Ein stummer Schrei nach mehr Ärzten?

8. Juni 2016
Teilen

Der demografische Wandel wird künftig auch den zeitlichen Arbeitsaufwand von Ärzten beeinflussen. Anhand des relativen Beanspruchungsindex (rBIX) wurde nun die veränderte Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen in unterschiedlichen deutschen Regionen ermittelt.

Urologen, Augenärzte, Fachinternisten und Hausärzte führen die Liste jener Facharztgruppen an, die in den kommenden Jahren bis 2020 und bis 2035 zeitlich stärker von Patienten beansprucht werden dürften als im Vergleichsjahr 2012. Im Bundesdurchschnitt wird die Beanspruchung der Urologen um 23 Prozent steigen, jene der Augenärzte um 20 und die der Fachinternisten um 15 Prozent. Für Hausärzte erwarten die Wissenschaftler eine zusätzliche Beanspruchung von durchschnittlich 9 Prozent.

„Unsere Modellrechnung ist eine Möglichkeit, die zusätzliche Beanspruchung von Vertragsärzten abzuschätzen, die sich aufgrund der demografischen Entwicklung im Vergleich zu heute ergibt“, erklärt Dr. Mandy Schulz, Erstautorin der Studie.

Demografischer Wandel entwickelt sich nicht einheitlich

Die Projektion zeigt eine erhöhte Beanspruchung von Facharztgruppen, die hauptsächlich an der Behandlung älterer Menschen beteiligt sind. Ebenso resultiert daraus eine im Vergleich zu heute verminderte künftige Beanspruchung von Kinderärzten und Frauenärzten.

„In jedem Fall führt der neue Index vor Augen, dass heutige Vorstellungen davon, welche Regionen über- oder unterversorgt sind, mit Blick auf die nahe Zukunft auf den Prüfstand gehören. Das gilt besonders dann, wenn zusätzlich berücksichtigt wird, dass der medizinische Fortschritt immer mehr ambulante Behandlungen möglich und immer weniger Krankenhausbehandlung notwendig macht“, sagt Dr. Dominik von Stillfried, Geschäftsführer des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung.

Der demografische Wandel in Deutschland vollzieht sich nicht einheitlich. Die wirtschaftlich starken Zuwanderungsregionen locken vor allem Jüngere an. Der Anstieg des Durchschnittsalters fällt dort geringer aus und wird ein paar Jahre in die Zukunft verschoben. Auf der anderen Seite stehen Abwanderungsregionen, die durch eine unterdurchschnittliche Wirtschaftskraft gekennzeichnet sind und zum Teil erheblich an Bevölkerung verlieren werden.

Steigender Altersdurchschnitt in Abwanderungsregionen

In den Zuwanderungsregionen wird der Bedarf an vertragsärztlichen Leistungen vor allem aufgrund der steigenden Einwohnerzahlen generell steigen. Setzt dann die demografische Alterung dieser Bürger ein, wachsen die Ansprüche an die ärztliche Versorgung erneut. Dies gilt etwa für den Großraum München, den Großraum Berlin, sowie Regionen um Hamburg, Bonn, Frankfurt und Trier. Auch Regionen in West-Niedersachsen sowie in Teilen Baden-Württembergs, zum Beispiel Freiburg, Konstanz und Ravensburg werden davon betroffen sein.

In Abwanderungsregionen steigt der Altersdurchschnitt der Bevölkerung nach heutigen Vorausberechnungen stark an, da die jüngeren Menschen wegziehen. „Die Älteren in diesen Regionen werden mehr Arztzeit je Patient benötigen“, sagt Dr. Jörg Bätzing-Feigenbaum. Nur wenn die Bevölkerungszahlen sehr stark sinken, was Experten insbesondere in Teilen der neuen Bundesländer erwarten, kann in einigen Regionen trotzdem der Bedarf an Arztzeit in der ambulanten Versorgung insgesamt zurück gehen.

