Pflegepraktikum – Nur Betten und Frust schieben?

11. Mai 2011
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Bettpfannen leeren, Patienten waschen, Stationsküche putzen – braucht man diese Fähigkeiten, um Arzt zu werden? Das 3-monatige Pflegepraktikum in der Vorklinik besteht genau aus diesen Aufgaben. Aber was hat man davon?

Das Krankenpflegepraktikum muss vor der Anmeldung zum Physikum in der vorlesungsfreien Zeit oder vor dem Studium, frühestens aber nach Erlangen des Abiturs abgeleistet werden. Es müssen insgesamt 90 Kalendertage Praktikum in einem Krankenhaus auf einer Betten führenden Krankenpflegestation absolviert werden. In dem Praktikum soll der Medizinstudent einen Einblick in den Krankenhausalltag bekommen, Erfahrungen im Patientenkontakt sammeln und die pflegerische Seite des Krankenhauses kennenlernen. Viele Studenten beschweren sich über die Länge des Praktikums, die zu verrichtenden Aufgaben, und zum Teil auch über die schlechte Umgangsweise zwischen Pflegern und Studenten.

Was ist eure Meinung zum Pflegepraktikum?

Einige von euch haben es schon hinter sich, andere noch vor sich: das obligatorische 3monatige Pflegepraktikum in einem Krankenhaus.

Wir möchten gerne wissen, wie Ihr euer Pflegepraktikum erlebt habt, was für Erfahrungen Ihr gemacht habt und ob ihr es eher für sinnvoll oder für lästig haltet. Und was ist mit denen, die das Praktikum noch vor sich haben: was erwartet Ihr davon, wovor habt Ihr vielleicht Angst und wie stellt Ihr euch die Arbeit mit den Pflegern und Ärzten vor?

Wir freuen uns auf eure Erfahrungen, Berichte und Meinungen! zur Diskussion

Wie genau läuft das Pflegepraktikum ab?

Der Student arbeitet mit den Schwestern und Pflegern zusammen, hat die gleichen Arbeitszeiten und teilt sich mit ihnen die Aufgaben, die jeden Tag auf der Station anfallen.
Dazu gehören Betten machen, Patienten waschen, Fieber, Blutdruck und Blutzucker messen, Medikamente austeilen, Nachttische wischen, Mahlzeiten verteilen, Patienten zur Untersuchung bringen und, und, und.

Ein großer Vorteil des Pflegepraktikums besteht darin, einen ersten Einblick in den Krankenhausablauf und die -organisation zu bekommen. Man gewöhnt sich an den Stationsalltag, lernt mit kranken, pflegebedürftigen Menschen umzugehen, sowie mit den Arbeitskollegen. Wenn man sich gut mit den Schwestern und Pflegern stellt, erklären sie einem viel und man lernt etwas über die Pflege, zum Beispiel Verbände anlegen oder Patienten lagern, um einem Dekubitus vorzubeugen.

Gemischte Gefühle bei Studenten

Das Pflegepraktikum wird von den Studenten sehr unterschiedlich wahrgenommen und erlebt. Einige Studenten dürfen viel bei den Ärzten mit über die Schulter schauen und sogar schon Blut abnehmen, andere werden von ihnen komplett ignoriert. Eigentlich geht es aber in diesem Praktikum in erster Linie um die Pflege.

Ein wichtiger Aspekt wird von Sarah*, Medizinstudentin im 4. vorklinischen Semester angesprochen: „Meiner Meinung nach ist es sehr wichtig zu realisieren, wie viel Arbeit die Schwestern und Pfleger haben und schon einmal mit angepackt zu haben, damit man später als Arzt schätzt, was sie für einen tun. Man sollte sich bloß nicht als Gott in Weiß mit Tunnelblick nur für seinen eigenen Aufgabenbereich interessieren“.

Viele Studenten sehen das anders, sie finden das Pflegepraktikum überflüssig, quälen sich durch die drei Monate und würden die Abschaffung des Pflegepraktikums befürworten. Manche haben schlechte Erfahrungen gemacht, sich viel geekelt, fühlten sich ausgenutzt und haben wenig dabei gelernt. Stellen sich diese Studenten bloß an, sind sie arrogant oder unmotiviert? Oder ist das Pflegepraktikum wirklich nur anstrengend und sinnlos für die medizinische Ausbildung?

