Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr

20. Juni 2016
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Warum lernen ältere Menschen langsamer als jüngere Menschen? Neuen Untersuchungen zufolge führen Faktoren wie Unsicherheiten und Überraschungen bei jungen Erwachsenen zu einem größeren Lerneffekt. Bei älteren Menschen scheinen sie das Gegenteil zu bewirken.

Warum haben ältere Menschen häufig Probleme sich flexibel an veränderte oder neue Situationen anzupassen? Warum fällt Ihnen die Bedienung einen Smartphones häufig schwerer als jüngeren Erwachsenen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich ein Forscherteam der Fachrichtung Psychologie der TU Dresden in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern aus Berlin und den USA.

Aktuelle Studien belegen, dass jüngere Erwachsene mehr lernen, wenn Erwartungen über die Umgebung unsicher sind, wenn es zu überraschenden Ereignissen kommt oder wenn sich die Umgebung häufig ändert. Darüber hinaus sind jüngere Erwachsene in der Lage, ihre Lernrate flexibel entsprechend dieser Faktoren anzupassen. Es wird vermutet, dass jeder dieser drei Faktoren – Unsicherheit, Überraschung und Veränderungsrate über unterschiedliche neuronale Mechanismen gesteuert wird.

Um zu untersuchen, wie gut ältere Menschen in der Lage sind, sich an Veränderungen in dynamischen Umwelten anzupassen, nutzten die Wissenschaftler bei dieser Studie die sogenannte komputationale Modellierung. Eine Methode in der Psychologie die sich vor allem für die Darstellung komplexerer Prozesse eignet und die das Potential hat, zu überraschenden Einsichten in die zugrundeliegenden Abläufe sowie zu neuen Vorhersagen zu gelangen. Mithilfe des komputationalen Modells konnten die Forscher zunächst altersbedingte Veränderungen beim Lernen sowie den Einfluss der genannten Faktoren simulieren. Die dabei getroffenen Vorhersagen wurden anschließend anhand einer Lernaufgabe bei jüngeren und älteren Probanden überprüft.

Unterschiede beim Lernen durch verändertes neuronales System

Das Ergebnis zeigt, dass Lernbeeinträchtigungen bei älteren Menschen durch ein spezifisches Defizit in der Fähigkeit Unsicherheit zu repräsentieren und zum Lernen zu nutzen, entstehen. Diese Befunde weisen darauf hin, dass altersbedingte Unterschiede beim Lernen durch Veränderungen in den neuronalen Systemen zustande kommen, die feststellen, wie viel aus Veränderungen in der Umwelt gelernt werden soll.

In den laufenden Studien untersucht das Forscherteam, welche Veränderungen in den neuronalen Mechanismen die Lerndefizite älterer Menschen verursachen und wie sich adaptives Lernen in der Kindheit entwickelt. Das längerfristige Ziel des Forschungsprogramms ist es, das Wissen über altersbedingte Defizite in den komputationalen Mechanismen des Lernens zu nutzen, um Interventionen zur Unterstützung adaptiven Verhaltens in verschiedenen Bereichen – zum Beispiel bei der Nutzung neuer Technologien oder beim lebenslangen Lernen – zu entwickeln.

Originalpublikation:

Age differences in learning emerge from an insufficient representation of uncertainty in older adults
Matthew R. Nassar et al; Nature Communications, doi: 10.1038/ncomms11609; 2016

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Forschung, Medizin, Neurologie

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3 Kommentare:

Dipl. Sozialökonom Olaf Steinke
Dipl. Sozialökonom Olaf Steinke

Wieder ein Thema, dass meiner Meinung nach einer oberflächlichen Statistik zum Opfer gefallen ist: Werden Lernsysteme den Menschen angepasst, ist die Erfolgsquote beim Lernprozess nicht signifikant verschieden. Wir arbeiten leider viel zu viel mit Vorurteilen: Ältere können nicht mehr so gut Autofahren (auch wenn sie im Vergleich zu jüngeren weniger Unfälle verursachen – egal), ältere sind starrköpfig (… immer dann, wenn andere meinen was gut für die Älteren ist) und schließlich: Ältere lernen langsamer oder gar nicht. Nun, ich kenne viele Leute die über 50 und weit darüber sind und z.T. Programmierkurse an der Uni geben. Ja, es ist nicht die Masse, aber es sind Leute, die die gewohnten Lernkonzepte verlassen und den Lernstoff an ihre Lerntechnik angepasst haben und nicht umgekehrt.

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Schön!
Man kann aber auch einfach sagen: Das alte Hirn ist biologisch abgebaut, verschlissen und die “Festplatte” voll und vermüllt.
In dem Artikel werden fromme Wunschträume paramedizinisch und “komputational” verarbeitet. Das wird im Frust enden.

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Nic. Kelling, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin
Nic. Kelling, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin

definiere: jünger, älter ??? Und was ist mit individuellen, habituellen Gegebenheiten? Der 20-Jährige, dessen Alltag zu 90 % aus Gewohnheiten besteht, hat möglicherweise keine wesentlich anpassungsfähigere Lernrate als ein 50-jähriger, der beruflich bedingt über den Kontinent jettet.
Hier fehlen leider viel zu viele Angaben über die konkreten Bedingungen…

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