Hüftdysplasie: Beklemmung im Wickel-Paket

8. Juni 2016
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Zur Beruhigung des Kindes greifen manche Eltern auf die Methode des „Puckens“ zurück. Dabei werden Babys eng in Tücher eingewickelt. Nun zeigte sich jedoch, dass diese Wickeltechnik zu Hüftdysplasien führen kann. Frühzeitige Screenings können solche Fehlstellungen aufdecken.

„Beim klassischen Pucken werden die Beine in Streckstellung aneinander gebunden“, erläutert Expertin Dr. med. Tamara Seidl von der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM), Oberärztin am Franziskus Hospital in Bielefeld. Je nach Dauer des Puckens wirken hier Kräfte, die das Wachstum der Hüfte verändern und verlangsamen.

Die Hüfte reift dabei nicht normal aus und es kann sich eine sogenannte Hüftdysplasie entwickeln, bei der Gelenkkopf und Gelenkpfanne nicht aufeinander passen. „Das geht bis hin zum Ausrenken des Gelenks“, betont Seidl und schildert ein Fallbeispiel aus der eigenen Praxis: „Das Kind war beim Ultraschall nach der Geburt unauffällig, und zunächst konnte sich keiner erklären, warum es im Alter von fünf Wochen plötzlich diese Hüftreifungsstörung gab“, berichtet die Medizinerin. „Im Gespräch stellte sich dann heraus, dass das Kind gepuckt wurde.“

Eine umstrittene Wickelmethode

Problematisch wird es insbesondere dann, wenn die Veränderungen erst nach der dritten Vorsorgeuntersuchung auftreten. Denn bei der sogenannten „U3“ in der vierten bis fünften Lebenswoche untersuchen Kinderärzte regelhaft die Hüften der Babys per Ultraschall und könnten die Schäden noch entdecken. Aktuelle Zahlen aus Australien zeigen eine Verdreifachung der spät diagnostizierten Hüftdysplasie-Fälle nach dem dritten Lebensmonat – trotz eines frühen klinischen Screenings.

„Die Ursachen für diese Entwicklung der letzten Jahre sind nicht ganz klar, aber ein Zusammenhang mit dem Pucken ist sehr wahrscheinlich“, so Seidl. In anderen Ländern, etwa der Türkei oder Japan, sollen Aufklärungskampagnen die Eltern von der umstrittenen Wickelmethode abbringen.

Screening senkt Hüftdysplasie-Risiko

Etwa vier Prozent aller Säuglinge kommen mit einer unreifen Hüfte zur Welt. Wird eine ausgerenkte Hüfte, also eine „Hüftluxation“, nicht behandelt, entwickeln die Kinder einen hinkenden Gang. Seit 1996 ist die Ultraschalluntersuchung der Säuglingshüfte Bestandteil der „U3“ im Alter von vier bis fünf Lebenswochen. Kinder mit einem besonders hohen Risiko werden bereits mit wenigen Tagen im Rahmen der „U2“ geschallt.

„Das betrifft zum Beispiel Kinder, bei denen in der Familie schon Fälle von Hüftdysplasie aufgetreten sind. Oder auch Babys, die aus Beckenendlage geboren wurden“, erläutert Seidl. Den Erfolg des Screenings untermauern verschiedene Studien. So sank der Anteil der Kinder, die wegen einer Hüftdysplasie in Deutschland operiert werden mussten, nach Einführung des generellen Ultraschallscreenings von 1,26 pro 1000 Lebendgeburten auf 0,26.

Originalpublikation:

Increase in late diagnosed developmental dysplasia of the hip in South Australia: risk factors, proposed solutions
Kathrin Studer et al.; The Medical Journal of Australia, doi: 10.5694/mja15.01082; 2016

21 Wertungen (4.43 ø)

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9 Kommentare:

Mutter-Gast
Mutter-Gast

Dieses “gehüllt-sein-Gefühl” mögen doch alle Babys. Und dem kann man nun wirklich anders gerecht werden… Warum verlassen sich die Frauen nicht einfach auf ihren Mutterinstinkt, als sich von jedem neumodischen Trend verunsichern zu lassen.

#9 |
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@ Gast #6 – Wie schön, dass Sie lieber anonym bleiben wollen: “Pucken” ist nun mal definiert als “festes Einwickeln in Streckstellung”, das sollte man nicht schön reden wollen. Über “Neugeborene im Drogenentzug”…”Morphin und Luminalgabe”…bzw. “von der Geburt geschockte und von der Mutter getrennte Neugeborene” war und ist hier an keiner Stelle die Rede gewesen.
Ihr “vorgeburtliches Gehülltsein-Gefühl” sollten Sie wenigstens durch die Andeutung einer Quellenangabe belegen können? MfG

#8 |
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Gast
Gast

Na dann habe ich ja alles richtig gemacht.

