Resilienz: Suche nach der Rambo-DNA

19. Mai 2016
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Was macht einen Menschen aus, der trotz ständiger Stressbelastung nicht untergeht? Resilienz gilt als Charaktermerkmal, das sich im Laufe des Lebens immer wieder verändern kann. Stressforscher lassen dabei ein immer klareres Bild dessen entstehen, was im Gehirn passiert.

Nur die Härtesten überleben. Wer Schicksalsschläge und Krisen ohne größere Schäden übersteht, der wird sich auf Dauer durchsetzen. Nicht nur in der Evolution, sondern wahrscheinlich auch in seiner eigenen Karriere und auch in seiner Resistenz gegen Depression und Burnout. Ist diese Härte, das „wegstecken können“ angeboren oder erworben – kann es erlernt werden? Die Hintergründe dessen, was Fachleute mit dem Begriff Resilienz umschreiben, liegen noch weitgehend im Dunkeln.

Keine angeborene Tugend

Noch vor einigen Jahren galt: Wer nach einem schweren Trauma ohne psychische Beeinträchtigungen wie etwa einer Depression oder posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) schnell wieder auf die Füße kam, der galt von Haus aus als resilient. Inzwischen hat sich der Blickwinkel etwas geändert. Heute gilt Resilienz nicht mehr sosehr als angeborene Tugend oder als Talent, Krisen leichter zu überstehen. Der erfolgreiche Umgang mit traumatischen Lebensereignissen lässt sich trainieren und gilt als dynamisches Geschehen, als Fähigkeit, die auch wieder verloren gehen kann. Studien an scheinbar psychisch widerstandsfähigen Menschen und an Versuchstieren lassen dabei ein immer deutlicheres Bild dessen entstehen, was im Gehirn – und auch in der Peripherie des Körpers passiert.

Stress bedeutet nicht immer Gift für Körper und Seele. Ähnlich wie Sport regt akuter Stress das zentrale Nervensystem an, sich mit einer Bedrohung auseinanderzusetzen und sich dafür einen entsprechenden Weg zu suchen. Wird die Bedrohung jedoch zu einer stetigen Gefahr, verändert das „ständig auf dem Sprung sein“ die Regulationsmechanismen im Gehirn. Die konstante Anspannung sorgt dann nicht nur dort für psychische Probleme, sondern steigert das Risiko für Störungen bei Herz und Kreislauf. Chronischer Stress führt auf Dauer zu Depression und Burnout.

Hoch- und niedrig-affine Rezeptoren

Inzwischen scheint klar, dass chronischer Stress die Kortisol- bzw. Glukokortikoid-Rezeptoren bei Versuchstieren im Hippocampus vermindert, ebenso wie die Produktion des Nervenwachstumsfaktors BDNF, der beim Merken und Erinnern eine besondere Rolle spielt. Die Ausschüttung von BDNF dagegen fördert die Verarbeitung von Stress ohne Depression.
Zwischen dem Hippocampus und dem ventralen tegmentalen Areal (VTA) besteht ein enger Regulationskreislauf. Dort hat BDNF genau den umgekehrten Effekt und ist mit einer Depression assoziiert.

Sowohl Hippocampus als auch Amygdala besitzen eine große Anzahl an hochaffinen Kortisol-Rezeptoren, die bei akutem Stress rasch reagieren. Eine vielfach geringere Affinität haben entsprechende Rezeptoren im Frontallappen, unserem Werkzeug für Planung und kontrollierte Reaktionen. Sie treten erst in Aktion, nachdem die erste große Stressreaktionswelle mittels Kortisol im Hippocampus und Amygdala bereits abgeklungen ist. Mit diesen zwei Rezeptortypen schafft sich das Gehirn eine Art Puffer. Bis zu einem bestimmten Level an Stress aktivieren die Reize den Erinnerungsspeicher, der das nächste Mal die erneute Reaktion erleichtert. Darüber hinaus – bei ständiger starker Anspannung – sind schließlich auch die low-affinity Rezeptoren besetzt und das Gedächtnis weiß mit dieser Reizflut nichts mehr anfangen.

Gekappte Verbindungen

Kurzzeitiger Stress veranlasst neuronale Stammzellen, zusätzliche Neuronen zu liefern, die innerhalb von zwei Wochen einsatzbereit sind – für den Fall, dass die Psycho-Attacke zurückkommt. Chronischer Stress reduziert nicht nur die Bildung von neuen Nervenzellen, sondern unterdrückt auch die Verknüpfung von Nervensträngen und beschneidet den Dendritenbaum von Neuronen.

