Keimbesiedelung: Alte Liebe rostet nicht

19. Mai 2016
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Einige Mikroorganismen, die „Old Friends“, halfen unseren Vorfahren stressbedingte Immunaktivierungen zu verhindern. In der heutigen Umwelt toleriert der Mensch die Mikroorganismen seltener. Eine Rückführung dieser Organismen könnte stressbedingte Erkrankungen mindern.

Stress kann entzündliche Prozesse fördern und so psychische und somatische Krankheiten begünstigen. Die „Old Friends“-Hypothese besagt jedoch, dass diese Effekte nicht immer so ausgeprägt wie in der heutigen Zeit waren: Während seiner frühen Entwicklung war der Mensch deutlich häufiger verschiedensten Mikroorganismen, den sogenannten „Old Friends“ ausgesetzt, welche auf Grund ihrer Häufigkeit vom Immunsystem toleriert werden mussten, um chronische Entzündungsprozesse zu vermeiden.

Wie die Schutzfunktion der „Old Friends“ im Körper wieder aktiviert werden kann, untersuchte kürzlich eine deutsch-amerikanische Forschergruppe.

„Old Friends” werden zur Seltenheit

Vor über zwei Millionen Jahren war der Mensch von zahllosen Mikroorganismen umgeben. Diese besiedelten Haut– und Schleimhäute und somit auch den Darm. „Die ‚Old Friends‘-Hypothese geht davon aus, dass der Mensch in dieser Umgebung nur überleben konnte, weil sein Immunsystem in der Lage war, diese eher harmlosen Mikroorganismen seiner Umgebung zu tolerieren“, sagt Professor Dr. Stefan Reber von der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Ulm.

Eine Folge dieser gesteigerten Immunregulation war, dass die stressbedingte Immunaktivierung und somit das krankheitsfördernde Potential von Stress abgeschwächt wurde. Vermittler dieser Toleranz waren sogenannte regulatorische T-Zellen, die eine Entzündungsreaktion über direkten Zell-zu-Zell-Kontakt, aber auch durch die Abgabe von entzündungshemmenden Botenstoffen dämpfen. „In der modernen Welt sind diese ‚Old Friends‘ aufgrund einseitiger Ernährung, bebauter Umwelt, keimfreien Wassers und Antibiotika seltener geworden“, sagt Professor Reber, der als Erstautor an der Studie beteiligt war.

Stress verändert Darmbakterien-Zusammensetzung

Der dadurch verursachte Mangel an regulatorischen T-Zellen steigert die generelle und stressbedingte Immunaktivierung, und kann – so der aktuelle Wissensstand – die Entstehung von psychischen und somatischen Erkrankungen fördern, die durch eine chronische Entzündungsreaktion charakterisiert sind. Beispiele dafür sind Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen und Colitis Ulcerosa.

Ein wichtiger Prozess, der zu einer Stress-vermittelten Steigerung der Immunaktivität führt, vollzieht sich laut Professor Reber im Darm: „Stress verändert hier die Zusammensetzung der Darmbakterien und begünstigt so die Ausbreitung von so genannten ‚Pathobionten‘, also Keimen die bei einer unkontrollierten Vermehrung eine Darmentzündung auslösen.

Schutz vor Entzündungsvorgängen

In ihrer Studie injizierten die Forscher Mäuse mit dem abgetöteten Bakterium Mycobacterium vaccae, einem für den Menschen harmlosen Verwandten des Tuberkulose-Erregers. „Mycobacterium vaccae ist überall im Erdreich und nicht-chloriertem Wasser vorhanden und war somit vermutlich während der gesamten Evolution ein ständiger Begleiter, also ein ‚Old Friend‘ des Menschen“, sagt Professor Reber.

Nach der Impfung wurden die Mäuse in einen Käfig mit einem größeren, dominanten Artgenossen gesetzt. Eine Situation, die enormen Stress erzeugt und bei nicht mit dem Erreger behandelten Mäusen in der Folge zu einer Darmentzündung und gesteigerten Ängstlichkeit führte. Die geimpften Mäuse jedoch zeigten während dieser sozialen Stressphase deutlich weniger unterwürfiges Verhalten, blieben körperlich gesund und zeigten weniger Angst. „Der ‚Old Friend‘ bewahrte die Mäuse vor den durch Stress ausgelösten Entzündungsvorgängen und damit auch vor Erkrankungen, die in Folge dieser gesteigerten Entzündungsreaktionen entstehen können“, erklärt Reber.

