Iodid: Supergau im Pillenland

3. Juni 2016
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Belgien und Nordrhein-Westfalen wollen Iodidtabletten einlagern, um die Bevölkerung bei etwaigen Störfällen in Kernkraftwerken rasch zu versorgen. Ohne gezielte Informationen zur Einnahme bringen die Präparate jedoch wenig.

Tihange und Doel, zwei belgische Kernkraftwerke nahe der deutschen Grenze, bereiten Politikern in NRW viel Kopfzerbrechen. Durch eine Havarie oder einen terroristischen Anschlag könnten Spaltprodukte austreten und Menschen in dicht besiedelten Gebieten gefährden. Besonders gefährlich ist Iod-131 mit einer physikalischen Halbwertszeit von acht Tagen. Es sammelt sich gasförmig in Zwischenräumen der Brennstäbe an und wird schnell freigesetzt, sollten Schutzmechanismen versagen. Das Isotop reichert sich in der Schilddrüse an. Es schädigt Zellen durch seine β- und γ-Strahlung. Studien mit Überlebenden aus Hiroshima, Nagasaki oder Tschernobyl zeigen einen klaren Zusammenhang zwischen dem Risiko, Schilddrüsenkarzinome zu entwickeln, und der Inkorporation von Iod-131.

Iodid1

Computergestützte Simulation eines Störfalls, hier allerdings in Süddeutschland. In den gelb und orange eingefärbten Gebieten raten Wissenschaftler bei Kindern und Jugendlichen zur Einnahme von Iodidtabletten. Quelle: Bundesamt für Strahlenschutz

Klotzen, nicht kleckern

Um die Resorption zu verhindern, setzen Ärzte auf eine Iodblockade. Lannacher, ein Hersteller von Kaliumiodid-Tabletten mit 65 Milligramm des Salzes, empfiehlt in seiner Fachinformation folgende Dosierung:

  • Schwangere und Stillende: 2 Tabletten (entsprechend 100 mg Iodid)
  • Kinder < 1 Monat: ¼ Tablette (entsprechend 12,5 mg Iodid)
  • Kinder von 1 bis unter 36 Monaten: ½ Tablette (entsprechend 25 mg Iodid)
  • Kinder von 3 bis unter 13 Jahren: 1 Tablette (entsprechend 50 mg Iodid)
  • Jugendliche und Erwachsene von 13 bis unter 45 Jahren: 2 Tabletten (entsprechend 100 mg Iodid)
  • Personen über 45 Jahren: keine Tabletteneinnahme

„Der Nutzen einer sofortigen Schilddrüsenblockade mit hochdosiertem Iod als Kaliumiodid-Tabletten in solchen Situationen ist unbestritten“, schreibt Professor Helmut Schatz von der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie in seinem Blog. „Das sah man nach Tschernobyl in Polen, wo durch die sofortige Jodblockade – im Unterschied etwa zur Ukraine und zu Weißrussland – die Zahl der Schilddrüsenkarzinome bei Kindern und Jugendlichen nicht anstieg.“

Tabletten für alle

Grund genug für die nordrhein-westfälische Landesregierung, um Kaliumiodid-Tabletten für alle Schwangeren und Minderjährigen zu erwerben. Eigentlich ist der Bund bei derartigen Maßnahmen in der Pflicht. Einer Sprecherin des NRW-Innenministeriums zufolge gebe es aber bislang keine Zeitvorgaben. Belgien hat ähnliche Pläne. Im nächsten Jahr sollen alle Bürger, die im Umkreis von 100 Kilometern um ein Atomkraftwerk leben, Kaliumiod-Tabletten für den heimischen Vorrat erhalten – bislang liegt der Radius bei 20 Kilometern. Die Maßnahme spart im schlimmsten Falle wertvolle Zeit.

Zeit ist Schutz

Helmut Schatz schreibt dazu in seinem Blog: „Die WHO empfiehlt 130 Milligramm als Einmalgabe ein bis zwei Tage vor Eintreffen der radioaktiven Wolke. Drei Stunden nachher hat sie nur noch 50 Prozent, zehn Stunden später keine Wirkung mehr. Noch später kann sie sogar schaden, da dann das durch die Atmung schon aufgenommene radioaktive Jod langsamer ausgeschieden wird.“ Im Krisenfall ist nicht gesagt, dass etablierte Infrastrukturen vorhanden sind, um Bürger mit Kaliumiodid zu versorgen. Die Bevorratung zu Hause kommt dieser Problematik entgegen.