#7 |
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Gast
Gast

Für Neugeborene im Drogenentzug ist der vermehrte Widerstand einer Hülle oft die einzige Hilfe, sie neben Körperkontakt, Herumtragen, Morphin und Luminalgabe zur Ruhe zu bekommen. Ebenso bringt es von der Geburt geschockte und von der Mutter getrennte Neugeborene meines Erachtens in ein vorgeburtliches Gehülltsein-Gefühl. Damit ist natürlich nicht festes Einwickeln in Streckstellung gemeint und es sollte auch nicht dauerhaft eingesetzt werden. Das Pucken sollte aber nicht gleich in Bausch und Bogen verdammt werden.

#6 |
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Wer Babies bis zur Bewegungsstarre “pucken” will, unterdrückt ihren natürlichen Bewegungsdrang. Mit derartig redressierenden Methoden kommen die Kinder keineswegs besser in den Schlaf – sie geben nur nach erfolglosen Rebellionsversuchen irgendwann entnervt und erschöpft auf, fügen sich und schlafen ein. Nur einfältige Eltern registrieren dies als Erfolg und nicht als Nebenwirkung ihrer “erzieherischen” Maßnahme.
Genau so schuf man in China und Japan traditionell kleine Füße als weibliches Schönheitsideal – in dem Füße der kleinen Mädchen redressierend eingewickelt wurden!
Sekundäre Fehlhaltungen, Knochen- und Gelenk-Entwicklungs- bzw. Motilitäts-Störungen sind die Folge des “Puckens”.
Wurm gräbt, Fisch schwimmt, Vogel fliegt, Mensch läuft – so einfach ist das!

#5 |
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in der ehemaligen DDR, in Sachsen, gab es endemische Gebiete mit angeborener Hüftdysplasie. Deswegen wurde vom damaligen ärztlichen Direktor der othopädischen Klinik in Dresden, Prof. Büschelberger, die Methode der Spreizwindeln bei ALLEN neugeborenen Säuglingen eingeführt, wodurch sich die Inzidenz der späteren Hüftdysplasie der Kinder erheblich verringerte.
Schade, dass man diese erfolgreiche Behandlung nicht im breiten Stil fortgeführt hat. Übrigens, eine Hüftsonographie kannte man in den 60 iger Jahren noch nicht, also bekamen alle Säuglinge die Spreizwindel und waren nicht unruhiger als heute die Kinder.

#4 |
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Heilpraktikerin

Heidrun Fieber, Heilpraktikerin

Das ist unglaublich – ein Rückschritt – haben denn diese Hebammen noch nie Kindere in Hüftgips gesehen/erlebt die Kinder können sich nicht frei entwickeln nicht nur nicht bewegen auch erleben ist quasi eingeschränkt … nun gut auch das ist ja beim Pucken erwüncht bzw. beabsichtigt . . .
Dabei ist es so einfach das Kind wie von # 1 Herrn dipl. med. Rainer Hansen beschrieben zu tragen.
Die Kinder beruhigen sich auch durch Zuwendung und Körperkontakt beim Tragen.
Vollzeitbeschäftigte Mütter, die nur wenige Stunden mit ihrem Kind verbringen können sowie Alleinerziehende, haben da sicher eine große Herausforderung.
Im Zeitalter der Mobiltelefone und ständiger Presens sind ja bereits die meisten Menschen schon überforderd, wen wundert’s – und der Stress Alltag, Berufsleben und Kind gut zu koordinieren ist eine wirklich große Aufgabe für die gesamte Familie egal ob Mutter oder Vater beim Kind bleiben, oder Tagesmütter zuständig sind. Da scheint das Pucken für viele eine willkommene Hilfe zu sein – leider auf Kosten der Gesundheit der Kinder.
Es wäre schön, wenn die Erkenntnis der Breitwickelmethode auch von alternativen Hebammen als die bessere Option wie von #2 Frau Silke Koerber-Behkalam genau mit diesem Hintergrund zu Empfehlen zum Wohle der Säuglinge.

#3 |
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Silke Koerber-behkalam
Silke Koerber-behkalam

Erst neuerdings offenbar wird diese Wickelmethode von ” alternativen” Hebammen gezeigt. Ich als Orthopädin habe noch die armen Säuglinge in der
overheadextension nach Hüftluxation gesehen und angenommen,dass man nie wieder das breite Wickeln verlassen würde.
Soviel Unwissenheit heute ist schockierend.

#2 |
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dipl. med. Rainer Hansen
dipl. med. Rainer Hansen

Ich habe zu Beginn der 90-ger Jahre mit dem “Schallen” von Saüglingshüften begonnen. In der Ausbildung dazu hörten wir bereits von deutlichen, d.h. vermutlich statistisch signifikanten Unterschieden der Reife von Hüftgelenken bei afrikanischen Kindern, die mit gespreizten Beinen von der Mutter seitlich auf der Hüfte getragen werden und bei Säuglingen der Eskimos, die der Temperaturen wegen eng gewickelt wurden.

#1 |
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