WHO: Kalter Kaffee lauwarm serviert

30. Juni 2016
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Nachdem die Spezialabteilung der WHO zuletzt verarbeitetes Fleisch unter die Lupe genommen hat, sind jetzt Heißgetränke dran. Kaffee oder Tee sind entgegen früheren Einschätzungen plötzlich nicht mehr krebserregend. Offen bleibt: Wie gefährlich ist es, alte Studien aufzuwärmen?

Harmlos oder krebserregend – mit dieser Fragestellung befasst sich die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC, International Agency for Research on Cancer), eine Institution der Weltgesundheitsorganisation WHO. Letztes Jahr sorgten Veröffentlichungen zum Krebsrisiko von Fleisch für Schlagzeilen. Kein Einzelfall: Bereits 1991 hatten IARC-Experten Kaffeegetränke als „möglicherweise krebserregend“ klassifiziert. Mate-Zubereitungen seien sogar „wahrscheinlich krebserregend“, lautete ihr Fazit. Thermische Schädigungen vergrößern die Gefahr eines Plattenepithelkarzinoms. Auch die Inhaltsstoffe standen in der Kritik. Es gebe „begrenzte Hinweise“ für Harnblasenkrebs beim Menschen.

Dabei arbeiten IARC-Onkologen mit fünf Kategorien: „karzinogen für Menschen“ (Gruppe 1), „wahrscheinlich karzinogen“ (Gruppe 2A), „möglicherweise karzinogen“ (Gruppe 2B), „keine Einstufung“ (Gruppe 3) und „wahrscheinlich nicht karzinogen“ (Gruppe 4).

Heiß gebrüht und kalt getrunken

Eisenbrand

Professor Dr. Gerhard Eisenbrand. Foto: Technischen Universität Kaiserslautern

Aufgrund der gesellschaftlichen Relevanz – die Mehrzahl aller Menschen konsumiert Speisen, Suppen und Getränke mit Temperaturen zwischen 55 und 70 Grad Celsius – machten sich Forscher erneut ans Werk. In „Lancet Oncology“ rudern sie in weiten Teilen zurück. Sie haben fast 500 epidemiologische Studien unterschiedlicher Zielrichtung, Methodik und Qualität analysiert, die seit ihrer ursprünglichen Eingruppierung von Heißgetränken erschienen waren. Auf dieser Basis stufen Wissenschaftler Kaffee- und Mate-Getränke, die nach europäischer Machart zubereitet werden, nicht mehr als „möglicherweise krebserregend“ ein.

„Die neue Bewertung erfolgte in Gruppe 3, also ‚nicht klassifizierbar’: Das bedeutet, die IARC findet keine überzeugenden Hinweise auf einen Zusammenhang von täglichem Kaffeekonsum mit erhöhtem Krebsrisiko des Menschen“, erklärt Professor Dr. Gerhard Eisenbrand von der Technischen Universität Kaiserslautern.

„Im Gegenteil, es zeichnet sich ein erniedrigtes Risiko bei einzelnen Krebsarten ab.“ Die IARC erwähnt hier Leberkrebs und Krebs des Endometriums. „Doch auch bei weiteren Krebsarten gibt es in jüngster Zeit Hinweise auf ein erniedrigtes Risiko, zum Beispiel bei Krebs der Harnblase, Speiseröhre, Prostata, denen weiter nachgegangen werden muss“, so Eisenbrand weiter.

Die aktuelle Bewertung überrascht. Letztes Jahr kamen chinesische Wissenschaftler um Weixiang Wu noch zu anderen Resultaten. Sie analysierten Kohorten-Studien und Fall-Kontroll-Studien mit insgesamt 250.000 Teilnehmern aus. Hier zeigte sich sehr wohl eine statistische Signifikanz zwischen der Kaffee-Aufnahme und dem Risiko für Harnblasenkarzinom. Raucher, die Kaffee tranken, schnitten etwas besser ab.

Speiseröhre in Hitzewallung

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Professor Dr. Daniel Palmes. Foto: Universitätsklinikum Münster

Auf Basis ihrer Auswertung teilen IARC-Wissenschaftler diese Einschätzung nicht. Gleichzeitig warnen sie vor sehr heißen Lebensmitteln, die zu Speiseröhrenkrebs führen können. „Die Mehrzahl aller Menschen weltweit konsumiert feste Speisen, Suppen und Getränke mit einer Temperatur von 55 bis 70 Grad Celsius“, kommentiert Professor Dr. Daniel Palmes vom Universitätsklinikum Münster. „Mehrere prospektiv-randomisierte Studien und Meta-Analysen konnten eindeutig den Zusammenhang zwischen heißen Getränken und Speisen und einer erhöhten Anzahl an Neuerkrankungen des Speiseröhrenkrebses belegen.“ Als Beleg zitiert er Veröffentlichungen in BMC Cancer und im American Journal of Preventive Medicine.

Gerhard Eisenbrand relativiert für Deutschland: Während wir Kaffee und Tee normalerweise ohne Verbrühungsgefahr trinken, wird Mate in Südamerika traditionell über ein metallenes Rohr ohne wirksamer Abkühlung eingesaugt. Hier bestünden hohe Risiken einer chronischen Schädigung der Schleimhaut des Mundes und der Speiseröhre – spätere Tumorbildung nicht ausgeschlossen.

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Traditionelle Mate-Zubereitung: eine Kalebasse und ein Metalltrinkrohr. Foto: Wikipedia

Wird die Barrierefunktion des Plattenepithels unserer Speiseröhre zerstört und kommen kanzerogene Substanzen wie Nitrosamine, Tabak beziehungsweise Alkohol mit hinzu, steigt die Gefahr maligner Erkrankungen. Palmes: „Kaffee hingegen kann diesbezüglich sogar einen protektiven Effekt durch den hohen Polyphenolgehalt haben, der antioxidativ und entzündungshemmend und – gegebenenfalls im Langzeitverlauf antikanzerogen – wirkt.“ Auch Eisenbrand verweist auf wünschenswerte Effekte. Für ihn steht das aromatische Getränk mit verminderten Risiken chronischer Erkrankungen in Zusammenhang, etwa Typ 2-Diabetes. „Zahlreiche weitere Studien – in Zellkultur bis hin zu kontrollierten Interventionsstudien am Menschen – stützen die Ansicht, dass Kaffeekonsum eher mit gesundheitlich schützenden als nachteiligen Effekten verbunden ist.“

Des Pudels Kern

Doch wie relevant sind die Ergebnisse tatsächlich? Professor Dr. Ute Nöthlings von der Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn verweist auf wichtigere Karzinogene: „Rauchen ist nach wie vor einer der wesentlichen, änderbaren Risikofaktoren für Blasenkrebs“, so Nöthlings. „Für Speiseröhrenkrebs ist neben Tabakkonsum auch der Konsum von Alkohol einer der bekannten vermeidbaren Risikofaktoren.“ Gleichzeitig verliert die Wissenschaft viel von ihrer Glaubwürdigkeit. Erst riskant, plötzlich harmlos – das lässt sich Laien schwer vermitteln. Zentrale Botschaften, nämlich Speisen und Getränke nicht brühwarm zu konsumieren, bleiben da auf der Strecke.

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Forschung, Medizin, Onkologie

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5 Kommentare:

@ Gennadij Eistrach #4:
WADDE HADDE DUDDE DA?
“I am so curious i just wannaknow whadde you there have / I am so curious i just wannaknow whadde you there have / Wadde hadde dudde da / Wadde hadde dudde da…”
Stefan Raab Veröffentlicht: 2000; Beitrag zum ESC-Contest

#5 |
  3
Gennadij Eistrach
Gennadij Eistrach

In jedem Witz ist nur 1(Entschuldigung, mein Tastatur besitzt kein Zeichen(symptom) der Promille) Promile des Witzes, Rest entspricht der Wahrheit.
Das hat nichts mit der Liebe und deren Evaluation zu tun, sondern damit, ob die Gerda fähig ist, den Ka’y’ zu entfrösteln.

Mit der Lieb….

#4 |
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Mitarbeiter Industrie

Die Dosis ist was Gift macht. Vieles ist als krebserregend eingestuft, von Holzstäuben über die Blaulichtanteile in Energiesparlampen (über Melantonin), Bestandteile von Sonnenschutzcremes, Omnibus und Taxiabgase (Diesel), Zigarettenrauch, Anabolika/Androgene/Gestagene, Chloroform, Trinkalkohol, Sonnenlicht, Luftkurorte (Ozon und Radon), Wasserstoffperoxid in Haarfärbemitteln, Arsen in Reis und Fisch, Anthrachinon in Schwarztee, Bestandteile moderner Wärmedämmung, Schimmel in der Kaffemaschine oder im Blower Door abgedichteten Haus und vielleicht auch Glyphosat oder Infraschall von Windkraftanlagen…. Trotzdem kommt es auf die Exposition (Dosis und Häufigkeit), die Bioverfügbarkeit die individuelle Prädisposition uva. an um das Risiko einer Krebserkrankung signifikant zu steigern. Beim Thema Krebs wird zu gerne (von den Medien und einigen Organisationen), manchmal aus Dummheit und manchmal manipulativ, mit Ängsten gespielt.

#3 |
  1

IARC der WHO: “Kalter Kaffee”, “Coffee and Cigarettes” oder “Fragen an Radio Eriwan”?

Kennt der IARC-WHO-Chefepidemiologe und Geologe Dana Loomis https://www.researchgate.net/profile/Dana_Loomis3
eigentlich seine eigenen Presseerklärungen oder argumentiert er nur irreführend? Laut dpa-Bericht mahnte der IARC-Epidemiologe Dana Loomis, der Genuss sehr heißer Getränke erhöhe wahrscheinlich die Gefahr für das Ösophaguskarzinom. Dies gelte v e r m u t l i c h ab Temperaturen über 65 Grad Celsius.

Wenn die IARC-Expertengruppe den Konsum von sehr heißen Getränken (über 65 °C) deshalb als „wahrscheinlich krebserregend bei Menschen“ klassifiziert, widerspricht sie sich selbst. Denn die IARC-Pressemitteilung Nr. 244 zu ihrem “Article: Carcinogenicity of drinking coffee, mate, and very hot beverages” von Dana Loomis · Kathryn Z Guyton · Yann Grosse · Béatrice Lauby-Secretan · Fatiha El Ghissassi · Véronique Bouvard · Lamia Benbrahim-Tallaa · Neela Guha · Heidi Mattock · Kurt Straif liest sich in weiten Teilen wie Fragen und Antworten an/von Radio Eriwan:

“Drinking very hot beverages was classified as probably carcinogenic to humans (Group 2A). This was based on limited evidence from epidemiological studies that showed positive associations between cancer of the oesophagus and drinking very hot beverages. Studies in places such as China, the Islamic Republic of Iran, Turkey, and South America, where tea or maté is traditionally drunk very hot (at about 70 °C), found that the risk of oesophageal cancer increased with the temperature at which the beverage was drunk. In experiments involving animals, there was also limited evidence for the carcinogenicity of very hot water.”

70 Grad heiße Getränke sind brüllend heiß, sie machen Kolliquationsnekrosen durch lokale Verbrühungen der Schleimhäute des oberen Verdauungstrakts.

Dabei ist für die WHO-IARC offenbar völlig gleichgültig, ob 70 Grad Celsius heißer Kaffee, Tee, Mate, Milch oder Kakao bzw. Wasser getrunken, zusätzlich begleitend geraucht, Alkohol konsumiert und weitere Risikofaktoren existieren oder diese Flüssigkeiten in sinnlos fixierenden Tierversuchen über Hitzesonden zugeführt werden.

Aber es geht doch offenkundig um ganz andere Noxen, als ausgerechnet um Kaffee und Tee, sondern um 70°C-Nekrosen, begleitendes Rauchen, selbstgemachter hochprozentigen Alkohol und zu viele Feuerstellen ohne Rauchabzug. Deshalb mein persönliches Urteil zu den dummschwätzig überflüssigen IARC-Verlautbarungen: “Thema verfehlt, Note sechs, Setzen!”

Die IARC-Pressemitteilungen zur angeblichen Karzinogenität von “rotem Fleisch”, das man mit industriell verarbeiteten Fleischprodukten (“processed meat”) verwechseln wollte, war ohne handfeste Studiendaten genauso blamabel: Vgl. http://news.doccheck.com/de/blog/post/3153-haxe-des-boesen-3-0/

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HP Andreas Brandl
HP Andreas Brandl

“Wie gefährlich ist es alte Studien wieder aufzuwärmen?”; “Gleichzeitig verliert die Wissenschaft viel von ihrer Glaubwürdigkeit.”; “…das lässt sich Laienschwer vermitteln.”

Zum Glück hat sich die Wissenschaft nie an diese Argumentation gehalten – wir hätten noch das geozentrische Weltbild und die Erde wäre der Mittelpunkt des Universums ;-)

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