Entwicklung des „relativen Beanspruchungsindex“ (rBIX)

Die Wissenschaftler des Versorgungsatlas haben eine neue Modellrechnung entwickelt, mit deren Hilfe sie den „relativen Beanspruchungsindex“ (rBIX) berechnen können. Dieser Index zeigt die erwartete Veränderung der Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen aufgrund des demografischen Wandels. Erhoben wurde dieser Index für zehn Facharztgruppen: Augenärzte, Chirurgen, Frauenärzte, Hausärzte, HNO-Ärzte, Fachinternisten, Kinderärzte, Nervenärzte, Orthopäden und Urologen.

In die Analyse flossen die Daten aus verschiedenen Quellen ein: eine bundesweite Versichertenstichprobe auf Basis ausgewählter Geburtstage, die Resultate des sogenannten Zi-Praxis Panels sowie die Raumordnungsprognose 2035. Die Modellrechnung basiert auf Daten des Jahres 2012. Um den Effekt der demografischen Entwicklung auf die künftige Beanspruchung der niedergelassenen Ärzte abzubilden, wird angenommen, dass sich im Projektionszeitraum weder die Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen je Altersgruppe noch die hierfür jeweils durchschnittlich erforderliche ärztliche Arbeitszeit verändern.

Aufgrund der Methodik sagt der rBIX nichts über die notwendige Arztzahl in einer Region aus. Im Basisjahr bestehende regionale Unterschiede im Inanspruchnahme- und Versorgungsniveau bleiben unberücksichtigt. Ist bereits die aktuelle Versorgungslage unzureichend, so kann in diesen Regionen auch für Arztgruppen mit negativen Entwicklungstrends noch ein zusätzlicher Bedarf bestehen.

Originalpublikation:

Zukünftige relative Beanspruchung von Vertragsärzten – Eine Projektion nach Fachgruppen für den Zeitraum 2020 bis 2035
Mandy Schulz et al.; Versorgungsatlas, doi: 10.20364/VA-16.02; 2016

13 Wertungen (3.46 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

6 Kommentare:

Adolf Hitmann
Adolf Hitmann

Und was ist mit der ganzen überflüssigen Bürokratie, Die ist auch sehr zeitintensiv!!!!!

#6 |
  0

Quellen:
“Zukünftige relative Beanspruchung von Vertragsärzten – Eine Projektion nach Fachgruppen für den Zeitraum 2020 bis 2035” von Frau Dr. Mandy Schulz et al. Zi-Versorgungsatlas
doi: 10.20364/VA-16.02; 2016
und
http://deutsch.medscape.com/artikelansicht/4904969?nlid=106309_3122

#5 |
  0

Zukunft der Vertrags-Ärztinnen und Ärzte – ZI oder “Orakel von Delphi”?

Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (ZI) will aufzeigen, wie viel Prozent mehr Arzt-Arbeitszeit pro Patient von vertragsärztlich tätigen Haus- und Fachärzten in Zukunft gebraucht wird, um eine älter werdende Gesellschaft (demografischer Faktor) und einen erheblichen Zuzug (Migrationsfaktor) in Deutschland ausreichend in der ambulanten Medizin zu versorgen.

Die Ausgangsdaten sind mehr als dürftig. Knapp 150.000 Vertragsärzte gibt es in der ambulanten Praxis, in MVZ’S und in Kliniken mit Ermächtigung. Niemand will wissen, wie viele oder wenige davon als Teilzeitkräfte, auf Stundenbasis oder überwiegend eher privatärztliche Sprechstunden (IGeL) abhalten. Die KV des Saarlandes hatte eine veraltete Satzung aufheben müssen, nach der eine einzige Kassenarzt-Sprechstunde pro Woche (?) ausreichend gewesen sei.

Hinzu kommt, dass wegen Budgetierung, Deckelung des Gesamthonorars, Wirtschaftlichkeitsgebot nach Paragraph 12 SGB V viele zeitaufwändige Leistungen o h n e Honorarabrechnung erfolgen. Beispiel: EBM-Ziffer 03230, Beratung bei relevanter Erkrankung, mindestens 10 Minuten für 9,00 €, fällt bei Multimorbiden mehrfach im Quartal an. Diese GOP 03230 ist derart gedeckelt und budgetiert, dass sie bei der Gesamtheit aller GKV-Patienten im Quartal auch in einer beratungsintensiven Praxis nur bei 50 Prozent a l l e r ratsuchenden kranken Kassenpatienten überhaupt abgerechnet werden kann!

