Essstörung: Drei Gene für die Wespentaille

20. Mai 2016
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Unzufrieden im eigenen Körper – viele Menschen leiden unter einer Essstörung und magern sich runter bis auf die Knochen. Nun konnten genau drei chromosomale Bereiche identifiziert werden, die für das Körpergewicht und die Entwicklung einer „Anorexia nervosa“ entscheidend sind.

Dass erbliche Faktoren an der Entstehung von Anorexia nervosa (AN) beteiligt sind, weiß man bereits aus Zwillings- und Familienstudien. Drei medizinische Arbeitsgruppen aus Essen, Jena und Regensburg gingen dem jetzt nach und identifizierten anhand großer internationaler Analysen genau drei chromosomale Bereiche, die für das Körpergewicht und die Entwicklung einer AN entscheidend sind.

Prof. Anke Hinney von der LVR-Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters in Essen erklärt: „Es stellte sich für uns sehr deutlich heraus, dass die Gene in einem der Bereiche fast ausschließlich das Körpergewicht bei Frauen beeinflussen. Und weil Frauen etwa zehnmal häufiger an AN erkranken als Männer, ist dieses Ergebnis natürlich hochrelevant.“

Zusammenspiel von Genen und Wachstumsfaktor

Nachdrücklich untermauert wird dies auch von einer weiteren Untersuchung, die sich mit zwei der Gene befasst. Von ihnen weiß man, dass sie mit einem Wachstumsfaktor, dem Brain-derived neurotrophic factor (BDNF) zusammenspielen. Dieser ist für Körpergewicht, Essstörungen und weitere psychiatrische Störungen relevant. Am Helmholtz-Zentrum in München konnte im Tiermodell nun gezeigt werden, dass sich die Ausprägung der Gene u.a. durch Fasten in einer für die Gewichtsregulation zentralen Region des Gehirns verändert.

Erstmalige Identifikation genetischer Varianten

So sagt Prof. Hinney: „Dank der Analyse der großen Datensätze und der Tiermodellstudien konnten wir in unserer Untersuchung genau die Gene identifizieren, die sowohl für die Körpergewichtsregulation als auch für die AN relevant sind. Werden diese Ergebnisse in unabhängigen Studien bestätigt, sind nun zum ersten Mal genetische Varianten identifiziert, die die Entwicklung einer Anorexia nervosa begünstigen.“

Wenn es nur darum geht, welche Genbereiche das Körpergewicht beeinflussen, kann man bereits auf über 100 bekannte DNA-Varianten zurückgreifen. Diese Daten helfen dabei, die der Essstörung zugrunde liegenden biologischen Mechanismen besser zu verstehen.

Originalpublikation:

Evidence for three genetic loci involved in both anorexia nervosa risk and variation of body mass index
Anke Hinney et al.; Nature – Molecular Psychiatry, doi:10.1038/mp.2016.71; 2016

15 Wertungen (3.6 ø)

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9 Kommentare:

Sorry! @8 muss natürlich @6 heißen

#9 |
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@7: Tja- diese Krankheit hat etwas “Chamäleonartiges”

@8: …und noch eine Übereinstimmung; Was Ihre Erfahrung mit der kognitiven Verhaltenstherapie und der Übernahme von Eigenverantwortung betrifft, bin ich 100% bei Ihnen. Aber selbst dann ist es oft ein langer Weg.

#8 |
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Ernährungstherapeutin
Ernährungstherapeutin

Die Frage ist worunter die Betroffenen leiden… Unter Magersucht als solcher nicht unbedingt immer, manche ja,manche nein. Das kann man so pauschal nicht sagen. Manche sehen die Erkrankung als etwas Machtvolles, das Ihnen hilft sich im Familiensystem zu positionieren. Andere wollen die erkrankung nicht und fühlen sich zunächst machtlos ausgeliefert. In meiner Praxis arbeite ich systemisch, mehrperspektivisch und erziele sehr gute Erfolge.

#7 |
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Arzt
Arzt

o.k. vergessen, “Biologe” ist ja auch nicht als Ernährungsberaterberuf oder psychiatrische Profession erkennbar. Arzt schon eher :-).
Bei mir stand der Ernährungsstoffwechsel ganz brutal “naturwissenschaftlich” schon am Beginn meiner klinischen operativen Tätigkeit im Blickfeld als Intensivmediziner mit dem “hobby” von totaler parenteraler Ernährung einschließlich Serum-AS-Analysen etc. und ich habe schon sehr früh damit den Zustand von stark unterernährten Patienten nicht nur postoperativ sondern bereits präoperativ verbessert und die folgenden Risiken deutlich senken können, was heute Standard bei größeren Eingriffen Ösophagus, Pankreas etc. geworden ist. Dabei habe ich auch gelernt, dass man gerade bei starkem Untergewicht vorsichtig beginnen muss und z.B. das Phosphat nicht vergessen darf um nicht in das “refeeding-syndrom” zu geraten. Phosphat wir regelmäßig vergessen.
Weiterhin ist der Zusammenhang von Eiweißmangel und bestimmten AS als Neuromediatoren auch bekannt.
Zweifellos benötigt das Gehirn einen intakten “peripheren Stoffwechsel”.
Trotzdem ist auch das “Gehirn” sehr mächtig und kann seinen eigenen Körper, der das gar nicht “will”, vergewaltigen bis zum Selbstmord.
Na klar möchte jeder Mensch auch geliebt werden. Vielleicht hier ganz besonders? Da ist also der Psychologe an erster Stelle gefragt, künstliche Ernährung wäre keine Lösung. Deshalb lasse ich bei allem Mitgefühl und Freundlichkeit im Umgangston keine “materiellen” Ausreden gelten und wähle, wenn das einen Namen braucht, die “kognitive Verhaltenstherapie”. Die Verantwortung für sich selbst muss letztlich der Patient akzeptieren und alleine übernehmen. Das muss natürlich nicht jeder so machen wie ich,
entspricht eben auch meiner eigenen Grundeinstellung. Wobei Wissen (Aufklärung) natürlich immer die Voraussetzung für richtige Entscheidungen ist, Entscheidungen, die wir, wenn wir ehrlich sind, ja eigentlich recht selten treffen :-)

