Brain me up, Scotty!

28. April 2011
Teilen

Es hat etwas von "Raumschiff Enterprise": Patienten mit Gedächtnisproblemen gehen in die "Röhre" - danach funktioniert das Gehirn wieder. Mediziner der UKE empfehlen die nichtinvasive Methoden, um die neuronale Plastizität bei älteren Patienten wieder in Gang zu setzen.

Die Technologien sind bundesweit im Einsatz, einzig die Anwendungsgebiete liegen von denen im Fachblatt “Frontiers in Ageing Neurosciences” publizierten Pendants weit entfernt. Denn das, was das Team um den Hamburger Neurologen Friedhelm Hummel jetzt als Übersichtsarbeit veröffentlichte, könnte in Zeiten einer alternden Gesellschaft zunehmend an Bedeutung gewinnen – und Ärzten eine neues Betätigungsfeld bieten. Nichts anderes als die Verbesserung der Neuroplastizität im Alter mit Hilfe der Nichtinvasiven Hirnstimulation (Non-Invasive brain Stimulation, NIBS) scheint seit geraumer Zeit möglich, nur: Kaum ein Mediziner nahm bislang im Praxisalltag davon Notiz.

Einsatz von Hightech im großen Stil

Tatsächlich sind die Verfahren, bei denen mit Hilfe von elektrischen oder magnetischen Reizen bestimmte Hirnareale angeregt werden, keinesfalls neu. An der Klinik für Neurologie des Uniklinikums Schleswig Holstein in Kiel beispielsweise sind gleich mehrere Labore zur transkraniellen Hirnstimulation in Betrieb. Die Reizung der Hirnareale erfolgt „durch den intakten Schädel“, wie die Mediziner erklären, und: „Die Verfahren sind schmerzlos und können sowohl an Gesunden als auch an Patienten mit neurologischen Erkrankungen eingesetzt werden“.

Tatsächlich kommt für die Aktivierung der grauen Zellen mitunter eine ganze Armada an Hightech zum Einsatz. Mal ist es die transkranielle Magnetstimulation (TMS), mal die transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS). Und wenn das einzeln nicht den erhofften Erfolg bringt, setzen die Neurologen transkranielle Hirnstimulationsverfahren „in Kombination mit funktioneller Bildgebung und z.B. Laser-evozierten Potentiale ein“ – nur wozu?

Biochemisch betrachtet schien die Sache bisher klar: Vor allem TMS vermag die Aktivität des Nervensystems zu modulieren. „Die gezielte und kontrollierte Modulation kortikaler Erregbarkeit durch repetitive TMS (rTMS) oder tDCS bietet darüber hinaus therapeutische Optionen, z.B. bei der Behandlung von Menschen mit Epilepsien, Kopfschmerzsyndromen oder in der Rehabilitation nach einem Schlaganfall“, schildern die Kieler Mediziner das Potenzial der Methoden. Tatsächlich liest sich die Liste der Einsatzgebiete vielversprechend. Ob bei pharmakoresistenter Epilepsie oder als Migräneprophylaxe, die elektrischen Felder sind ebenso wie bei chronischen Schmerzen immer häufiger das Mittel der Wahl. Selbst HNO-Ärzte nutzen die Stimulation von Hirnregionen, da sie Tinnituspatienten Linderung zu bringen scheint.

Strom an, und ab ans Piano

So schön diese Liste der Erfolge auch sein mag, es geht noch besser, wie Hummel nun attestiert. Die transkranielle Gleichstromstimulation scheint dabei eins der effektivsten Verfahren zu sein. Denn im Laborversuch mussten ältere Patienten mit einer Hand, Klaviernspielern gleich, eine bestimmte Fingerabfolge erlernen. Ohne rTMS hatten die Probanden erhebliche Probleme mit der Merken der korrekten Abfolge. Der elektrische Reiz hingegen führte zu einer erheblichen Verbesserung der Leistung, wie Hummel und sein Team berichten. Die Stimulationen scheine, so jedenfalls die Annahme der Wissenschaftler, jene Bereiche des Gehirns zu reaktivieren, die auf Grund des Alters irgendwann nur noch brach liegen. Als besonders affin für die Stimulationen erweist sich der Motorcortex. Welche Vorgänge sich dabei in der somatomotorischen Rinde abspielen, ist indes nicht geklärt.

Das spannende Gebiet der Medizin befinde sich aber noch ganz am Anfang, betonen die Neurologen – und geben ihren Kollegen einen weiteren Vorteil der Hirnstimulationen bei alten Patienten mit auf dem Weg. Anders als bei Pillen gegen den geistigen Verfall etwa bergen die Stimulationen praktisch keine ernstzunehmenden Nebenwirkungen. Einziges Manko: In den ersten Sekunden der Aufputschtherapie verspürten einige Probanden ein brennendes Gefühl. Doch das verschwand dann ebenso schnell, wie es gekommen war, konnten sich die alten Menschen gut erinnern.

110 Wertungen (4.53 ø)
Medizin

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

6 Kommentare:

PD Dr. Roland Wenzelburger
PD Dr. Roland Wenzelburger

Die im Artikel genannten Methoden rTMS (repetitive transkranielle Magnetstimulation) und tDCS (transkranielle Gleichstromstimulation) sind in der Praxis gut anwendbar, auch wenn die Geräte teils recht aufwendig sind. Wir verwenden sie auch außerhalb von Studien mit guten Ergebnissen. Die in Studien erprobten Anwendungsgebiete und die umfangreiche wissenschaftliche Literatur sind zusammengefasst auf der Webseite http://www.rtms-therapie.de.
Roland Wenzelburger
Neurologie, Schmerztherapie, Schlafmedizin

#6 |
  0

“Die Botschaft hör (les) ich wohl allein mir fehlt der Gla

#5 |
  0
Rettungsassistent

Manchmal muss man froh sein, wenn es funktioniert. Wenn dann noch irgendwann geklärt wird, warum, um so besser.

#4 |
  0

Sehr guter Artikel, toller Ansatz, alle Achtung!
Herzliche Grüße

#3 |
  0
Dr. med. Leopold  Veith
Dr. med. Leopold Veith

muß schon sagen die kollegen sind mutig !
die ” vor – arbeiten ” würden mich brennend interessieren !
die ( bisherigen ) ergebnisse scheinen ja die mittel zu heiligen !?
dr.med.leopold veith
arzt für neurologie & psychiatrie

#2 |
  0
Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

Schon Walter Birkmayer dachte sich etwas bei seiner Theorie
der “Imbalance” die er bei vielen Hirnstörungen vermutete.
J e d e stärkere “Erschütterung” des Hirnsystems würde
einen positiven Notfall-Stress auslösen, der das System
sich neu und besser wieder ordnen ließ.-
Ob das nun die Magnetstimulation beim Parkinson oder ECT-
Therapie bei Depressiven sei oder die Aussage der Epileptiker, es gehe ihnen nach einem großen Krampfanfall
besser.-
Fußnote! ECT = Elektro-Convulsion-Therapie
p.s. Theorien, auch wenn sie später nicht mehr stimmen
sind unverzichtbar, weil sie die Forschung anregen..-
Nach einem Lawinenabgang ist erst einmal der Berg
weniger gefährlich und besser begehbar.- !
p

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: