Informierte Patienten: Der Albtraum des Arztes?

15. Juni 2016
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Patienten informieren sich immer häufiger selbst über Krankheiten, Behandlungsoptionen oder Kassenleistungen. Bei niedergelassenen Ärzten ist dieses Verhalten umstritten, oft raten sie Patienten davon ab. Gleichzeitig haben sie oft selbst Probleme, seriöse Quellen zu erkennen.

Mehr als die Hälfte der niedergelassenen Ärzte findet informierte Patienten mindestens problematisch. 45 Prozent der Ärzte stimmen außerdem der Aussage zu, die Selbstinformation der Patienten erzeuge vielfach unangemessene Erwartungen, die die Arbeit der Ärzte belaste. Dies geht aus einer Online-Umfrage von DocCheck Research hervor. Das Marktforschungsinstitut hat im Auftrag der Bertelsmann Stiftung und der BARMER GEK 804 ambulant tätige Ärzte befragt. Fast ein Drittel (30 Prozent) der Ärzte ist der Ansicht, dass die Selbstinformation die Patienten meist verwirre und das Vertrauen zum Arzt beeinträchtige. Knapp ein Viertel der Ärzte rät Patienten sogar aktiv von der eigenständigen Suche nach Informationen ab.

Patienten recherchieren zunehmend im Internet

Der Trend ist allerdings ein anderer: „Es ist eine unumkehrbare Entwicklung, dass immer mehr Patienten ihre Krankheitssymptome und die dazugehörigen Therapiemöglichkeiten im Internet recherchieren“, sagt Dr. Brigitte Mohn, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung. Daher sollten Ärzte die Selbstinformation ihrer Patienten als Chance betrachten und fördern. „Auch was das Thema Gesundheit angeht, sind die Menschen heutzutage viel anspruchsvoller und selbstbewusster. Ein gut informierter Patient, der auf Augenhöhe mit dem Arzt über Krankheit und Behandlungsoptionen diskutiert, sollte das Ziel aller an der Versorgung Beteiligten sein“, so Dr. med. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der BARMER GEK.

Ärzte wenig selbstkritisch

Fast alle niedergelassenen Ärzte (98 Prozent) geben der Umfrage zufolge an, dass sich der Trend zur Selbstrecherche medizinischer Fragen in den vergangenen fünf Jahren verstärkt hat. Das wachsende Interesse von Laien an gesundheitsbezogenen Themen ist in der Ärzteschaft jedoch umstritten. Gut 40 Prozent der Ärzte freuen sich über das Interesse der Patienten. Knapp zehn Prozent ärgern sich allerdings, dass der Patient sich mit seiner Frage nicht zuerst an sie gewandt hat. Die Frage, ob es auch an ihnen selbst liegen könne, dass Patienten sich auf eigene Faust informieren und nicht direkt auf sie zukommen, stellen sich lediglich elf Prozent der Ärzte. Nur etwa zehn Prozent von ihnen fragen sich, ob der Patient sich zuvor mehr Beratung gewünscht hätte.

Ärzte kennen seriöse Informationen im Internet nicht

Nur etwas mehr als die Hälfte der Ärzte (56 Prozent) hat nach eigenen Angaben vertrauenswürdige Informationsmaterialien in ihrer Praxis ausliegen und gibt diese ihren Patienten mit. Knapp 50 Prozent weisen ihre Patienten auf gute Informationsquellen hin und ebenfalls knapp 50 Prozent der Ärzte suchen selbst nach geeigneten Informationen für ihre Patienten. Nur 15 Prozent der Ärzte kennen sich nach eigenen Angaben eher nicht so gut oder überhaupt nicht gut mit den für Patienten verfügbaren Informationsangeboten aus. Trotzdem kennen gerade einmal 21 Prozent der Ärzte die Internetseite patienten-information.de des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin (ÄZQ), das immerhin das gemeinsame Kompetenzzentrum von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung ist. Nur ein Drittel dieser Ärzte hält die Patienteninformationen dieser Internetseite für vertrauenswürdig, während das Vertrauen in Wikipedia mehr als doppelt so groß ist.

