Migräne: Raus aus dem Rotlichtmilieu

8. Juni 2016
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Migräne geht oft mit einer erhöhten Lichtempfindlichkeit einher. Ein Forscherteam hat nun entdeckt, dass weißes, rotes und blaues Licht die Schmerzen verstärkt, während grünes Licht sie dämpfen kann. Brillen mit speziellen Filtern könnten Migräneschmerzen lindern.

Migräne ist eine häufige Erkrankung: Ungefähr 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung sind von ihr betroffen, Frauen etwa drei Mal so häufig wie Männer. Oft gehen die heftigen Kopfschmerzen mit einer erhöhten Empfindlichkeit für Licht, Geräusche oder Gerüche einher. „Mehr als 80 Prozent der Migräneattacken sind mit einer erhöhten Lichtempfindlichkeit verbunden – und sie werden gleichzeitig durch die Lichtsensibilität verstärkt“ erläutert Rami Burstein, Facharzt für Schmerz- und Narkosemedizin am Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston (USA). Viele Betroffene greifen dann selbst bei normaler Beleuchtung zur Sonnenbrille oder ziehen sich in abgedunkelte Räume zurück. „Das führt in vielen Bereichen zu deutlichen Beeinträchtigungen: im Beruf, in den sozialen Beziehungen und bei alltäglichen Aktivitäten“, so Burstein.

Doch nicht jede Art von Helligkeit hat den gleichen Effekt. So zeigt eine aktuelle Studie [Paywall] von Bradley J. Katz und seinem Team an der Universität Utah in Salt Lake City (USA), dass sich Licht bestimmter Wellenlängen ungünstig auf Migränekopfschmerz auswirken kann. An der Untersuchung nahmen 48 Patienten mit chronischer Migräne teil – also Patienten, die an mehr als der Hälfte der Tage im Monat unter Migräneschmerzen leiden. Sie sollten zwei Wochen lang Kontaktlinsen mit einem von zwei verschiedenen optischen Filtern tragen. Der eine von ihnen filterte blaues Licht (Wellenlängen im Bereich um 480 Nanometer), der andere orange-rotes Licht (Wellenlängen im Bereich um 620 Nanometer) heraus.

Aufgrund früherer Studien [Paywall] hatten die Forscher vermutet, dass vor allem blaues Licht die Migräneschmerzen verstärkt. Tatsächlich fühlten sich die Probanden bei beiden Filtern signifikant weniger durch die Migränekopfschmerzen beeinträchtigt. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Kontaktlinsen mit einem optischen Filter, der Licht bestimmter Wellenlängen herausfiltert, eine nützliche Ergänzung zur Behandlung der chronischen Migräne sein könnte“, schreiben Katz und sein Team.

 Alle Farben verstärken den Migräneschmerz – bis auf Grün

Einen ähnlichen Zusammenhang hat ein amerikanisch-israelisches Forscherteam um Rami Burstein jetzt entdeckt [Paywall]: Licht unterschiedlicher Farben kann Migräneschmerzen verstärken – mit Ausnahme von Grün, das die Kopfschmerzen offenbar dämpft.

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Rami Burstein © Beth Israel Deaconess Medical Center

Das Team um Burstein untersuchte erstmals, wie sich verschiedenfarbiges Licht auf die Kopfschmerzintensität während einer akuten Migräneattacke auswirkt. An ihrer Studie nahmen 69 Migränepatienten teil, die während einer Attacke in einem dunklen Raum saßen und nacheinander in weißes, blaues, grünes, orange-gelbes und rotes Licht mit ansteigender Lichtintensität schauen sollten. Dabei machten die Teilnehmer wiederholt Angaben zur Stärke ihrer Schmerzen. Gleichzeitig zeichneten die Forscher die elektrische Aktivität der Netzhautzellen und des Gehirns mithilfe von Elektroden auf: Einer winzigen Elektrode auf der Hornhaut des Auges (Elektroretinogramm, ERG) und Elektroden auf der Kopfhaut (Elekotroenzephalogramm, EEG).

Fast alle Lichtfarben führten dabei zu einer Zunahme der Migräneschmerzen: Bei weißem, blauem, rotem und orange-gelbem Licht nahm die Schmerzintensität um 15 bis 19 Prozent zu. Nur die Farbe Grün bildete eine Ausnahme: Hier nahm der Schmerz bei mittlerer Lichtintensität lediglich um etwa 5 Prozent zu. Bei Grün in geringer Lichtintensität berichteten die Probanden sogar über eine Abnahme der Schmerzen: nämlich um durchschnittlich 15 Prozent. Dieser Effekt spiegelte sich auch in den physiologischen Daten wider: Die elektrische Aktivität der Zellen sowohl im Auge als auch im Gehirn stieg bei grünem Licht deutlich weniger an als bei allen anderen Lichtfarben.

 Lichtempfindlichkeit könnte im Auge entstehen

In einem weiteren Versuch zeichneten Burstein und sein Team die Aktivität von Nervenzellen im Thalamus von Ratten auf. In dieser Gehirnregion treffen Nervenzellen, die Sinnessignale von der Netzhaut des Auges übermitteln, mit Neuronen zusammen, die bei Schmerzen eine Rolle spielen. „Diese Verschaltung kann erklären, warum Licht während einer Migräneattacke die Schmerzen verstärken kann und warum Kopfschmerzen zu Sehstörungen führen können“, erläutert Burstein. Die Forscher beobachteten, dass die Nervenzellen im Thalamus am stärksten durch blaues Licht und am wenigsten durch grünes Licht aktiviert wurden – bei weißem Licht lag die Aktivierung im mittleren Bereich.

