Behandlungsfehler: Schweigen wie ein Arzt

18. Mai 2016
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Der „Null-Fehler-Anspruch“ in der Medizin ist permanent und überall. Doch wenn Ärzte Patienten behandeln sollen, ist Fehlerfreiheit unmöglich. Auch im Medizinstudium bleibt dieses Thema weitestgehend ausgespart. Warum sind Fehler immer noch ein Tabu?

In nahezu allen Berufen ist eine strenge Fehlerkontrolle üblich. Sie dient dazu, die Arbeit für die Mitarbeiter und Kunden sicherer und das Unternehmen profitabler zu machen. Ausgerechnet aber in der Medizin, in der es oft um Leben und Tod geht, wird erst seit wenigen Jahren intensiver über Fehler gesprochen. Gerade wenn es um die ärztliche Behandlung geht, besteht nachvollziehbarerweise die Erwartungshaltung von Patienten und Angehörigen, dass keine Fehler passieren dürfen. Dennoch passieren sie und werden auch immer wieder passieren. Erfahrene Ärzte wissen: Wer viel arbeitet, macht auch Fehler. Nur wer nie arbeitet, macht keine Fehler. Es gehört zum Arztsein – genauso wie zu jedem anderen Beruf – dazu, fehlbar zu sein. Und trotz dieser Erkenntnis, dass Ärzte nicht die perfekten, unanfechtbaren Götter in Weiß sind, besteht in Deutschlands Krankenhäusern noch immer eine Kultur, die Fehler möglichst nicht nach außen dringen lassen möchte. Behandlungsfehler sind nach wie vor ein Tabu. Doch warum ist das so?

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold?

Die kürzlich veröffentlichte Jahresstatistik des Medizinischen Dienstes von 2015 zeigt rund 14.830 vorgeworfene Behandlungsfehler in Deutschland, Tendenz zu den Vorjahren steigend. In jedem vierten Fall bestätigten Gutachter den Verdacht. Zwei Drittel dieser Fehler fanden in Krankenhäusern statt, ein Drittel bei niedergelassenen Ärzten. Die meisten Vorfälle gab es bei chirurgischen Eingriffen. 7.693 Vorwürfe stehen in direktem Zusammenhang mit Operationen. In knapp 200 Fällen starben die Patienten an den Folgen eines Fehlers oder damit zusammenhängenden Komplikationen. Über 1.000 Patienten erlitten einen Dauerschaden. Grundsätzlich ist hier aber auch mit einer hohen Dunkelziffer zu rechnen. Bei so vielen ärztlichen Behandlungsfehlern fragt man sich, wieso es noch immer keinen richtig offenen Umgang mit Fehlern gibt.

Es hat sich in den letzten 10 Jahren zwar einiges getan und die Medizin hat sich zumindest in Teilen geöffnet. Erste Schritte hin zu einem systemischem Umgang mit ärztlichem Versagen sind klar erkennbar: In den letzten Jahren wurden verschiedenste Initiativen zum Umgang mit Fehlern und Patientensicherheit gegründet, wie beispielsweise das Aktionsbündnis Patientensicherheit. In Krankenhäusern und Arztpraxen wurden Fehlermeldesysteme und Qualitätssicherungsmaßnahmen, das Mehraugenprinzip, Checklisten und Leitlinien eingeführt. Doch noch immer wird eher über Fehler geschwiegen als geredet.

Die Themen Fehler in der Medizin und Patientensicherheit rücken seit der im Jahr 2000 vom Institute of Medicine veröffentlichten Studie „To err is human“ mehr und mehr in den Fokus des öffentlichen und wissenschaftlichen Interesses. Die amerikanische Studie lieferte damals erschreckende Ergebnisse. Mindestens 44.000 Menschen sterben jährlich in den Vereinigten Staaten durch falsche Behandlungen, so die Autoren. Und schlimmer noch: Die Hälfte der Todesfälle sei vermeidbar. Das hat sich trotz der zunehmenden Bereitschaft zur Fehlerkontrolle auch in den letzten Jahren nicht verbessert: Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt, dass medizinische Behandlungsfehler heutzutage sogar die Todesursache Nummer drei in den USA sind – nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs.

Aus Fehlern lernen

Prof. Matthias Schrappe, Facharzt für Innere Medizin und ehemaliger Vorsitzender des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, beschäftigte sich als einer der ersten mit dem öffentlichen Umgang von Behandlungsfehlern. 2010 brachten Schrappe und 16 weitere Kollegen die Broschüre „Aus Fehlern lernen“ heraus, in der sie über ihre persönlichen Irrtümer und Versagen sprechen und dafür in aller Öffentlichkeit Verantwortung übernehmen. Es geht um Fehler, die ihren Patienten Schmerzen und Leid brachten, ja einige sogar das Leben kosteten. „Ich bin der Meinung, dass eine Enttabuisierung, die Möglichkeit, über Fehler zu sprechen, eine enorme Entlastung für die Arbeit von Ärzten, Schwestern und Pflegern bringt. Das wollen wir fördern“, erklärt Schrappe.

Nach einer 2007 veröffentlichten Studie des Aktionsbündnisses kommen in Deutschland pro Jahr rund 17.000 Menschen durch medizinische Fehler ums Leben. Die Zahl ist dreimal höher als die der Toten im Straßenverkehr. Frauen trifft es häufiger als Männer. Auch die AOK berichtete kürzlich, dass im Schnitt jeden Tag 3,4 Behandlungsfehler auftreten. Wie kommt es dazu?

Panik, Frustration und Langeweile

Generell hat der Mensch ein notorisch schlechtes Kurzzeitgedächtnis. Nach Rasmussen und Jensen klassifiziert man bei komplexen Aufgaben, wie Ärzte sie erledigen, vor allem drei mentale Leistungsniveaus:

  1. das auf Fertigkeiten und gespeicherten Denk- und Handlungsmustern basierende
  2. das auf erlernten Regeln basierende
  3. das auf Kenntnissen und synthetischem Denken basierende

Fehler des ersten Niveau, sogenannte „slips“ (Versehen), resultieren aus der Unterbrechung einer Routine durch Ablenkung. Irrtümer des zweiten Niveaus entstehen, wenn zum Beispiel die falsche Regel gewählt oder die richtige Regel falsch angewandt wird. Die Fehler des dritten Niveaus kommen vor, wenn ein neues Problem auftritt, für das keine programmierte Lösung vorliegt. Hier können Kenntnismängel oder Fehlinterpretationen Fehler hervorrufen. Auch die ärztliche Neigung, das Problem durch die erstbeste vorhandene Information zu lösen oder Daten zu ignorieren, die die eigene Verdachtsdiagnose nicht stützen, spielen hier eine Rolle. Fehler aller drei Ebenen werden durch Ablenkung, Hitze, Lärm, Schlafmangel, Alkohol, Drogen und Medikamente sowie durch emotionale Belastungen begünstigt. Auch Panik sowie Frustration und Langeweile führen häufig zu Irrtümern.

Weitere Fehldiagnosen kommen vor allem durch fehlerhafte Kommunikation von Arzt zu Patient, aber auch unter medizinischem Personal selbst, zum Beispiel bei der Übergabe von Patienten, zustande. Zudem spielt der Ökonomisierungszwang, dem Krankenhäuser und medizinisches Personal ausgesetzt sind, eine wichtige Rolle. Das unangemessen lange Arbeiten unter großem Stress, der Personalmangel und der Druck, Profit zu machen, sind nur einige Faktoren, die Fehler begünstigen. Eine wichtige Ursache liegt aber auch in der Natur der komplexen medizinischen Tätigkeit selbst: „Ärzte irren, weil sie täglich Entscheidungen auf der Basis inadäquater Information treffen müssen“, schreibt David Eddy. In immer mehr Klinken werden deshalb Meldesysteme zur Fehlerkontrolle eingerichtet. Dort kann jeder, vom Pfleger bis zum Arzt, anonym Fehler oder Beinahe-Fehler angeben. Auch niedergelassene Ärzte ziehen nach. Für Hausärzte gibt es eine Internetseite, auf der Irrtümer berichtet und diskutiert werden können.