Originalpublikation:

Gesundheitsmonitor Nr. 2/2016: Informierte Patienten und unzureichend vorbereitete Ärzte?
Anja Bittner; 2016

31 Wertungen (4.32 ø)

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9 Kommentare:

Nichtmedizinische Berufe

@Dr. S, sicherlich von den Sachdatenanalysen her nachvollziehbar.
Nur warum wird jede konstruktive Kritik immer gleich als beleidigtes “Bashing” interpretiert?
Im normalen Berufsleben haben wir uns alle i.d.R. mit Lob und Tadel auseinanderzusetzen.
Mich persönlich interessieren ohnehin solcherart von Bewertungs”Studien?” über haupt gar nicht.
Meine eigene Expertisen speziell zu meinen Angelegenheiten gehen viel weiter, als irgendeine Fremdbewertung zu Ärzten, Patienten, Plattformen jeglicher Art, etc.
Leider muss ich für meine Behandlungen immer noch durch die Republik weit fahren, weil z.B. in Ihrer/meiner Stadt die dafür zuständigen und vorhandenen Experten immer noch nicht das nötige fachliche Niveau erreicht haben und auch nicht dazu bereit sind, sich auf den Hosenboden zu setzen und weiter zu lernen. Andere Mediziner machen das doch auch.
Und die sind meiner Beobachtung nach diejenigen, die ich nie meckern höre…

#9 |
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Patienten-Arzt-Patienten Kommunikation mit E-Health-Allokationen muss verbessert werden!

Doch die Bertelsmann Stiftung betreibt anlässlich ihrer 2. Gesundheitsmonitor-2016-Studie erneut undifferenziertes Ärzte-“Bashing”. Die Autorin der Monitor-Studie, Anja Bittner, kann ihre lnterpretation von “genervten Ärztinnen und Ärzten” nicht ansatzweise belegen. Sie hat niemals in eigener Praxis als Vertragsärztin gearbeitet und keinen Forschungsschwerpunkt über bio-psycho-soziale Erkenntnisse zu Arzt-Patienten-Interaktionen entwickelt.

„Hat sich die Medizin für den mündigen Patienten geöffnet?”, fragt die Autorin der Monitor-Studie, Anja Bittner selbst. Ihre Antwort lautet schon im Ansatz völlig schief: “Nein, jedenfalls dann nicht, wenn der Patient seine Informationen aus dem Internet hat. So gab zwar ein Viertel der niedergelassenen Ärzte an, dass sich rund 30% ihrer täglichen Patientinnen und Patienten über das Internet vorinformiert haben. Die 4 häufigsten Themen, über die sich die Patienten informierten, sind laut Umfrage die Therapien, die Symptome, die Behandlungen allgemein und die Kassenleistungen.”

Denn professionell interagierende niedergelassene Ärzte stellen zunächst offene Fragen wie “Was führt sie zu mir?” Oder “Was kann ich für sie tun?”. Und es geht von der Vorgeschichte (Anamnese) zunächst zu den Krankheits-B e s c h w e r d e n! Danach erst zu den medizinischen Symptomen und der klinischen Untersuchung. Die Patienten informierten sich am häufigsten “laut Umfrage (über) die Therapien, die Symptome, die Behandlungen allgemein und die Kassenleistungen”, noch b e v o r sie sich über ihre eigene Krankheits-Vorgeschichte und die zu schildernden Beschwerden im Klaren geworden sind.

Das ist der entscheidende Grund für Kommunikations-Schieflagen in der Arztpraxis. Die angemessene Detektion von Syndromen, eine zielgerichtete apparativ-technische und labor-chemische Diagnostik, Differenzialdiagnostik, Arbeitsdiagnosen, pathophysiologisch begründete Krankheits-Hypothesen usw. brauchen das vorherige Gespräch mit dem Arzt und Patienten bzw. die Abklärung, worum es eigentlich geht.

“Dr. Google” und das Internet kennen solche qualitätsgesicherten, professionellen Vorgehensweisen nicht: Nahezu alle physiologischen Lebensweisen, normales und abweichendes Verhalten, Varianten der Natur werden unmittelbar pathologisiert, dämonisiert, diskriminiert und mit zwingendem Alarmismus belegt. Der medizinisch-ärztliche Sachverstand bleibt außen vor.

Sogar unter
http://www.patienten-information.de/kurzinformationen/seltene-erkrankungen/marfan-syndrom
der BÄK und KBV, welche EDV-scheue niedergelassene Ärztinnen und Ärzte angeblich ignorieren wollen, finden sich fragwürdig-falsche Informationen: Auf Seite eins wird das extrem seltene Marfan-Syndrom aufgeführt. Ich selbst habe 2 Patientinnen in meiner Praxis bei 20.000 bisher Behandelten.

