Ketamin: Neue Runde für KO-Tropfen

20. Mai 2016
Teilen

Ursprünglich als Anästhetikum entwickelt und später als Vergewaltigungsdroge zweckentfremdet, erlebt Ketamin eine Renaissance. Vom Arzneistoff profitieren Patienten mit nicht therapierbaren psychiatrischen Erkrankungen.

Ein Molekül mit Geschichte: Ketamin wurde im Jahr 1962 ursprünglich als Anästhetikum synthetisiert. Seit den 1970er-Jahren greifen Party People immer häufiger auf die Substanz zu, um einen schnellen Rausch zu erleben. Im europäischen Drogenbericht 2015 rangiert das Pharmakon nach Cannabis, MDMA, Kokain und Amphetamin an fünfter Stelle. Auch als Vergewaltigungsdroge hat sich das Molekül einen wenig rühmlichen Namen gemacht. Forschern ist es in letzter Zeit aber auch gelungen, die positive Seiten an Ketamin neu zu entdecken.

Schaltet Depressionen ab – schnell

Rupert McShane aus Oxford verabreichte den Arzneistoff an 28 Patienten mit therapierefraktären schwersten Depressionen. Sein Ergebnis: Bei acht von ihnen (29 Prozent) zeigten sich überraschende Effekte – die psychische Erkrankung besserte sich innerhalb von Stunden oder sogar Minuten. Marktübliche Antidepressiva wirken erst binnen Tagen oder Wochen. Damit stellt Ketamin eine Alternative zur Elektrokrampftherapie dar und hat Potenziale zur Behandlung akuter Depressionen. Als Nachteil sieht McShane, dass die Behandlung regelmäßig wiederholt werden muss. Im Schnitt waren alle zwei Monate neue Gaben erforderlich.

Der Wirkung auf der Spur

Mittlerweile hat Tsvetan Serchov aus Freiburg Hinweise auf biochemische Mechanismen veröffentlicht. Ketamin stimuliert die Homer1a-Schaltstelle im präfrontalen Cortex sofort, während Imipramin an gleicher Stelle erst nach Wochen Effekte zeigt – ein entscheidender Vorteil. Homer1a hat regulatorische Aufgaben bei der Reizübertragung zwischen Nervenzellen. Blockierten Wissenschaftler diese Struktur im Tierexperiment, blieben entsprechende Effekte aus.

Metabolit ohne Makel

Doch wie kommt es zur schnellen Wirkung? Auf diese Frage fand Panos Zanos von der University of Maryland School of Medicine, Baltimore, eine überraschende Antwort. Er identifizierte (2R,6R)-Hydroxynorketamin, einen Metaboliten des Ketamins, als entscheidendes Molekül. Wurde der Abbau im Körper durch Enzyminhibitoren unterbunden, zeigte Ketamin keinen Effekt mehr. Erhielten Versuchstiere das reine Stoffwechselprodukt, reduzierten sich depressive Symptome. Der entscheidende Aspekt: Zanos beobachtete keine dissoziativen oder suchtauslösenden Effekte, die Ketamin in Verruf gebracht hatten. (2R,6R)-Hydroxynorketamin blockiert den N-Methyl-D-Aspartat-Rezeptor (NMDA-Rezeptor). Bislang hatten Wissenschaftler eine Wirkung auf den Glutamatrezeptor postuliert. Ob sich die Resultate von Nagern auf Menschen übertragen lassen, ist momentan noch fraglich.

83 Wertungen (4.57 ø)
Forschung, Pharmazie

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

13 Kommentare:

Leo K.
Leo K.

hallo verehrter @ViFo, kann man das mit der Dosierung etwas genauer erfahren?

#13 |
  1
Gast
Gast

ein bischen hin und her ist doch interessant,
sowohl von #9+#10 wie von #11 ist doch viel zu lernen,
also als Narkose oder Schmerzmittel lieber nicht,
gegen Depression lieber doch (in viel niedrigerer Dosierung,
wen ich richtig verstanden habe).

#12 |
  1
Ärztin

Fachwissen ist hier offensichtlich nicht gefragt.

#11 |
  1
ViFo
ViFo

Etwas zu viele Anästhesisten und ansonsten bis jetzt offenbar nur absolute 08/15-Psychiater anwesend!
Ketamin wird bei psychiatrischer Anwendung nur in wesentlicher geringerer Dosierung angewandt, hat also mit Anästhesie und Analgesie nichts groß zu tun bzw. ist hier nicht das Thema!
Entscheidend sind folgende bemerkenswerte Fakten:
– wirkt sofort bei Depression
– muss NUR !!! im Schnitt, alle 2 Monate angewandt werden, also kein Nachteil, so wie oben dargestellt,sondern ein Vorteil im Vergleich zu täglicher !!! Anwendung heutiger Antidepressiva, die laut Studienlage, mehr oder weniger so gut wie Placebos wirken
– gut verträglich bei richtiger (psychiatrischer) Anwendung
– wird bereits in einigen psychiatrischen Kliniken mit Erfolg angewandt
– ist wesentlich günstiger als herkömmliche Therapien

Leider brauchen Innovationen meist sehr lange bis es in “alten” Köpfen zur Akzeptanz kommt und die mächtige Pharmaindustrie hat ja auch noch Ihre ganz eigenen Interessen,welche sich bei o.g. einfach herleiten lassen und auch mit erklären,warum diese bahnbrechende Entdeckung so behandelt wird,als wäre es etwas Schlechtes.

