Rx-Betrug: Pharmazeuten am Pranger

13. Mai 2016
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Ein millionenschwerer Fall von Abrechnungsbetrug sorgt bundesweit für Schlagzeilen. Medien ergreifen die Gunst der Stunde, um Apotheker einmal mehr die Schandmaske überzustülpen. Stopfen sich alle Kollegen ihre Taschen voll?

Eine Ärztin, ihr Lebensgefährte und ein Apotheker haben nach aktuellem Kenntnisstand in den letzten Monaten 1,6 Millionen Euro erbeutet, berichtet die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main. Das Trio arbeitete immer nach der gleichen Masche: Die Ärztin suchte aus ihrer Kartei passende Patienten heraus und verschrieb ihnen hochpreisige Pharmaka auf Kassenrezept. Alle Verordnungen gingen zum ebenfalls involvierten Apotheker, der teure Pharmaka abrechnete, jedoch nicht abgab. Dafür erhielt der Lebensgefährte preisgünstige, aber interessante Medikamente zum Verkauf im Ausland. Gegen zwei Verdächtige wird ermittelt; die Ärztin hat sich ins Ausland abgesetzt. Zumindest gelang es, alle Beweise zu sichern.

Ermittlung am Computer

Um abtrünnigen Health Professionals das Handwerk zu legen, haben Staatsanwälte aufgerüstet. Mittlerweile stehen eigens entwickelte Software-Lösungen an ihrer Seite. Damit vergleichen sie den Wareneingang und die vom Kassensystem erfassten Medikamente. Ansonsten entgeht ihnen womöglich so mancher Gauner, wie folgender Fall zeigt. Ein anderer Apotheker hatte Hochpreiser vom Großhandel angefordert, um Lieferscheine vorzuweisen. Anschließend retournierte er die Präparate. Gauner, wohin das Auge reicht?

Weiße Kittel, schwarze Seelen

„Pharmazeuten schädigen nach Erhebungen von gesetzlichen Krankenkassen das Gesundheitssystem finanziell stärker als alle anderen Berufsgruppen“, schreibt beispielsweise die Welt. „Allein die Korruptionsbekämpfer der KKH Kaufmännischen Krankenkasse haben 2015 eine knappe halbe Million Euro von Apothekern zurückgefordert – fast doppelt so viel wie von Pflegediensten, der Berufsgruppe mit dem zweithöchsten Wert.“ Das Blatt spricht von bundesweiten „Betrügereien durch Apotheker in Höhe von 16 Millionen Euro“. Abrechnungsbetrug ist in den Augen vieler Laien mit Retaxationen gleichzusetzen – daran sollten Apotheker denken, wenn sie das nächste Mal Patienten ihr Präparat trotz Problemen beim Rabattvertrag ihr Präparat gleich mitgeben.

„Der letzte Barscheck“

Jenseits aller Polemik bleiben grundlegende Probleme unangetastet. „Arzneirezepte sind der letzte Bar-Scheck in unserer Gesellschaft“, sagt Professor Dr. Gerd Glaeske, Bremen. Bis wann ein digitaler Workflow von der Verschreibung bis zur Abgabe für mehr Sicherheit sorgen wird, ist unklar. Zum E-Rezept auf der elektronischen Gesundheitskarte liegen aktuell keine Planungsdetails vor.

21 Wertungen (2.95 ø)

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6 Kommentare:

Gast
Gast

Nein Herr Dr. das kann ich aus fast zwanzig Jahren Berufserfahrung als treueste Dienerin der Apotheker nicht bestätigen.
Ich habe schon in sovielen Apotheken gearbeitet und mich von Ihresgleichen versklaven lassen.
Als PTA ist man ja gerade in den Augen der Apotheker, speziell der die promoviert sind, weniger wert als Exkrement am Schuh.
In allen sechzehn Apotheken in denen ich gearbeitet habe wurde wo immer es ging betrogen und beschissen.
Beispiele?
Melperon ohne Rezept an Pflegeheime, Rabattarznei drucken und Wunscharznei abgeben, miserable Behandlung der Angestellten, Ablehnung von Rezepturen und selbstverständlich Abgabe von RX Arzneimitteln ohne Rezept plus kräftigen Aufschlag für die Chefin.
Wenn es nach mir ginge könnten die Strafen nicht hoch genug sein, am besten sofortiger Entzug der Approbation.
Aber was soll man machen, speziell wenn der oder diejenige eine hohe Stellung in der Kammer oder dem Verband hat?
Oder sehr reich ist?
Die Schattenseiten der Apotheke und ganz besonders der Apotheker sind gar nicht bekannt.
Seien wir dankbar dafür.
Wären sie es, würden noch mehr Menschen im Internet bestellen.

In tiefster Demut grüßt Sie Ihre Kollegin (ist man das, obwohl man nicht approbiert ist…?)

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Manfred Lothar Dietwald
Manfred Lothar Dietwald

Letzte Monate ist ein genauer Zeitpunkt. 16 Millionen in etwa 2015 oder länger
bedeutet pro unschuldigen Apotheker bis zu 8000€, Da nur Apothekenleiter in Frage kommen, ergibt sich ein Profit Netto von dem Gehaltbruchteil eines niedrigen Angestellten. ielleicht liegt es näher, dass nicht abgeholte Nachlieferungen fälschlicherweise abgerechnet wurden, weil die Abrechnungszeit mit den Krankenkassen nicht eingehalten werden konnte, und der unbezahlte Aufwand zu gross wäre.. Man könnte auch Prof. Dr. G. Glaeske oder Journalisten unterstellen, dass sie Übernachtungs- Reise oder Verpflegungsgelder nict genau abgerechnet haben könnten, denn auch hier sind Bar- Schecks üblich.

#5 |
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Apotheker

Um über ein Thema als Journalist/in ehrlich und gerecht schreiben zu können muß man sich darüber viele Informationen sammeln.Als Laie sollte man schon auch versuchen in einem Artikel niemanden zu verletzen.
Entweder hat die Journalistin für ihre verantwortliche Arbeit (in dieser noch keiner Bananenrepublik) keine Zeit genommen und ihre Hausaufgaben nicht gemacht oder, von den großen Geldgeber der Kettenbesitzer gefordert worden?Was soll man sonst denken?Sehr oberflächlich,sehr traurig und sehr sehr faul!!
Barbaros Orhon,
Löningen

#4 |
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Gast
Gast

Für mich sind Krankenkassen wie die KKH und DAK ebenfalls als Betrüger zu brandmarken. Durch zahlreiche Nullretaxationen haben sie sich ,trotz erbrachter Leistungen der Apotheken, einen richtig schlechten Ruf erarbeitet. Das dadurch einige Apotheken in erheblicher Schieflage geraten, scheint diese Herrschaften überhaupt nicht zu interessieren.

#3 |
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Erwin Müller
Erwin Müller

Ähnlich schlecht recherchiert, wie die Welt-Propaganda. Schade.
Den “digitalen Workflow” gibt es ebenfalls schon längst – die Arzt- und v.a. Apotheken-EDV zeichnet alles(!) auf.

#2 |
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Dr. Johannes Berlitz
Dr. Johannes Berlitz

Und hier mein Schreiben an die Welt am Sonntag:
Sehr geehrte Frau Dowideit,
als Apotheker bin ich über Ihren einseitigen, polemischen und schlecht recherchierten Bericht entsetzt.
Bei dem von Ihnen beschriebenen Betrug in Form von Abrechnung von Rezepten, ohne die verordneten hochpreisigen Medikamente an Patienten abzugeben, handelt es sich um einen groben Einzelfall. Der von Ihnen hervorgehobene Fall, in dem die „Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main vor vier Wochen Anklage erhoben“ hat, liegt nach Ihrer eigenen Berichterstattung sieben Jahre zurück. Wenn eine Krankenkasse mit 3% Marktanteil im Jahr 500.000 Euro zurückfordert, ist das hochgerechnet ca. 17 Millionen Euro über alle Krankenkassen. Die Frage, ob die „Forderungen“ der Krankenkasse auch alle berechtigt sind, wird in Ihrem Bericht nicht gestellt. In jedem Fall liegt der Betrag weit entfernt von der Milliarde. Nach Ihrer Aussage sind in den „mehreren Milliarden“ auch die Zuwendungen enthalten, “die Ärzte für die umstrittenen Anwendungsbeobachtungen erhalten“. Diese Anwendungsbeobachtungen werden von pharmazeutischen Unternehmern und Instituten in Auftrag gegeben. Inwiefern sie „umstritten“ sind, wird von Ihnen nicht weiter erläutert. In jedem Fall haben wir Apotheker mit den Anwendungsbeobachtungen und den damit verbundenen Honorarzahlungen nichts, aber auch gar nichts zu tun! Wir beliefern die Rezepte nach den gesetzlichen und vertraglichen Vorgaben, auch wenn das in Anbetracht der umstrittenen Rabattverträge oft sehr schwierig ist.
In der heutigen Zeit zahlen die pharmazeutischen Unternehmer einen Rabatt an die Krankenkassen aufgrund der von uns auf die Rezeptblätter aufgedruckten Pharmazentralnummer (PZN), die jedes einzelne Medikament genau bezeichnet. Ein Abrechnen eines Medikaments, ohne einen Umsatz zu erzeugen, führt zu Anfragen des pharmazeutischen Unternehmers, die ja Herstellerrabatt zahlen müssen, ohne je das Arzneimittel geliefert zu haben. Ein Bezug über den Großhandel und dann eine Rückgabe begünstigt betrügerische Machenschaften nicht, das ist schon transparent. Im Übrigen sind die Retouren kontingentiert, und gerade für hochpreisige Arzneimittel keineswegs „kostenfrei“.
Es wäre fair, den Schäden durch einzelne Betrüger auch die Vorgehensweise mancher Krankenkassen in sogenannten Nullretaxationen gegenüberzustellen. Das muss man sich vorstellen: Ein Arzt verordnet ein Medikament, die Verordnung ist medizinisch berechtigt, der Patient bekommt das Medikament, er profitiert von dem Medikament, nur aufgrund eines Formfehlers bekommt der Apotheker kein Geld und zwar nicht nur nicht seine Marge, sondern gar nichts, auch nicht den Einkaufspreis. Das bedeutet: Versorgung von Patienten zum Nulltarif.
Wie lautet Ihr Titel? „Die große Abzocke“. Damit könnte auch das Verhalten mancher Krankenkassen gemeint sein!
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Johannes Berlitz

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