Bei einer konstant hohen Belastung ist das komplexe Stress-Kontrollsystem gestört. Mit einem schrumpfende Hippocampus und einer immer größer werdenden Amygdala schafft es die Kommandozentrale des Körpers nicht mehr, das Ausmaß der Bedrohung richtig einzuschätzen: Bei Patienten mit einer Phobie wird alles zur Bedrohung, bei Burnout und Depression fällt die Reaktion auf jegliche Gefahr aus.

Methylgruppen steuern Stressantwort

Experten schätzen, dass das Risiko für eine Depression zu 40–60 Prozent erblich bedingt ist. Wie sieht es dann mit der Resilienz aus? Auf alle Fälle scheint es so, dass sich stressige Ereignisse im Leben auf die Expression bestimmter Gene niederschlagen – in Form von unterschiedlicher Methylierung bestimmter DNA-Abschnitte. Bei Mäusen, die von ihren Müttern fürsorglich gepflegt wurden, sind Rezeptoren für die Stressverarbeitung im Hippocampus weit weniger methyliert als bei ihren Artgenossen mit Rabenmüttern. Deren Reaktion auf den Stress ist damit weitaus träger. Diese Bobachtung gilt nicht nur für Vierbeiner. „Die Antwort auf Stress“, so Daniela Kaufer von der University of California in Berkeley, „ist eine der am meisten konservierten Strukturen der Evolution.“ Und ihr Kollege Kieran O’Donell aus Montreal bestätigt: „Wir sehen im Vergleich zu Mäusen die gleichen Veränderungen bei der DNA-Methylierung des Hormon-Rezeptors bei Leuten, die eine schwierige Kindheit hatten.“

Neuere Ergebnisse zeigen, dass entlang der ganzen Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA) Methylierungsvorgänge die Antwort auf Stress und darauf folgende Hormonausschüttungen mitsteuern. Traumata und kontinuierlicher Stress sind aber erstaunlicherweise nicht nur spezifisch für bestimmte Steuerungszentren im Gehirn, sondern lassen sich an den betreffenden Genen auch in der Peripherie an Lymphozyten entdecken. Möglicherweise reicht also in Zukunft ein Bluttest, um psychische Störungen aufzudecken?

Kuscheln gegen kleine Aufreger

Völlige Vermeidung von jeglichem Stress tut der Entwicklung und dem Sozialverhalten nicht gut. Das zeigen wiederum Versuche an Ratten [Paywall], die im einem Sack kurzzeitig immobilisiert wurden. Diese eher unangenehme Erfahrung schweißt das entsprechende Tier eher mit seinen Käfiggenossen zusammen. Sie halfen sich gegenseitig bei der Fellpflege und teilten einen begrenzten Wasservorrat. In ihrem Kreislauf stieg der Oxytocin-Spiegel signifikant an. Das aber änderte sich schlagartig, wenn zu diesem mäßigen Stress noch zusätzliche Belastungen für die Rattenpsyche kamen. Schnupperten die Nager außerdem noch den Geruch eines Fuchses, ihres natürlichen Feinds, übersprang der Stresslevel die kritische Grenze. Sowohl Sozialverhalten als auch Oxytocin-Spiegel deuteten vielmehr auf ein völlig verängstigtes Tier hin. Ähnliches lässt sich gut auch im humanen System nachvollziehen. Prosoziales Verhalten in der Gruppe stärkt die Resilienz gegenüber sporadischem Stress und deren Verarbeitung. Wird es zu viel, kommt es leicht zu einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Ein anderes Experiment bestätigt den Befund: Wer sich als Ratte einem Goliath-Tier gegenüber sieht, das speziell auf Größe und Aggressivität gezüchtet wurde, dem ist nach diesem traumatischen Erlebnis nicht mehr nach Gemeinschaft zumute, selbst wenn es sich dabei um lauter kleinere friedliche Mittiere handelt.

Resilienz-Genmarker?

