eGK-PIN: Sag beim Abschied leise Servus

11. Mai 2011
Teilen

Pünktlich zum Startschuss für den Rollout der neuen Kartenlesegeräte haben die Spitzenverbände ihre überarbeiteten Konzepte für die ersten Anwendungen der eGK vorgelegt. Die aktualisierten, elektronischen Notfalldaten der Ärztekammern sind ein echter Neuanfang.

Bis zu fünfmal mussten Ärzte in den Testregionen der elektronischen Gesundheitskarte eine PIN eingeben, wenn sie auf die eGK einen elektronischen Notfalldatensatz schreiben wollten. Dass das so nicht funktionieren konnte, überrascht nicht. Entsprechend schlecht fiel die Auswertung der noch unter der letzten Bundesregierung gestarteten Tests aus. Nur 280 Notfalldatensätze waren damals in den Testregionen überhaupt angelegt worden. Kein einziger wurde ausgelesen. Und bei einem Großteil der Patienten gab es Probleme mit der PIN.

Ruhe in Frieden, PIN

Seit die Verantwortlichkeit für die einzelnen eGK-Anwendungen nicht mehr kollektiv bei der in der gematik versammelten Selbstverwaltung liegt, sondern bei den jeweils am meisten zuständigen Spitzenverbänden, gehen die Arbeiten etwas zügiger voran. Ein Resultat dieser neuen Arbeitsteilung sind die so genannten Lastenhefte zum Versichertenstammdatenupdate, zu den elektronischen Notfalldaten, zum elektronischen Arztbrief („Kommunikation Leistungserbringer“), zur elektronischen Fallakte und zur Basisinfrastruktur. Diese wurden – oh Wunder – von der Gesellschafterversammlung der gematik jetzt einstimmig verabschiedet. Nur in einigen wenigen Punkten wurde der Schlichter angerufen.

Am sicherlich eindrucksvollsten ist der Neuanfang bei den elektronischen Notfalldaten der Bundesärztekammer gelungen. Sie wurden nicht nur im Handling, sondern auch inhaltlich komplett überarbeitet. Zunächst einmal hat man sich von der PIN-Eingabe für die Erstellung und Änderung der Daten weitgehend verabschiedet. Patienten, die das möchten, können weiterhin eine PIN beantragen und diese nutzen. Wer das nicht will, kann aber auch einfach ein Blatt Papier unterschreiben und so den jeweiligen Arzt gewissermaßen dazu ermächtigen, die Notfalldaten auf die eGK zu schreiben. Damit dürfte ein wesentlicher Schritt hin zu mehr Akzeptanz im Alltag geschafft worden sein: Aus fünf PIN mach keine. Gebunden ist der Zugriff auf die Notfalldaten weiterhin an einen elektronischen Heilberufsausweis. Hier hat sich nichts verändert.

Notfallabfrage als Weichenstellung

Komplett neu strukturiert wurde dagegen der Inhalt des Datensatzes. Grundlegend ist dabei die Unterscheidung zwischen Notfällen und Nicht-Notfällen. Der neue Notfalldatensatz ist nämlich nicht nur für den präklinischen Notfall gedacht, sondern auch für Situationen wie den Erstkontakt mit einem unbekannten Patienten in der Notaufnahme oder im kassenärztlichen Notdienst. Will ein Arzt künftig auf die elektronischen Notfalldaten der eGK zugreifen, dann wird er vom System zunächst gefragt, ob ein echter Notfall vorliegt. Bei einer positiven Antwort öffnen sich die Notfalldaten sofort und ohne PIN. Der Zugriff des Arztes wird protokolliert. Antwortet der Arzt mit „nein“ – das wäre die Situation beispielsweise beim Standardeinsatz im Notdienst – ist eine PIN-Eingabe durch den Patienten oder eben, siehe oben, eine schriftliche Einwilligung nötig.

Diese Unterscheidung zwischen Notfall und Nicht-Notfall, die international in vielen elektronischen Aktenprojekten so oder ähnlich praktiziert wird, erlaubt es dem Patienten einerseits, notfallmäßige Zugriffe nachzuvollziehen. Andererseits können durch diesen Kniff umfangreichere Daten gespeichert werden, weil mit der Abfrage der Notfallsituation für Nicht-Notfälle gewissermaßen eine „Datenschutzgrenze“ eingezogen wird. Außerhalb von Notfällen ist eine explizite Einwilligung des Patienten mit PIN oder Unterschrift nötig. Im Notfall ist der Zugriff frei, er wird aber protokolliert.

Schon fast eine kleine Akte

Die jetzt umfangreicheren Notfall- und Nicht-Notfall-Daten sollen im Detail wie folgt aussehen: Bis zu zwanzig verschiedene Diagnosen können im Klartext abgespeichert werden. Befunde, die nicht vom anlegenden Arzt eingegeben werden, sind als Fremdbefunde gekennzeichnet. Ebenfalls für bis zu zwanzig Medikamente reicht der Platz, wobei Detailfreunde hier Handelsname, Wirkstoff, Darreichungsform und Dosierungsschema eingeben können. Dieser Teil der Notfalldaten wurde in Zusammenarbeit mit der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft konzipiert. Sämtliche Daten sollen übrigens auf der Karte gespeichert werden.
Und damit nicht genug: Eigene Datenfelder sind unter anderem für Allergien und Unverträglichkeiten und für die Kontaktdaten des behandelnden Arztes sowie einer im Notfall zu benachrichtigenden Person vorgesehen. Auch weitere Informationen wie Schwangerschaften, Implantate oder Kommunikationsstörungen können niedergelegt werden. Ein Feld mit zusätzlichen Informationen auf Wunsch des Patienten enthält unter anderem die Blutgruppe.

Schließlich gibt es auch noch – getrennt von den Notfalldaten – ein Fach, in dem Hinweise auf den Aufbewahrungsort eventuell vorhandener Patientenerklärungen gespeichert werden können, konkret Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht und Organspendeausweis. In Zukunft wäre denkbar, diese Dokumente auch komplett auf der eGK niederzulegen. Dazu ist allerdings eine qualifizierte elektronische Signatur erforderlich, die die eGK zunächst nicht bieten wird.

Wie wird es jetzt weitergehen? Die Detailplanungen für die parallel zum eGK-Rollout vorgesehene Testphase der eGK-Anwendungen stehen noch aus. Dass es erneute Feldtests geben wird, gilt als sicher. Die Bundesärztekammer möchte den Notfalldatensatz im Rahmen dieser Tests auch noch einmal inhaltlich evaluieren. Der wichtigste Erfolgsfaktor freilich wird sein, ob die Praxis-EDV-Unternehmen es schaffen, den Datensatz so in ihre Systeme zu integrieren, dass Doppeleingaben möglichst vermieden werden. Nur dann könnte die Sache ein Erfolg werden.

45 Wertungen (3.89 ø)
Medizin

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

9 Kommentare:

Rettungsassistent

Wie sieht es denn eigentlich in der präklinischen Notfallmedizin aus? Kann ich als Rettungsassistent die Notfalldaten auslesen? Manchmal vergeht erhebliche Zeit, bis der Notarzt am Einsatz ist! In dieser Zeit muss ich eigenverantwortlich über die einzuleitenden Maßnahmen entscheiden. Ein Zugriff ist deshalb ein “Muss”! Wird eigentlich jeder Rettungswagen in Deutschland mit Lesegeräten ausgestattet und wer übernimmt die Kosten?

#9 |
  0
Dietmar Wendling
Dietmar Wendling

>>Der wichtigste Erfolgsfaktor freilich wird sein, ob die Praxis->>EDV-Unternehmen es schaffen, den Datensatz so in ihre Systeme zu >>integrieren, dass Doppeleingaben möglichst vermieden werden. Nur >>dann könnte die Sache ein Erfolg werden.

oh oh – das wird bitter wenn man sich mal anschaut mit was für Hobbysoftware unsere lieben Ärzte hier hantieren….komisch nur, dass sich hier keiner der Ärzte über die z.T. haarsträubende Usability/Security aufregt aber trotzdem bei den richtigen IT Themen der eGK immer in die Sicherheitskerbe haun….

#8 |
  0
Weitere medizinische Berufe

Wenn ich mir vorstelle, dass wir demnächst bei unseren 1500 Patienten im Quartal – 5000-6000 Patienten im Jahr – Notfalldaten und Nicht-Notfalldaten auf deren E-Karten eingeben sollen, wird mir schlecht. Noch dazu Diagnosen und Medikamente! Darf man fragen, an was für eine Vergütung man da gedacht hat, da es ja darum geht, seine gesamte Patientendatei nochmal neu anzulegen und noch dazu manuell?