Ob eine solche „Impfung“ in Ergänzung zu präventiven und psychotherapeutischen Behandlungen auch Menschen weniger anfällig für stressbedingte Krankheiten machen könnte, ist derzeit noch völlig unbekannt. Professor Dr. med. Harald Gündel hält weitere Forschung in diesem Bereich für sinnvoll. „Die Ergebnisse solcher Folgestudien müssen wir natürlich erst einmal abwarten“, so der DGPM-Experte.

Originalpublikation:

Immunization with a heat-killed preparation of the environmental bacterium Mycobacterium vaccae promotes stress resilience in mice
Stefan O. Reber et al.; PNAS, doi:10.1073/pnas.1600324113; 2016

19 Wertungen (3.95 ø)

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5 Kommentare:

Gast
Gast

immerhin sind “die Vorfahren” verdammt früher gestorben,
überwiegend an Infektionskrankheiten.

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Gast
Gast

Ich seh es genau anders rum,
Syche wirkt auf Darm,
man kann vor Angst in die Hose machen.

Bravo, Dr. Schätzler

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Was für ein Unfug! “12 Monkeys oder “12 Mice”?

So lange Labormäuse nach dem Bundesversorgungsgesetz keinen Antrag auf Entschädigung wegen Posttraumatischer Belastungsstörungen (PTBS) selber stellen können und dürfen, sind Überlegungen zur Förderung ihrer Stress-Resilenz für den Menschen eher nicht zielführend.

Aber Spaß beiseite und ganz im Ernst: Der Volltext der Publikation “Immunization with a heat-killed preparation of the environmental bacterium Mycobacterium vaccae promotes stress resilience in mice” von S. O. Reber et al.
http://www.pnas.org/content/early/2016/05/11/1600324113.full
kann höchstens als Musterbeispiel dafür durchgehen, dass das Studieren von veterinär- und verhaltensmedizinischen Mäuse-Forschungen und -Ergebnissen für die Humanmedizin wohl eher nur in die Lehre von der Widerstandskraft des Menschen einmünden könnte.

Ganze 3 x 4 Labormäuse wurden in Käfig-Haltung einer “chronischen Unterordnungsprozedur” unterzogen [“chronic subordinate colony housing (CSC) procedure”]. Dazu werden in Abbildung S1 [Fig. S1.] insgesamt 4 experimentelle Settings dargestellt, ohne dass auch nur ansatzweise auf eine später behauptete Vergleichsgruppe eingegangen wird.

Bereits in Fig. S2. [“Behavioral and physiological data of Exps. 1–3”] fehlen bei einigen Diagrammen schon Vergleichsgruppen.

In Fig. S3. [“M. vaccae administration has persistent effects on brain serotonergic systems and microglial density in the brain”] unterscheidet sich ein wesentlicher Anteil der vergleichenden Säulendiagramme gar nicht mehr.

Vollends verdächtig stimmt selbst den unvoreingenommenen Leser, dass in der vorliegenden Publikation die Ergebnisse [Results] bereits v o r Darstellung von Material und Methoden [Materials and Methods] zur Darstellung kommen. Nur in einer versteckten Nebenbemerkung “Mycobacterium vaccae or vehicle injections” wird zugegeben, dass die Vergleichsgruppe nicht mit Mycobacterium vaccae (erstmalig in österreichischem Kuhdung angezüchtet), sondern nur mit der Trägersubstanz, aber n i c h t mit einem unspezifischem Vergleichskeim behandelt wurde.

“Mycobacterium vaccae is a nonpathogenic species of the Mycobacteriaceae family of bacteria that lives naturally in soil. Its name originates from the Latin word, vacca (cow), since it was first cultured from cow dung in Austria” (nach WIKIPEDIA)
https://en.wikipedia.org/wiki/Mycobacterium_vaccae

Vollends abgehoben und psychopathologisch weit über das Ziel hinausschießend sind die Bemerkungen über angeblich weitreichende Folgen für die menschliche Spezies an Hand von Experimenten bei lediglich 12 Labormäusen in den “Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America” (PNAS):

Allen Ernstes wird als “Bedeutung” herausgestellt, dass es eine wissenschaftlich anerkannte Hygiene- oder “Alte-Freunde”-Hypothese gäbe, nach der ein Mangel an Exposition gegenüber immunregulatorischen Mikroorganismen in modernen urbanen Gesellschaften in einer Epidemie von inflammatorischen Erkrankungen, ebenso wie psychiatrischen Störungen münden würde. Dabei sei eine chronische, niedrig-schwellige Entzündung ein Risikofaktor [“Significance – The hygiene, or “old friends,” hypothesis proposes that lack of exposure to immunoregulatory microorganisms in modern urban societies is resulting in an epidemic of inflammatory disease, as well as psychiatric disorders in which chronic, low-level inflammation is a risk factor”].

In illusionärer Verkennung behaupten die Autoren, dass sie hier aufzeigen könnten, dass “Stress” das homöostatische Verhältnis zwischen Mikrobiom und seinem Wirt unterbrechen könne, welches in übertriebene Entzündungsreaktionen münden würde [“Here we show that stress disrupts the homeostatic relationship between the microbiota and the host, resulting in exaggerated inflammation”].

Die Behandlung von Mäusen mit einer durch Hitze abgetöteten Präparation eines immunregulatorischen Umwelt-Mikroorganismus, Mycobacterium vaccae, verhindere Stress-induzierte Pathologie [“Treatment of mice with a heat-killed preparation of an immunoregulatory environmental microorganism, Mycobacterium vaccae, prevents stress-induced pathology”].

Und als Non-plus-ultra geradezu “tantrischer” Konfabulationen: Diese Daten unterstützten angeblich eine Strategie, menschlichen Wesen ihre “alten Freunde” (aus Schlamm, Kuhdung und Dreck?) wieder einzutrichtern, um optimale Gesundheit und Wellness zu fördern???
[“These data support a strategy of “reintroducing” humans to their old friends to promote optimal health and wellness.”]

Ich glaube, da haben einige aus dem Forscherteam zu viel “Twelve Monkeys”, den Science-Fiction-Film von Terry Gilliam 1995 gesehen, und sich gedacht, das könne man mit “Twelve Mice” in 2016 auch bewerkstelligen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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Dr. med. Michael Traub
Dr. med. Michael Traub

Schon vor 6 J. fanden amerikanische Forscher heraus, daß mycobacterium vaccae bei
Mäusen den Serotoninspiegel ansteigen läßt und die Lernfähigkeit verbessert. Ob dieser
Effekt länger anhält, war unklar. Deswegen ist es erfreulich, von Forschungen in der Ulmer
Psychosomatik zu erfahren, die diese Fragestellung weiter bearbeiten. Herrn Prof. Reber
ist zu wünschen, daß sich genügend Probanden bei ihm einfinden, damit die Übertragbarkeit
dieser Forschungsergebnisse auf den Menschen überprüft werden kann.

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Dr. Gero Beckmann
Dr. Gero Beckmann

Natürlich macht der Artikel geistigen Appetit, und die eigentliche wissenschaftliche Arbeit beeindruckt. Aber: so neu sind die Erkenntnisse nun wirklich nicht. Spätestens nach den grundlegenden Arbeiten zur Immunmodulation (s. z.B. as Lebenswerk von Prof. Anton Mayr) weiß man im Grundsatz um diese Fähigkeiten der Mikroorganismen. – Seit wann ist unser Trinkwasser keimfrei, wie oben behauptet? Nach der gültigen TVO dürfen bis zu 100 KBE/ml vorhanden sein. Und natürlich wissen wir spätestens seit dem Einsatz molekularbiologischer Methoden, wie viele wasserbürtige Mikroorganismen auf den gängigen Nährmedien nicht anzüchtbar sind oder im metabolischen Winterschlaf (VBNC-Status) schlummern. Und eins ist auch schon lange bekannt: auch die Zellleichen von möglicherweise abgetöteten Mikroorganismen besitzen eine immunmodulatorische Wirkung! Insofern beschreibt der Artikel einen Immunmodulator, nicht mehr und nicht weniger.

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