Sag mir, was du suchst und ich sag dir, was du hast

10. Juni 2016
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Krankheiten schon vor der ärztlichen Diagnose erkennen? Wissenschaftler der Firma Microsoft meinen, das geht – mithilfe von Datensätzen aus Suchmaschinen. Demnach könnte eine Auswertung gesuchter Begriffe eine Früherkennung des Pankreaskarzinoms ermöglichen.

In einem Artikel der New York Times beschreibt der Wissenschaftler Dr. Eric Hovitz, wie es zu der Idee kam: Bei einem Telefongespräch berichtete ihm ein Freund von Beschwerden, die eine Bauchspeicheldrüsenerkrankung nahelegten. Auf Horvitz Anraten ging der Freund zum Arzt und der Verdacht bewahrheitete sich. Wenige Monate später verstarb er an einem Pankreaskarzinom.

Bei Bauchspeicheldrüsenkrebs beläuft sich die Fünf-Jahre-Überlebensrate auf nur 3 Prozent. Eine Früherkennung kann die Überlebensrate laut Studie immerhin auf 5 – 7 Prozent anheben. Was wäre also, wenn man Symptome der Erkrankung direkt beim ersten Verdachtsmoment aufspüren könnte, fragten sich die Forscher. Indem sie große Stichproben der Suchmaschine „Bing“ auswerteten, veranschaulichten sie, dass es möglich ist, in einigen Fällen die Erkrankung bereits vor der offiziellen Diagnose zu erkennen.

Zu diesem Zweck werteten sie zunächste die Suchanfragen nach Hinweisen auf ein diagnostiziertes Pankreaskarzinom aus. Anschließend wurden dann die vorausgegangenen Suchbegriffe dieser bereits erkrankten User auf entsprechende Symptome analysiert. Genau diese frühen Symptom-Suchen könnten nämlich als Warnsignale dienen. Dabei war es besonders wichtig, zwischen Anfragen, die aus Neugier oder Sorge gestellt wurden und jenen, denen tatsächliches Auftreten medizinischer Symptomen vorausging, zu unterscheiden.

Nach Angaben der Forscher fand die Auswertung anonymisiert statt, sodass kein Kontakt zu den betroffenen Personen aufgenommen wurde. In einem nächsten Schritt müsste jetzt überlegt werden, wie mit diesem Wissen umzugehen ist. Zum Beispiel könnte es ein Art Service geben, bei dem Internetnutzer ihre Suchanfragen zur Sammlung und Auswertung freigeben und Wissenschaftlern so ermöglichen würden, auf potenzielle Warnsignale sofort aufmerksam zu machen. Microsoft hat vor Kurzem eine eigene Abteilung für Health & Welness gegründet – nähere Angaben dazu wollten die Forscher aber nicht machen.

So ganz neu ist das Thema allerdings nicht: Bereits 2009 hatte Google eine Ausarbeitung zu Früherkennung von Grippe-Epidemien basierend auf statistischen Auswertungen von Suchanfragen im Web veröffentlicht. Und auch Microsoft hatte 2013 schon erste Erfolge zu verzeichnen, indem sie bisher unbekannte Nebenwirkungen von Medikamenten über häufig gesuchte Begriffe identifizieren konnten.

Zum Originalartikel in der New York Times geht’s hier.

 

Originalpublikation:

[PAYWALL] Screening for Pancreatic Adenocarcinoma Using Signals From Web Search Logs: Feasibility Study and Results
John Paparrizos et al.; Journal of Oncology Practice, 2016

 

22 Wertungen (3.95 ø)

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2 Kommentare:

“Wer suchet, der findet”?
Durch undifferenziertes Suchen kann man als Laie i.d.R. keine Krankheiten schon vor der gesundheitsberuflichen, fachärztlichen oder allgemeinmedizinischen Anamnese, Untersuchung und Differenzialdiagnose detektieren. Das wäre reiner Zufall, oder eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, dass wir alle mal krank werden und sterben müssen. Und selbst die Frühdiagnostik eines Pankreaskarzinoms bewirkt, dass nach 5 Jahren nicht 97%, sondern “nur” 93-95% tot sind.
Entscheidendes erkenntnistheoretisches Problem: Auch harmlose, banale, unspezifische Symptome können ebenso spontan abklingen oder abheilen wie Vorboten einer schweren Systemerkrankung sein. Immunologisch wissen wir gar nicht, ob unsere zelluläre und humorale Abwehr gerade eine entscheidende Krankheitswende zulässt oder abwehrt. Unsere Genom Analyse erbringt auch nur genetische Wahrscheinlichkeiten, aber keine Gewissheit.
Da sollten Microsoft, Google, Bing etc. doch erstmal Medizin studieren, Evidenzen erforschen, empirische Studien durchführen und dann EbM (Evidence – based – Medicine) betreiben. Google – Maps ist da schlichter gestrickt und schon lange keine “Roadmap” für Krankheits-Früherkennung oder reine Suchdiagnosen.

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Dr. med. Michael Traub
Dr. med. Michael Traub

Der link zur New York Times ist wertvoll, auch was andere Themen betrifft. Danke!

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