Was hat das alles mit Resilienz zu tun? Was macht resiliente Menschen aus? Möglicherweise, so glauben viele Stressforscher inzwischen, liegen die Antworten auf diese Fragen in den Genen. Menschen, die sich wie auch Versuchstiere eher an eine sich schnell ändernde Umwelt anpassen können, zeigen wahrscheinlich ein anderes epigenetisches Muster in den Stressverarbeitungszentren ihres Gehirns. Auch bei Nagern im Versuchslabor gibt es immer wieder Tiere, die sich nicht so sehr von aggressiven Mitbewohnern einschüchtern lassen, die den Geruch ihres ärgsten Feindes wegstecken und trotzdem noch für die Gemeinschaft da sind. Neurobiologe Eric Nestler von der Mount Sinai School of Medicine in New York hofft, diese an typischen Methylierungsmustern für Hormonrezeptoren zu erkennen.

Möglicherweise führt die Spur dann auch weiter zu den Faktoren, die zu dieser Konstellation führen. Auf alle Fälle scheint es keine von Haus aus angeborene Eigenschaft zu sein, sondern ein Charaktermerkmal, das ich sich im Laufe des Lebens immer wieder mal verändern kann. Wer zu wenig davon besitzt, dem empfehlen die Leitlinien in Zukunft vielleicht statt des Antidepressivums dann einen Resilienz-Induktor.

87 Wertungen (4.6 ø)
Medizin, Neurologie, Psychiatrie

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12 Kommentare:

Nichtmedizinische Berufe

Auch als Nicht-Ärztin, jedoch im sozialen Bereich erfahren, weiß ich, dass ein “richtiger” Burnout mit der entsprechend langen Dauer und Schwere an Symptomen einer Erschöpfungsdepression gleichzusetzen ist. Es gibt selbstverständlich beginnende Erschöpfungszustände, die, wenn rechtzeitig erkannt, nicht zu einer Depression werden müssen. Aber diese kurzfristigen Erschöpfungszustände kann man nicht als Burnout bezeichnen.

Auch ich plädiere dafür, das Kind beim Namen zu nennen, denn nur so sind die Patienten oft einsichtig, sich mit den Ursachen ihres Zustandes auseinanderzusetzen, die Lebensumstände entsprechend zu ändern und sich entsprechend therapieren zu lassen. Burnout ist ein Lifestyle-Begriff, der verschleiert, dass es sich in Wahrheit um eine Depression handelt.

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Gast
Gast

R-Induktor zeigt natürlich die wow-competence

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Gast
Gast

Warum kann man nicht Widerstandskraft sagen.
Kompetenz geht ja noch, wird aber auch schon missbrauch als FEHLENDE Sachkenntnis.
Noch schlimmer ist “Inklusion”

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Arzt
Arzt

Zu den letzten beiden Kommentaren kann man nur sagen, bitte keine Pauschalurteile und Eigenlob stinkt.

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Gast
Gast

@ Gast #7
Ich schließe mich dem vollkommen an. Auf diese Weise kommt es statt zu einer inhaltlich sinnvollen Diskussion zu einem Schlagtausch mit Rechthaberei-Charakter.
@ Herr Kersting,
Ich spreche ebenfalls lieber von Erschöpfungsdepression als von burn out, keiner meiner Patienten hatte bislang, gründlich aufgeklärt, ein Akzeptanz-Problem mit dem Begriff. Erhöht die Übersichtlichkeit in einem ohnehin weiten Bereich und tut meiner Erfahrung nach der Individualität des Patienten keinen Abbruch, wenn ich diesen mit Interesse und Wertschätzung begegne.

By the way: Was bedeutet denn Erfahrung? Ich bin Ü40, noch nicht approbiert, lebenserfahren vermutlich, berufserfahren noch nicht sehr. Halte mich wissensmäßig frisch und vielfältig und nah am Patienten. Bin ich also erfahren? Die Patienten fühlen sich gut aufgehoben bei mir, was ich so mitkriege ;)

#8 |
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Gast
Gast

Warum nur sind Ärzte häufig so peinlich? 1 Kommentar, den man inhaltlich diskutieren kann, 2 Kommentare, die sich stattdessen gleich auf einen vermeintlichen “Studentenstatus” bzw. Erfahrungsmangel einschießen.

Ingoranz beginnt in unserem Berufsstand in der Regel mit Hierarchiereflexen: “Wenn ich älter bin/erfahrener/den höheren Rang habe, sind widersprechende Ansichten “Rangniedererer” prinzipiell abzulehnen.”

Was ist denn das für eine Diskussionskultur?

#7 |
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Student

Werter Herr Ludwig,
mitnichten kenne ich das Thema nur aus der Theorie. Die Symptome eines reinen BurnOut sind klar definiert – und eben identisch mit denen einer Depression.
Doch wie so oft, die Symptome sind kann, nicht muss. Oder sie sind unterschiedlich, z.B. hat jemand eine Gewichtszunahme, ein anderer eine Gewichtsabnahme.

Was den BurnOut und die Lehre dazu angeht: Es gibt die sogenannten 12 Stufen des BO, die ersten drei erreicht jeder Mensch in seinem Leben einmal.
Um bei Ihrem Beispiel zu bleiben: In den unteren Stufen benötigt ein Patient wirklich kein Antidepressivum, in den hohen Stufen jedoch unabdingbar.

Es ist wie mit leichter, mittelschwerer und schwerer depressiver Episode.
Eine “leichte” Depression braucht auch keine Antidepressiva, sondern ggf. nur eine Änderung seiner Lebensweise.
Eine “schwere” geht ohne diese Medikationen nicht.

Aber BO ist eben gesellschaftlich anerkannt, eine Depression eben immer noch Tabu, womit auch die Akzeptanz sinkt.
Nach Aussen kommuniziert ist ein BO daher immer “schöner” als eine Depression.
Doch mir fällt dazu immer nur ein: Wer sich selbst belügt, belügt auch andere.

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Wolfgang Ludwig
Wolfgang Ludwig

Sehr geehrter Herr Kersting, Sie kennen das Thema offenbar nur in der Theorie. Als Betroffener weiß ich, dass ein Erschöpfungssyndrom, welches gewöhnlich mit Burnout assoziiert wird, gar keine Symptome einer Depression aufweisen muß. Es ist daher sehr wohl sinnvoll, hier zu unterscheiden, auch wegen der unterschiedlichen Behandlungswege. Ein Burnoutpatient benötigt keine Antidepressiva sondern Erholung und ggf. Änderung seiner Lebens- und Arbeitsweise oder des Umfeldes.

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Student

@Frau Kugler
Auch Ihnen sei gesagt, dass ich nicht mehr Student bin. Doccheck hat es trotz Zusendung Approbationsurkunde und Betriebserlaubnis nicht geschafft, mich anders zu führen. So habe ich nun 16,5Berufsjahre auf dem Buckel und bin deutlich im realen Leben angekommen.
Vor dem Verkauf meiner Apotheke habe ich immer gesagt: U40 mit Erfahrung ü50.

Glauben Sie mir, ich weiss sehr wohl, was es bedeutet. Ich kenne mich mit dem Thema aus, bin daher der Meinung, dass es nur mit schonungsloser Offenheit geht – und mit auch schmerzhaften Wahrheiten.
Ich bin daher dafür, statt des BurnOut die alte Deklination “Erschöpfungsdepression” zu nehmen.
Damit trifft man meiner Meinung nach den Nagel auf den Kopf.

Wahrheit tut manchmal eben weh, doch nur wenn man diese kennt, kann man auch gesunden – oder resilient bleiben.

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Jenny Kugler
Jenny Kugler

@Herr Kersting
ich denke Sie werden im weiteren Leben noch lernen (vll. wenn sie kein Student mehr sind, sondern im realen Leben angekommen sind) das es in der Praxis durchaus sinnvoll ist BurnOut und Depression zu trennen. Leider spiegeln die ICD Ziffern, besonders im psychischen Bereich nur unzureichend die Krankheitsbilder wieder. Die Menschen sind nun mal mehr als nur Ziffern ;-) auch wenn immer wieder versucht wird sie darin unterzubringen.

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Student

@Gast
Familie ist immer noch ein Resilienzfaktor – wenn die Familie oder Beziehungen funktionieren.
Andersrum können Beziehungen in Krisen, unglücklich geführte Beziehungen usw. auch krank machen.

@Erich Lederer
BurnOut und Depression immer getrennt aufzuzählen, erscheint für einen Medizinjournalisten leider nicht kompetent.
BurnOut ist laut ICD-10 keine eigenen Krankheit, sondern eine Zusatzdiagnose (Z73), die Symptome entsprechen einer F32.2 oder F33.2 – einer schweren depressiven Epoisode.
BurnOut ist also nur die sozialverträgliche Kaschierung (“er/sie hat gebrannt für Firma/Job”) einer Depression.
Wäre schön, wenn das wenigstens in Fachartikeln korrekt dargstellt wird….

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Gast
Gast

der R-Induktor war früher mal die Familie

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