Influenza und Legionellen: Tödlicher Pakt

11. Juni 2013
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Infektionen mit Legionellen und dem Influenza-Virus führen nicht selten zum Tod. Da man die Gründe dafür bisher nicht vollkommen versteht, ist eine Behandlung schwierig. Forscher machten eine Entdeckung, die die Therapie von grippebedingten bakteriellen Infektionen verändern könnte.

Für 250.000 bis 500.000 Menschen jährlich endet die Infektion mit dem Influenza-Virus – die Grippe – tödlich. Daran ist jedoch selten das Virus alleine schuld, sondern häufig die damit einhergehenden bakteriellen Infekte. Das Influenza-Virus befällt hauptsächlich die oberen Atemwege wie Nase, Rachen und Bronchien. Die Lunge ist nur selten davon betroffen. Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigen, dass rund fünf bis 15 Prozent der Grippepatienten auch an Erkrankungen der oberen Atemwege leiden.

Das Influenzavirus erhöht die Anfälligkeit für bakterielle Infekte

Das Bakterium Legionella pneumophila kommt weltweit in Erde und Gewässern vor. Es ist Auslöser der Legionärskrankheit (Legionellose). Unter normalen Umständen verhindert das menschliche Immunsystem, dass sich die Bakterienart Legionella pneumophila im Körper vermehrt und ausbreitet. Bei einer Erkrankung mit dem Influenzavirus ist der Mensch für bakterielle Infekte besonders anfällig. Dann kann Legionella jedoch eine Lungenentzündung hervorrufen. Bei Nichtbehandlung kann die Lunge permanent geschädigt werden, und die Erkrankung kann sogar zum Tode führen. Amanda Jamieson, Hauptautorin einer aktuellen Science-Studie und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Department für Mikrobiologie, Immunbiologie und Genetik der Max F. Perutz Laboratories der Universität Wien, untersuchte den Zusammenhang zwischen Influenza Viren und Legionella pneumophila an Mäusen. “Wenn wir unser Modellsystem gleichzeitig mit dem Influenzavirus und Legionella infizierten, führte dies zum Tode. Wir alle hatten erwartet, dass dies daran liegt, dass sich die Bakterien wie verrückt vermehren und ausbreiten. Dies war aber nicht der Fall, die Bakterienzahl blieb gleich, das war eine wirkliche Überraschung”, so Amanda Jamieson. Warum das so ist, kann die Wissenschaftlerin bisher nicht erklären. „Das Influenza-Virus scheint die menschliche Immunabwehr gegen Legionella pneumophila nicht zu unterdrücken“, so Jamieson. Das sei hingegen bei anderen Bakterienarten wie Streptococcus pneumoniae, Haemophilus influenzae, Streptococcus pyogenes und Staphylococcus aureus durchaus der Fall.

Wie kommt es dann zur tödlichen Kombination von Legionella pneumophila und Influenza?

Genexpressionsstudien verdeutlichten, dass die Lymphozyten gesteuerte Immunabwehr keine Rolle bei der tödlich verlaufenden Coinfektion spielt. Dazu schalteten die Wissenschaftler nach und nach alle Hauptstoffwechselwege der Immunabwehr und von Entzündungsvorgängen aus, die entweder durch die Viren oder die Bakterien angekurbelt werden. Der tödliche Ausgang der beiden Infektionen schien keinem dieser Vorgänge geschuldet zu sein. Unterstützung der Wundheilung fördert Behandlung bakterieller Infekte während einer Grippe. 

Stattdessen konnten Amanda Jamieson und ihr Forscherteam nachweisen, dass die Schädigungen am Lungengewebe bei einer gleichzeitigen Infektion mit dem Grippevirus und Legionella nicht richtig repariert werden. In der bronchoalveolären Lavage von coinfizierten Mäusen fanden die Wissenschaftler große Mengen roter Blutzellen und Albumin. Dies führten sie auf eine Schädigung der Lungenepithel-Kapillaren zurück. Auch histologische Untersuchungen bestätigten diese Vermutung. „Eine starke Schädigung des respiratorischen Epithels und der daraus resultierende Kollaps der Lungenbläschen führen letztendlich zum tödlichen Ausgang der Coinfektion“, fasst Jamieson zusammen. Schuld daran sei das Influenzavirus, das die Reparaturmechanismen des Körpers unterdrückt. Im Falle einer zusätzlichen Legionella-Infektion kann dies zu einer tödlich verlaufenden Lungenentzündung führen.

Epithel-Wachstumsfaktor verhindert tödlichen Ausgang

Verabreichten die Forscher jedoch eine Substanz namens Amphiregulin (AREG) zur Stärkung körpereigener Reparaturmechanismen, waren tödlich verlaufende Infektionen viel seltener. AREG gehört zu Familie der Epithel-Wachstumsfaktoren und war erst im Jahr 2011 als wichtiger Bestandteil bei der Geweberegenration in der Lunge während einer Influenzainfektion entdeckt worden.

„Wir machen Grundlagenforschung“, erklärt Jamieson, wie weit ihre Erkenntnisse noch von einer Anwendung im Menschen entfernt sind. Sie bieten jedoch eine solide Grundlage für neue Therapieansätze zur Behandlung bakterieller Infekte während einer Grippeerkrankung. Amanda Jamieson, die im Sommer eine Professur an der Brown Universität, USA, aufnehmen wird, sagt: “Meine Forschung wird sich auch in Zukunft darauf konzentrieren, die Reparatur von Körpergeweben in Modellsystemen zu studieren und neue Behandlungsmöglichkeiten für bakteriellen Infektionen, bei denen gleichzeitig Grippeviren auftreten, zu entwickeln.“

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Forschung, Medizin

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6 Kommentare:

Dipl.-Ing. Wilfried Soddemann
Dipl.-Ing. Wilfried Soddemann

Legionärskrankheit: In Deutschland jedes Jahr 4.500 Tote und 32.000 Kranke durch Legionellen im Trinkwasser: Wasserwerke müssen nachgerüstet werden!

Zitat Umweltbundesamt: „Jedes Jahr erkranken mindestens 20.000 – 32.000 Personen in Deutschland an ambulant erworbenen Lungenentzündungen, die durch Legionellen hervorgerufen werden; bis 15 % der Fälle enden sogar tödlich. Hinzu kommt die 10- bis 100-fache Anzahl an Erkrankungen am Pontiac-Fieber, das einen milderen Verlauf hat und auch durch Legionellen verursacht wird. Ab 1. November 2011 schreibt die Trinkwasserverordnung daher strengere Regeln vor: Erstmals müssen auch gewerbliche Betreiber und Vermieter ihre Anlagen auf Legionellen untersuchen lassen.“

Die Bundesregierung muss sich darum kümmern, dass die Krankheitserreger Legionellen schon im Wasserwerk gefiltert werden. Dann gibt es das Warmwasserproblem nicht mehr. Genau das tut aber der Bund nicht, weil er den Wasserversorgungsunternehmen nicht auf die Füße treten will. Der Bund akzeptiert Straftatbestände, wenn er Krankheitserreger wie die lebensgefährlichen Legionellen im Trinkwasser duldet.

Die Lösung liegt in der Ultrafiltration des Trinkwassers schon im Wasserwerk für rund fünf Euro je Person und Jahr und in der anschließenden Desinfektion des Trinkwassers in den öffentlichen und privaten Leitungsnetzen mit unschädlichem Chlordioxid. Zuvor sind die Wassernetze mit Spülverfahren von Biofilmen zu befreien und ggf. umzubauen.

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Prof. Dr. med. Eckhard Klieser
Prof. Dr. med. Eckhard Klieser

da würden dann immunglobuline auch nix nutzen?

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Tierarzt

Kleiner oder größer 14 Jahre – sollte es heißen.

#4 |
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Tierarzt

Ich denke, daß Tier und Mensch nicht so weit voneinander entfernt sind, zumindest was eine Erkrankung, verursacht durch den gleichen Erreger, betrifft. Somit hat der oft belächelte Vater mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlich recht.
Also haben die ach so verteufelten Antibiotika auch ihre Berechtigung, nur sollte man Otto-Normalverbraucher besser über die korrekte Einnahme informieren und nach Gewicht dosieren und nicht nur nach 14 Jahre!

#3 |
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Das hat mein Vater als Praktiker schon vor 50 Jahren erkannt.Was sagte er so schön: Die jungen Theoretiker sagen Dir zwar, dass eine Virusgrippe kein
Antibiotikum braucht, aber die sterben Dir nicht an der Grippe sondern der
Pneumonie als bakterielle Superinfektion.
Dafür ist er sicher oft belächelt worden.

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Dr. Gero Beckmann
Dr. Gero Beckmann

Der Artikel bestätigt das, was man von der sog. infektiösen Fakternkrankheiten oder Co-Infektionen schon lange weiß. – Was mich stört, ist die Fehlleitung des Lesers von der Headline bis zum Schluss: es geht um ein tierexperimentelles Modell, direkte Rückschlüsse auf die zu wenig beachteten atypischen Legionella-Pneumonien des Menschen sind zum jetzigen Zeitpunkt zu gewagt.

#1 |
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