#6 |
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@3: Sehr geehrter Herr Arzt(?). Ich wusste nicht, dass “Arzt” Ihre Berufsbezeichnung ist. Jedenfalls haben Sie Ihre beruflichen Erfahrungen, die ich interessiert annnehme – ich habe meine langjährigen Erfahrungen mit Magersüchtigen beiderlei Geschlehts. Diese Plattform ist ja sicher auch für den Erfahrungsaustausch konzipiert.
In einigen Punkten stimme ich Ihnen auch zu, etwa was den HL-Sport anbelangt. Sie schreiben, dass die Mädchen den Stoffwechsel manipulieren und nicht umgekehrt. Sicher kommt es durch die mit der massiven Gewichtsabnahme verbundenen Elektrolyt- und hormonellen Verschiebungen sowie den Eiweißmagel zu suchtverstärkenden Veränderungen im Hirnstoffwechsel.

Ich tausche mich gern sachlich mit Ihnen aus. Warum Sie alllerdings diese zwischenmenschliche Schärfe in die Diskussion bringen, entzieht sich meinem Verständnis. Ich wollte Ihnen mit meinem vorherigen Kommentar(#2) weder zu nahe treten noch Ihre Kompetenz anzweifeln.
Dass Sie mir anonym gegenübertreten, finde ich nicht fair.

Freundliche Grüße – Stefan Graf

#5 |
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Arzt
Arzt

Insbesondere Kinderleistungssport sollte von der Gesellschaft geächtet werden.

#4 |
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Arzt
Arzt

Dr. rer.nat. Stefan Graf, dumme Frage, weil ich solche Mädchen schon behandelt habe! Ist eindeutig schwieriger als mit “Dicken”.
Sie müssen mir nichts über Mortalitätsraten erzählen,
ich hab auch einige Zeit in einer Vergiftungszentrale gearbeitet, überwiegend Suizide, die waren eher leichter zu behandeln.
Natürlich spielt sich das Wesentliche im emotionalen und nicht im rationalen Bereich des Menschen ab und diese Ratio ist ja auch beim ganz normalen Mensch nicht immer entscheidend.
Diese Mädchen manipulieren auch ihren Stoffwechsel, nicht der Stoffwechsel die Mädchen,
das geht soweit, dass auch eine messbare Hypoglykämie KEIN Hungergefühl auslöst, was ja auch beim Sport nicht ganz unbekannt ist.
Leistungssportler(innen) haben ein höheres Risiko für Anorhexie, was von verrückten Trainern noch gefördert wird. Man kommt da jedenfalls nur recht langsam wieder raus.

#3 |
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@#1: Wie kommen Sie zu der Ansicht, dass Magersüchtige nicht leiden? Magersucht ist mit einem enormen Leidensdruck, häufig mit Zeichen einer echten Major Depression verbunden. Es mangelt vielfach auch nicht an der Einsicht, “dass das ungesund ist”. Die Erkrankten erkennen ja – trotz häufiger Körperschemastörung – meistens den Wahnsinn ihres Handelns, sind intelektuell voll auf der Höhe. Aber sie können gegen den Zwang nicht an – das verstärkt das Leiden. Die Mortalitätsrate liegt übrigens bei etwa 15%! Ich empfehle das Buch von Christian Frommert “Dann iss halt was!” Auch wenn es von einem magersüchtigen Mann geschrieben ist, erhält man einen Eindruck von den Qualen. Auch wenn das Übergewicht gemessen an den Betroffenenzahlen das größere Problem ist, gehört die Magersucht mit dem gleichen Engagement therapiert. Und als wirklich seltene Erkrankung kann man sie heute auch nicht mehr bezeichnen – zumal gerade bei Männern die Dunkelziffer recht hoch sein dürfte.

#2 |
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Arzt
Arzt

Gott sei Dank sind es nicht “viele Menschen” und wenn man diese fragt, dann “leiden” die auch nicht. Die fehlende Einsicht, dass das ungesund ist, ist eigentlich das Hauptproblem. Ist diese Behandlungs-Voraussetzung -Hürde genommen, ist Hilfe rel. leicht möglich.
Die allgegenwärtige “Frauen-Model-Reklame” ist eines der Nebenursachen.
Das viel viel größere “Essproblem” ist und bleibt allerdings das Übergewicht, nicht das Untergewicht.

#1 |
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