Viel Arbeit, aber wenig Lernmöglichkeit

„Man wird als Medizinstudent vom Pflegepersonal oft schlecht behandelt. Sie nutzen es aus, dass man noch ganz unten in der Hierarchie steht!“ Viele Studenten, wie Mark*, Medizinstudent aus Essen, haben schlechte Erfahrungen gemacht, was den Umgang durch die Schwestern und Pfleger angeht. Wenn ein Patient schellt, muss immer der Praktikant laufen und nachfragen, was los ist. Wenn der Student bei einer kurzen Entspannungspause erwischt wird, wird er zum Putzen verdonnert. Wenn irgendetwas schief läuft, wird die Schuld auf ihn geschoben. Wenn er etwas noch nie gemacht hat, wird er schräg angeguckt, aber im Gegenzug wird ihm auch nichts erklärt. Und wenn er alles erledigt, was zu tun ist, wird es als selbstverständlich angesehen und nicht einmal ein Dankeschön ausgesprochen. Das ist ungerecht, wenn man bedenkt, dass der Pflegepraktikant, nach kurzer Zeit, seinen Kollegen sehr viel Arbeit abnehmen kann. Etwas Dankbarkeit wäre da angebracht.

Viele Studenten haben das Gefühl, dass sie vor allem die unangenehmen Dinge erledigen sollen und wenn es darum geht, etwas über die Krankheiten und Untersuchungen zu erfahren, nur wenige Schwestern hilfsbereit sind und etwas erklären. „Wir sind unbezahlte Arbeitskräfte, da kann man, finde ich, verlangen, dass man auch etwas lernt. Zum Beispiel hatte ich an einem Tag schon Feierabend und musste aber noch mithelfen, eine bettlägerige Patientin aus einem See aus Diarrhö zu retten. Zum dritten Mal an diesem Tag. Aber am nächsten Tag durfte ich trotz wenig Stress auf der Station nicht einmal bei einer kurzen Untersuchung zugucken“, berichtet Mark von seinen Erfahrungen.

Ersatz für die fehlenden Zivis

Für das Pflegepraktikum wird man in der Regel nicht bezahlt. Man ist also eine noch günstigere Arbeitskraft als die Zivildienstleistende oder die FSJ-ler. Nun kommt die Tatsache hinzu, dass der Zivildienst durch die Abschaffung der Wehrpflicht zukünftig entfällt. Das heißt, dass die Krankenhäuser vielleicht dann noch mehr auf die Pflegepraktikanten angewiesen sind. Es stellt sich dann die Frage, ob die Arbeit mehr gewürdigt oder man noch mehr ausgenutzt wird und noch weniger die Möglichkeit hat, bei Interesse etwas über die pflegerische Seite hinaus zu lernen.

„Was bringt es mir für meinen zukünftigen Beruf, Bettpfannen zu leeren, Hintern abzuputzen und Patienten hin- und herzukutschieren? Ich verstehe es ja, dass man einen Einblick in die Pflege bekommen soll, aber müssen das ganze drei Monate sein?“, fragt sich Christina*, die diesen Sommer Physikum schreibt und die 3 Monate Pflegepraktikum in den Semesterferien vor allem als zusätzliche Belastung erlebt hat. Das Studium, vor allem in der Vorklinik, ist anstrengend und lernintensiv, das kann man nicht bestreiten. Auch die damals fleißigen Abiturienten müssen sich erst an den Druck und die Einbuße der Freizeit gewöhnen. Da ist manch einer nach dem ersten Semester froh, wenn endlich Semesterferien sind. Und dann kommt einem das Pflegepraktikum nicht sehr gelegen. Sinnvoll ist es, vor dem Studium einen Teil des Praktikums zu absolvieren. Drei Monate der Semesterferien, in denen man anstatt Kraft zu schöpfen, hart arbeiten muss, machen innerhalb der anstrengenden Vorklinik sehr viel aus.

Fazit

Abschließend lässt sich sagen, dass das Pflegepraktikum generell zwar sinnvoll ist: Man lernt die Arbeit der Pfleger kennen, macht Erfahrungen mit mehr oder weniger kooperativen Patienten und lernt bei eigener Initiative und Motivation auch Dinge, die einem im Berufsleben später noch etwas bringen könnten. Jedoch würden vielleicht auch sechs Wochen oder weniger reichen, um erste Erfahrungen zu sammeln. Man kann nicht bestreiten, dass es an der eigenen Einstellung und Motivation liegt wie das Praktikum abläuft. Aber andererseits kann man manchmal auch trotz großer Mühe enttäuscht werden, wenn die Stimmung zwischen Pflegern oder zwischen Ärzten und Pflegern schlecht ist. Oft kann man dann nichts dagegen machen und wird als Sündenbock für die unangenehmen Arbeiten eingesetzt. Die Frage, ob das Pflegepraktikum wirklich noch nützlich ist oder hier nur an einer alten Tradition im Medizinstudium festgehalten wird, bleibt weiterhin offen.