43 Wertungen (4.56 ø)

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19 Kommentare:

Manfred Lothar Dietwald
Manfred Lothar Dietwald

Wenn radioaktives Jod mit kurzer Halbwertzeit wohl kaum natürlich vorkommt, wie soll nach Bestrahlung kein solches entstehen, und damit die Strahlenbelastung nicht erhöhen?

#19 |
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HP Ingeborg Schauer
HP Ingeborg Schauer

Personen über 45 Jahren: keine Tabletteneinnahme – wie ist das gemeint? Hat man das Problem der Zunahme von älteren Menschen dann damit gelöst?

#18 |
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Christian Becker
Christian Becker

#4
Die Iodid-Tabletten sind sehr viel höher dosiert als die Zusätze im Salz oder der natürliche Gehalt in Fisch.
Iodat, wie es in Iodsalz etc. vorkommt, wird im Körper zu Iodid, daher verhält es sich nicht anders als dieses. Ein Unterschied zwischen NaI und KI ist auch – bezogen auf das Iod – nicht vorhanden.
Iodid wäre im Speisesalz zum einen nicht Stabil, da es unter Lichteinfluss zu Iod reagieren kann, welches sich verflüchtigen würde.
Auch für die Prozesskontrolle könnte Iodat vorteilhaft sein, da es sich chemisch leichter nachweisen lässt (insbesondere neben Chlorid, das im Salz ja im riesigen Überschuss vorliegt).

#17 |
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Jürgen Winter
Jürgen Winter

Frau Robinson,
die Zahlen stimmen. Es soll die 1000fache Menge eingenommen werden, die bei anderen Behandlungen üblich ist.
Welche Folgen das haben wird, kann mit Sicherheit nicht erforscht bzw. vorhergesagt werden!

#16 |
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Ärztin

Erstens ist es verantwortungslos, Menschen durch die Einnahme einer Tablette in Sicherheit zu wiegen.
Zweitens sind es doch Mikrogramm, nicht Milligramm? Auch wenn es überall so (falsch?) steht…

#15 |
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Manfred Lothar Dietwald
Manfred Lothar Dietwald

Zu 13) :Der Kupferpreis war nur 2009 und 2004 niedriger als jetzt. Das dürfte also nicht das Problem sein.

#14 |
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@9 + 11: Meine Rede seit Jahren: warum baut man keine Wasserkraftwerke? Stattdessen sollen Stromtrassen von der Nordsee bis nach Bayern verlegt werden: gibt es überhaupt so viel Kupfer? Und was kostet das? Und gibt es in Bayern keinen Wind? – Aber Wasser gibt es dort. Reichlich, wie wir jetzt gerade erleben!
Über AKW ist alles gesagt: sie hätten nie gebaut werden dürfen… Und @12: Braunkohle ist, wie wir alle wissen, die schmutzigste Energiequelle überhaupt. Die DDR ist auch daran zugrunde gegangen (okay, die Filter sind heute etwas besser).

#13 |
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Dr. med. V… Stigge
Dr. med. V… Stigge

@ Herr Dargel #6 und #7
So viel Ignoranz und Bagatellisierung ist kaum zu übertreffen! Die bisherigen Erfahrungen mit den Raktorkatastrophen in Tschernobyl und Fukushima zeigen, dass neben den vielen Strahlengeschädigten ganze Landstriche auf Jahrzehnte unbewohnbar wurden. Als Mediziner sollte man registriert haben, dass mit großem Tamtam wenige der betroffenen Strahlenopfer aus dem Raum Tschernobyl in Deutschland mit fragwürdigem Erfolg behandelt werden konnten, die große Mehrheit blieb sich selbst überlassen.
Die Atomindustrie wurde vom Staat mit vielen Milliarden in ihrer Entwicklung gefördert, stünden für die Entwicklung der Speichertechnologie bei den erneuerbaren Energien die Mittel im gleichen Umfang zur Verfügung, wären vielleicht schon größere Erfolge erzielt worden. Aber jetzt wird diese positive Entwicklung sogar noch schwarz-rot ausgebremst.
Windräder in der Landschaft und Solarfelder sind mir allemal lieber als Atomkraftwerke (auch stillgelegte) und Braunkohlen-Dreckschleudern.

#12 |
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Manfred Lothar Dietwald
Manfred Lothar Dietwald

Sonnenenergie, Gezeiten und Windkraft sind nicht steuerbar. Batterien nicht genug leistungsfähig. Stauseen mit Pumpkraftwerken wären regulativ. Ihnen stehen Privat- und Naturschutzrechte entgegen. Erst nach Reaktorunfällen könnte diese Erkenntnis oder Vernunft Platz greifen. Demokratischer Volksentscheid in solchen Regionen könnte wie in der Schweiz mit dem Gotthardtunnel zügiges Vorgehen betreiben.
Wer soll nach einem Reaktorunfall die Belieferung übernehmen, außer den über 45-jährigen, denn im Gebäude ist man vom Atomstaub noch etwas geschützt?

