungen und die Erlebnisse zu reden, aber man sollte auch vorsichtig sein, mit wem man seine Sorgen teilt.

Die Kommilitonen machen die gleichen oder ähnlichen Erfahrungen, sind also gute Ansprechpartner. Wenn man größere Probleme hat, das Erlebte zu verarbeiten, und sich nach einiger Zeit immer noch unwohl fühlt, kann man mit einem Hiwi oder einem Dozenten sprechen. An vielen Unis gibt es auch Seelsorger oder Psychologen, die eine Anlaufstelle für eventuelle Schwierigkeiten mit diesem Thema sein können. Man muss aber sagen, dass die meisten Studenten sich trotz aller anfänglichen Sorgen sehr gut an das Präparieren gewöhnen und den Kurs sehr interessant und lehrreich finden.

Schwierig kann sich das Gespräch über den Präpkurs manchmal mit Verwandten und Freunden darstellen, die keine Mediziner sind. Viele sind gespannt und wollen wissen, ob man jetzt wirklich schon mal einen toten Menschen „aufgeschnitten“ hat. Aber man sollte, meiner Erfahrung nach, nicht zu viele Einzelheiten preisgeben. Sogar Menschen von denen man das nicht erwarten würde, können geschockt reagieren oder sich ekeln. Beim Erzählen wird einem erstmal selbst wieder bewusst, was man da wirklich jeden Morgen macht und dann kann es sein, dass man selber auch wieder leicht geschockt ist, obwohl man sich an den Gedanken gewöhnt hatte. Es kann auch gut tun, nach dem anstrengenden Tag nicht zu viel darüber nachzudenken und zu sprechen und wenn dann eher mit den Personen, die einen verstehen und einem helfen können.

4. Abstand wahren

Eine Empfehlung vieler Dozenten am Anfang des Kurses ist, den Körper nicht als Leiche, sondern als „Präparat“ zu bezeichnen. Das hilft Abstand zu wahren und das „Präparat“ als Lernobjekt zu betrachten. Natürlich kann oder sollte man nicht komplett verdrängen, dass es sich um einen toten Menschen handelt, aber es hilft, nicht jede Sekunde daran zu denken. Nach einer Gewöhnungszeit denkt man auch nicht mehr so viel darüber nach und viele Studenten oder Dozenten sprechen dann trotzdem von der Leiche an Tisch 5 mit der kleinen Milz. Man sollte sich auch nicht gleich Schocksituationen aussetzen. Meist ist der Kopf am Anfang des Kurses noch abgedeckt, da man ihn erst später präpariert. Das ist auch erstmal gut, damit man sich Schritt für Schritt an die neue Situation gewöhnt. Für viele ist der Anblick des Gesichtes noch mal schwieriger zu verarbeiten, deswegen sollte man sich erstmal an den Körper gewöhnen.

Außerdem sollte man beim Präpkurs den Vergleich mancher Körperstrukturen zu Nahrungsmitteln vermeiden. Ich möchte hier kein Beispiel nennen, aber einige Gewebe können an Lebensmitteln erinnern. Und bevor man sich den Appetit verdirbt, sollte man solche Gedanken schnell verdrängen und nicht beim Mittagessen in der Mensa diskutieren.

5. Entspannte, aber respektvolle Atmosphäre schaffen

Man muss während des Präparierkurses nicht immer andächtig und ernst sein. Der Kurs darf auch Spaß machen und es ist erlaubt, sich während der Arbeit mal über etwas anderes unterhalten, locker zu sein und auch mal lachen. Aber es ist unabdingbar, als Student Respekt zu zeigen. Der Mensch hat sich zu Lebzeiten dafür entschieden, seinen Körper nach seinem Tod für die medizinische Ausbildung zu spenden und sollte deswegen auch mit Respekt und Dankbarkeit behandelt werden. Es gibt immer wieder Gerüchte, dass Studenten an irgendeiner Uni eines Tages mal einen Arm aus dem Präpkurs entführt hätten oder dass Studenten einmal ein Ohr an ein Hinterteil genäht hätten. Diese – nicht sehr reifen – Studenten wurden angeblich auch nach diesen Taten direkt exmatrikuliert. Zu recht natürlich. So ein Verhalten, kann von einem angehenden Arzt natürlich nicht akzeptiert werden. Aber auch dumme Sprüche über den Körperbau oder ähnliches sollten unterlassen werden. Sehr wichtig ist es auch, in der Öffentlichkeit, zum Beispiel in der Straßenbahn oder im Bus nicht laut über die Leichen und das Präparieren zu sprechen. Das ist respektlos und wirft auch kein gutes Licht auf die Medizinstudenten.