*Namen wurden geändert

76 Wertungen (3.49 ø)
Allgemein

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5 Kommentare:

Gesundheits- und Krankenpflegerin

Anscheinend läuft tatsächlich etwas falsch mit manchen Praktikanten. Denn das Fazit sollte nicht sein: “Wenn ich mal Arzt bin, werde ich mich für das sch.. Praktikum rächen!”. Ich denke man kann überall Glück oder Pech mit einer Praktikums (oder später auch: Arbeitsstelle haben). Das Betriebsklima, aber auch die Rollenzuschreibungen spielen eine große Rolle!
Das heißt -> ein Apell an alle Pflegenden (so haben wir es auf meiner damaligen Station immer gehandhabt): Geht wertschätzend mit den angehenden Ärzten um, so werden diese später auch mit Euch wertschätzend umgehen!
Ich denke es ist wichtig, dass Medizinstudenten den Einblick in die Pflege bekommen, um später ein besseres Team zu sein, um sich auch einmal in den anderen hineinversetzen zu können.
Aber liebe Medizinstudenten: Eine Anmerkung zum System -> In Zeiten des Pflegenotstandes, in denen die Pflegestellen, die nach dem Pflegeweiterentwicklungsgesetz von 2008 versprochen wurden, noch nicht einmal alle besetzt worden sind, und in Zeiten in denen der Marburger Bund eine bessere Bezahlung für Ärzte in Krankenhäusern erwirkt hat, und in Zeiten, in denen die Krankenhaus-Budgets bedingt durch den Gesundheitsfond weiter eingeschmolzen werden => Na, wer zieht da wohl den kürzeren? Logisch: Pflegepersonal wird abgebaut und Pat. können gerade in Zeiten wachsender Ansprüche und Fallzahlen nicht mehr zufrieden gestellt werden (oder überhaupt ausreichend versorgt werden). Da kann man als Pflegeperson schonmal frustriert sein. Die Ungleichbehandlung der unterschiedlichen Berufsgruppen durch das System sind nicht mehr zu entschuldigen.
Ich bitte diese Fakten bei all Eurem Frust über leider manchmal schlechte Erfahrungen zu berücksichtigen.

#5 |
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Studentin der Humanmedizin

Hi Leute,

wo wir gerade bei dem Thema Pflegepraktikum sind, darf ich das eigentlich auch machen, wenn ich schwanger bin, weil großartig umlagern und so ist dann ja wohl nicht mehr.

#4 |
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Alexandra Lipensky
Alexandra Lipensky

Ich will dem Pflegepraktikum nicht seinen Sinn absprechen.
Man gewinnt einen Einblick ins Krankenhaus und mit Sicherheit lernt man auch etwas (wenn auch eher wenig).
Ich habe gute Erfahrungen gemacht, aber wirklich erinnern kann man sich dann doch nur an die Schlechten!

Ich finde es unverschämt, dass man 3 Monate Vollzeit arbeitet und dafür keinen Lohn und zum Teil nicht einmal Essen bekommt.
Für mich nutzt man da Medizinstudenten aus, um das Gesundheitssystem zu sanieren!
Es ist ja nicht so, als würde man die ganze Zeit nur auf dem Hintern sitzen und in der Nase bohren!
Wenn ich daran denke, wie viele Bettpfannen ich gelehrt, Patienten gelagert und Hintern abgewischt habe…

Wenn man dann auch von einigen Schwestern und Pflegern als Prügelknabe missbraucht wird fällt es schwer, im Pflegepraktikum einen Sinn zu sehen.
Sehr viele Pflegekräfte waren nett, ein paar haben einem etwas beigebracht, aber manche waren wirklich asozial.