#11 |
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Gast
Gast

Radioaktivität kennt keine Grenzen. Genauso wie d Geldgier der Wirtschaft. Der Mensch wird für dieses Problem sicher keine wirkliche Lösung finden.

#10 |
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Gast
Gast

Hilflos,wirklich hilflos ausgeliefert ist man.Wohne ca 50 km entfernt von einem französischen Kernkraftwerk.Nicht auszudenken,wenn da mal wirklich was passiert.Das gesamte Saarland,Luxembourg sowieso und große Teile von RheinlandPfalz wären verstrahlt.Mir ist aber auch in Deutschland auf Anhieb kein Ort bekannt,der weit genug enfernt wäre,damit man in Sicherheit wäre.Wenn man einen meint,gefunden zu haben,stellt man schnell fest,oh,da ist ja ein Abklingbecken in einem alten Kraftwerk oder eine Versuchsanlage oder man ist im Abwind eines Kernkraftwerks jenseits der Grenze.Diese Technik ist doch überhaupt nicht beherrschbar wenn was passiert und die Abfälle sind es ja auch nicht.Der Tod der Bevölkerung wird für viel Geld billigend in Kauf genommen.Leider habe auch ich keinen Plan,wo die viele benötigte Energie alternativ herkommen soll.Viele kleine und große Wasserkraftwerke wären vielleicht eine Lösung,Flächendeckend da wo vor langer Zeit die kleinen Getreidemühlen waren und Sägemühlen etc.Diese aber existieren nicht mehr und neue Wasserrechte sind wohl nicht erwünscht…..

#9 |
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Johannes Reinders
Johannes Reinders

Eigentlich müsste ich lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Das Volk wird für
dumm verkauft, und die Behörden sind noch dummer. Schon im Normalbetrieb
geben AKWs radioaktive Giftstoffe in die Umgebung ab, die teilweise durch die
meterdicken Betonwände diffundieren. Dabei handelt es sich keineswegs nur
um Jod, und auch im Falle einer katastrophalen Freisetzung von Radioaktivität
dürfte Jod das geringste Problem sein. Die Jodtabletten müssten längst verteilt sein, wenn es überhaupt einen Sinn machen soll. Sehr viel problematischer sind die belgischen AKWs, in denen jederzeit ein Gau stattfinden kann. Warum es kein Krebsregister gibt, ist eindeutig : Der Vorwurf, im Umkreis von AKW besonderer Gefährdung ausgesetzt zu sein, darf nicht nachweisbar sein.

Das muss man sich mal überlegen : Um Strom zu produzieren, bedarf es einer
mechanischen Drehung einer Kupferspule innerhalb eines Magnetfeldes, siehe
Dynamo beim Fahrrad. Im großen Stil wird die Drehung z.B. durch Dampfdruck erzeugt, und im Fall von AKWs wird dieser Dampf durch Atomkernspaltung erzeugt. Und obwohl es zahlreiche Alternativen gibt, setzt man die ganze Bevölkerung einem Wahnsinns-Risiko aus. Solche Dummheit ist nicht zu über-bieten. – Und nun kommt die Regierung mit Jodtabletten daher, die vielleicht
10% des Risikos abdecken, und dann sind die Tabletten auch noch nicht verteilt

#8 |
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Nachtrag:

Was will man aber auch an fachlicher Kompetenz erwarten, wenn man den Promotionstitel der zuständigen Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit kennt.

Für alle die bisher im Dunklen tappten:

Die Arbeit heißt: “Die Entwicklung der Margarineindustrie am unteren Niederrhein”

#7 |
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Sorry, aber dieses von Politikern völlig überzogene Angstszenario und Pseudohandeln ist nur noch peinlich.

Mal etwas sachlicher und nüchterner an die Sache rangegangen, stellt sich alles etwas anders dar:

https://www.novo-argumente.com/artikel/atomangst_nein_danke

http://www.novo-argumente.com/artikel/terroralarm_im_kernkraftwerk

http://www.novo-argumente.com/artikel/wie_sicher_sind_tihange_2_und_doel_3

http://www.achgut.com/artikel/vor_30_jahren_tschernobyl_ein_rueckschlag_fuer_die_menschheit

#6 |
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dr horst pomp
dr horst pomp

Schon seit 50 Jahren besteht eine Gefährdung durch radioaktive Strahlung der Atomkraftwerke. Bekanntlich ist in Tschernobyl und Fukushima der GAU schon eingetreten.
Welche Vorsichtsmaßnahmen wurden mit den Bürgern in den vergangenen Jahrzehnten geprobt? Keine!
Seit ein paar Monaten wird über die hochgefährlichen, weil brüchigen Atomreaktoren Doel und Tihange in Belgien berichtet, endlich wird das öffentliche Interesse an einem Katastrophenschutz wach.

