Die heilenden Wände

22. Juni 2016
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Nicht nur Eingriffe oder Pharmaka beeinflussen unsere Genesung. Bauwerke spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Langsam nähern sich Ärzte, Architekten und Gehirnforscher evidenzbasierten Konzepten der „Healing Architecture“. Es gibt aber noch viel zu tun.

„Raumschiff Strahleweiß“, „Eidotterparadies“ oder „Zahn-Lounge“: So manche Metapher muss daran glauben, wenn es um die Berliner Zahnarztpraxis KU64 geht. Ihr Interieur erinnert auf den ersten Blick an vieles – außer an Zahnmedizin. Angstpatienten atmen auf – ein gelungenes Beispiel der „Healing Architecture“. Während es zu krankmachenden Räumlichkeiten, bekannt als „Sick-Building-Syndrom“, etliche Veröffentlichungen gibt, betreten Wissenschaftler beim Gegenteil immer noch Neuland. „Healing Architecture“, heilende Architektur, soll Genesungsvorgänge beschleunigen. Die dänische Architektin Anne Kathrine Frandsen spricht von einem „als unterstützenden Faktor im menschlichen Heilungsprozess“.

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Zahnarztpraxis Ku64 in Berlin © Instagram

 

Physisch und psychisch beeinflusst

Professor Christine Nickl-Weller von der Technischen Universität Berlin hat sich ebenfalls des Themas angenommen. „Healing Architecture geht der Ausgangsthese nach, dass die räumliche Qualität, geprägt durch eine Vielzahl von Einflussfaktoren wie zum Beispiel Licht, Farbe, Geräusch, Geruch und Orientierung, den Menschen sowohl psychisch als auch physisch beeinflusst“, beschreibt die Forscherin ihr Thema. Zur Untersuchung arbeitet sie interdisziplinär mit Neurowissenschaftlern, speziell Psychobiologen, mit Neurobiologen, Kognitionswissenschaftler, Architekten und Ingenieuren zusammen. Ihr geht es, wie aus der Medizin hinlänglich bekannt, um evidenzbasierte Methoden. Das Evidence-Based Design (EBD) untersucht auf Basis messbarer Effekte, welche physischen oder psychischen Effekte Räumlichkeiten auf Menschen in unterschiedlichen Situationen haben.

Zimmer mit Aussicht

Bislang existieren nur wenige Veröffentlichungen. Im Jahr 1984 wagte sich Roger Ulrich, ein Architekturprofessor aus Texas, in fremdes Terrain. Er verglich zwei Patientengruppen, an denen Ärzte zuvor identische OPs ausgeführt hatten. Ein Teil lag in Krankenzimmern mit Blick auf den Park, während andere Patienten lediglich die Betonmauer eines benachbarten Gebäudes zu Gesicht bekamen. „Der Blick durch ein Fenster kann die Regeneration nach einem chirurgischen Eingriff beeinflussen”, fasste Ulrich seine Ergebnisse zusammen. Wer die Natur vor Augen hatte, benötigte weniger Analgetika, litt seltener an Depressionen und konnte das Klinikum auch etwas schneller verlassen.

Fast 35 Jahre später veröffentlichte Roger Ulrich eine Literaturarbeit. Darin zeigte er, dass sich Komplikationen wie erworbene Infektionen durch moderne Bauten minimieren lassen. Langsam kommt Bewegung in die Sache.

Traumhaft trotz Trauma

Im Rahmen des Projekts „Parametrische (T)Raumgestaltung“ erforschen Intensivmediziner, Psychologen, Schlafforscher, Architekten und Mediengestalter, welchen Effekt die Raumatmosphäre auf den Heilverlauf von Intensivpatienten hat. Dafür wurden an der Charité – Universitätsmedizin Berlin zwei Zimmer mit vier Betten so umgestaltet, dass sie ein Höchstmaß an Privatsphäre für Patienten und deren Angehörige bieten. Medizinische Geräte befinden sich dezent im Hintergrund, und Alarmgeräusche werden gedämpft. Das spart rund 20 Dezibel im Vergleich zu Intensivtstionen normaler Bauweise. Durch Dauerlicht und durch hohen Lärmpegel kam es oft zu Schlafstörungen.

Jetzt orientiert sich die gesamte Umgebung stark an individuellen Bedürfnissen von Patienten. Beispielsweise lassen sich Lichtdecken so steuern, dass sie den natürliche Schlaf-Wach-Rhythmus unterstützen und sogar Delirien reduziert werden. Mit der Darstellung visueller Inhalte über die Lichtdecke entsteht eine Atmosphäre, die Stress und Ängste mindern soll.

Schon heute ist klar: Patienten, die auf der neuen Station liegen, erholen sich besser und brauchen im Durchschnitt weniger Analgetika oder Sedativa. Planer sehen im Modellprojekt schon heute die „Intensivstation der Zukunft“.

Maggie macht´s möglich

Ähnliche Visionen hatte Maggie Keswick Jencks (1941 bis 1995) für Krebspatienten, bis sie selbst an den Folgen eines Mammakarzinoms starb. Ihr Mann Charles Jencks verfolgte das Projekt nach Maggies Tod weiter. Zusammen mit international renommierten Architekten entstanden Maggie’s Centres in Großbritannien und in Hongkong als Anlaufstelle für Tumorpatienten. Sie sind in der Nähe von National Health Service-Kliniken angesiedelt und bieten mehr als onkologische Hilfe. Patienten sollen sich wohlfühlen, sie werden beraten und unterstützt.

Hier kommt wieder die Architektur zum Tragen: Alle Gebäude bestehen aus kleinen Einheiten, die eher Wohnhäusern als Patientenzimmern gleichen. Es gibt Aufenthaltsbereiche für die Familie und Kochnischen im Zimmer. Martialische Hallen, einen zentralen Empfang oder Wegweiser an der Wand sucht man vergebens. Schließlich sollen sich Patienten wie zu Hause fühlen, nicht wie in einem Krankenhaus. Maggies Traum, das Leiden nicht nur medizinisch zu lindern, hat sich erfüllt.

Maggies CentreAberdeen

Maggie’s Centres in Aberdeen © Bill Harrison

Kinder, Kinder

Nicht nur „Maggie’s Centres“ wachsen weiter. Auch in Deutschland tut sich was. Aktuellstes Beispiel ist eine Kinderklinik, die in Freiburg entstehen soll. Dafür stehen schon heute maßgeschneiderte Raumkonzepte fest:

  • ein REN-Cluster (Raum für Entwicklung und Normalität) als eigenständige, stationsübergreifende Versorgungseinheit, die sich dem psychischen Wohlbefinden, der Pädagogik und Schule sowie der Begegnung und dem gemeinsamen Essen von Kinder, Jugendlichen und Eltern widmet,
  • ein Anti-Warteraum als Aufenthaltsgebiet, das Kindern, Jugendlichen und Eltern Ablenkung bietet,
  • ein Raum für Geborgenheit und Zuwendung.

Es bleibt spannend: Bis zum Sommer 2016 sollen alle Planungsunterlagen fertiggestellt werden. Mit dem ersten Spatenstich rechnet die „Initiative für unsere Kinder- und Jugendklinik Freiburg“ bereits in 2017.

103 Wertungen (4.58 ø)

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21 Kommentare:

Gast
Gast

Sehr interessanter Artikel bzw. Thema. Schön, dass Studien untermauern, was das Bauchgefühl schon lange sagt. Leider sind derartige Anregungen an die Geschäftsführung hier im Krankenhaus bisher aufgrund des kurzfristig denkenden “Zahlendiktats” abschlägig beschieden worden. Meines Erachtens muss erstmal ein Gesundheitssystem sinn- und menschenfreundlich durchdacht und strukturiert werden, damit wieder Raum für eine Medizin für Menschen und nicht für Betriebswirte entstehen kann.

#21 |
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Heilpraktikeranwärterin Martina Signoria-Sohns
Heilpraktikeranwärterin Martina Signoria-Sohns

Interessantes Thema, wenn nun bei der Heilung auch noch baubiologische Aspekte, wie verwendete Materialien, Elektrosmogreduzierung und Radiästhesie Einzug finden würde, würde die Regeneration noch zügiger stattfinden….und wenn unser Körper und Geist nicht seid Jahren zunehmender Belastung durch elektromagnetische Wellen und niederfrequenter Felder ausgesetzt würde, könnte es uns allen besser gehen.

#20 |
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Gast
Gast

Woher wissen Sie das denn so genau mit dem Pink ? Vielleicht ist es eher indivuell. Und vor Karrieristinnen darf man sich ebenso bange machen wie vor Karrieristen, manchmal mehr..

#19 |
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Dr Lena Numenthal
Dr Lena Numenthal

#8 – HP Psych Karin Vogelbacher
Großartig dieser Hinweis. Natürlich hat Pink Einfluss auch auf Mann, ebenso wie Stoffe, Kerzenlicht, Streicheln, Kuchen, Lächeln. Es senkt den Blutdurck, senkt den Testosteronspiegel, senkt alle Kampfesbereitschaft, deshalb favorisiert frau diese Steuerungsinstrumente für’s Miteinander und mann weicht instinktiv aus. Das nimmt ihm alle Manneskraft, das macht ihn weich und geschmeidig, das gilt es zu verhindern.
Vielleicht sollte man diese Einflussgrößen für Frauen umgekehrt nutzen: kein Pink, wenn sie Karriere machen will!

#18 |
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Schon mal was von Improvita und Geowave gehört? Hier ist das seit 1997 großes Thema und einige gute Krankenanstalten, Unternehmen, Hotels usw. bauen darauf. Ist auch durch publizierte STudien, Dr. Arbeit in Zürich usw. belegt! schaut mal rein

#17 |
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Gast
Gast

#15
Es muss natürlich “ich bete”, nicht “ich biete” heißen.

#16 |
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Gast
Gast

Ich denke, es geht nicht nur um Krankenhäuser und Arztpraxen, sondern um das Wohnen allgemein. Aus diesem Grund biete ich für steigende Zinsen, damit die Zerstörung unserer Städte durch hässliche CAD Bausünden gestoppt werden kann. Irgendwann müssen wir diese ganzen Gebäude, die Prora in nichts nachstehen, ja wieder abreissen. Hoffentlich hat Europa später dafür Geld. ich fürchte jedoch, die Renaissance der Kleinstaaterei wird Europa nicht nur in die Bedeutungslosigkeit, sondern auch in die Armut führen.

#15 |
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Gast
Gast

# 13 : Vollkommen unerheblich für die menschliche Rückentwicklung zum Geiste hin. Meister Montaner wollte sich abheben und die Neurose unterfüttern. Und so sah er dann auch aus

#14 |
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Anfang des 1900 Jahrhunderts hat in Barcelona der Architekt Lluís Domènech i Montaner im katalanischen Jugendstil das Hospital de Sant Pau erbaut. Dabei berücksichtigte er sowohl die Natur alsauch Farbgebung in Bezug auf die Genesung der Patienten. So neu ist es also nicht. Nur wir denken immer wir erfinden alles neu.
Besinnen auf alte Dinge tut manchmal not – oder gut.
Im heutigen Stadtteil Eixample stellte die Stadt Barcelona ein etwa 10 Hektar großes Grundstück für den Bau eines Krankenhauses zur Verfügung und der Architekt Lluís Domènech i Montaner wurde beauftragt die Bauleitung zu übernehmen. Der in Paris lebende katalanische Bankier Pau Gil i Serra verfügte in seinem Testament, im Jahre 1896 sage und schreibe 3 060 000,- Peseten, damals ein immenses Vermögen, für den Bau eines Krankenhauses in seiner Heimatstadt Barcelona.
m Jahre 1902 begann Luis Domènech i Montaner mit dem Bau des Hospital de San Pablo wie das Krankenhaus zur Gründungszeit benannt wurde. Er plante zunächst für die gebrauchten medizinischen Abteilungen je eines von den 18 Pavillons die er auf eine herrliche Gartenanlage verteilte. Das Besondere an seinem Plan war, dass alle diese Pavillons durch den Operationssaal unterirdische und durch Tunnelartige Gänge miteinander verbunden waren.
Heute wird es restauriert und man Führungen buchen. Es lohnt sich zu schauen wie weitreichend damals schon gedacht und geplant wurde. Ein Kunstwerk…

#13 |
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Gast
Gast

# 11 : falsch

#12 |
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Dr. Gabriele Steinmetz
Dr. Gabriele Steinmetz

Wird von fast allen HeilprktikerInnen schon immer berücksichtigt.

#11 |
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Gast
Gast

Baker-Miller-Pink kannze vergessen, basta

#10 |
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cand.med. Sabine Egger
cand.med. Sabine Egger

Ich denke, der Geruchssinn und das Gehör werden auch unterschätzt. Da ist noch viel Raum nach oben!

#9 |
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Heilpraktikerin

Es ist nicht nur Architektur und Natur, sondern auch die Farbgestaltung, die einen deutlichen Effekt auf das Befinden der Patienten bewirken kann. So setze ich seit Jahren den stressreduzierenden, entspannenden und aggressionshemmenden Effekt der Farbe ‘Baker-Miller-Pink’ erfolgreich in meiner Praxis ein.
Entgegen aller Befürchtungen, nur Mädchen würden den pinkfarbenen Therapieraum angenehm finden, fühlen sich besonders Männer in diesem Ambiente sehr wohl.
Infos zu Baker-Miller-Pink sind z.B. hier zu finden: http://www.therapycolor.com/BakerMillerPink

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Dr.med Michael Stiebing
Dr.med Michael Stiebing

Wie war das doch gleich mit feng shui, der Harmonisierung des Menschen mit seiner Umgebung? Die alten Chinesen wußten davon.

#7 |
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Gast
Gast

Je mehr der Wohnraum/Arbeitsraum “natürlich”, das heitßt der Natur draußen ähnelt, in seiner Gestaltung und mit den verwendeten Materialien, desto wohler fühlen sich die Bewohner und Nutzer. Warum wohl atmen wir tief durch und fühlen uns wohl in freier Natur?

#6 |
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Alice Ranger
Alice Ranger

Ein interessanter Artikel! Wie unten schon erwähnt kann man sich da einiges bei den anthroposophischen Einrichtungen angucken.

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Dipl.-Ing Peter Geisler
Dipl.-Ing Peter Geisler

Was wäre ich wohl für ein Patient – und Patient kann ja Jeder sein, oder werden, wenn ich diese Ideen der ‘Healing Architecture’ nicht gut finden würde. Was wäre ich für ein Heiler, wenn ich dann Einer wäre, wenn ich die Healing Architecture nicht sogleich in ‘Healing Atmoshere’ einbetten würde, die Jeder von uns braucht. Was wäre unser Gesundheits-System ohne solche Ideen. Sicherlich um eine der wichtigsten Ideen überhaupt ärmer. Denn jeder gute Arzt, wenn ich dann Einer wäre, weiß, spätestens seit Hippokrates – dass ohne die Seele des Menschen, der da erkrankt ist, keine Heilung möglich ist. Vielleicht kann ja das Gesundheits-System, wenn es dem Namen Ehre machen möchte, selber an dieser Idee gesunden, dass nicht alles vom Geld abhängt, sondern vom Imaginieren, vom Willen zur Gesundheit, vom Willen zum Menschsein überhaupt.

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Dipl.-Ing. Jürgen Harder
Dipl.-Ing. Jürgen Harder

Die psychische Beeinflussung durch Einflussfaktoren wie Licht, Farbe, Geräusch, Geruch und Orientierung spielt mit Sicherheit eine große Rolle im Genesungsprozess. Das ist aber nur eine Sicht der Dinge: Auch belastende Faktoren wie Elektrosmog, Schadstoffe aus Baumaterialien, Möbeln, Einrichtungsgegenständen etc. sind zu berücksichtigen. Doch es geht noch weiter: Neben baulichen Gegebenheiten sind auch die Bereiche “Zuwendung” durch das Personal, gesunde Ernährung wichtige Faktoren, die es einzubeziehen gilt. Hier ist es wichtig, Mensch und Raum “systemisch” zu betrachten, wie es z.B. die Akademie Bauen-Wohnen-Gesundheit lehrt und in Beratungen berücksichtigt. Der Weg “Helling Architecture” ist auf jeden Fall ein guter Weg!

#3 |
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Gast
Gast

In Freiburg gibt es Baubiologische Wohneinheiten, die kommen dem Menschen sehr zugute. Häuser wie Baufritz u Sentinel sind zu empfehlen. Auch Antroposophen haben viel Natuerliche Baustoffe (unbehandelte Hölzer) in den Räumen. Wünschenswert auch woanders. Man würde viel Geld dadurch sparen

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Top, Herr van den Heuvel. Von Ihnen gibt es auch gutes zu lesen :)

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