Kinderwunsch: Lottchen-Trend in Deutschland

31. Mai 2016
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In Deutschland bekommen Frauen immer häufiger Zwillinge. Als Grund sehen Forscher nicht nur die steigende Konzentration des Follikelstimulierenden Hormons bei immer älter werdenden Müttern, sondern vielmehr die unüberlegte Medikation beim Kinderwunsch.

Daten zur Bevölkerungsentwicklung zeigen einen auffälligen Trend. Gab es im Jahr 1950 noch 11,6 Zwillingsgeburten pro 1.000 Frauen, waren es in 2014 etwa 18,4, berichtet das Statistische Bundesamts (DESTATIS). Dabei handelt es sich keineswegs um Trends, die sich nur über Jahrzehnte hinweg beobachten lassen. Bereits im vergleichsweise kurzen Zeitraum zwischen 2010 und 2014 offenbart sich, dass Frauen immer häufiger Zwillinge oder Drillinge zur Welt bringen.

 

Quelle: DESTATIS

Quelle: DESTATIS

 

Gilles Pison vom französischen Institut national d’études démographiques hat sich auf die Suche nach Erklärungen gemacht und gleich mehrere Ansätze gefunden.

Spätes Zwillingsglück

Der Forscher schreibt, steigende Raten an Zwillingsgeburten seien in allen entwickelten Nationen zu beobachten. Pison erklärt nur ein Drittel des Effekts mit dem steigenden Alter von Müttern: ein Effekt, der sich in Deutschland seit Jahren bemerkbar macht.

Je älter Frauen sind, desto unwahrscheinlicher werden sie schwanger, aber desto wahrscheinlicher bekommen sie Zwillinge. Dieses Paradoxon ist auf zwei Eisprünge pro Zyklus zurückzuführen. Zur Erklärung führt Professor Dr. Jan-Steffen Krüssel, aus Düsseldorf, in einem Übersichtsartikel vor allem steigende Konzentrationen des Follikelstimulierenden Hormons (FSH) am Ende der reproduktiven Phase an. Mitunter werde die Schwellendosis überschritten, die einen einzelnen Eisprung auslöse. Das Ergebnis sind Mehrlingsschwangerschaften. Auch der Body Mass Index ist von Bedeutung: Ein erhöhter BMI steht ebenfalls mit Zwillingsschwangerschaften in Verbindung.

 

Durchschnittliches Alter der Mütter bei der Geburt ihrer lebend geborenen Kinder. Quelle: DESTATIS

Durchschnittliches Alter der Mütter bei der Geburt ihrer lebend geborenen Kinder. Quelle: DESTATIS

 

Zwillinge auf Rezept

Diese Phänomene spielen laut Gilles Pison aber nur eine untergeordnete Rolle. Der Forscher nennt in seinem Artikel als wichtigsten Grund hormonell wirksame Pharmaka wie Clomifen. Zwei Drittel der Zunahme an Mehrlingsgeburten seien darauf zurückzuführen. Für die USA hat Aniket D. Kulkarni, Forscherin bei den Centers for Disease Control and Prevention, Atlanta, Zahlen veröffentlicht. Kulkarni führt 36 Prozent aller Zwillings- und 77 Prozent aller sonstigen Mehrlingsgeburten auf Kinderwunschbehandlungen zurück, Tendenz steigend. Bis zu 15 Prozent aller Frauen setzen Ovulationsauslöser ein. Sie schätzen vor allem den geringen Aufwand.

Clomifen ist der wichtigste Wirkstoff dieses Bereichs. Das Molekül gehört zu den selektiven Estrogenrezeptormodulatoren (SERM). Es bindet an Steroidrezeptoren im Hypothalamus und blockiert diese. Gonadotropin erzeugende Zellen schütten als Reaktion auf den vermeintlichen Mangel an Sexualhormonen fleißig das luteinisierende Hormon (LH) beziehungsweise das follikelstimulierende Hormon (FSH) aus.

