Stille Patienten: Nebenjob Pathologie

27. April 2011
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Die Pathologie ist nicht jedermanns Sache: vielen ist die Arbeit an Toten einfach unangenehm. Nicht so Sylvia, die während des Studiums in der Pathologie jobbte und dabei ihren Traumberuf fand.

Im inzwischen 6. Teil der Nebenjob-Serie geht es um ein heikles Thema: Arbeiten am Leichnam. Während viele zumindest im ersten Moment zurückschrecken, erzählt Sylvia Hurlbeck uns im Interview wie sie an diesen Nebenjob am ungewöhnlichen Arbeitsplatz gekommen ist und was für sie den fachlichen Reiz ausmacht. Denn dieser hat sich nicht nur während des Nebenjobs im Studium gehalten, sondern sie in ihrer Facharztwahl auch nachhaltig beeinflusst: vor 1 Jahr tauschte sie den Nebenjob gegen eine Assistenzarztstelle in der Pathologie ein.

Sylvia, wie bist Du zu diesen eher ungewöhnlichen Nebenjob gekommen?

Sylvia: Ich habe bereits seit dem 2. Semester nebenher in der Pathologie eines Maximalversorgers im Rhein-Main-Gebiet gearbeitet. Die Oberärztin des dortigen Institutes habe ich privat über den Reitsport kennen gelernt. Zur damaligen Zeit brauchten sie immer wieder Aushilfen, da hin und wieder jemand krank oder im Urlaub war, das Arbeitsaufkommen aber durchgehend sehr hoch ist (ca. 250 Obduktionen pro Jahr und knapp 100.000 histologische Untersuchungen pro Jahr).

Man muss ziemlich flexibel sein. Wenn man zu zweit ist, wie es bei voller Besetzung vorgesehen ist, dann schafft man die Arbeit gut; aber allein ist es an manchen Tagen schwierig. Es kann also sein, dass man vier Obduktionen an einem Tag hat und dann auch wieder einige Tage nichts.

Gearbeitet habe ich eigentlich immer in den Semesterferien (dann auch Vollzeit). Während des letzten Studienjahres vor dem PJ auch während des Semesters. Entsprechender Bedarf ergabt sich oft sehr kurzfristig.

Was genau war Deine Tätigkeit? Hattest Du Berührungsängste?

Sylvia: Zu meinen Aufgaben gehörte die Durchführung von Obduktionen unter Aufsicht, d.h. Entnahme aller zur Untersuchung bestimmten Organe sowie das Vorbereiten bzw. Präsentieren der Organe in den Demonstrationen für die ärztlichen Kollegen von Station. Fortlaufende Naht eröffneter Körperhöhlen, das Wiederherrichten der Körperproportionen der Leichname (mit Zellstoff) und die Ausgabe der Leichen an Bestatter gehörten dazu, aber auch “weniger spannende” Tätigkeiten wie Reinigung der Arbeitsflächen und –mittel. Daneben mussten Organe und Gehirne teilweise bei bestimmten Fragestellungen in Formalin fixiert bzw. entsorgt werden. Befunde waren zu archivieren, Leichname auf Wunsch der Angehörigen für Verabschiedungen vor Ort aufzubahren etc.

Zum Thema Berührungsängste: Die hatte ich von Anfang an eigentlich nicht, sonst wäre ich wahrscheinlich gar nicht auf die Idee gekommen, dort anzufangen. Was ich aber sehr wohl gemerkt habe, ist meine anfängliche Art der Zurückhaltung, bis ich mich dort in die Situation eingefunden hatte, denn schließlich ist das ja kein normaler medizinischer Arbeitsplatz mit kranken Patienten, die in Hoffnung auf Heilung im Krankenhaus sind. Die Situation bzw. das Arbeitsgebiet ist schon etwas pikant, dadurch, dass der Tod allgegenwärtig ist und man gerade zu Anfang nicht weiß, wie genau man sich verhalten soll. Schließlich will man die Arbeit ja auch mit dem nötigen Respekt versehen.

Diese Anspannung hat sich aber bereits in der ersten Woche gelöst und dann gibt es viele interessante Sachen zu lernen: Organe, Gewebe und Leichname haben auch nach dem Tod eine Menge zu erzählen, ganz so wie man das aus den diversen Fernsehserien immer kennt – nur hier ohne das ganze Hollywood-Getue drumherum. Das Gute am Job: Man kann ab einem gewissen Level wirklich selbstständig arbeiten und lernt ganz nebenbei die Anatomie sehr eindringlich. Was man aber auch erwähnen muss: Der Job ist körperlich mitunter sehr anspruchsvoll.

Was für Arbeitszeiten hattest Du?

Sylvia: Angefangen wird morgens zwischen 7 Uhr und 7.30 Uhr. Die ersten Obduktionen starten dann gegen 9 Uhr nach der ärztlichen Frühbesprechung um 8 Uhr. Die Arbeitszeit ist aber flexibel und wird per Stechuhr erfasst.

Wichtige Frage: Wie schaute es mit der Bezahlung aus und kannst Du den Job für Medizinstudenten empfehlen?

Sylvia: Der Stundenlohn liegt zwischen 9 und 10 Euro, abgerechnet wird mittels Lohnsteuerkarte.

Was machst Du jetzt nach dem Studium?

Sylvia: Ich bin nach dem Examen von der Pathologie, in der ich neben dem Studium gearbeitet habe, übernommen worden und befinde mich jetzt im 1. Weiterbildungsjahr zur Fachärztin für Pathologie. Von Vorteil ist, dass ich das dort arbeitende Team schon kenne, und sie mich natürlich auch. Auch die Arbeitsabläufe sind mir nicht fremd und zusammen mit meinen Erfahrungen aus dem Nebenjob fühle ich mich in dem Weg, den ich jetzt eingeschlagen habe immer wieder in meiner Fachrichtungswahl bestärkt.

Vielen Dank, dass Du uns Rede und Antwort gestanden hast und weiterhin viel Erfolg im Berufsleben.

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