#10 |
  2
Arzt
Arzt

Sufentanil bitte die verdünnte Variante und gaaanz langsam, das ist wichtig.

#9 |
  0
Arzt
Arzt

@Robin Engert, das ist schon richtig, ein Profi spritzt aber bei starken Schmerzen eher ein modernes Opiat (Sufentanil), gut steuerbar selbst wenn er mal intubieren müsste. Besser fürs Gehirn als starke Schmerzen und besser als Ketamin.
Eher simple Lagerungsregeln der verletzten Region (Ruhigstellung) sind auch extrem wichtig. Oft erholt sich ein Gehirntrauma erst richtig, wenn die verletzte Extremität durch Osteosynthese ruhig gestellt wird.
Fragen Sie einen Neurologen, der wird ihnen erzählen, dass Epilepsie heute im höheren Alter häufiger geworden ist als bei Kindern.
Ist irgendwie etwas taubuisiert und gerade auch für den Notarzt wichtig.
Ein Krampfanfall sollte vom Doktor nie “abgewartet” werden, sondern möglichst sofort unterbrochen werden, hier für ist immer noch das Valium iv hervorragend geeignet, gerne natürlich auch eine moderne kürzer wirkende Variante.

#8 |
  2
Arzt
Arzt

@Silke Schuster, Sie haben das wohl irgendwo abgeschrieben und noch keine echte Epilepsie gesehen oder schlimmeres.
Ich habe das schon und habe als Arzt und (Privat-)Patient noch 2015 dummerweise selbst eine Ketanest-Narkose erhalten, ohne dass ich vorher darüber aufgeklärt wurde und das verhindern konnte.
Jedenfalls habe ich noch im Op danach gekotzt wie ein Reiher und nichts gegessen bis zum Abend.
Der Dummkopf hats wahrscheinlich noch gut gemeint, weil er Angst vor einen rel. niedrigen Blutdruck hatte. “Rel.niedig” ist er aber nur bezogen auf mein Alter, “absolut” also völlig normal, 125/70, als alter Sportler.
Ich war jedenfalls stink-sauer und musste das auch noch bezahlen.
Auch in der Notfall-Medizin sollte man das abschaffen, da hab das mit den Krämpfen erlebt; hier wurde allerdings auch kein Diazepam gegeben und der Patient war vorher schon eher hyperton (wegen Schmerzen?, die verschlechtern übrigens auch die Hirndurchblutung.)
Hände weg davon, insbesondere wenn irgend was mit dem Kopf sein könnte!
Das höchste und auch häufigste prokonvulsive Risiko besonders im Alter ist der Alkohol, insbesondere die “Ausnüchterungsphase” danach, vulgo Kater.

#7 |
  3

Zu Arzt aus Kommentar #3: S-Ketamin ist ein gängiges Medikament im Notarztdienst, das flächendeckend regelhaft zur Analgosedierung bei Trauma eingesetzt wird.

#6 |
  3
Ärztin

Ketanest findet in der Anäthesie bei entsprechender Indikation durchaus Anwendung. Benzodiazepine, meist Midazolam, wird nicht primär als Antikonvulsivum sondern zum Abdämpfen möglicher dissoziativer Nebenwirkungen komediziert. Die dissoziative Nebenwirkung ist bei S-Ketanest deutlich seltener vorhanden als beim Racemat. Zudem werden Analgesie und Anästhesie bereits mit halber Dosierung erreicht. Die Stereoisomere haben unterschiedliche Wirkprofile denn sie binden an verschiedene Rezeptoren.

#5 |
  2
Arzt
Arzt

“dissoziativen oder suchtauslösenden Effekte” bei Nagern?
Es geht bei Ketamin keineswegs nur um Suchtauslosung
und was versteckt sich denn bitte unter “dissoziativ” lieber Autor?
Ketamin ist prokonvulsiv. Es gilt heute schon als Kunstfehler das nicht sofort durch ein antikonvulsives Mittel (Benzodiazepin) abzublocken.
Auch Todesfälle hat es schon gegeben, egal wie selten.

#4 |
  7
Arzt
Arzt

Sehr bedenklich, dieses gefährliche Medikament wieder als “Heilmittel” ins Spiel zu bringen.
Es hat lange genug gedauert, es aus der Anästhesie endlich rauszuschmeißen.
Einige haben das heute noch nicht kappiert.

#3 |
  11
Alfons Koenig
Alfons Koenig

Welches Ketamin?

#2 |
  1

Spannend und informativ zu lesen. Ich habe noch ein paar Fragen dazu :

In welcher Dosierung wurde das Ketamin verabreicht? I.v. nehme ich an, oder, weniger gefährlich i.m.?

Ist die Studie beendet, respektive sind die Ergebnisse schon in Kliniken im Einsatz? Oder nur an speziellen Zentren?

#1 |
  4


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: