Demenzen: Verräterischer Proteinmarker

17. Juni 2016
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Deutschlands Bevölkerung altert, und Demenzen stellen Health Professionals vor schier unlösbare Herausforderungen. Sie versuchen jetzt, mit Biomarkern die Erkrankung einfacher nachzuweisen: ein erster Schritt in Richtung Routinetest.

Etwa ein Prozent der 65- bis 69-jährigen Menschen in Deutschland leidet an einer Demenz. Bei den 75- bis 79-Jährigen sind es schon sechs Prozent, und bei den 85- bis 89-jährigen 24 Prozent. Durch die steigende Lebenserwartung rechnen Forscher bis 2050 mit über zwei Millionen Patienten. Aktuell ist von rund 1,4 Millionen die Rede. Cholinesterasehemmer und NMDA-Rezeptor-Antagonisten zeigen zwar Effekte. Allerdings gibt es einen gewaltigen Nachteil: Neurologen erkennen Demenzen oft erst recht spät. Sind schon viele Nervenzellen abgestorben, stoßen Pharmakotherapien recht bald an ihre Grenzen. Ein wichtiger Eckpfeiler der Demenzforschung ist deswegen die Entwicklung neuer Diagnosemethoden.

Nerven in Not

Professor Dr. Mathias Jucker

Professor Dr. Mathias Jucker. Foto: Hertie-Institut

Jetzt haben Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung (HIH) und der Universität Tübingen Proteine gefunden, die mit Schäden an Nervenzellen korrelieren. Es handelt sich um sogenannte leichte Neurofilamente. Sie verleihen Nervenzellen Form und Stabilität, werden aber bei Schädigungen in Blut und Hirnwasser freigesetzt. Professor Dr. Mathias Jucker, Gruppenleiter am Tübinger DZNE-Standort und Direktor am Hertie-Institut, untersuchte Mäuse mit neurodegenerativen Erkrankungen. Im Tiermodell traten Ansammlungen bestimmter Proteine auf, etwa Alpha-Synuclein, Beta-Amyloid oder Tau. Sie stehen mit Schäden an Neuronen in Verbindung.

Verräterisches Protein

Bei Mäusen zeigte sich ein enger Zusammenhang zwischen der Konzentration an Neurofilamenten in Hirnwasser beziehungsweise im Blut und der Erkrankung selbst. Gemessene Spiegel leichter Neurofilamente waren umso höher, je weiter die Erkrankung tatsächlich fortgeschritten war. „Das besondere Potenzial dieses Biomarkers besteht darin, dass er gleichermaßen im Tiermodell als auch beim Menschen aussagekräftig ist“, erklärt Mathias Jucker. „Dadurch lassen sich die Befunde aus Tiermodellen auf klinische Studien übertragen und deren Ergebnisse direkt miteinander vergleichen.“ Als weiteren Vorteil sieht der Forscher, dass bei Patienten keine Entnahme von Hirnwasser erforderlich ist. Die Konzentrationen verräterischer Neurofilamente in Blut und in Hirnwasser stehen in engem Zusammenhang. Anhand des neuen Biomarkers könnte es auch möglich sein, zu überprüfen, inwieweit bestimmte Therapien anschlagen – sowohl im klinischen Bereich als auch bei der Entwicklung neuer Arzneistoffe. Forscher hoffen, dass sie Demenzen eher kontrollieren, falls sie relativ früh mit der Behandlung beginnen.

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Forschung, Pharmazie

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