6. Die Nase schützen

Der Geruch des Formalins ist ein ständiger Begleiter während des Kurses. Oft bleibt er einem auch noch in der Nase, wenn man nach dem Kurs in der Mensa isst oder abends nach Hause kommt. Besonders extrem und störend ist es, wenn man über dem Präparat – vor allem bei Präparation des Fettgewebes oder des Situs – gebeugt präpariert und einem der Geruch direkt entgegen steigt, so stark, dass die Nase juckt und die Augen tränen. Viel kann man da nicht machen. Wenn es sehr störend ist, kann man kurz Abstand nehmen, sich nicht direkt mit dem Kopf über dem eröffneten Bauch hängen. Man gewöhnt sich aber etwas an den Geruch und kann sich sonst auch als olfactorische Abhilfe Lavendelöl unter die Nase schmieren oder einen Mundschutz tragen.

7. Die Chance nutzen

Jeder hat mehr oder weniger Freude am Präpkurs, jedoch muss wahrscheinlich jeder zugeben, dass der Kurs unersetzbar ist. Kein Buch oder kein Computerprogramm kann so gut die Form und das Aussehen der Organe und Strukturen im Körper abbilden. Die dreidimensionale Darstellung und die Plastizität sind nicht zu ersetzen. Man kann die Organe in die Hand nehmen, sie sich von allen Seiten anschauen und auch die Unterschiede zwischen den einzelnen Individuen sehen. Das große Herz eines Sportlers, die durch Zigarettenrauch geschädigte Lunge, die Hypertrophie oder Hypotrophie eines Muskels, manchmal ist auch ein Tumor oder Zeichen einer OP zu entdecken. Außerdem prägt sich das Gesehene viel besser ein, wenn man es in dieser Art und Weise kennengelernt hat. Bei keinem anderen Kurs ist es deshalb so wichtig, wie in diesem, sich vorher auf den Kursinhalt vorzubereiten. Meist wird anfangs der Woche in der Vorlesung oder im Kurs der Präparierplan für die Woche vorgestellt, so weiß man was man sich im Buch schon mal anschauen sollte. Man sollte aus dem Präpkurs so viel wie möglich für sich selbst mitnehmen, denn es ist eine einzigartige Möglichkeit den Aufbau des menschlichen Körper so zu entdecken und zu verstehen.

8. Zusammenhalt in der Gruppe suchen

An einem Präptisch arbeitet eine Gruppe von 8-10 Studenten (unterschiedlich an den jeweiligen Unis). Da man fast jeden Tag zusammen am Präptisch steht und viel zusammen durchmacht und lernt, wächst die Gruppe oft eng zusammen und aus den Präppartnern können sich Freundschaften fürs Leben bilden. Falls man sich im Vorhinein aussuchen darf mit wem man an den Präptisch kommt, sollte man sich Kommilitonen aussuchen mit denen man sich gut versteht und mit denen man eine gute Lerngruppe bildet. Sinnvoll ist vor den Testaten in Gruppen so viel wie möglich am Präparat zu lernen, sich gegenseitig die Gefäße, Nerven, Muskeln usw. abzufragen. Durchs gegenseitige Erklären merkt man es sich am besten und so macht es auch am meisten Spaß! Auch der Hiwi ist meist ein engagierter Teil der Gruppe. Es handelt sich um einen Studenten aus einem höheren Semester, der selbst schon die Erfahrung des Präpkurses hinter sich hat und Tipps zum Lernen und für die Prüfungen geben kann.

9. Abschied nehmen

Am Ende des Präpkurses gibt es an vielen Unis eine Gedenkfeier mit den Angehörigen der Spender. An meiner Uni organisieren die Studenten zum Beispiel nach Abschluss des Präpkurses die Abschiedszeremonie in der Kirche. Das bedeutet zwar relativ viel Arbeit – zusätzlich meist zum Lernstress – aber ist einerseits eine Gelegenheit um den Verwandten Dankbarkeit zu zeigen, andererseits für einen selbst Abschied zu nehmen und mit der Zeit der Präpkurses abzuschließen. Während der Zeremonie, wenn die Namen verlesen werden und man die Angehörigen zum Teil trauern sieht, wird einem plötzlich wieder bewusst, dass dieses Präparat, das einem eine lange Zeit als nützliches Lernobjekt gedient hat, ein Individuum war. Da kann einem noch mal mulmig zu Mute werden, jedoch ist man dann umso dankbarer, dass dieser Mensch sich aus irgendeinem Grunde entschieden hat, noch nach seinem Tode ein Nutzen für die Ausbildung von Medizinern zu sein.

10. Sich über die Erfahrung freuen

Wenn man den Präpkurs erfolgreich hinter sich gebracht hat, kann man stolz sein. Die Anatomie ist ein sehr lernaufwändiges Fach, man hat viel Zeit investieren müssen und zum Teil auch über seinen Schatten springen müssen. Es ist meiner Meinung nach der spannendste Kurs der Vorklinik und der Kurs vor dem man sich am Anfang am meisten fürchtet. Aber im Endeffekt gewöhnt man sich schneller an das Präparieren, als man erwarten würde, das Entdecken der Anatomie des Menschens steht im Vordergrund und man kann auch sogar Freude an dem Kurs haben, wenn man sich vorbereitet und darauf einlässt.

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