Der jetzige zeitliche Konsultations- und Beratungs-Aufwand wird in der primärarztlichen Hausarztmedizin (Hausärzte, allgemeinärztlich-internistisch-pädiatrische-gynäkologische Bereiche) nur maximal zu 70 Prozent abgebildet. 30 Prozent bleiben ohne Umsatzhonorar.

Dies berücksichtigt die ZI-Analyse Medizin- und Versorgungs-bildungsfern gar nicht erst. Sondern fantasiert im Elfenbeinturm ohne solide Empirie, Sinn und Verstand mit sozialwissenschaftlichen und bevölkerungs- bzw. krankheitsepidemiologischen Luftnummern!

Ein Beispiel: Wie sollen denn “Frauenärzte in Zukunft voraussichtlich weniger beansprucht werden. Weil es immer weniger junge Menschen geben werde, sinke die Beanspruchung von Kinderärzten und Gynäkologen um durchschnittlich 10% bis zum Jahr 2035, so das ZI”.

Auch dem ZI sollte geläufig sein, dass Frauenärzte Geburtshilfe u n d Gynäkologie machen. Diese Patientinnen werden immer älter, multimorbider, die Brustkrebs-Problematik bzw. Krebsinzidenz allgemein nimmt weiter zu. Kinder, liebe ZI-Pseudostrategen, werden dann weiterhin von Residenten wie Migranten geboren, und das ist auch gut so!

Rein affirmatives Kaffeesatz-Lesen ist auch die Co-Interpretation von Prof. David Klemperer: „So werden die Menschen in Deutschland zwar älter, bleiben dabei aber gesünder. Bei den Geringverdienern besteht eine um 15 Jahre niedrigere gesunde Lebenserwartung im Vergleich zu den Vielverdienern (56,8 versus 71,1 Jahre) – eine Chance zur Verbesserung der Bevölkerungsgesundheit, welche die Politik nutzen kann und sollte: zum Beispiel durch Schaffung von mehr Bildungsgerechtigkeit und der Minderung der Einkommensungleichheit”.

Uns Ärztinnen und Ärzten in Deutschland geht es jedoch mehr um die kranken Kinder, Jugendlichen, Adoleszenten, Senioren, Senilen, Alten, Kranken, Sterbenden, Benachteiligten, Vernachlässigten, Geringverdiener und bio-psycho-sozial Ge- bzw. Beschädigten, als um gesunde, fitte und reiche Bildungsbürger-Senioren, die vor lauter Prävention den Arzt nur kurz vor ihrem Lebensende brauchen.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

#4 |
  0

Die Annahme, dass sich die Inanspruchnahme je Altersgruppe und die hierfür erforderliche Zeit nicht ändern, ist ein fataler Fehler. Beispiel Kinderärzte: Ständig neue Impfungen und Vorsorgen bei gleichzeitigem Wegbrechen von Familienstrukturen, in denen junge Eltern auch ohne Arztkonsultation erfahren könnten, wie man mit einem schreienden Säugling zurecht kommt, führt schon jetzt Kinderärzte selbst in überversorgten Großstädten an die Kapazitätsgrenze [Kommentar von der Redaktion gekürzt].

#3 |
  0
Gast
Gast

Ich versuche schon seit Jahren, einen Studienplatz in Medizin zu bekommen.
Leider stellen sich mache Unis sehr dumm an, was Bewerberinnen ohne Abitur angeht = zweiter Bildungsweg.
Ich kennen viele weitere, denen das so geht.

#2 |
  5
Dipl.-Psychologin Regina Lessenthin
Dipl.-Psychologin Regina Lessenthin

Schade, dass in der Studie Psychologische Psychotherapeuten nicht erfasst sind.

#1 |
  1


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: