„Leider habe ich keine Zeit für arme Patienten“

17. Juni 2016
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Vorurteile machen auch vor Psychotherapeuten nicht Halt. Eine Untersuchung aus den USA zeigte kürzlich, dass Therapeuten besonders auf Terminanfragen von schwarzen Patienten aus ärmeren Schichten voreingenommen reagieren.

Für viele kostet es Überwindung, sich therapeutische Hilfe zu suchen. Umso frustrierender, wenn dann keine Rückmeldung auf die Anfrage beim Psychotherapeuten kommt. Eine amerikanische Studie hat nun untersucht, ob sich Vorurteile seitens der Therapeuten auf Terminvereinbarungen mit potenziellen Patienten auswirken.

Für die Untersuchung wurden Schauspieler engagiert, die 640 Therapeuten in New York anriefen und ihnen auf Band sprachen. Dabei setzen sie Namen, Vokabeln und grammatikalische Besonderheiten ein, die die Zugehörigkeit zu bestimmten ethnischen und sozialen Gruppierungen suggerierten. In allen Nachrichten sagten die Anrufer, sie hätten sich in letzter Zeit niedergeschlagen gefühlt, wären krankenversichert und würden gerne einen Termin vereinbaren.

Dabei wurde zum Beispiel der Name „Amy Roberts“ verwendet, um nahezulegen, dass es sich um eine weiße Patientin aus der Mittelschicht handelt. Der Name „Latoya Johnson“ wurde hingegen für den Anruf einer schwarzen Frau der Mittelklasse genannt. Um auf einen Patienten aus sozial schwächer gestellten Bevölkerungsschichten hinzudeuten, drückte sich der Anrufer vermehrt umgangsprachlich aus und machte außerdem einige grammatikalische Fehler.

Anschließend wurde eine Woche auf Rückrufe der Therapeuten gewartet, die wiederrum auf einen Anrufbeantworter sprachen. Ausgewertet wurde, ob der Therapeut einwilligte, den neue Patienten zu dem vorgeschlagenen Termin (unter der Woche abends) in seine Praxis einzuladen.

Große Hürden im Bereich der psychischen Gesundheitsversorgung/Gesucht: Weiß, Weiblich, Mittelschicht

Die Ergebnissen zeigen, auch Therapeuten haben Vorurteile: So erhielten 28 Prozent der weißen Mittelschicht-Patienten ein Terminvorschlag gemacht, bei den Schwarzen waren es nur 17 Prozent. Noch schwerer hatten es die Anrufer, denen man anhören sollte, dass sie aus finanziell schwächeren Verhältnissen kommen: Unabhängig von der Hautfarbe, erhielten hier nur 8 Prozent einen Rückruf mit Terminangebot.

Im direkten Vergleich zeigte sich außerdem, dass die weiße Mittelklasse-Frau von Therapeuten für den begehrten Abendtermin unter der Woche bevorzugt eingeladen wurde – 16 von 80 Therapeuten beantworteten eine solche Anfrage positiv. Dieselbe Anfrage eines schwarzen Mannes aus ärmeren Bevölkerungsschichten erhielt nur eine einzige positive Rückmeldung.

Studienautorin Heather Kugelmass, Doktorandin an der Princeton University, merkte an, dass auch Psychotherapeuten keineswegs immun gegen Vorurteile und Stereotype seien. Die Studienergebnisse weisen auf große Hürden im Bereich der psychischen Gesundheitsversorgung hin, die weit über das Problem unzureichender Krankenversicherungen hinausgehen. „Einen Zugang zu Krankenversicherungen zu schaffen, reicht möglicherweise nicht aus, um einen gleichberechtigten Zugang zu [Psycho]therapien zu schaffen “, so Kugelmass weiter.

Originalpublikation:

[Paywall] Sorry, I’m Not Accepting New Patients. An Audit Study of Access to Mental Health Care
Heather Kugelmass, An Audit Study of Access to Mental Health Care, doi:

26 Wertungen (4 ø)
Allgemeinmedizin, Medizin

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10 Kommentare:

Zu#8:…jemand, der für die Seelen sorgt ist allenfalls der curator animarum und das was der tut wäre die cura pro animis. Cura animarum wäre die Sorge der Seelen um das Latein der DocCheck News Redaktion!

#10 |
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Kommentar zu Bemerkung von Herrn Beck der Doc Check News Redaktion:
Sehr geehrte Frau Knauf,
ich bin schockiert, daß Sie Psychotherapeuten mit Seelsorgern gleichsetzen, bzw.verwechseln! Da hilft auch das lateinische Feigenblatt nicht!

In dem hinführenden Absatz auf der Homepage steht noch Seelsorge und deshalb habe ich den Artikel auch gelesen, denn auch für die USA konnte ich mir nun gar nicht vorstellen, daß Seelsorger Menschen aufgrund von Zeitmangel ablehnen. Die Ergebnisse für Psychotherapeuten in den USA wundern mich natürlich in keinster Weise.

Beste Grüße, Ihre Antje Beyer -Koczorek

#9 |
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Mitarbeiter von DocCheck

Sehr geehrter Herr Beck,

vielen Dank für Ihren Hinweis.

Wir haben den Begriff „Seelsorger“ eher in seiner semantischen Bedeutung verwendet – als Bezeichnung für jemanden, der für die Seele sorgt (lat. cura animarum) und somit die Berufsgruppe derer, die sich mit der Befindlichkeit der Seele beschäftigen etwas breiter gefächert.
Wir finden Ihre Anmerkung aber einleuchtend und da wir unsere Leser keinesfalls verwirren möchte, haben wir den Begriff ausgetauscht.

Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Spaß beim Lesen und Kommentieren.

Viele Grüße
Ihre DocCheck News Redaktion

#8 |
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Gast
Gast

Wer keine Zeit für arme Patienten hat, taugt weder als Therpeut noch als Seelsorger

#7 |
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Typisch transatlantischer Nonsens; etwas für die “Zuft der Seelsorger”. Hat mit Wissenschaft eher weniger zu tun !

#6 |
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Gast
Gast

Auch in Deutschland wird man öfter bei Terminanfragen gefragt, ob man Privatpatient oder über GKV versichert ist. Zahlt man selbst ist die Wartezeit in solchen Fällen kürzer. Bei Terminvereinbarung und in der Praxis. Anders ist das zB bei Heilpraktikern: Alle zahlen selbst und alle werden gleich behandelt.

#5 |
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Dr. Joachim Bedynek
Dr. Joachim Bedynek

Seit ewigen Zeiten war es nicht umsonst, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Nur heutzutage und in der BRD, denken fast alle, dass in der Medizin alle gleich zu sein haben.

#4 |
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Gast
Gast

Das Sprichwort “Geld regiert die Welt” gilt überall auf der Welt, auch bei uns.
Je reicher ein kranker Mensch ist, umso länger lebt er. Das weiß man doch schon lange …

#3 |
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Nicht überraschend. Seit den 60ern bekannt bzw. diskutiert. YAVIS googeln. https://en.m.wikipedia.org/wiki/Yavis

#2 |
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Christian Beck
Christian Beck

In der Einleitung schreiben Sie von der “Zunft der Seelsorger”. Im Artikel geht es dann aber um Therapeuten. Das ist etwas missverständlich, da man mit Seelsorgern in der Regel kirchliche Mitarbeiter/innen verbinden. Für diese sollte das Vorurteil nach Rasse/Hautfarbe etc. nicht gelten. Ich selbst bin Notfall- und Krisenseelsorger.

#1 |
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