Paracetamol: Schmerzstiller und Empathiekiller

27. Mai 2016
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Das bekannte Analgetikum lindert nicht nur körperliche Schmerzen, sondern dämpft auch psychische Befindlichkeitsstörungen. Forscher vermuten, dass die zugehörigen Signale in ähnlichen Gehirnregionen verarbeitet werden.

Wie Paracetamol im Körper wirkt, haben Wissenschaftler in allen Details immer noch nicht verstanden. Kein Wunder, dass das Molekül noch für so manche Überraschung gut ist. Bereits im Jahr 2010 fand C. Nathan DeWall, Kentuckey, heraus, dass das Analgetikum auch psychische Befindlichkeitsstörungen positiv beeinflusst. Im Mittelpunkt seiner Studie standen Schmerzen durch finanzielle Verluste oder durch soziale Zurückweisungen. Um einen Grund ist DeWall nicht verlegen. Bei Probanden konnte er nachweisen, dass sich die Aktivität in Arealen, die generell an Schmerzverarbeitungsprozessen beteiligt sind, vermindert. Jetzt gibt es weitere Erkenntnisse.

In einer Studie mit dem bezeichnenden Namen „From Painkiller to Empathy Killer“ hat Dominik Mischkowski aus Bethesda den Effekt an Probanden weiter untersucht. Sie erhielten jeweils 1.000 Milligramm Paracetamol oder Placebo. Dann folgten unterschiedliche Situationen in sozial-psychologischem Kontext.

Empathiedämpfende Effekte

Freiwillige mussten beispielsweise eine Geschichte lesen, in der es um körperliche oder seelische Qualen ging. Unter Verum schätzen Mischkowskis Teilnehmer Schmerzen deutlich niedriger ein als unter Placebo. Der Arzneistoff führte auch dazu, dass Probanden laute Geräusche als weniger schmerzhaft empfanden. Sie taten sich zudem schwerer, abzuschätzen, wie Lärm auf andere Menschen wirkt. Schließlich zeigte Dominik Mischkowski, dass Paracetamol auch zu falschen Bewertungen einer sozial belastenden Situation führt. Im Experiment wurde ein Mensch von einer Gruppe ausgeschlossen.

Nebenwirkungen nicht übersehen

Der Forscher spekuliert aber nicht mit neuen Einsatzmöglichkeiten für Paracetamol. Vielmehr sieht er Probleme aufgrund von kaum beachteten, aber gesellschaftlich relevanten Nebenwirkungen. Jeder vierte Amerikaner nimmt den „Empathiekiller“ ein. Für Deutschland nennt IMS Health in einer älteren Veröffentlichung 109 Millionen Packungen OTC-Analgetika pro Jahr. Rund 41 Prozent der Menge lässt sich auf Ibuprofen und 17 Prozent auf ASS zurückführen. Damit konsumieren 82 Millionen Bundesbürger etwa 45 Millionen Packungen Paracetamol pro Jahr. An empathiedämpfende Effekte denkt so gut wie niemand.

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Forschung, Pharmazie

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1 Kommentar:

Horst Rieth
Horst Rieth

wenn ich “packungen” lese wird mir übel !!!
N1, N2, N3, 200mg, 400mg, 500mg, 600mg, 800mg

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