„Jeder Fehler zählt“

Unter der Rubrik „Fehler des Monats“ wird hier jeden Monat ein eindrückliches Erlebnis eines Mediziners vorgestellt. Diesen Mai berichtet ein Arzt von einem Patienten, der nachts ins Krankenhaus kam: „Ich bin ärgerlich, weil er ‚nur‘ eine hypertensive Entgleisung hat. Gebe 10 mg Ebrantil. Der Patient kann kaum deutsch, berichtet über eine vergangene Rippenserienfraktur und Brustschmerzen seitdem immer wieder. Jetzt auch wieder seit 2 Wochen. Im EKG keine eindeutigen Veränderungen. Nehme kein Troponin mit ab. Am nächsten Morgen hat der Patient noch Schmerzen und meine Kollegin nimmt Troponin ab. Ergebnis positiv! Der Patient wird am selben Vormittag zur Koronarangiographie verlegt.“

Neben der Voreingenommenheit („der kommt wegen Blutdruck“) und der kritischen Uhrzeit (2 Uhr nachts) gibt der behandelnde Arzt die bestehende Sprachbarriere des Patienten als Ursache an. Er erkennt selbst, wie er den Fehler hätte verhindern können: „Genauer auf die Patienten eingehen, egal zu welcher Tageszeit. 
Bei Brustschmerz und bei hypertensiver Entgleisung einfach immer den Troponin mit abnehmen, wir sind ein Krankenhaus!“ Zum Glück hatte die Kollegin daran gedacht und der Patient kam im richtigen Zeitfenster zur Koronarangiographie. Ein anderer Kollege kommentiert: „Das ist so ein richtig typischer Fehler: Man gibt sich mit der ersten – plausibel erscheinenden – ‚Ursache‘ zufrieden. Ist mir auch schon passiert: „Magen-Darm-Infekt“ mit massivem Erbrechen wegen „Essens einer verdorbenen Melone“ (Eigenerklärung des Patienten), am Ende zeigte sich – dank einer aufmerksameren Kollegin – eine Hirnblutung als wahre Ursache.“

Diese Fälle verdeutlichen, wie wichtig auch die gegenseitige kollegiale Kontrolle sein kann. Unter Schlafmangel im Nachtdienst können schnell Verwechslungen passieren oder wichtige Dinge vergessen werden. Durch das richtige Fehlermanagement kann versucht werden, dem vorzubeugen, auch indem man über solche Fälle intern spricht, um die Aufmerksamkeit für solche Irrtümer zu schärfen.

Irren ist menschlich

Ein Bereich, in dem das Thema Fehler bisher weitestgehend ausgespart bleibt, ist allerdings die Ausbildung derer, die später als Arzt arbeiten werden. Sie sind den möglicherweise Fehler fördernden Rahmenbedingungen ausgesetzt und erlernen kaum den Umgang mit kritischen Situationen. Keiner sagt den Medizinstudenten, wie stattgefundene Fehler in Pflegepraktikum, Famulaturen und PJ angesprochen und weiterer Schaden und Leid begrenzt werden können. Auch die mögliche Traumatisierung der angehenden Mediziner durch ihr eigenes Versagen wird dabei völlig außen vor gelassen. „Dabei wäre es wichtig, schon im Studium praktisch auf entsprechende Situationen vorbereitet zu werden,“ findet Mareike Janosch, die im 8. Semester in München studiert.

So zeigt der Vorfall im Evangelischen Krankenhaus Bielefeld im Jahr 2011 die große Unsicherheit in Bezug auf fehlerhaftes Arbeiten im Studium: In der Bielefelder Klinik stirbt ein Baby, weil der PJler Helmut W. ihm ein Medikament spritzte, das nur hätte eingeträufelt werden dürfen. Der Student wurde aufgrund fahrlässiger Tötung verurteilt. „Man fragt sich danach schon, was man in Famulaturen und PJ in Zukunft tun darf und was nicht,“ berichtet Mareike. „Sowas hätte jedem von uns passieren können. In der Approbationsordnung heißt es nur lapidar, man solle entsprechend seinem Ausbildungsstand unter Anleitung, Aufsicht und Verantwortung des ausbildenden Arztes die zugewiesenen ärztlichen Verrichtungen durchführen. Aber was bedeutet das genau? Im hektischen Klinikalltag bleibt doch keine Zeit, sich jedes Mal zu fragen, ob man etwas tun darf – es wird einfach verlangt. Wir können so leicht Fehler begehen und gerade in der Ausbildung muss man manchmal auch Fehler machen, um daraus zu lernen. Dennoch möchte keiner das Leben von Patienten riskieren.“

Rechtliche Konsequenzen

Was passiert, wenn nun doch einmal ein Fehler passiert? Natürlich hat das Folgen für den Patienten und für das Gewissen des behandelnden Arztes oder Studenten sowieso. Doch es ergeben sich auch rechtliche Konsequenzen aus den Irrtümern. Zum einen spielt das Zivilrecht eine Rolle. Nach diesem kann der Behandelnde nach einer Klage des Patienten oder der Angehörigen nach dessen Tod zur Zahlung von Schmerzensgeld, Schadensersatz, den Kosten der Beerdigung etc. verurteilt werden. Solche Zivilprozesse dauern im Durchschnitt meist zwei bis drei Jahre, im Falle einer Berufung kann es sich weitere 1–2 Jahre hinziehen. Zum anderen kann der Arzt aber auch nach strafrechtlichen Vorschriften verurteilt werden. Je nachdem ob der Behandlungsfehler vorsätzlich oder nur fahrlässig geschehen ist, kommen Verurteilungen wegen verschiedener Delikte in Frage. Nach §§ 223 ff. StGB kann man wegen Körperverletzung ggf. mit Todesfolge (§ 227 StGB) belangt werden, z. B. bei Eingriffen ohne Einwilligung des Patienten. Man kann aber auch wegen fahrlässiger Körperverletzung (§ 229 StGB) oder fahrlässiger Tötung (§ 222 StGB) verurteilt werden, wenn der Irrtum ohne Absicht passierte. Wird man strafrechtlich verurteilt, reichen die Strafen je nach Schwere der Tat von Geldstrafen bis hin zu Freiheitsstrafen (ggf. auf Bewährung) und Berufsverboten. Somit drohen dann auch standes- oder berufsrechtliche Konsequenzen wie das Ruhen, der vollständige oder teilweise Entzug der Zulassung als Vertragsarzt oder der Entzug der Approbation. Nach dem Arbeitsrecht kann der Arzt auch eine Abmahnung oder Kündigung bekommen. Sobald ein Behandlungsfehler durch ein Gutachten bestätigt wurde, gibt es eine Verjährungsfrist von drei Jahren.

Mythos Unfehlbarkeit

Wo Menschen mit und für andere Menschen arbeiten, kann es keine Fehlerfreiheit geben. Gerade der Arztberuf, der so viel Verantwortung und Sorgfalt verlangt, ist stark fehleranfällig. Es geht nicht darum sich als unfehlbar darzustellen. Doch jeder vermeidbare Fehler ist ein Fehler zu viel. Schnell kommt man hier allerdings in eine Grauzone. Wann ist ein Fehler wirklich ein Fehler? Und wann ist er vermeidbar und kein schicksalhafter Verlauf einer unbeeinflussbaren Krankheit? Hier ist die richtige ärztliche Haltung gefragt. Man sollte immer so handeln, dass man dies mit seinem ethischen Gewissen vereinbaren kann – Fehler passieren, wie wir damit umgehen und was wir daraus lernen, bestimmt unsere Medizin. Wichtig ist das Erlernen des richtigen Umgangs mit Fehlern und zwar schon während des Studiums. Dazu bedarf es dem Ausbau der Kultur der offenen Kommunikation von Behandlungsfehlern, verstärkter Bemühungen um die Vermeidung von Fehlern und Schäden, der Etablierung einer Medizinschadensforschung und nicht zuletzt einer Verbesserung der Verfahren zur Regulierung von Schäden, damit Fehler zwar passieren dürfen, aber trotzdem möglichst vermieden werden.

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Humanmedizin, Medizin, Studium

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23 Kommentare:

Hanne Schnabel
Hanne Schnabel

Danke, Herr Dr. Bertram, sie haben Recht: “Maßgeblich für eine offene Fehlkulutur wird folglich eine grundlegende Änderung des juristischen Kontextes sein”. Wie kann das erreicht werden?

Oft liegt ja bei einem Behandlungsfehler ein Organisationsverschulden vor, wie z.B. Überarbeitung, Übermüdung.
Stimmt es, dass die Versicherungsbeiträge einer Klinik sofort in die Höhe geschraubt werden, wenn ein Krankenhaus einen Fehler eines ihrer Ärzte zugibt? Bei der finanziellen Lage ist doch dann klar, dass niemand das macht…
Wenn man aus genannten Gründen nicht zu einem schwer wiegenden Fehler stehen darf, bedeutet das m.E. immer eine zusätzliche Traumatisierung, sowohl für den Arzt als auch für den geschädigten Patienten.

#23 |
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Am Anfang der Kette steht ein zumindest meistens schwer kranker Patient. Es folgt der Arzt, nicht unfehlbar ist, insbesondere wenn er mal wieder zu viel gearbeitet hat, was im Regelfall nicht freiwillig erfolgt.
Passiert dann traurigerweise ien Fehler wird es schwierig. Mein Hapftpflichtversicherer verbietet ausdrücklich in seinen Bedingungen zuzugeben, das ein Fehler erfolgt ist bzw. sein könnte. Andernfalls sofortiger Verlust des Versicherungsschutzes, da dem Versicherer nicht die Gelegenheit zur Prüfung eingeräumt wurde.
Es folgen die Androhung von Bestrafung und in diesem Forum vehement gefordert Verlust der Approbation entsprechend Existenzverlust.
Maßgeblich für eine offene Fehlkulutur wird folglich eine grundlegende
Änderung des juristischen Kontextes sein.

#22 |
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Arzt
Arzt

zu #20 Als Chef eine Abteilung sehe ich es genau umgekehrt.
Irgendwas ist schief gegangen oder läuft noch schief,
das große Palaver mit der Schuldfrage geht los, keiner wills gewesen sein,
ich unterbreche das regelmäßig durch Hand hoch heben und den Ruf iiiiiich bin Schuld, sonst keiner und jetzt bitte alle vernünftig überlegen, wie wir da rauskommen oder wie eine Wiederholung am sichersten verhindert werden kann.
Mit der ernst gemeinten Eigenschuld ist natürlich die Frage der Delegation von Aufgaben gemeint, also auch die Entscheidung, dass bestimmte Personen das ein oder andere NICHT mehr machen dürfen.

#21 |
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Gast
Gast

Ich meckere doch nicht, Todesfälle sind doch das finale Ende!
Aber wenn es um Fehler geht dann kommt doch automatisch (zumindest bei mir) die Schuldfrage auf. Das ist ja das Charakteristische an Fehlern, dass jemand schuldig ist.
Alles andere sind halt unglückliche Umstände.

#20 |
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Gast
Gast

Nicht gut drauf, Herr @Dr. Bertram Staudenmaier?, weil Sie auch über Todesfallbesprechungen noch meckern? Nun ehrlich gesagt, viel profitiert hab ich nicht davon, richtige Fortbildung ist besser.

#19 |
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Medizinphysiker

@14:
Hatten diese “Todesfallbesprechungen” jeweils eine andere Konsequenz als in Zukunft Fehler zu vermeiden?
Hat es bei nachgewiesenem Fehler jemals zu Schadensersatz oder Schmerzenzgeld für die Hinterbliebenen geführt?
Die Antwort glaube ich zu kennen, also wohl halbe Sache? Sie schreiben ja selbst “einziger Grund…zu lernen”.

#18 |
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Gast
Gast

Nun ist es leider aus meiner Sicht so, dass der Entzug der Approbation deutlich zu selten eingesetzt wird.
Im Prinzip können Sie beinahe ausfressen, was Sie wollen: In den allermeisten Fällen dürfen Sie Ihre Zulassung behalten.

#17 |
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Hanne Schnabel alias Stefanie Bachstein
Hanne Schnabel alias Stefanie Bachstein

Originalton der Arzthaftpflichtversicherung gegenüber der Notärztin:
„Behalten Sie Ihr Geld, und lassen Sie diese Leute ruhig klagen.“

Nach allem, was wir erlebt haben, kann ich nur sagen, die gesamte Ärzteschaft müsste sich zusammenschließen und gegen inhumane Machenschaften der Arzthaftpflichtversicherungen vorgehen. Die sitzen nämlich im Ernstfall in jeder Beziehung am längeren Hebel. Es geht nur um Geld und nicht um Wahrhaftigkeit oder „Lernen aus Fehlern“. Da können wir noch so viel über Fehlermanagement, Sicherheitskultur etc. diskutieren.
Was die Arzthaftpflichtversicherung mit uns, aber insbesondere mit ihrer eigenen Versicherungsnehmerin, der Ärztin, gemacht hat, war haarsträubend, denn die Medizinerin zahlte monatlich deswegen ihren Versicherungsbeitrag. Die Ärztin konnte sich nicht wehren, weil sie von ihrer Versicherung abhängig war.
Die Versicherung forderte einen Zivilprozess geradezu heraus – wir wollten einen Vergleich.
Die Notärztin, zu der ich Kontakt hatte, erzählte mir, dass sie ihrer Versicherung privates Geld angeboten habe, damit ein Vergleich endlich zustande käme. Der Sachbearbeiter habe geantwortet: „Behalten Sie Ihr Geld, und lassen Sie diese Leute ruhig klagen.“

Nachdem ich dem Vorstandsvorsitzenden der Versicherung klar gemacht hatte, dass ich in großem Stil an die Öffentlichkeit gehen würde, wurde die Notärztin aufgefordert, nun doch die nicht geringe Summe zu überweisen, damit man den Vergleich schließen könne. Das habe sie gemacht. Resigniert ließ die Ärztin durchblicken, sie fühle sich von ihrer eigenen Versicherung „regelrecht abgeschlachtet“
Im Abschlussschreiben der renommierten Arzthaftpflichtversicherung lautete der Schlusssatz: „Vereinbarungsgemäß gehen wir davon aus, dass sich Familie Bachstein einer weiteren Äußerung in der Öffentlichkeit enthält [. . .]“ Das war ziemlich dicke Post: Wir hatten nichts vereinbart.

#16 |
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Gast
Gast

@Sicherheitskultur II: solange dann z.B. eine Fehlintubation als fahrlässige Tötung gewertet wird: ja.

#15 |
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Gast
Gast

@Sicherheitskultur II wissen Sie wirklich nicht, was in einem Krankenhaus abläuft?
Auch wenn das nicht in jedem gleich ist.
Todesfall-Besprechung im interdiziplinären Team ist recht häufig.
Und das nun wirklich aus dem einzigen Grund, etwas zu lernen,
sprich ob man irgend etwas vielleicht hätte verhindern, oder besser machen könnte.
zu #9 in England würden ich nicht grad so supergern als Patient liegen :-)

#14 |
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Sicherheitskultur II
Sicherheitskultur II

Und jetzt? Ende der Sicherheitskultur schon vor dem echten Beginn? Hände in den Schoß legen und vertuschen, was das Zeug hält, wenn mal ein Fehler geschieht – aus rechtlichen und finanziellen Gründen, weil geht halt leider nicht anders, kann man nichts machen? Wie wäre es denn, wenn Sie Ihren Versicherungen mal Beine machen stattdessen?! Die wollen eben doch nur Geld verdienen und Patientensicherheit und Lernen aus den Fehlern müssen da ganz klar hinten anstehen vor dem Profit. Unfassbar!

#13 |
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@ Sicherheitskultur
Leider liegen sie da falsch. Als Arzt müssen sie zwingend eine Haftpflichtversicherung haben. Da nach jedem Schadensfall ihre Versicherung außerordentlich kündigen kann – und das auch seeehr oft tut – haben sie dann ganz schnell ein Problem: wenn sie eine neue Versicherung suchen, müssen sie angeben, ob die Vorversicherung von der Versicherung gekündigt worden ist. Die Versicherungen haben da auch einen gemeinsamen Auskunftspool. Nach der ersten Kündigung ist es dann schon sehr schwer, einen neuen Vertrag zu bekommen.
Außerdem ist jegliche ärztliche Behandlung nach deutschem Recht eine Straftat (Körperverletzung), die nur durch eine wirksame Einwilligung des Patienten straffrei wird. Im Falle eines Falles wird ihnen aber bei Gericht sehr schnell bescheinigt, daß die Einwilligung nicht wirksam war, weil sie nicht ausreichend aufgekärt, nicht ausreichend dies dokumentiert oder sonst etwas nicht haben und dann sind sie als Arzt der Dumme.

#12 |
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Medizinphysiker

Ein großes Problem ist doch auch, dass man einen Fehler nur zugeben kann ,(nach außen) wenn man ihn sich selbst gegenüber auch zugeben kann. Und daran fehlt es oft!

#11 |
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Gast
Gast

So schlimm und katastrophal Fehler sein können, wenn andere aus ihnen lernen können und so eine Wiederholung vermieden werden kann, so hatten sie wenigstens einen “Sinn”.
Auch wir haben ein Kind durch einen Behandlungsfehler verloren, und wenn man das hätte kommunizieren können (was leider von Seiten der Klinik nicht möglich war), so wäre sein Tod vielleicht nicht ganz “umsonst” gewesen.

#10 |
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Gast
Gast

Vor einigen Jahren habe ich als Assistenzärztin in einem Krankenhaus in England gearbeitet. Dort war es üblich, jeden Freitag ein “Audit” zu haben, wo sich alle Ärzte trafen und die “Fehler der Woche” vorstellten und diskutierten. Das waren zum Teil wirklich gravierende Sachen, aber alles wurde sachlich und vorwurfsfrei diskutiert. Der Lehreffekt war enorm, und die Bereitschaft, Fehler zu gestehen, war in diesem Milieu sehr gross. Eine solche Routine würde ich mir in allen Kliniken wünschen.

#9 |
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Medizinphysiker

Dann geben Sie mal zwei Behandlungsfehler zu und warten, was die Haftpflichtversicherung dazu sagt. Die Kündigung kommt schneller als Sie denken!

#8 |
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Sicherheitskultur
Sicherheitskultur

Herr Staudenmaier, das ist leider eine gängige, aber vollkommen falsche Einschätzung, die sich hartnäckig hält. Es ist versicherungsrechtlich überhaupt kein Problem, einen Fehler zuzugeben. Nach Patientenrechtegesetz (§ 630c BGB) besteht sogar die Verpflichtung dazu, dort heißt es: “Sind für den Behandelnden Umstände erkennbar, die die Annahme eines Behandlungsfehlers begründen, hat er den Patienten über diese auf Nachfrage oder zur Abwendung gesundheitlicher Gefahren zu informieren.”Ethisch-morlisch ist das ohnehin geboten.
Also: Bitte, liebe Ärzte, gebt Eure Fehler zu, Ihr verliert nicht den Haftplichtschutz dadurch, das stimmt einfach nicht. Es kann nichts Schlimmeres geben, als einen Fehler zu machen, und dann noch zu meinen, dass es sogar rechtlich geboten sei, diesen nicht zuzugeben oder gar zu vertuschen! Das steht einer Sicherheitskultur und dem künftigen Vermeiden des Fehlers fundamental entgegen.
Die Intransparenz der Haftpflichtversicherer, die sich übrigens weitgehend auf die Arzthaftpflicht beschränkt, denn in anderen Haftpflichtversicherungssparten geht es deutlich transaprenter zu, ist nochmal ein ganz anderes Problem.

#7 |
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Medizinphysiker

Wer als Arzt einen Fehler macht, der ist schon durch seine Haftpflichtversicherung gehalten, diesen auf keinen Fall zuzugeben.
Mich würde mal eine Bilanz dieser Versicherungen interessieren, wieviel nehmen diese ein, wieviel geben diese aus?

#6 |
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Arzt
Arzt

@Wolfgang Neher wer bitte ist “die Wirtschaft”???
die alles besser macht?
Ist das z.B. ein (großer bekannter) Monitorhersteller, der so einen Bildschirm von exakt dem gleichen Fabrikfließband für den Privatkunden für maximal 300 € und für den Arzt im Op für 4000 € verkauft?
ganz transparent?

#5 |
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Elvira M
Elvira M

@Wolfgang Neher völlig am Thema vorbei!
Z.B.”Automatische Kundenbefragung” ist für mich Belästigung,
übrigens hat mich noch kein Autoverkäufer “automatisch” nach meiner Zufriedenheit gefragt, von den üblichen Routine-Einkäufen ganz abgesehen.
Oft bekommt man Dinge aufgeschwätzt die dem gewünschten Zweck nur unzureichend dienen, nicht selten ist dabei die freche erlogene Antwort, das sei gesetzlich vorgeschrieben.
Da geh ich doch viel lieber zu meinem Doc., der übrigens wie schon Generationen vorher REGELMÄßIG nach meinem Befinden fragt,
das interessiert den wirklich!

#4 |
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Arzt
Arzt

Falsche Vorwürfe,
“Fehler” war niemals tabu und war immer in “Risiko und Nebenwirkung” enthalten.
Z.B. auch in der “Mortalität” einer bestimmten Operation.
Der neue Trend besteht lediglich darin, mit Gewalt jedes Risiko zu einem Fehler zu erklären um Schadensersatzt fordern zu können.
Deshalb verkommt auch die Rechtssprechung in bargaining, nach dem Motto, wo ein Schaden da muss ein Schuldiger her.

#3 |
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Weitere medizinische Berufe

Ja, im Gesundheitsbereich ist alles Tabu was in der Wirtschaft tabulos ist und damit transparent
1. Es fängt schon bei der Organisation: Ich habe noch nie erlebt, dass meine Zusatzversicherungskarte eingelesen wird und damit direkt abgerechnet wird.
Das hat zur Folge, das Geld kommt halt Wochen später.
2.Die Mahlzeiten sind in den Kliniken am besten organisiert und damit meist fehlerfrei.
3. Automatische Kundenbefragung gibt es nicht.(Kommentar wurde wegen werblichen Inhalts von der Redaktion gekürzt). Das ist im Gesundheitswesen 200 Jahre Rückstand.
Es reicht ja aus wenn nach einem chaotischen System 1 – 10 % der Patienten zur Befragung automatisch ausgewählt werden und per Internet befragt werden, dann ist das aufgelaufen im System, auch so, da seid ihr ja erst in 100 Jahren soweit.
Diese Punkte lassen sich beliebig fortsetzen….
Viele Zahnärzte sind da besser organisiert!
4. Braucht der Patient Arzneimittel nach dem Krankenhausaufenthalt,
da muß er erst zum Hausarzt, das ist eine Zumutung und dazu noch teuer
5. AHB, da wird man hingeschickt wo gerade frei ist, optimal muß das ja nicht sein.

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Hanne Schnabel alias Stefanie Bachstein
Hanne Schnabel alias Stefanie Bachstein

Hallo Frau Heckel,
vielen Dank für Ihren wichtigen und guten Artikel. Unsere 7-jährige Tochter starb 1996 durch einen anerkannten Behandlungsfhler: eine angeblich unerkannte Fehlintubation im Rettungswagen. Die junge Notärztin, damals Assistenzärtin, wurde wegen fahrlässiger Tötung perStrafbefehl zu einer Geldstrafe verurteilt, weil der Rettungshubschrauber-Notarzt den Fehler nicht vertuscht hat. So etwas sei sehr selten. Trotzdem wurde der Behandlungsfehler weiterhin geleugnet – es ging um Imageschaden des Krankenhauses, in der sie als Assistenzärtzin arbeitete. Uns Eltern ging es um Wahrhaftigkeit und dass andere Ärzte aus diesem Fehler lernen könnten.
Ich habe deshalb einige Jahre später das Buch “Du hättest leben können” unter dem Pseudonym “Stefanie Bachstein” geschrieben (nur antiquarisch zu erhalten).
Ich wollte, dass aus Jules Tod Gutes erwächst. Das ist sicher auch geschehen, denn viele Ärzte haben mein Buch gelesen und ich wurde auf Ärztekongresse und einen Medizinstudentenkongress eingeladen.

Ja, es ist in den letzten 20 Jahren schon einiges besser geworden (siehe CIRS), aber leider ist es immer noch nicht gut genug. Man muss m.E. bei den Medizinstudenten anfangen und man muss die Arzthaftpflichtversicherungen sehr genau anschauen! Was die mit uns und der Ärztin gemacht haben war haarsträubend. Die ganze Ärzteschaft müsste gegen solche Machenschaften aufstehen. Aber leider ist jeder Arzt froh, dass ihm der Fehler nicht passiert ist. Denn das ist immer ein Fiasko für jeden Arzt, der das ja nicht “gewollt” hat.

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