Sepsis: Never ending story

23. Juni 2016
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Nach einer Blutvergiftung haben Patienten noch Monate bis Jahre später ein erhöhtes Sterberisiko. Ein Forscherteam hat nun herausgefunden, dass dies nicht allein an Vorerkrankungen liegt, sondern auch eine direkte Folge der Blutvergiftung ist.

Viele Patienten sterben in den ersten Monaten oder Jahren nach einer Blutvergiftung (Sepsis) – lange, nachdem die akute Infektion abgeklungen ist. So ist das Sterberisiko laut einer Studie aus den 1990er Jahren bis zu fünf Jahre nach der Blutvergiftung erhöht. Bisher war unklar, ob dies eine direkte Folge der Sepsis ist – oder ob die Patienten einfach mehr Vorerkrankungen haben, die zu ihrem frühen Tod beitragen. Denn bei Vorerkrankungen ist das Risiko, eine Blutvergiftung zu entwickeln, erhöht.

Nun hat ein Forscherteam um Hallie Prescott von der Abteilung für Lungen- und Intensivmedizin an der Universität Michigan in Ann Arbor (USA) die Ursachen des erhöhten Sterberisikos erstmals genauer untersucht. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forscher in der Fachzeitschrift „BMJ“.

Eine Blutvergiftung ist eine schwerwiegende Komplikation einer zunächst örtlich begrenzten Entzündung. Um die Infektion zu bekämpfen, schüttet der Körper große Mengen an Botenstoffen in die Blutbahn aus. Sie führen zu ausgeprägten Symptomen wie Schwellungen, Durchblutungsstörungen, einem starken Blutdruckabfall und in schwerwiegenden Fällen bis zum Organversagen.

Vergleich mit möglichst ähnlichen Patientengruppen

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Hallie Prescott © University of Michigan Health System

Die Wissenschaftler um Prescott werteten Fragebögen und Krankendaten von über 37.000 Patienten aus, die an der „University of Michigan’s Health and Retirement Study“ (HRS) teilgenommen haben bzw. teilnehmen – einer noch laufenden Längsschnittsstudie mit älteren Amerikanern. „Wir wissen, dass kränkere Patienten eine höheres Risiko für eine Blutvergiftung haben“, sagt Prescott. „Deshalb haben wir uns gefragt, ob Vorerkrankungen das Risiko für den späten Tod nach einer Sepsis beeinflussen.“

Dazu analysierten Prescott und ihr Team bei 960 Patienten, die wegen einer Sepsis im Krankenhaus behandelt wurden, das Sterberisiko im Zeitraum von 31 Tagen bis zwei Jahren nach der stationären Aufnahme.  Dies verglichen sie mit dem Sterberisiko in drei weiteren Gruppen, die den Sepsis-Patienten in möglichst vielen Aspekten ähnlich waren: etwa bei Alter, Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, aktuellem Gesundheitszustand und Vorerkrankungen. Eingeschlossen wurden Patienten mit 65 Jahren oder älter.

Die drei Vergleichsgruppen umfassten 777 Patienten, die seit der letzten Erhebung in der HRS-Studie nicht im Krankenhaus waren, 788 Patienten, die wegen einer Infektion, jedoch keiner Sepsis, im Krankenhaus behandelt wurden, und 504 Patienten, die wegen einer akuten sterilen Entzündung behandelt wurden. Diese Form der Entzündung wird nicht durch Krankheitserreger, sondern durch Gewebeschädigungen hervorgerufen – etwa bei Verletzungen, Verbrennungen oder Herzinfarkten.

Mit Hilfe dieser Gruppen konnten die Forscher Rückschlüsse auf das Sterberisiko nach einer Sepsis im Vergleich zu gesunden Patienten, Patienten mit Infektion ohne ausgeprägte Entzündungsreaktion und Patienten mit alleiniger Entzündung ohne bakterielle Infektion ziehen.

 

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Charakteristika der verschiedenen Patientengruppen © Hallie Prescott, University of Michigan Health System

Sterberisiko nach Sepsis ist hoch

Von den Sepsis-Patienten, die die ersten 30 Tage nach der Krankenhausaufnahme überlebt hatten, starben in den folgenden zwei Jahren über 40 Prozent. Dabei war eine Blutvergiftung im Vergleich zu Patienten, die nicht im Krankenhaus waren, mit einem 22 Prozent erhöhten Sterberisiko verbunden. Dieses Risiko war über den gesamten Zeitraum von zwei Jahren erhöht. Im Vergleich zu Patienten mit einer einfachen Infektion war das Sterberisiko nach Sepsis um 10 Prozent, im Vergleich zu Patienten mit einer sterilen Entzündung um 16 Prozent erhöht.

„Das ist aus unserer Sicht ein sehr überraschendes und interessantes Ergebnis. Es bedeutet, dass sich der späte Tod nach Sepsis nicht ausreichend durch das Alter der Patienten, soziodemographische Merkmale oder den Gesundheitszustand vor der Blutvergiftung erklären lässt“, erläutert Prescott. „Es bedeutet gleichzeitig auch, dass die erhöhte Sterblichkeit stärker für Behandlungsmaßnahmen zugänglich ist als bisher gedacht.“

Allerdings sei die Studie erst der Anfang, um die Ursachen und Zusammenhänge der hohen Sterberate genauer zu verstehen, betonen die Forscher. Da ihre Studie rein beobachtend sei, könne man nicht mit Sicherheit sagen, ob die Blutvergiftung wirklich die Ursache der erhöhten Sterblichkeit sei. „Deshalb ist es nun sehr wichtig, die biologischen Prozesse zu verstehen, die zur erhöhten Sterblichkeit nach einer Blutvergiftung beitragen“, sagt Prescott. „Auf dieser Basis kann man möglicherweise neue Behandlungsmethoden entwickeln.“