Unter
http://www.patienten-information.de
Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) -Im Auftrag von: Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) und Bundesärztekammer (BÄK) findet sich:

“DIE ERKRANKUNG – Das Marfan-Syndrom ist eine erblich bedingte Erkrankung. Durch einen genetischen Fehler wird das Bindegewebe nicht normal gebildet. Bindegewebe kommt fast überall im Körper vor. Betroffen sind daher viele verschiedene Organe und Körperstrukturen, wie Knochen und Gelenke, Augen oder Herz und Blutgefäße. Nach Schätzungen sind etwa 1 bis 2 von 10000 Menschen am Marfan-Syndrom erkrankt. Die Krankheit wird unabhängig vom Geschlecht vererbt. Männer und Frauen sind gleich häufig betroffen. Ist ein Elternteil erkrankt, besteht eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent, dass auch das Kind erkrankt. Bei etwa jedem Vierten wird die Krankheit nicht vererbt, sondern die Erbinformation hat sich zufällig verändert. Das Marfan-Syndrom tritt dann in dieser Familie neu auf.”

Bei Erkrankung eines Elternteils beträgt nach der Mendel’schen Vererbungslehre die Wahrscheinlichkeit nur 25 Prozent und n i c h t 50 Prozent wie angegeben, dass ein Kind daran ebenfalls erkrankt. Der weitere Erklärungstext ist auch gar nicht an Vorgeschichte und Patienten-Beschwerden interessiert, sondern steigt sofort auf weiterführende Diagnostik, Verlauf und Therapie bzw. Sterblichkeits-Drohkulisse ein. Symptombeschreibungen sind verwechslungsanfällig für Anorexie, Kollagenosen und VACTERL-Syndrom. Es wird so getan, als könne jeder mit verstärkter Gelenk-Beweglichkeit diese hochspezifische Erkrankung haben.

Es ist vorsätzliche Irreführung in der Bertelsmann-Studie: Immerhin “47% der befragten Ärztinnen und Ärzte sehen in den (vor-)informierten Patienten eine Chance für eine positive Veränderung des Arzt-Patienten-Geschehens. 98% der Ärzte erklären (zwar), dass sich der Trend zur Selbstrecherche medizinischer Fragen in den vergangenen 5 Jahren verstärkt habe…nur 40% freuen sich über das Interesse der Patienten”.

Das bedeutet doch eher einen p o s i t i v e n Trend, wenn nur noch 60 Prozent der Ärzte Vorbehalte haben!

#8 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Ich verdanke meiner Internetrecherche mein Leben! Welcher Arzt sollte da etwas dagegen haben? Mein Hausarzt war jedenfalls völlig überfordert. Hat nur widerwillig meine Vorschläge zu Laboruntersuchungen zugestimmt.
Mein Behandlungszentrum habe ich auch selbst ausgesucht. Nachdem die Diagnose Stand, wusste er nicht wohin er mich zur Behandlung schicken sollte.
In den Uni-Seiten kann man die Veröffentlchungen von Ärzten nachlesen und so jene mit der gewünschten Fachkompetenz heraus. Ich habe meinen behandelnden Arzt dann auch selbst angeschrieben. Bekennen muss ich allerdings, dass ich Krankenschwester bin und mir die klinische Terminologie nicht fremd ist. Die medizinische Fachsprache zu verstehen ist für Laien sicherlich das größte Problem. Eine nette Begebenheit am Rande: Eine Studentin der Betriebswirtschaft im Gesundheitswesen meinte:” wir nehmen gerade an der Uni das Verhalten der Patienten in der Zukunft durch. Sie sind eine ganz moderne Patientin. Na das hat mich gefreut.

#7 |
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Nichtmedizinische Berufe

Ja, ich war und bin wohl immer noch “Dottores” Auslöser für eine unkomfortable Wohlfühlstimmung.
Dabei hatte ich doch von Anfang an recht damit, dass damals die Meningomyelieenzephalitis bei mir vorsätzlich übersehen wurde.
Keiner der Ärzte glaubte mir, als ich denen auf den spinalen Bilderchen meinen Verdacht auf zystische Strukturen aussprach, wurde sogar aus einer Radiologiepraxis rausgeworfen. Erst dann noch einmal acht Jahre später sagte mir ein weiterer NC an noch anderem Ort, dass er eben auch auf diesen alten Aufnahmen eine spinale intradurale Arachnoidalzyste erkennen würde, dies dann auch mit zusätzlich CSF-blockierendem Charakter mit moderner nicht invasiver Diagnostik abgesichert und dann später mit nachhaltigen Erfolg behandelt werden konnte. Noch einmal Jahre später konnten auch die Spätfolgen im Schädel und Gehirn der vergangenen Zeiten mit Unterlassungen plausibel erkannt werden. Meine Recherchen unternahm ich nur in angloamerikanischen Medizinfalldarstellungen aus professionellen Quellen, hatte vorher mit Medizinwissen nichts am Hut, kann heute nicht so wenige Terminologien fließend aussprechen und natürlich auch gut im Einzelnen erklären. Ja, die Arroganz von so einigen Medizinern hatte mir unnötiges Leid gebracht und erst spät gab es mit anderen so etwas wie Zusammenarbeit, die ich mir von Anfang an wünschte und ich bis heute darüber irritiert bin, warum so vielen Ärzten so eine Kooperative so schwer fällt…

#6 |
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Gast
Gast

Und genau da liegt vermutl. das Problem: Zeit und Kosten. Ärzte fürchten die Diskussion manchmal aus Zeitgründen oder sie müssten selber weiter nachforschen und das in der wenigen Zeit, die sie oft zur Verfügung haben. Und dann wird auch oft eben nur DIE Schiene gefahren, die man selber für so probat hält. Will der Patient dann nicht, fühlt der Arzt sich abgewertet und blockt ab. Bei all den Therapie-Neuheiten noch den Überblick zu behalten, ist sicher sehr schwer. Für Ärzte wie Patienten. In der Regel wollen beide das gleiche: Das beste. Nur bei zwei Individuen gibts halt auch meist mehr als nur einen Weg ans Ziel. Erkennen Ärzte das und haben Horizont ohne die nötige Sorgfalt zu verlieren, kann das auch das beste bewirken. Ich hab zum Glück solche Ärzte gefunden. Aber sie sind dünn gesät…..

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Dr. Master Implantologie Mirko Kohl
Dr. Master Implantologie Mirko Kohl

Oft werden bei der Internet recherche Krankheitsbilder herauskommen welche den Patienten todkrank erscheinen lassen das macht sicher keinen Mehrwert. eine eingehende Diagnose eines Facharztes ist zwingend notwendig um dem Patienten Sicherheit zu geben

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Siegfried Armbruster
Siegfried Armbruster

patienten-information.de ist doch keine relevante Ressource, wenn man krank ist. Mich interessieren doch keine veralteten Leitlinien.

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Jürgen Schuster
Jürgen Schuster

Wichtiger Beitrag !
Ich erlebe, dass manche Ärzte Patienten “niedermachen” wenn diese profunde Fragen haben oder ergänzende Blutwerte untersuchen lassen wollen. Z. B.: 25-OH-D3, Homocystein, TPO-AK – nach aktuellem Wissen vermutlich Parameter von Bedeutung.
Stattdessen werden Patienten mit Erschöpfungsproblemen /stressbedingten Syndromen / Hashimoto ohne weitere Untersuchung sehr schnell zum Psychologen abgeschoben. Schön, dass es zunehmend Mediziner gibt, die den Patienten ernst nehmen und ihn nach der Quelle seiner Information fragen oder selbst recherchieren.

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Peter Rosenstein
Peter Rosenstein

“Trotzdem kennen gerade einmal 21 Prozent der Ärzte die Internetseite patienten-information.de des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin (ÄZQ), das immerhin das gemeinsame Kompetenzzentrum von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung ist. Nur ein Drittel dieser Ärzte hält die Patienteninformationen dieser Internetseite für vertrauenswürdig, während das Vertrauen in Wikipedia mehr als doppelt so groß ist.”

Wer hindert Ärzte eigentlich daran, laientaugliche, fachlich korrekte und möglichst umfassende Informationen zur Symptomatik, Diagnostik und Therapie der wichtigsten Erkrankungen, die in ihrer Praxis auftauchen, auf einer eigenen Webseite einzustellen?

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