Pädiater rufen zur Speck-Attack

6. Mai 2011
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Was tun, wenn der Nachwuchs immer dicker wird? Die bayerischen Kinderärzte wollen nicht länger tatenlos zusehen und starten jetzt ein Onlineprojekt. Es soll Kindern und Jugendlichen helfen, ihre Lebensgewohnheiten nachhaltig zu verändern. Ob es hilft?

Wer den Internetauftritt des Coaching-Programms SynX besucht, findet auf Anhieb eine klare Ansage: „Keine Diät. Kein Intensivsport. Keine Gehirnwäsche.“ Klingt schon mal gut. Auch sonst ist der Tonfall betont locker: Von einem „langfristig coolen Gewicht“ ist da die Rede, und auch von „ordentlich Spaß am Leben.“

Früh übt sich, wer ein Frühstücksexperte werden will

Die Sprache ist sicher Geschmackssache. In jedem Fall machen schon diese Eingangsstatements klar, wer hier angesprochen werden soll. SynX ist ein Online-Coaching-Programm zur Gewichtsreduktion bei Kindern und Jugendlichen zwischen zwölf und siebzehn Jahren. Es soll im Laufe dieses Jahres in den Echtbetrieb gehen. Das Portal zieht darauf ab, den Lebensstil von übergewichtigen Kindern zu verändern, und zwar unter Einbeziehung des Kinderarztes und, wenn gewünscht oder hilfreich, unter Einbeziehung der Eltern. Initiiert wurde SynX von dem bayerischen Kinderarzt Dr. Gerald Hofner, der das Projekt kürzlich bei der Computermesse CebIT in Hannover vorstellte. Nachdem die Idee geboren war, zog das Ganze weite Kreise. Von ärztlicher Seite sind heute der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (bvkj) sowie das PaedNetz Bayern involviert. Krankenkassenunterstützung kommt von der AOK. Fördergelder fließen unter anderem aus dem Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit. Von IT-Seite umgesetzt wird SynX schließlich von Microsoft und der Business Systemhaus AG.

Konkret bietet SynX ein modulares Coaching-Programm, bei dem anhand sehr konkreter Szenarien typische Alltagssituationen abgehandelt werden. Es geht dabei einerseits um Wissensvermittlung, andererseits um die Entwicklung von Lösungsstrategien. Deren Umsetzung wird mit Credit Points belohnt, die dem Kind zeigen, ob und wie es bei seinem Gewichts- und Lebensstilprogramm vorankommt. Bei Bedarf – und nur mit Einwilligung des Kindes – gibt es außerdem das Instrument des Elternbriefs. Damit werden die Eltern in das Coaching einbezogen, ohne dem Kind aufzubürden, bestimmte Themen eigeninitiativ ansprechen zu müssen. Konkret könnte das Ganze beispielsweise beim Modul „Frühstück“ so aussehen: Das Kind informiert sich über einen ausgewogenen Start in den Tag. Es schildert, wie es daheim morgens abläuft und wo es Verbesserungsmöglichkeiten sieht. Dann initiiert es einen Elternbrief, in dem beispielsweise angeregt wird, gemeinsam zu frühstücken, falls das bisher nicht üblich war.

Arzt an der Hand, Technik in der Wolke

„Was wir erreichen wollen, ist ein arztzentriertes Coaching über sechs bis neun Monate“, so Hofner. „Arztzentriert“ heißt, dass der Arzt über das Absolvieren der unterschiedlichen Module per Mail informiert wird und das Kind in dem Interventionszeitraum regelmäßig zu Gesicht bekommt, um die Fortschritte oder die aufgetretenen Probleme zu besprechen. Das Ganze wird wissenschaftlich evaluiert. Für die Pilotphase sollen allein 2000 Kinder motiviert werden, das SynX-Programm zu durchlaufen. Danach könnten es durchaus bis zu 70000 Kinder werden, so Hofner. Die Zahlen klingen ziemlich ehrgeizig, zu ehrgeizig vielleicht. Werden sie erreicht, wäre das eines der größten derartigen Projekte in Europa.

Die Tatsache, dass die Kinder durch den Kinderarzt zur Teilnahme an dem Programm motiviert werden sollen, wird es nicht einfacher machen, das Ziel zu erreichen. In Zeiten, in denen viel von Patientensouveränität geredet wird und Jugendliche sich wie selbstverständlich online bewegen, hätte ein weniger paternalistischer Ansatz sicherlich auch Charme. Andererseits ist es ja gerade die Ausgangsthese des Projekts, dass ein arztgeführtes Coaching effektiv ist. Und immerhin: Es soll eine große Studie unternommen werden, um genau das zu überprüfen.

Ein Projekt dieser Größenordnung stellt gewisse Anforderungen an die Technik. SynX setzt komplett auf das so genannte Cloud Computing. Dabei laufen die Anwendungen komplett in den Rechenzentren der Technikdienstleister. Der Vorteil dabei ist, dass die Kunden, also die Kinderärzte, keine eigene Serverinfrastruktur anschaffen müssen. Bezahlt wird außerdem nach Inanspruchnahme. Das macht die Kosten kalkulierbar und liefert eine Berechnungsgrundlage, falls es einmal darum gehen wird, das Pilotprojekt in ein reguläres Angebot zu überführen. Technisch liegt derzeit übrigens noch einiges im Argen. Wer die Homepage besucht, findet nicht funktionierende Infobuttons und einen unvollständigen Bilddurchlauf. Das sollte bei einem Projekt, das bereits öffentlich angekündigt wurde, heutzutage nicht mehr passieren.

34 Wertungen (3.79 ø)
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8 Kommentare:

Studentin

Ich wage sogar zu behaupten, dass das Problem nicht nur die falsche Vorbildfunktion, sondern auch die schlichtweg fahrlässige Erziehung ist.

Folgendes Szenario letztens bei Ikea:

Beide Eltern adipös, ca. 4 jähriges Mädchen ebenfalls stark übergewichtig quengelt, dass es ein Eis haben will.

Kommentar der Mutter: Zuerst musst du noch einen Hot-Dog essen, damit du das Eis bekommst.

Das Tragische dabei ist, dass man solche “Phänomene” immer häufiger beobachten kann.

#8 |
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Medizinphysiker

Ich glaube dass die Vorbildfunktion der Eltern das wichtigste Element ist. Eine normale Ernährung und viel Bewegung. Einfach als Selbstverständlichkeit.
@ Frau Sanz: exMann auch übergewichtig?

Schöne Grüße

#7 |
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antje heckner
antje heckner

Ich finde dieses Projekt sehr gelungen, auch wenn die Tücken schnell behoben werden sollten – denn die Motivation der Kinder, die diese Unterstützung suchen ist sicherlich begrenzt.
Individuelle Beratung bietet S-Konzept für werdende Mütter, Mütter und Kinder an (www.s-konzept.de).
Um die große Masse zu erreichen, ich hoffe alle zur Verfügung stehenden Kanäle werden zukünftig noch genutzt, ist dies eine gute Idee – besonders unter Einbeziehung der Eltern.
Liebe Grüße, Antje Heckner

#6 |
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Medizinjournalist

Das Programm ist sehr begrüßenswert! Gerade die Prävention kann nicht früh genug beginnen. Der Adipositasverband Deutschland e.V. ist mit seiner Initiative “Adi Kids” ebenfalls hier tätig. Vielleicht ergeben sich hier Synergien?

Gruss
W. Maske

#5 |
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Daijana Wittowski
Daijana Wittowski

Die Kinder sind oft gar nicht das Problem.
Die lieben Eltern… machen es sich einfach.
Fertigpodukte…, keine Zeit fürs gemeinsame Essen, oder Kochen. Das Problem ist ein gesellschaftliches, wohl kaum im Internet zu lösen…

#4 |
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Heilpraktikerin

Nach 30 Jahren Erfahrung in der Beratung und Betreuung von Personen mit Übergewicht begrüsse ich jegliche Aktivität in diese Richtung. Dank an Alle, die sich einsetzen, um Kinder vor der Fettfalle zu bewahren!
Wir arbeiten derzeit ebenfalls an neuen Projekten zum Thema (www.laboni.de) und freuen uns über Kooperationen und weitere gute Ideen zum Wohle von Kindern und jungen Menschen.

Allseits gutes Gelingen!
Mechthilde Gairing

#3 |
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Astrid Sanz
Astrid Sanz

Mit grossem Interesse habe ich diesen Beitrag gelesen, besonders weil ich 3 Kinder habe, welche seit der Trennung von meinem Mann stark übergewichtig sind. Alle 3 leben bei ihrem Vater (per Gerichtsurteil). Alle Versuche meinerseits für eine Änderung wurden auch vom Jugendamt abgeschmettert. Keine akute Kindeswohlgefährdung, obwohl die jüngste (9) mit Di George Syndrom und nicht verschlossenem ASD fettleibig ist. Größe 131 cm, Gewicht 42 kg. Vielleicht wäre es ratsam auch solche Stellen zu sensibilisieren…

#2 |
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Sehr informativer Beitrag, vielen Dank! Das Thema Gesundheit der Kinder wird immer wichtiger, da unsere Kinder sonst nicht mehr das Alter erreichen, welches für uns prognostiziert wurde.

Ich habe daher die Initiative “Stark werden mit Zabi – Initiative für gesunde und glückliche Kinder” ins Leben gerufen. (www.zabi.info)

Ziel dieser Initiative ist, über das Erzählen von Geschichten Kinder auf emotionalem Weg anzuregen, gesünder zu leben.

Ca. alle 14 Tage wird eine neue Geschichte mit Zabi veröffentlicht. Diese sind im Internet unter http://www.zabi.info frei zugänglich und können als PDF kostenlos ausgedruckt werden. Zudem werden sie als ¿Film¿ auf YouTube und in naher Zukunft auch als Podcast verfügbar sein.

Den Kollegen in Bayern wünsche ich viel Erfolg.

Mit freundlichen Grüßen

Johannes Gutwald

#1 |
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