 

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Überlebensrate von Patienten nach Sepsis (rot) im Vergleich zu gesunden Personen (oben), Patienten mit einfacher Infektion (Mitte) und Patienten mit steriler Entzündung. © Hallie Prescott, University of Michigan Health System

Biologische Mechanismen als Ansatzpunkt für neue Behandlungen

Bisherige Studien deuten darauf hin, dass eine Blutvergiftung zu biologischen Veränderungen führt, die zu einer erhöhten Sterblichkeit führen könnten. So zeigen Mäuse nach einer experimentell induzierten Sepsis ein verstärktes Tumorwachstum und ein beschleunigtes Fortschreiten von Arteriosklerose. Zudem sterben sie häufig an Infektionen durch Bakterien oder Pilze.

Auch in Untersuchungen mit Menschen, die eine Sepsis überlebt haben, wurden hohe Raten an Infektionen, Krebs und Todesfällen durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen beobachtet. Eine weitere Studie legt nahe, dass epigenetische Mechanismen ein wichtiger Faktor sind, der nach überstandener Sepsis zu einer dauerhaft unterdrückten Immunfunktion und zur Entstehung von Arteriosklerose beiträgt.

Auch in Prescotts Studie starben die Patienten in den Monaten und Jahren nach der Blutvergiftung häufig an Infektionen. Das deute darauf hin, dass das erhöhte Infektionsrisiko und die dauerhaft gestörte Immunfunktion Ansatzpunkte für Behandlungsmaßnahmen sein könnten, schreiben die Autoren.

„Nun brauchen wir dringend weitere Forschung, um bessere Behandlungsansätze entwickeln zu können, die die Lebenserwartung von Patienten nach einer Sepsis erhöhen und ihre Lebensqualität verbessern“, sagt Prescott. Weiterhin legen die Ergebnisse nahe, dass Patienten nach überstandener Sepsis engmaschiger überwacht werden sollten, um eine Verschlechterung ihres Gesundheitszustands frühzeitig zu erkennen.

Gleichzeitig könnten sie als Grundlage dienen, um Patienten und ihre Angehörigen über das Leben nach einer Blutvergiftung zu informieren – etwa, damit sie besonders auf ihre Gesundheit achten, aber auch, damit sie sich auf ein mögliches frühzeitiges Lebensende vorbereiten können.

72 Wertungen (4.31 ø)

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9 Kommentare:

Carsten Niemeyer
Carsten Niemeyer

Alter Kaffee neu aufgekocht. Ist doch alles schon bekannt.

#9 |
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Gast
Gast

Zu #5: Ja, das wäre naheliegend, einen Vit.D Mangel in die Überlegungen einzubeziehen. Wird aber nicht passieren. Denn nach Aussage unserer Ernährungsmediziner kann das ja gar nicht sein. Also Denkverbot.

#8 |
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Sandra
Sandra

Was ist denn am letzten Absatz zynisch? Hier werden Mediziner informiert! Wie die dann die Info weitergeben, steht doch auf einem ganz anderen Blatt.
Darüber hinaus ist es das Recht eines jeden Patienten, umfassend aufgeklärt zu werden.

Ich finde die Forschungsergebnisse wirklich hervorragend! Jetzt müssen wir nur noch verstehen, welche Mechanismen dafür verantwortlich sind und können dann darauf aufbauen. Vielleicht finden sich ja in den folgenden Forschungen auch Ansätze für die Therapie multiresistenter Keime.

#7 |
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Dr. Joachim Bedynek
Dr. Joachim Bedynek

zu #1 und #2 (Frau Niggenaber): Ich finde den letzten Absatz völlig in Ordnung. Er richtet sich ja auch nicht an den Patienten sondern an die behandelnden Ärzte.

#6 |
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Gast
Gast

Wie wär es denn mit so etwas gängigem wie Vitamin D Mangel? Der erhöht das Sepsisrisiko und auch das Risiko für zahlreiche andere Erkrankungen, u.a. verschiedene Krebsarten und geht allgemein mit höherer Mortalität einher.

#5 |
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Gesundheitsökonom

Arzt:” Ich verordne Ihnen eine Moorpackung”. Patient:”Hilft die denn?”. Arzt:”Nein, aber Sie können sich schon an den Erdgeruch gewöhnen!” ;-}
Über den unsensiblen sprachlichen -und damit psychischen – Umgang mit schwer(st)kranken Patienten ist schon viel geschrieben worden. Das ist nur die Fortsetzung der “never ending story”.

#4 |
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Georg Stefan Lang
Georg Stefan Lang

Ich finde es gut und sinnvoll, wenn man sie Risiken frühzeitig kennt. Wer da überhöhte Ängste entwickelt, sollte mal besser in sich gehen und sich bemühen sich und seinen Körper zu “verstehen”. Ich bin jed Arzt für äffene Erklärungen dankbar.

#3 |
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Weitere medizinische Berufe

Der letzte Absatz ist wirklich zynisch – kann man so etwas nicht irgendwie behutsamer rüberbringen? Sowieso schwersterkrankte Patienten damit zu schocken scheint mir nicht unbedingt sinnvoll!

#2 |
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Gast
Gast

Und dann evt Ängste vor d Evt frühzeitigen Lebensende zu entwickeln. Herrlich wenn man Patienten mit solchen Aussagen konfrontiert….

#1 |
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