Pille danach: Rezeptpflicht unter Beschuss

6. Juni 2013
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Zumindest in dieser Legislaturperiode bleibt es dabei: Wer die „Pille danach“ benötigt, braucht auch künftig eine ärztliche Verordnung. Diese gesundheitspolitische Position stößt bei Patientinnen auf Widerstand und Unverständnis – im Netz braut sich ein Shitstorm zusammen.

Ein heißes Eisen: Im April lud der Bundestag zahlreiche Experten ein, um ihre Position zur Rezeptpflicht Levonorgestrel-haltiger Präparaten zu erläutern. Das Thema ist nicht ohne Brisanz, nachdem katholischen Krankenhäuser mit ihrer Verweigerungshaltung selbst nach einer Vergewaltigung für Schlagzeilen sorgten. Mittlerweile hat zwar ein Umdenken stattgefunden. Dennoch isoliert sich Deutschland mit seiner restriktiven Haltung weltweit immer stärker. Jetzt greifen Patientinnen zu eigenen Mitteln und Wegen.

Erfolgreiche Notfallkontrazeption

Aus wissenschaftlicher Sicht gelten Intrauterinpessare als sicherste Form der Notfallkontrazeption. Das hat eine Metaanalyse mit 42 Studien ergeben. Laut Kelly Cleland von der US-amerikanischen Princeton University verhindern Pessare, dass sich befruchtete Eizellen in die Uterusschleimhaut einnisten. Das Wirkprinzip gibt Patientinnen einen größeren Spielraum von fünf bis sechs Tagen nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr. Bei Levonorgestrel gelten drei und bei Ulipristal fünf Tage als Grenze. Wichtiger sei laut Cleland aber die Erfolgsquote: Griffen Gynäkologen zur Spirale, kam es bei 7.000 Patientinnen zu zehn Schwangerschaften (0,09 Prozent nach Korrektur methodischer Fehler). Dann erst folgen die „morning after pill“ Ulipristal mit ein bis zwei Prozent und „Plan B“ 
(Levonorgestrel) mit zwei bis drei Prozent Schwangerschaften – stark abhängig vom Einnahmezeitpunkt. Beide Arzneistoffe hemmen die Follikelreifung und verzögern damit die Ovulation, bis im Idealfall keine lebensfähigen Spermien mehr vorhanden sind. Allerdings sinkt mit steigendem BMI die Wirksamkeit entsprechender Präparate.

Spirale: gut, teuer, aufwändig

Trotz dieser Datenlage bleibt die Spirale als Notfallkontrazeption in vielen Ländern eher eine Ausnahme. Professor James Trussell von der Princeton University sieht die leichte Verfügbarkeit und Anwendung von Levonorgestrel als Grund, während Patientinnen auf die Schnelle keine Termine bekämen, um sich die Spirale einsetzen zu lassen. Auch der pharmazeutische Bereich ist in Bewegung geraten. In Großbritannien ergab eine retrospektive Auswertung von knapp 3.000 Patientendaten, dass Empfehlungen der Faculty of Sexual & Reproductive Healthcare (FSRH) tatsächlich Einfluss auf ärztliche Verordnungen haben. Von Frauen, denen alle drei Methoden zur Notfallkontrazeption angeboten wurden, entschieden sich im Vergleichszeitraum mehr für Ulipristal (18,7 Prozent versus 3,0 Prozent), während Levonorgestrel an Bedeutung verlor (76,0 Prozent versus 93,0 Prozent). Aus den USA berichten Forscher der Centers for Disease Control and Prevention (CDC), dass immer mehr Patientinnen zur „Pille danach“ greifen. Waren es 2002 noch 4,2 Prozent, stieg die Zahl auf 11,0 Prozent (2006 bis 2010) an. Die Daten an sich haben nur eine bedingte Aussagekraft, da beispielsweise nicht auf Trends bei Abtreibungen eingegangen wird.

WHO: Empfehlung für Levonorgestrel

Aus Sicht der Weltgesundheitsorganisation WHO ist die Entscheidung damit klar: In einem Datenblatt rät sie zu Levonorgestrel als Notfallkontrazeptivum der Wahl. Der Arzneistoff werde „gut vertragen“, und es gebe „Erfahrungen von über 30 Jahren“. Ausdrücklich befürwortet die WHO, Präparate als OTCs über Apotheken abzugeben. Nach pharmazeutischer Beratung würde die „Pille danach“ von Frauen, aber auch von Mädchen, korrekt angewendet. Hinweise auf ein riskanteres Sexualverhalten fanden die Forscher nicht. Experten hier zu Lande beurteilen die Sachlage weitaus differenzierter.

Medizinische Aufklärung nur durch Gynäkologen…

Im Bundestag wies Professor Dr. Thomas Rabe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin, auf medizinische Risiken von Levonorgestrel hin, etwa venöse Thrombosen und Thromboembolien. Außerdem betonte er, das Präparat könne bei Patientinnen mit mehr als 70 Kilogramm Körpergewicht wirkungslos bleiben. Auch stehe mit Ulipristal ein wirksameres Mittel zur Verfügung, das bis zum Moment, in dem der Eisprung ausgelöst werde, eingenommen werden könne – mit europaweiter Zulassung. Die Arzneimittelverschreibungsverordnung kann aber nur für national zugelassene Medikamente, sprich Levonorgestrel, geändert werden. Rabe kritisierte, Apotheker im Notfalldienst „können die nötige Aufklärung nicht leisten“. Und Dr. Christian Albring, Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte, ergänzte, je nach Phase des Menstruationszyklus sei die „Pille danach“ gegebenenfalls nicht erforderlich. Die entsprechende Beratung „könnten jedoch nur Frauenärzte erbringen“.

… oder durch Apotheker an der Klappe?

Diese Meinung fand bei der heilberuflichen Konkurrenz naturgemäß wenig Zustimmung. Als Argument für eine Freigabe verwies Dr. Gudrun Ahlers vom Deutschen Pharmazeutinnen Verband Erfahrungen auf 28 europäische Ländern, in denen man keine negative Erfahrungen gemacht habe – weder in medizinischer, noch in ethischer oder moralischer Hinsicht. Das US-amerikanische Gesundheitssystem bindet Apotheker sogar aktiv in die Familienplanung mit ein. Außerdem, so Ahlers, könnten diese sehr wohl beraten, „auch wenn es an der Klappe ist“. Dr. Ulrich Hagemann vom Verein demokratischer Pharmazeutinnen und Pharmazeuten unterstützte Ahlers mit dem Hinweis, entsprechende Wünsche kämen „von der Basis und aus den Beratungsstellen“. Und Professor Dr. Daphne Hahn von pro familia kritisierte, Frauen würden in Notfallambulanzen teilweise „entwürdigend behandelt“, sollten sie die „Pille danach“ benötigen.

Zwischen Patientenschutz und „berufsständischer Argumentation“

Mitte Mai kam es dann zur entscheidenden Abstimmung. Union und Liberale plädierten weiterhin für die Verschreibungspflicht. Anträge der Opposition sind damit gescheitert. Vertreter der CDU/CSU argumentierten, in Deutschland könne nur Levonorgestrel aus der Verschreibungspflicht entlassen werden. Dagegen sprächen „stärkere Nebenwirkungen und eine schwächere Wirksamkeit“. Grundsätzlich halten Christdemokraten eine ärztliche Beratung für erforderlich. Laut FDP sei es „nur schwer vorstellbar, dass diese im Apothekenverkaufsraum stattfinden kann“. Dem gegenüber verweist die Linke auf bekannte Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation und spricht von „berufsständischer Argumentation“. Unterstützung für die „Pille danach“ ohne Rezept kam von SPD-Abgeordneten. Und bei den Grünen machte sich Erstaunen breit, dass die Koalition Apothekern nicht zutraue, adäquat zu beraten.

Ein Shitstorm braut sich zusammen

Patientinnen wollen sich weder mit der aktuellen Entscheidung abfinden noch auf die nächste Bundesregierung warten. Vielmehr machen sie über Social Media mobil. Die Gruppe „Freie Pille danach“ tauscht sich über Facebook und Twitter (@pilledanach_) aus. Jens Spahns (CDU) Zitat,  solche Medikamente seien „nun mal keine Smarties“, beschert einen wahren Shitstorm – unter dem Hashtag #wiesmarties gehen ständig neue Kommentare zum Thema ein. Auch veröffentlichen Patientinnen bei Crowdmap regionale Erfahrungen zu Praxen. In grenznahen Bereichen nutzen Frauen Apotheken der Nachbarländer, um Notfallkontrazeptiva ohne Verschreibung zu erwerben. Mit Forderungen wie „Geht zum Arzt, holt euch die Pille danach, meldet euch und wir vermitteln sie an Frauen, die sie brauchen“ machen Betroffene zusätzlich Druck.

Gutes Geschäftsmodell

Andere haben die Gunst der Stunde unter wirtschaftlichen Aspekten längst erkannt: DrEd, die umstrittene Online-Arztpraxis mit Sitz in London, wirbt: „Beantworten Sie unseren ärztlichen Fragebogen. Spricht aus medizinischer Sicht nichts dagegen, stellen unsere Ärzte Ihnen ein Rezept für die „Pille danach“ aus. Eine deutsche Apotheke schickt Ihnen die „Pille danach“ per Express, so dass sie am nächsten Morgen zwischen 8 und 12 Uhr bei Ihnen eintrifft.“ Doch gerade am Wochenende ist dies keine Alternative: „Falls der ungeschützte Geschlechtsverkehr in das Zeitfenster Freitag 18 Uhr bis Samstag 18 Uhr fällt, wenden Sie sich bitte an Ihren örtlichen, hausärztlichen Notdienst oder Ihr Klinikum“, heißt es lapidar.

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Gynäkologie, Medizin

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6 Kommentare:

Anna-Katharina Schendel
Anna-Katharina Schendel

@Dr. med. Jan Schiefer “Wo ist das Problem in der Situation einen Arzt auszusuchen?”

Es ist doch nicht zu übersehen, dass es bei der Verordnung Probleme gibt. Mancher ärztliche Notdienst legt eine Altersgrenze fest, unter der ausschließlich die Frauenkliniken als zuständig gelten. Wer auf dem Land wohnt, sehr jung ist, kein Fahrzeug zur Verfügung hat oder wegen schlechter Sprachkenntnisse gerade mal schafft einen Zettel zu schreiben mit “Pille danach” hat es in Deutschland schwer an Notfallverhütung zu kommen. Oder auch Frauen die stundenlang in Krankenhäusern warten, nur um dann zu erfahren, dass die Pille danach prinzipiell nicht verordnet wird und sie sich an den Bereitschaftsdienst oder ein anderes Krankenhaus wenden müssen. Das sind alles Probleme die mir schon begegnet sind, ob beruflich, oder im weiteren Bekanntenkreis. Von der schlechten Zugänglichkeit der Spirale danach ganz zu schweigen. Was würde den dagegen sprechen einen Beratungsleitfaden für die Apotheken zu erarbeiten? Das funktioniert in anderen Ländern auch. Selbstverständlich gehört zur Beratung in der Apotheke auch der Verweis an den Arzt, wenn dies notwendig sein sollte. Testkäufe wären auch ein geeignetes Mittel um die Beratungsqualität zu überprüfen. Weder die WHO noch profamilia haben ihre Empfehlung zur Entlassung aus der Verschreibungspflicht unüberlegt ausgesprochen.

#6 |
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Rolf Peters
Rolf Peters

Was soll dieser Hinweis auf den shitstorm ?
Sollen Sachentscheidungen in Zukunft nach
Schwarmintelligenz bzw. Schwarmdummheit gefällt werden.
Wenn es danach ginge, wäre die Verschreibungspflicht wohl gänzlich
überflüssig.

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Thomas Suchomel
Thomas Suchomel

Ist es nicht möglich wenigstens hier bei Doccheck auf die abwertende Bezeichnung „shitstorm“ zu verzichten? Solche Ausdrücke erwarte ich eher im „Pubertierenden-Milieu“. Nicht jede mehr oder weniger hirnlose angelsächsische Phrase muss ja unbedingt nachgekaut werden! Im vorliegenden Fall wäre zum Beispiel „Proteststurm“ durchaus als seriöser Wortersatz zu gebrauchen. (Echte „shitstorms“ wüten in Berlin ohnehin genug…)

#4 |
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War nicht der Hauptgrund für die Verschreibungspflicht von Arznrimitteln, dass “deren Anwendung auch bei bestimmungsgemäßem Gebrauch ein Risiko bergen kann”?
Also sollte auch danach entschieden werden.
Dass die Erstattungsfähigkeit/pflicht von der Verschreibungspflicht abhängig ist, ist IMHO ohnehin ein absoluter Schwachsinn, egal bei welchen Arzneimitteln.

Wenn die ärztliche Verschreibung allerdings politisch gewollt ist, sollten auch die verantwortlichen Politiker die entsprechenden Kosten der ärztlichen Konsultation übernehmen…

#3 |
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Dipl. Med. Angelika Speda-Hübsch
Dipl. Med. Angelika Speda-Hübsch

Die Krankenkassen wird es freuen- entfällt doch mit der Freigabe der”Pille danach ” die Erstattungspflicht bei jugendlichen Patienten unter 18 Jahren. Gerade diese sollten aber Medikamente , welche in den Hormonstoffwechsel eingreifen,nicht ohne ärztliche Beratung einnehmen.

#2 |
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Wo ist das Problem in der Situation einen Arzt auszusuchen?
Eine Schwangerschaft ist ja nicht wie eine Kopfschmerzattacke, wo eine Schmerztablette eingenommen wird.

Allerdings müssten hier auch die Hausärzte besser geschult werden, damit eine sichere Verschreibung auch in dünner besiedeltem Gebieten ohne “sofort greifbaren” Gynäkologen möglich ist.

#1 |
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