„Zusammengenommen legen die Ergebnisse nahe, dass Lichtempfindlichkeit bei Migräne in der Netzhaut des Auges entstehen könnte und in den Nervenzellen des Thalamus moduliert wird“, schreiben Burstein und sein Team. Auch andere aktuelle Ergebnisse [Paywall] zeigen, dass die lichtempfindlichen Ganglienzellen in der Netzhaut des Auges bei der Entstehung der erhöhten Lichtsensibilität eine wichtige Rolle spielen könnten.

Die Welt durch die grüne Brille sehen

In Zukunft könnte grünes Licht in niedriger Intensität möglicherweise zu therapeutischen Zwecken eingesetzt werden: Es könnte während einer Migräneattacke dazu beitragen, die Lichtempfindlichkeit und möglicherweise auch die Kopfschmerzintensität zu verringern. Dazu könnten spezielle Sonnenbrillen oder Kontaktlinsen verwendet werden, die nur grünes Licht durchlassen. Einen ähnlichen Effekt könnte eine Umgebung mit gedämpftem grünem Licht haben.

Im Moment arbeiten Burstein und sein Team bereits daran, kostengünstige Lampen zu entwickeln, die reines grünes Licht in niedriger Intensität ausstrahlen – und ebenso an bezahlbare Brillen, die alle Wellenlängen bis auf Grün herausfiltern. „Bisher sind solche Lampen und Filter noch unerschwinglich teuer“, sagt Burstein.

Nun sollten die Ergebnisse in weiteren Studien noch einmal überprüft werden, so die Forscher. Darin sollte gleichzeitig auch untersucht werden, wie sich grünes Licht bei verschiedenen Arten von Migräne – etwa mit und ohne Aura – auswirkt und welchen Effekt grünes Licht aus Gesunde hat.

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9 Kommentare:

Tierärztin

Es mag wohl IMMER eine (oder auch mehrere) Ursache(n) geben – nur oft findet man sie nicht oder kann sie nicht abstellen. Da ist doch schon viel gewonnen, wenn man eine Therapieform findet, die wenigstens hilft und lindert.

#9 |
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Gast
Gast

Migräne: Semper in angaria…

#8 |
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Stimmt, die Migräne hat nicht nur D I E Ursache. Meistens ist es aber ein Stressfaktor der dahinter steckt. Hier hilft dann meistens schon eine Entspannungstechnik, die einen längeren Zeitabschnitt in Anspruch nimmt. Die Hypnose wäre ebenso wie die Psychokinesiologie eine weitere Möglichkeit. Als 1. Hilfe wäre Akupunktur oder Akupressur angezeigt. Psychotherapie wäre ebensfalls zu empfehlen, allerdings nicht die Verhaltenstherapie sondern eher die Psychoanalyse. Und “Frau im Gesundheitswesen” es gibt immer eine Ursache für eine gesundheitliche Störung.

#7 |
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Gast
Gast

Verehrter Herr Kollege Dörfert,
bitte nicht erst hier herumschwurbeln und etwas andeuten, aber dann nicht ausführen.
Ich ergänze mal, was der Kollege sagen wollte:
Migräne ist ein extrem komplexes Thema in der Medizin und die EINE Wunderlösung, die gibt es nicht.
Der Kollege meint, dass die genannten Maßnahmen zur Linderung beitragen können und das es in vielen Fällen eine klare Ursache gibt, die man behandeln kann.
Ein Beispiel aus meiner Praxis:
Migräneanfälle immer bei hohen Temperaturen und Stress, Therapie u.a: Einreibungen mit Lavendelöl, Stressabbau und Verordnung von entspannenden Maßnahmen, selbstredend immer unterstützend (!) zur vom Arzt verordneten Therapie.
Ergebnis: Drei Monate später konnte die allopathische Therapie ausgeschlichen werden, Patientin hat keine Migräne mehr.

Aber nicht immer ist das so einfach, leider….

#6 |
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Frau im Gesundheitswesen
Frau im Gesundheitswesen

@#1: Wenn sich die Ursache nicht finden lässt, dann sollte man den Betroffenen zumindest ihr Leiden erleichtern. Wenn es diesbezüglich neue Erkenntnisse gibt, dann ist das nur begrüßenswert!

#5 |
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Gudrun Kühlen
Gudrun Kühlen

@ Heilpraktiker Doerfert
Wohl dem, der die Ursache bzw. den Auslöser kennt und dann auch noch eine probate Behandlung erfährt. Alle anderen Migräne-Patienten werden sich über jedes Mittel freuen, das die Attacken erträglicher macht.

#4 |
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Dr. med. Wurst
Dr. med. Wurst

#1: und die eine Ursache wäre?

#3 |
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Dr. med. Michael Traub
Dr. med. Michael Traub

Wertvoller Beitrag. Interessant, was diese Erkenntnisse für die Arbeit mit Bildschirmen
bedeuten können.

#2 |
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Migräne hat eine Ursache. Diese muss behandelt werden, alles Andere führt zu nichts.

#1 |
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