HIV: APPsolut notwendige Aufklärung

3. Juni 2016
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Personen mit riskantem Sexualverhalten stecken nur allzu gerne ihren Kopf in den Sand. Klassische Aufklärungskampagnen wirken kaum. Forschern ist es trotzdem gelungen, die Zielgruppe zu erreichen: mit Apps und maßgeschneiderten Online-Angeboten.

In Deutschland leben rund 83.400 Menschen mit HIV oder AIDS, berichtet das Robert Koch-Institut (RKI). Männer, die Sex mit Män­nern haben (MSM), stehen mit geschätzten 53.800  Infizierten nach wie vor im Fokus. Zwar erhalten viele Patienten leitliniengerechte Therapien. „Dieser positive Effekt und die bisherigen Präventionsanstrengungen haben aber bislang nicht ausgereicht, die Zahl der Neuinfektionen zu verringern“, sagt RKI-Präsident Lothar H. Wieler.

HIV-Neudiagnosen

HIV-Neudiagnosen. Quelle: RKI

Als Grund sehen Forscher, dass 13.200 aller 83.400 Menschen mit HIV/AIDS nichts von ihrer Infektion wissen. Aufklärungskampagnen erreichen diese Zielgruppe offenbar nur teilweise – kein Problem, mit dem nur Deutschland zu kämpfen hat. In der gesamten europäischen Union stecken sich vor allem homosexuelle Männer durch ungeschützten Geschlechtsverkehr an, warnt das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC).

Virtuell verabredet

Emilie Elliot vom Chelsea and Westminster Hospital, London, stellte sich der Herausforderung, Prävention neu zu konzipieren. Gemeinsam mit Kollegen analysierte sie die Sachlage. Ihre erste Erkenntnis: Auf der Suche nach Sex verabreden sich Männer nicht mehr zwangsläufig in Bars, sondern nutzen Dating-Apps wie Gaydar, Grindr oder Recon. Social Media beziehungsweise klassische Dating-Portale kommen mit hinzu. Deshalb setzte Elliot nicht auf Poster oder Printkampagnen. Vielmehr kontaktierte sie Männer virtuell, teils per Banner, teils per direkter Nachricht. Bei Interesse konnten sie einen internetbasierten Test ausführen, um ihr individuelles Risiko zu ermitteln. Diesem Angebot folgten 17.000 Männer. Von ihnen riefen 11.000 Teilnehmer weitere Informationen zu HIV/AIDS ab.

Mehr Tests

Dann folgte der entscheidende Schritt. Emilie Elliots Team bot allen Interessierten an, sich HIV-Tests nach Hause schicken zu lassen, inklusive eines frankierten Rückumschlags. Rund 10.000 Männer bestellten das Kit. Sie mussten nur noch eine Speichelprobe abgeben oder etwas Blut per Lanzette aus der Fingerbeere entnehmen. Im Labor landeten schließlich 6.000 Proben. In 82 Fällen diagnostizierten Ärzte eine bislang unbekannte HIV-Infektion. „Wir konnten Männer erreichen, die sich nie testen lassen würden, und gleichzeitig online aufklären“, resümieren die Forscher. Ihr Projekt wurde von Bristol-Myers Squibb, ViiV Healthcare und von einem Förderverein im klinischen Umfeld finanziert.

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Forschung, Pharmazie
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