2015 habe ich die Verantwortlichen unserer Stadt nach Katastrophenschutz gefragt – erst Monate später erhielt ich die Antwort, dass die Bereitstellung von Jodtabletten und der Ablauf der Verteilung in der Stadt in Vorbereitung sei.
Weitere Monate vergingen. Jetzt soll laut NRZ die Kommune mit Jodtabletten ausgestattet werden. Die Verteilung im Notfall obliegt dann dem Katastrophenschutzbehörden.
Wenn Jodtabletten als Schutz “wirksam” sein sollen, muss man sie ein bis zwei Tage VOR dem Eintreffen einer radioaktiven Wolke einnehmen.
Eine radioaktive Wolke nach einem GAU im AKW Doel kann unsere Stadt aber schon nach wenigen Stunden erreichen.
Außerdem bietet die Einnahme von Jodtabletten nur kurzzeitig geringen Schutz den Menschen bis zum 45. Lebensjahr. Ältere schützen diese Tabletten nicht.

Bei einer Atomkatastrophe treten auch andere radioaktive Elemente wie Caesium oder Strontium aus – davor schützt kein Jod und verhindert keine akuten oder chronischen zum Tode führenden Krebserkrankungen und andere Leiden.
Diese wenigen Beispiele machen einmal mehr deutlich, wie völlig hilflos unser Staatswesen einer Atomkraftwerkskatastrophe gegenübersteht.

Das gesamte Vorhaben ist der klägliche Versuch die Bürger mit unredlichen Mitteln zu beruhigen angesichts lebensbedrohlicher Gefahren.
Die Bundes- und Landesregierungen müssen daher viel entschiedener als bisher für eine Risikoreduzierung durch eine rasche Abschaltung der Atomreaktoren national und international eintreten. Ein wichtiger Schritt ist der Stop der Belieferung der Schrottreaktoren in Doel und Tihange mit neuen atomaren Brennstäben aus Deutschland. Frau Bundesumweltministerin Hendricksen, handeln Sie jetzt!

Dr. med. Horst Pomp
Plattenweiler 23
45239 Essen

#5 |
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Jutta Weber-Karn
Jutta Weber-Karn

Warum soll hier Kaliumiodid eingelagert werden, während in Jodsalz und in der Nutztierfütterung Kaliumiodat bzw. Calciumiodat verwendet wird? Und wirkt sich Kaliumiodid im Organismus anders aus als Natriumiodid, die natürlicherweise in Seefisch, Meersalz etc. vorkommende Jodform?

#4 |
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Rettungsassistent

Erwachsene älter als 45 Jahre sollten keine Jodtabletten einnehmen. Mit steigendem Alter treten häufiger Stoffwechselstörungen der Schilddrüse auf. Eine solche funktionelle Autonomie erhöht die Gefahr der Nebenwirkungen einer Jodblockade. Zudem nimmt mit steigendem Alter die Wahrscheinlichkeit ab, an durch ionisierende Strahlung verursachtem Schilddrüsenkrebs zu erkranken.

#3 |
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Die Bewohner, die im Umkreis von 10-20 km wohnen, werden, meiner Vermutung nach, schneller von der radioaktiven Wolke getroffen. 1-2 Tage bei mittlerer Windstärke kommen mir sehr lange geschätzt vor, ich denke eher, dass es doch schon innerhalb von Minuten bis Stunden zum Eintreffen der Wolke kommen wird. Daher würde ich die Tabletten lieber sofort bei Bekanntgabe des Unfalls einnehmen und evtl. nach 1-2 Tagen noch eine Dosis. Das Problem ist, dass hier im Freiburger Raum, trotz dauernder Zwischenfälle im Atomkraftwerk Fessenheim, keine einzige Tablette verteilt wurde, geschweige denn irgendeine Information an die Bürger mit den notwendigen Sofortmaßnahmen. So wie der Betreiber des Atomkraftwerkes einzuschätzen ist, wird die Nachricht vom Nuklearunfall mit mehreren Tagen Verspätung bekannt werden, so wie auch in Tschernobyl.

#2 |
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Naturwissenschaftlerin

Warum sollen Personen über 45 Jahre keine Iodid-Tabletten einnehmen?

#1 |
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