Wenn der Pflegepraktikant einen Zettel mit Aufgaben in die Hand gedrückt bekommt und sich die Schwestern für ne halbe Std zum Rauchen verdrücken, weil sie grad keinen Bock auf die ekligen Arbeiten haben, ist das nicht okay.
Auch wenn erwartet wird, dass man als Einziger beim Frühstück zur Klingel laufen soll, ist das nicht okay, es fühlt sich einfach mies an.
Wenn auf Station nichts zu tun ist, man aber trotzdem nicht zu Untersuchungen darf, weil das ja nicht “Inhalt des Praktikums” ist, dann ist das auch nicht okay – das ist Schikane!

Manche haben es ausgenutzt, dass man nichts zu sagen hat und sich praktisch nicht beschweren kann.
Denn mal ehrlich, wer ergreift partei für die Studenten? Die sind doch eh nach ein paar Wochen weg, deswegen verscherzt man es sich doch nicht mit den Kollegen…

Mittlerweile hat sich meine Einstellung zur Pflege geändert – aber nach meinen 3 Monaten Praktikum dachte ich mir: “Wenn ich Ärztin bin lass ich ich mir von denen garnichts mehr sagen!”
Wenn das beim PP raus kommt, dann läuft doch was falsch, oder?

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Gesundheits- und Krankenpfleger

Ein Kommentar aus pflegerischer Sicht.

Ich möchte die Situation der studentischen Pflegepraktikanten mit der von Krpfl. Azubis vergleichen, daher nachfolgend allgemein die Bezeichnung als Lernender, wobei mir sehr wohl bewusst ist, daß man insbesondere in pflegerisch-/medizinischen berufen niemals auslernt.

Kommt man als Lernender also auf eine neue Station, so ist es leider relative Glücksache welcher Pflegekraft man zugeteilt wird, ob diese motiviert ist Wissen sach- und fachgerecht weiterzugeben und ob sie im besten Fall eine Ausbildung als Mentor/Praxisanleiter durchlaufen hat. Desweiteren ist es von Vorteil, wenn auch die Pflegekraft bereit ist vom Lernenden zu lernen und eigenes Wissen ständig zu reflektieren.

Als Lernender darf und soll man Ansprüche stellen, insbesondere dahingehend nicht fortlaufend als Reinigungskraft und Bettenschieber missbraucht zu werden. Aber auch diese Tätigkeiten gehören ggf. zum Berufsbild. Hilfreich ist es, wenn insbesondere studentische Lernende nicht mit Fachwissen, bzw, Fachwokabular “protzen”. Natürlich will man zeigen was man bereits gelernt hat, aber auch dies kann mit Fingerspitzengefühl geschehn.

Wenn beide Seiten die Vorteile der studentischen Pflegepraktikums im Blick haben werden die 90 Tage zu einer Bereicherung für beide Seiten werden.

Ich selbst habe (bin nicht mehr direkt in der Pflege tätig) immer gerne Schüler, ZDL, FSJ und auch studentische Praktikanten angeleitet. Einerseits bietet diese Tätigkeit, wie bereits erwähnt die große Chance das eigene Wissen und Handeln ständig zu reflektieren, andererseits bietet sich hier die einmalige Chance angehende Arzte als Partner der Pflege zu gewinnen. Ist es nicht für beide Seiten von erheblichem Vorteil wenn man die beiderseitigen Tätigkeitsfelder und Kompetenzen kennt, wenn Ärzte Blutdruck, Temperatur und Co messen, EKG selbst ableiten können oder in Ruhe lernen können wie man Verbände anlegt, Blut abnimmt oder Venenzugänge legt. Es ist ebenso kein Nachteil, wenn der Arzt später z.B. beim Blut abnehmen das Bett “verunreinigt” und diesen Patzer, dann als “Dienstleistung” für die Pflege selbst beseitigt.

Aus meiner Sicht ist diese Praktikum die beste Chance später als Team, zum Wohle des Pat. zusammen zu arbeiten.

#2 |
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Florian Fauth
Florian Fauth

Also, mein Krankenpflegepraktikum ist nun schon einige Jahre her, aber ich habe durchaus positive Erfahrungen gemacht. Ausserdem durfte ich regelmäßig bei ärztlichen Eingriffen oder OPs bei Patienten von meiner Station dabei sein.
Ich denke es schadet keinem “Arzt” einmal die
Seite der Pflege kennengelernt zu haben. Vielleicht erkennt man dann auch, das “wir” auch durchaus was falsch machen wenn der Tag lang ist. Und es schult etwas die Aufmerksamkeit und den Umgang gegenüber dem Patienten. Das kommt ja im Studium etwas kürzer…

#1 |
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