#7 |
  0
Dr. Hellmut Anger
Dr. Hellmut Anger

Mein Gott!
Das ist ja schon Leichenschändung, was hier von der BÄK betrieben wird!
Kann man die megatote eGK nicht in Frieden ruhen lassen?
Keiner will sie, die Kassen nicht, die Ärzte nicht, nur ein paar IT-Fans und natürlich unsere Bonzenclique, ob die da wohl ein paar Promille der Verdienste der Industrie abgreift?
Anders kann ich mir dies nachgerade pathologische Festhalten an der eGK kaum erklären.
In die Tonne mit der eGK!

#6 |
  0
Dr. Stefan Mauß
Dr. Stefan Mauß

Dennoch gibt es genügend Leute, die an der Karteneinführung offenbar gut verdienen werden. Wenn ich etwa die Angebote für Lesegeräte sehe, in denen auch eine Installationspauschale von ca. 150 Euro integriert ist, und ich von Softwareherstellerseite höre, dass normalerweise nur ein USB-Stecker in den PC eingesteckt werden muss und die Programme das Gerät erkennen, wundere ich mich schon ein wenig…So zügig generieren wir diese Summe nicht in unseren Sprechstunden…

#5 |
  0
Dr med Franz Tenbrock
Dr med Franz Tenbrock

Die oben angesprochene USB Lösung gibt es schon seit 5 Jahren im täglichen Praxiseinsetzt.maxidoc eine Lösung von Ärzte für Ärzte und Patienten. Wenn man als Insider dann liest was die BÄK aus den Bundesärztetagsbeschlüssen zur ecard und den dezentralen akten gemacht hat ( Focus Szenario ) dann wird einem schlecht. Dort soll der dezentrale Datenspeicher an die Telematikinfrastruktur angeschlossen werden, einfahc lachhaft, dann kann ich ja gleich eine online Akte nehmene. Was aufgeklärte Patienten nun wirklich nciht möchten. Wir werden es in dne nächsten Jahren sehen welchen schaden der Patient davon tragen wird.
Internet ja
EDV alles was geht
aber Speicherung von Patientendatne auf unbekannten Servern wo auch immer
absolutes nogo.
Reichen die Datenskandale der letzten Zeit immer noch nicht.
Weder Bankdaten noch Daten von Regierungen sind sicher,
Kranekndatne werden das genau so wenig sein.
Es geht bei dem Projekt nur um Kohle, Profit, Versorgungsforschung und Versorgungssteuerung etc.
Das Wohle des Patienten ist den Gesundheitsökonomen und Politikern vollkommen egal.
Man lese einfach mal Prof. Unschuld…

#4 |
  0

Die Kunde hör’ ich wohl – allein, mir fehlt der Glaube.

#3 |
  0

Nach Hausbesuch zu spät, Tagesschau verpasst, lese ich meine E-mails und frage: Wer tippt die Daten ein ????
Ich habe jedenfalls die Schnauze voll von Beschwichtigungen a la “das sind doch nur 2 Mausklicks” – Mausklicks sind für meine Katze. Und zum Thema Datensicherheit fragen wir doch mal den Herrn Zumwinkel …

#2 |
  0
Otmar Bayer
Otmar Bayer

Haben sich die eGK-Verantwortlichen wirklich endlich von der Zentralserver-Speicherlösung verabschiedet. Das klingt ja fast zu vernünftig um wahr zu sein. Wieviel Geld inzwischen dafür ausgegeben wurde, fragen wir lieber nicht. USB-Sticks oder handelsübliche Kartenspeicher wären wesentlich billiger gekommen, Standardformate für Befunde (z. B. DICOM, pdf, ASCII) und (kostenlose OpenSource und damit transparente) Softwarekomponenten für Verschlüsselung (z. B. GPG) und Signierung gibt es seit langem. Damit könnten die Patienten auch einfach selbst sehen, was auf ihrer Karte gespeichert ist. Oder sollte das lieber Hackern und anderen interessierten Gruppen vorbehalten bleiben.
Vertrauen, Transparenz und Kosteneffizienz gehen anders.

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: