Frühkindlicher Missbrauch: Veränderte Hirnstruktur

4. Juni 2013
Teilen

Verschiedene Formen kindlicher Misshandlung führen zu einem erhöhten Risiko für psychische Erkrankungen sowie Sexualstörungen im Erwachsenenalter. Wissenschaftler entdeckten jetzt eine neuronale Basis dieser Assoziation.

Wissenschaftler der Charité-Universitätsmedizin Berlin und der McGill University in Montreal, Kanada, konnten in Kooperation mit Kollegen aus anderen Institutionen zeigen, dass sexuell missbrauchte und emotional misshandelte oder vernachlässigte Kinder langfristig spezifische strukturelle Veränderungen in der Architektur ihres Gehirns ausbilden, in Abhängigkeit davon, welche Misshandlungsform erlebt wurde. Die Ergebnisse der Studie sind jetzt in der aktuellen Ausgabe des American Journal of Psychiatry publiziert.

Die Opfer von Kindesmisshandlung leiden oftmals unter psychischen Erkrankungen. Eine besonders häufige Folge von sexuellem Missbrauch in der Kindheit sind spätere sexuelle Funktionsstörungen. Die darunterliegenden physiologischen Mechanismen, die diese Assoziation vermitteln, sind bislang jedoch wenig verstanden. Eine Arbeitsgruppe um Prof. Christine Heim, Direktorin des Instituts für Medizinische Psychologie der Charité, und Prof. Jens Prüssner, Direktor des McGill-Zentrums für Altersforschung an der McGill University, untersuchte mit Hilfe der Magnetresonanztomographie (MRT) 51 Frauen, die in ihrer Kindheit verschiedenen Formen der Misshandlung ausgesetzt waren. Dabei maßen die Wissenschaftler unter anderem die Dicke der Großhirnrinde. Die Großhirnrinde (Kortex) ist die äußere, an Nervenzellen (Neuronen) reiche Schicht des Großhirns.

Spezifische Reduktion der Hirnrinde

Die Ergebnisse der Studie zeigen eine spezifische Korrelation zwischen verschiedenen Formen der Misshandlung und Veränderungen in genau denjenigen Regionen des Kortex, die in die Wahrnehmung und Verarbeitung der speziellen Misshandlungsform involviert sind. So ist beispielsweise der somatosensorische Kortex in dem Bereich, in welchem die weiblichen Genitalien repräsentiert werden, signifikant dünner bei Frauen, die in ihrer Kindheit Opfer sexuellen Missbrauchs waren. Opfer emotionaler Misshandlung hingegen zeigen eine spezifische Reduktion der Hirnrinde in den Bereichen, denen eine wesentliche Funktion bei der Etablierung des Selbstbewusstseins, der Selbsterkennung und der emotionalen Regulation zugeschrieben wird.

„Unsere Daten verweisen auf einen konkreten Zusammenhang zwischen erfahrungsabhängiger neuraler Plastizität und medizinisch-gesundheitlichen Problemen“, kommentiert Prof. Heim. „Der große Effekt und die regionale Spezifität im Gehirn, die mit der Art der Misshandlung korrespondiert, sind bemerkenswert“, fügt Prof. Prüssner hinzu. Die Wissenschaftler spekulieren, dass eine regionale Verdünnung der Hirnrinde eventuell Folge der Aktivität inhibitorischer Schaltkreise während der frühen Entwicklung ist. Dies könnte als unmittelbarer Schutzmechanismus des Gehirns interpretiert werden, welcher das aufwachsende Kind von der Erfahrung „abschirmt“, aber später im Leben gesundheitliche Folgen hat. Die Ergebnisse erweitern die allgemeine Literatur über neuronale Plastizität und zeigen, dass kortikale Repräsentationsfelder kleiner werden können, wenn bestimmte sensorische Erfahrungen nachteilig oder nicht entwicklungsadäquat sind.

Originalpublikation:

Decreased Cortical Representation of Genital Somatosensory Field After Childhood Sexual Abuse
Christine M. Heim et al.; Am J Psychiatry; 2013

60 Wertungen (3.9 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

7 Kommentare:

Gast
Gast

ja, und was tun die Menschen dann?
Ist eine Kontrollgruppe ohne jeden Mißbrauch oder Mißhandlung untersucht worden?
Mit der Erfahrung dieser Menschen müssen wir alle leben lernen.
Oder gibts dann bald ne pille dafür

#7 |
  0

Interessante Studie und der Versuch zu erklären,wo die vielen Pannen herkommen,
unter denen Opfer frühkindlichen Mißbrauchs zu leiden haben.Da wird sich wohl
einiges eingebrannt haben,in den Fluß der normalen Entwicklung und der Kollateral-
schaden kommt dann später!

#6 |
  0
Angelika Oetken
Angelika Oetken

Dass psychische Folgen von Kindheitstraumata auch auf der Strukturebene sichtbar gemacht werden ist begrüßenswert. So werden Schlussfolgerungen, die bisher lediglich dem Erfahrungswissen zugeordnet werden konnten wissenschaftlich besser verwertbar.
Ob allerdings solche neuronalen Anpassungen wirklich als Schäden bezeichnet werden müssen kommt auf die Perspektive an. Schließlich muss z.B. sexueller Missbrauch schon allein wegen seiner Verbreitung eigentlich als Kollektiverfahrung betrachtet werden.
Insofern kann man die beschriebenen Veränderungen auch als adäquate Reaktion auf die Umstände auffassen. Sie dient dem Schutz des Individuums vor einer bedrohlichen Umwelt.
Eigentlich ist es doch toll, wozu unser Organismus fähig ist.
Leiden die betroffenen Menschen allerdings irgendwann darunter, dann sollten sie auch die passende Hilfe bekommen.
Und da hakt es noch gewaltig.
Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von über 7 Millionen Wahlberechtigten in Deutschland, die in der Kindheit Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

#5 |
  0
Studentin
Studentin

Das angeblich Offensichtliche muss rausposaunt und als neu angepriesen werden, weil es gar nicht mal so offensichtlich ist. Viele Mediziner und auch Laien sind der Meinung, dass viele Probleme hausgemacht sind oder können und wollen nicht verstehen, dass man als Erwachsener immer noch zu kämpfen hat, auch wenn die Misshandlungen in der Kindheit passiert sind. Sogar für viele erwachsene ehemalige Opfer ist das unverständlich, dass es ihnen oftmals noch schlecht geht und sie manchmal zurückfallen, obwohl sie mittlerweile ein gutes Leben führen oder schon etliche Verhaltenstherapien hinter sich haben und sich als gesund betrachten.
Somit ist bewiesen, dass das Gehirn einen organischen Schaden davongetragen hat und die Patienten oftmals keine reinen Pessimisten sind und es nur an der Einstellung liegt, sondern dass man vom Körper dazu gezwungen wird, weil man organische Schäden davongetragen hat.

#4 |
  0
Pastor Ralph T. Strack
Pastor Ralph T. Strack

ad Töns Begemann
trotzdem ist es wichtig zu zeigen, dass sogenannte “psychische Folgeschäden” sich auch als Organschäden darstellen lassen!

#3 |
  0
Töns Begemann
Töns Begemann

Na herzlichen Glückwunsch! Ich weiss, dass diese Erkenntnis mindestens alle Mütter schon immer gehabt haben und ich gehe stark davon aus, dass ein jedweder Therapeut das auch bis ins Tiefste weiss. Warum muss hier das Offensichtliche herausposaunt werden, als wenn es brandneu ist? Totale Zeitverschwendung.

#2 |
  0

.

#1 |
  0
Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: