Gute Hirnnahrung

11. Mai 2011
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Lehrbücher gibt’s viele, aber nicht alle sind das Gelbe vom Ei. In den Lesetipps findet Ihr deswegen hilfreiche Rezensionen zu aktuellen Publikationen. Heute stellen wir Euch den „Taschenatlas Ernährung“ von Thieme vor.

Nimmt man sich die Zeit und liest das Vorwort der Autoren, wird die Intention klar, mit welcher der “Taschenatlas Ernährung” von Thieme verfasst wurde. Das Werk ist gerichtet an Ärzte, Apotheker und Ökotrophologen mit der Zielrichtung, diesen Berufsgruppen die Notwendigkeit und auch das Potential einer diätetisch optimierten Lebensweise zu vermitteln. Das Buch erhebt den Anspruch ein Nachschlagewerk der theoretischen Hintergründe zu sein, gleichzeitig aber einen Leitfaden zu präsentieren, aus dem Praktizierende die Förderung von besserem Ernährungsverhalten ableiten können. Auf letzteres wird im Geleitwort mehr Wert gelegt.

Fokus des Buches liegt auf Nährstofflehre

Werfen wir einen Blick auf die Gliederung des Buches: Neben dem Anhang wird die Ernährungslehre hier in 3 Kapiteln abgehandelt. Knapp 12% entfallen auf das Kapitel der Grundlagen, ca. 56% auf die Nährstofflehre und 25% auf praktische Aspekte der Ernährungsmedizin. Der Rest des Buches besteht aus Einleitung, Inhaltsverzeichnis, Anhang etc. Das Kapitel der Grundlagen vermittelt einen wesentlichen Überblick über die Physiologie der Nahrungs- und Wasserhomöostase und integriert dabei histologische, molekularbiologische und biochemische Aspekte. Das weitaus umfangreichste Kapitel der “Nährstoffe” widmet sich dem Namen nach den Bausteinen aus denen unsere Nahrungsmittel beschaffen sind. Neben den klassischen Nährstoffen, wie Lipiden, Proteinen und Kohlenhydraten entfällt der Löwenanteil hier auf die Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente. Recht detailliert werden sowohl Aufnahme und Resorption, Stoffwechsel und dessen Regulation, sowie Bedarf und Mangelerscheinungen besprochen. Interessant ist der Teilbereich der nichtnutritiven Nährstoffe, bei denen auch Gewürze, Zusatzstoffe und Pflanzenstoffe abgehandelt werden, aber natürlich nicht im vorher gewohnten Detail. Das letzte Kapitel widmet sich neben rechtlichen Aspekten zur Lebensmittelsicherheit und Qualitätsprüfungen dem eigentlichen Anliegen der Autoren. Nämlich den praktischen Leitlinien zur diätetischen Beratung und Anleitung in besonderen physiologischen (Säuglinge, Schwangerschaft), als auch pathologischen (Diabetes mellitus, Adipositas, Gicht, Tumorpatienten) Lebenssituationen.

Nun, allein an den prozentualen Anteilen der einzelnen Kapitel ist ersichtlich, dass der Schwerpunkt des Buches etwas von dem Geleitwort abgerückt ist. Viel Wert wird auf die physiologische Chemie bei den einzelnen Nährstoffen gelegt, und auch wenn regelmäßig klinische Hinweise gegeben werden, besteht der Großteil des Buches vorwiegend aus einer Rekapitulation biochemischer, histologischer und physiologischer Grundlagen. Dieses Wissen scheint zwar keinen Anspruch auf Vollkommenheit zu haben, enthält aber definitiv die notwendigen Fakten für einen fundierten Überblick. Der Schreibstil ist recht angenehm und leicht zu lesen, sofern man mit der Materie im Grunde vertraut ist. Für Laien und Neueinsteiger, die den Taschenatlas als primäres Lehrbuch benutzen wollen ist das Buch zu sehr mit Fachvokabular gespickt, was den Lesefluss durch ständiges Nachschlagen sicher beeinträchtigt. Der Atlas ist nun mal ein Kompendium zum Wiederholen, wobei der Titel “Atlas” im Übrigen zu Recht vergeben wurde. Die zahlreichen Abbildungen auf jeder zweiten Seite sind bestechend scharf, übersichtlich und schnell zu begreifen. Sie ergänzen und unterstützen den Text auf der Doppelseite. Das Kapitel der Ernährungsmedizin fällt meines Erachtens nach ein wenig zu kurz aus. Die Adipositas auf drei Doppelseiten abzuhandeln, wird einem Krankheitsbild, welches eine schlechtere Remissionsrate als der Heroinentzug hat, nicht gerecht. Oft wird im Kapitel auf Leitlinien verwiesen oder die Ernährungsvorschläge bleiben zu abstrakt (“mehr w3 Fettsäuren, mehr Magnesium“). Hier muss man zwangsläufig in vorherige Kapitel zurückblättern, wenn man konkrete Nahrungsmittel oder diätetische Anleitungen sucht. Leider zum Teil auch vergeblich.

Für wen der Taschenatlas geeignet ist

Zusammengefasst ist Thiemes “Taschenatlas Ernährung” ein gutes und übersichtliches Kompendium, mit dem sich verlorenes Wissen schnell und effizient wieder aneignen lässt. Die Kombination aus Text und Abbildung bewährt sich bei Aneignung neuer Fakten, sowie bei der Rekapitulation. Im Bereich der praktischen Ernährungsmedizin lassen sich zu vielen Krankheitsbildern diätetische Tipps ablesen, leider kommt dieses Kapitel aber etwas reduziert daher. Bleibt die Frage zu klären, welcher Zielgruppe man eine Kaufempfehlung aussprechen darf. Die ersten beiden Kapitel, und damit immerhin knapp 70% des Inhaltes werden in ausführlicher Weise in der vorklinischen Physiologie und Biochemie besprochen. Da das letzte Kapitel nur bedingt Prüfungsrelevanz besitzt, behaupte ich, dass Medizinstudenten mit Ihren Standardwerken ausreichend oder besser bedient sind. Ärzte, die sich auf Ernährungsmedizin spezialisieren möchten, werden eine differenzierte Darstellung der krankheitsspezifischen Diäten vermissen. Bleiben also noch die Ökotrophologen und Apotheker, für die ich nicht wirklich sprechen kann. Es handelt sich also zusammengefasst betrachtet um ein gutes, mit aktuellem fundiertem Wissen gespicktes Buch. Nur fehlt dem Taschenatlas leider die passende Zielgruppe, oder aber das besondere Argument, weshalb man sich für dieses Buch (besonders als Medizinstudent) entscheiden sollte.

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