In der Praxis hat Clomifen einen vermeintlichen Vorteil: Anstatt teure In-vitro-Fertilisationen über sich ergehen zu lassen, benötigen Frauen nur Tabletten für 21,81 Euro. Das allein stellt eigentlich kein Problem dar: Spezialisierte Kinderwunschzentren arbeiten nämlich per Ultraschallkontrolle. Finden Gynäkologen mehrere Follikel im Ovar, raten sie im aktuellen Zyklus von ungeschütztem Geschlechtsverkehr ab. Gleichzeitig korrigieren sie die Clomifen-Dosis nach unten und warten auf den nächsten Zyklus. Diese Strategie führt also zu vernachlässigbaren Quoten an Mehrlingsschwangerschaften. Aber manche Frauenärzte verschreiben das Präparat ohne weitere Kontrollen. Die Folgen davon bleiben nicht aus.

Fehlstart ins Leben

Bei Mehrlingsschwangerschaften kommt es häufiger zu intrauterinen Wachstumsrestriktionen und zum vorgeburtlichen Tod, berichtet Joachim W. Dudenhausen aus New York. Gynäkologen müssen selektive Fetozide zwar seltener als bei Dreilings- oder Vierlingsschwangerschaften durchführen. Ihnen geht die Arbeit trotzdem nicht aus. Die durchschnittliche Schwangerschaftsdauer liegt einer älteren Arbeit zufolge bei 39 (Einlinge), 36 (Zwillinge), 32 (Drillinge) oder 30 Wochen (Vierlinge). Als Grund für Frühgeburten kommen Zervixinsuffizienzen durch den höheren Druck in Betracht. Daneben halten Kollegen eine verminderte Uterusdurchblutung und verminderte Plazentafunktion für plausibel, immer relativ zum Gewicht der ungeborenen Kinder gesehen.

Grund genug für Ärzte, sich für einen Kaiserschnitt zu entscheiden. In den letzten Jahren hat sich die Rate von Kaiserschnitten bei Mehrlingsschwangerschaften von 53 auf 75 Prozent erhöht. Das zeigen Zahlen aus den USA. Sectiones gehen mit zahlreichen physischen und psychischen Folgen für die Mutter einher. Für Ärzte besteht das Dilemma immer darin, Chancen und Risiken gegeneinander abzuwägen, um die optimale Entscheidung zu treffen.

Ganz einfach statt mehrfach

Doch was tun? Eli Y. Adashi, ein Kollege aus Providence, Rhode Island, leitet aus den Daten klare Forderungen ab. Statt Clomifen zu verschreiben, rät er Kollegen, allen Frauen mit intaktem Eisprung eine künstliche Befruchtung anzubieten. Ärzte sollten keinesfalls mehrere Embryonen einsetzen, so Adashi. Patientinnen würden sich darüber nicht unbedingt freuen.

84 Wertungen (3.93 ø)

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8 Kommentare:

Klaus Samer
Klaus Samer

Und betrachtet man 2014 die Gesamtzahl der Geburten zun den Vorjahren oh Wunder diese ist gegenüber den Vorjahren auch deutlich erhöht.

Nicht nur das bildet man die Differenz von Jahr zu Jahr so hat sich diese für den Zeitraum von 2013 bis 2014 schlicht nahezu verdreichfacht genau wie die für dieses Jahr berechenete Differenz in Bezug auf die Mehrlingsgeburten.

http://de.statista.com/statistik/daten/studie/235/umfrage/anzahl-der-geburten-seit-1993/

#8 |
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Gast
Gast

Was will uns der Artikel sagen? Das assistierte Reproduktion oder IVF ganz schlechte Ideen sind?
Ja, die empirische Beobachtung der Umwelt zeigt mehr Zwillinge als noch vor 20 Jahren und Ja, das kann auch auf die Reproduktionsmedizin geschoben werden, da bei einer IVF/ICSI häufig zwei befruchtete Eizellen eingepflanzt werden, aber daraus eine unüberlegte Medikation zu folgern halte ich für falsch.
Zur Erzeugung neuen Lebens gehören immer noch ZWEI Beteiligte! Es hängt also nicht nur an der Frau, sondern auch am Mann ob eine Spontanschwangerschaft eintreten kann oder nicht; insofern muss man Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch durchaus zur IVF raten.
Ein Anstieg der Sectiones ist ein allgemein zu beobachtender Trend mit diversen Gründen, ob es einem gefällt oder nicht. Eine daraus resultierende psychische Folge für die Frau hängt da eher vom Wunsch der Frau nach Sectio oder Spontangeburt ab.

#7 |
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Ärztin

Ja, die Psyche älterer Frauen mit Kinderwunsch wird m.E. unterschätzt. Möglicherweise nehmen ältere Frauen bewusst Mehrlingsschwangerschaften in Kauf weil die Wahrscheinlichkeit überhaupt schwanger zu werden mit weiter zunehmenden Alter geringer wird und man sich mehr als ein Kind wünscht.
Und zum Statement im letzten Absatz von Herrn Adashi: Frauen mit intaktem Eisprung benötigen keine künstliche Befruchtung.

#6 |
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Dr. Judith Stümper
Dr. Judith Stümper

Ist schon mal jemand auf die Idee gekommen die Zahlen in Bezug zu der Gesamtzahl der Geburten zu setzen?

#5 |
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Gast
Gast

Also soo einen auffälligen Unterschied in den letzten Jahren sehe ich wirklich nicht, schon gar nicht bei den relativ niedrigen Zahlen der Mehrlingsgeburten. M.E. kein Grund was zu ändern.

#4 |
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Dr. Gerhard Puetz
Dr. Gerhard Puetz

“Bereits im vergleichsweise kurzen Zeitraum zwischen 2010 und 2014 offenbart sich, dass Frauen immer häufiger Zwillinge oder Drillinge zur Welt bringen.”
Was ist denn das für ein Unsinn!
“2011 werden 348 weniger Mehrlingsgeburten als 2011 registriert, 2012 sind es gerade einmal 43 mehr. 2013 werden 517 mehr Mehrlingsgeburten als 2010 registriert. Betrachtet man die Jahre 2010-2014 passiert rein gar nichts abgesehen einer gewissen natürlichen Schwankung. Erst 2014 gibt es einen deutlichen Anstieg um 1432 Mehrlingsgeburten (gegen 2010). Die ganze Aussage hängt also an einem einzigen Datenpunkt, der rein zufällig erhöht sein kann.
Die medizinische Literatur ist leider voll von solchem Blödsinn!

#3 |
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Gast
Gast

Ich frage mich, was schwerer wiegt: Die psychische Belastung durch eine Abtreibung des Fötus oder der Belastung durch mehr Behandlung. Zudem beweisen viele Frauen, die keine Kinder haben heute, dass man auch ohne Kinder ein erfülltes und glückliches Leben haben kann.

#2 |
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Gast
Gast

Heißt wohl zusammengefasst, dass sich Patientinnen mit Kinderwunsch entscheiden müssen zwischen vielen (auch für den Körper der Frau stark belastenden) Kinderwunschbehandlungen oder wenigen Behandlungen mit höheren Erfolgschancen aber einem höheren Risiko einer nötigen Teilabtreibung oder eines frühzeitigen Todes eines oder mehrerer Embryonen.

Was mich an diesem Artikel stört ist, dass hier nur über den Nachteil einer evtl. notwendigen Abtreibung und den Tod des Fötus gesprochen wird und die starke zusätzliche psychische und physische Belastung der Frau durch deutlich mehr notwendige Behandlungen mit keinem Wort erwähnt wird.

#1 |
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